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Die Insel versank mitsamt den Albae in den Tiefen des Sees. Dadurch entgingen sie dem Stern der Prüfung, dessen Macht nicht bis auf den nassen Grund Weyurns reichte.

Doch Elria erlaubte ihnen nicht zu sterben. Sie sollten für ihre grausamen Taten an den Menschen Weyurns büßen. Sie gewährte den Albae ewiges Leben und Verdammnis auf der Insel.

Gelegentlich, wenn die Sterne günstig stehen, dürfen die Albae mitsamt der Insel auftauchen, um die Nacht zu sehen. Man sagt, dass sie nicht eher sterben, bis sie die Wände aller Grotten und Höhlen mit Zeichnungen versehen haben.

Wer die gewaltige Welle übersteht, die ihr Erscheinen hervorbringt, und so unvorsichtig ist, einen Fuß auf die Insel zu setzen, wird von den hungrigen Albae auf der Stelle verspeist, gehäutet und sein Blut als Farbe für ihre Gemälde hergenommen.«

Ormardin verstummte und schaute mit roten Wangen zu Rodario. »Hat dir die Geschichte gefallen?« Der Mime klatschte begeistert in die Hände. »Junger Freund, ich verbeuge mich tief vor deinem Talent. Wenn deine Eltern nichts anderes mit dir im Sinn haben, wirst du einmal der beste Märchenerzähler Weyurns werden. Darauf verwette ich die Umlaufeinnahmen aus meinem Theater.«

»Du bist Schauspieler?« Der Junge konnte sein Glück kaum fassen.

»O ja. Ich bin der Unglaubliche Rodario, der Kaiser aller Mimen und Schauspieler des Geborgenen Landes«, protzte er in bewährter Manier. »Mir ist es vergönnt, das Curiosum mit der weitbesten Truppe mein Eigen zu nennen. Wäre es in der Nähe, würde ich dich einladen, junger Mann.« Er fuhr ihm durch die kurzen braunen Haare.

Ormardin reckte sich. Ein Lob aus dem Mund eines Meisters zu erhalten, bedeutete ihm sehr viel. Die Tür öffnete sich, im Gegenlicht sah Rodario die schwarzen Umrisse einer langhaarigen Frau, die einen Korb in der Linken hielt. »Wer seid Ihr?«, fragte sie sofort und klang aufgeregt. »Weg von den Kindern!«

Rodario verstand es. »Keine Sorge, gute Frau.«

»Das ist der Unglaubliche Rodario. Er ist ein gestrandeter Schauspieler«, sagte Ormardin sofort, sprang auf und rannte beglückt zu seiner Mutter, um sie in die Arme zu schließen. »Ich habe ihm die Geschichte von der AlbInsel erzählt, und er hat gesagt, dass ich Talent hätte.«

»Hat er dir Flausen in den Kopf gesetzt?« Sie trat ein und schloss die Tür hinter sich.

Er erkannte eine Frau, die etwas älter war als er und sich in einfache Kleidung aus Flachsleinen hüllte. Als Fischer verdiente man anscheinend nicht besonders gut in Weyurn. »Ich grüße Euch«, sagte er und bemerkte erst jetzt wieder, dass er kein Hemd trug. »Verzeiht mein Auftreten, aber ich musste aus den nassen Sachen.« Sie beruhigte sich rasch, nachdem sie verstanden hatte, dass keine Gefahr von ihm ausging - weder für die Kinder noch für sie oder ihr Eigentum. Am beinahe nackten Leib konnte man nichts verbergen, keine Waffen und kein Diebesgut.

»Ich bin Talena.« Sie stellte den Korb auf den Tisch. »Entschuldigt meine unfreundliche Begrüßung.« Er hob den Arm und winkte ab. »Lasst es gut sein. Ich kann Euch verstehen.«

»Er hat mir Geld geschenkt«, sagte Flira und reichte ihrer Mutter den Beutel.

»Das ist für das Brennmaterial«, lächelte Rodario sie an. »Könnt Ihr mir sagen, wie ich von der Insel wieder wegkomme? Ich muss nach Mifurdania.«

»Ihr geht einfach über die Dünen und folgt dahinter dem Weg nach rechts. Er führt Euch nach Stillwasser. Es ist ein Fischerstädtchen, wo sich jemand finden wird, der Euch mitnimmt.« Talena nahm die Kräuter aus dem Korb und wusch sie in einer Schale mit Wasser. »Hat Euch die Geschichte meines Sohnes wirklich so gut gefallen?« »Sehr«, bestätigte Rodario nochmals und zwinkerte Ormardin zu. »Und ich meinte es ernst, als ich von Talent sprach. Wenn er nicht das Handwerk seines Vaters erlernen soll, lasst ihn zum Er Zähler ausbilden. Ich kenne ein paar gute Meister in diesem Fach, die sich über einen derart begabten Schüler freuen würden.«

»Oh, bitte, Mutter. Flira kann ja Fischerin werden«, bettelte der Junge.

»Nein, will ich aber nicht«, kam es auf der Stelle von ihr.

Talena wandte sich um. »Gebt Ruhe. Wartet, was euer Vater dazu sagt.« Sie schaute zu Rodario. »Ich würde an Eurer Stelle gleich aufbrechen. Soweit ich weiß, fährt Mendar mit seiner Schaluppe zur Mittagszeit nach Mifurdania, um Seliti-Austern auf dem Markt zu verkaufen. Sagt Mendar, dass ich Euch schicke, und er wird Euch ohne Entgelt einen Platz überlassen.«

»Danke, Talena.« Er zupfte sein Hemd von der Stange und kleidete sich an. »Vielleicht sehen wir uns wieder«, sagte er zu Ormardin und ging vor ihm in die Hocke. »Hast du was zu schreiben? Dann notiere ich dir ein paar Namen von großen Märchenerzählern.«

Der Junge nickte, eilte davon und kam mit einem Stück Schiefer und Kreide zurück. Rodario hinterließ darauf die Namen zweier bekannter Erzähler und die Königreiche, in denen sie lebten. »Du wirst nach ihnen fragen müssen, weil sie viel umherreisen. Aber es ist leicht, sie zu finden.« Er zauste ihm zum Abschied die Haare. »Palandiell hilft dir dabei, Ormardin.«

Talena gab ihm ein Stück Brot und Trockenfisch mit. »Für unterwegs«, sagte sie und nickte ihm zu. In ihren Augen las er, dass ihr Sohn niemals die Gelegenheit haben würde, von der Insel wegzukommen. Sein Los bestand darin, ein Fischer zu werden wie sein Vater und vermutlich dessen Vater und alle Ahnen vorher. »Elria sei mit Euch.«

Sie geleitete ihn bis zur Tür und zeigte auf den Punkt in den nebelverhangenen Dünen, wo sich der Weg am leichtesten fand. Er hatte sich kaum drei Schritte von der Hütte entfernt, hörte er auch schon, wie die Tür zufiel. Die weißen Schleier, die ihn einschlössen und ihm jede Fernsicht raubten, schmeckten süß, ein wenig nach Tang und Sand. Rodario stapfte die Sandhügel hinauf und fand den von Talena beschriebenen Weg. Unterwegs aß er von dem Brot und dem Fisch, der ein sehr feines Aroma nach Salz, Gewürzen und Rauch hatte. Der Nebel lichtete sich, und Rodario sah eine flache, karge Insel mit wenigen Bäumen, vielen Sträuchern und Wiesen, auf denen Schafe und Ziegen weideten. Die Strahlen der Sommersonne trockneten sogar seine Schuhe und Füße.

Die Sage von der Insel beherrschte seine Gedanken. Sollte es sie wirklich geben, hatte sie dann den Lastkahn zum Kentern gebracht? Oder war er an deren Gestaden aufgelaufen und von ihr gleich darauf mit zerbrochenem Rumpf in die Tiefe gezogen worden?

Wenigsten bot sich dank Ormardin eine Erklärung für das Verschwinden des Kahns, auch wenn er den Gedanken wenig beruhigend fand. Eine letzte Kolonie von Albae, die so gut wie nicht zu verfolgen war. Es könnte die Brutstätte für noch schlimmeres Unheil im Geborgenen Land sein.

Die Stadt fand Rodario mühelos, und sogar den Fischer machte er rasch ausfindig, der ihn mit auf die Überfahrt nahm. Er musste sich auf dem Bug zwischen die Ersatzsegel kauern. Neben ihm hockte ein Matrose, der Löcher im Segeltuch ausbesserte und große Flickstücke aufbrachte.

Das kleine Schiff legte ab, plätschernd durchschnitt es die Oberfläche und eilte dem Hafen entgegen. Rodario döste ein wenig, danach beobachtete er den Matrosen bei der Arbeit. Seine Gedanken schweiften ab, er sah anstelle des Matrosen den Jungen vor sich, in dem er so viel Begabung vermutete. Er fand es traurig, dass Ormardin kein besseres Leben führen würde.

»Was glotzt du mich an?«

Rodario wurde von der unfreundlichen Frage aus seinen traurigen Gedanken gerissen. »Verzeihung. Ich habe nachgedacht.« Er lächelte. Vielleicht wusste der Mann mehr über die geheimnisvolle Insel. »Ich habe mich gefragt, ob du vielleicht den Grund für die Riesenwelle kennst. Mir ist da gestern Nacht...« Der Matrose ließ das Flickzeug sinken und starrte ihn an. »Bist du verrückt geworden?« Er spie über die Bordwand und nannte Elrias Namen dreimal schnell hintereinander. »Du wirst die Alb-Insel und unseren Untergang herbeireden.«