Rodario staunte gehörig, dass ein erwachsener Mann sich vor einem Sagengebilde fürchtete. »Es gibt sie wirklich?«
»So wie die Sonne über unseren Köpfen steht«, gab der Matrose leise zurück und schaute auf den See, der in der Helligkeit wie ein Spiegel funkelte. »Schweig davon, hörst du?« Rodario dachte gar nicht daran, seine Fragerei aufzugeben. Eine Vermutung war ihm in den Sinn gekommen. »Ich muss wissen, ob es Menschen gibt, die sie betreten und es überlebt haben.«
Der Matrose packte ihn beim Kragen und schüttelte den Mimen derb durch. »Wenn du nicht auf der Stelle deine...«
Der See begann unvermittelt um sie herum zu kochen. Blasen stiegen auf, und ein bestialischer Gestank nach faulen Eiern verbreitete sich, der Rodario zum Husten zwang.
An Deck wurde eine helle Glocke geschlagen, die Mannschaft rannte hin und her, um Vollzeug zu setzen. Sie mussten so schnell wie möglich aus der Gefahrenzone gelangen.
»Du verdammter Idiot!«, schrie der Matrose und versetzte Rodario einen harten Schlag auf die Unterlippe. »Du bist schuld!« Er stand auf und zerrte ihn auf die Beine. »Er ist der Schuldige«, schrie er und holte schon wieder aus. »Er hat sie herbeigeredet!«
»Was ist denn los?«, verlangte Rodario zu wissen. Er wich dem nächsten Schlag aus und stolperte über eine Falte im Ersatzsegel; seine Hüfte prallte gegen die Reling, und er verlor das Gleichgewicht. Aber anstatt dass der Matrose ihm half, versetzte er ihm einen Stoß, der ihn rücklings über Bord beförderte. »Nimm ihn, Elria! Nehmt ihn, ihr Albae!«, rief er dem Mimen hinterher. »Verschont uns. Verschont uns!« Rodario tauchte erneut in Weyurns vorherrschendes Element ein. Das Wasser war kalt wie immer; er schluckte von dem Nass, das dieses Mal bitter und ungenießbar nach Schwefel schmeckte. Wabernde Kugeln aus Luft in allen Größen und Verformungen umgaben ihn, einige waren mit gelben, grünen und bläulichen Gasen gefüllt. Das Licht der Sonne, das sich im Wasser spiegelte und brach, verlieh ihnen eine bizarre Schönheit und Leichtigkeit und täuschte über die Gefahr hinweg.
Er wich den Blasen aus und strampelte sich zurück an die Oberfläche. Prustend rang er nach Luft und musste wegen der ätzenden Dämpfe sofort wieder husten. Die platzenden Blasen rings um ihn herum sorgten für den Eindruck, der See würde kochen. Doch zu seinem Glück tat er das nicht.
Das Schiffsheck glitt an ihm vorbei, er erreichte es nicht mehr. »Das könnt ihr nicht machen!«, rief er entsetzt. »Ich bin kein besonders guter Schwimmer! Holt mich auf der Stelle wieder zurück an Bord!« Da durchbrach eine spitze Felsnadel unmittelbar vor der Schaluppe schäumend die Oberfläche und schob sich unaufhörlich nach oben. Dem schmalen Stein folgten weitere, während das Wasser brodelte und wallte. Je weiter die Felsen in die Höhe wuchsen, desto mehr verbreiterten sie sich, bis sich ihre Wurzeln zu einer massiven, schroffen Felskuppel zusammenschlössen, die sich aus dem See emporhob; Wasser schoss in Sturzbächen von ihr herab.
Aus dem Schaukeln der kleinen Wellen erwuchsen größere Wogen, die sich beängstigend hoben und senkten. Die Schaluppe bot ihnen ein willkommenes Opfer. Sie drehte sich um sich selbst, Verstrebungen brachen und fielen polternd an Deck oder ins Wasser. Dann verlor sie ihr Segel, schlingerte und neigte sich gefährlich zur Seite.
Derweil glitt der Berg unaufhörlich weiter aus seiner Versenkung hervor und stieß aus seinen Löchern und Ritzen zischend Luft und Gase aus.
Rodario bekam einen der verlorenen Holzbalken zu fassen und klammerte sich daran fest; sodann widmete er dem Schauspiel seine gesamte Aufmerksamkeit.
Der Bug der Schaluppe kollidierte mit der aufragenden Steilwand. Die nach oben strebenden, scharfkantigen Klippen zersägten und raspelten die Planken und Spanten, spießten das Holz auf. Takelage und Segel verfingen sich an ihnen und wurden mitgehievt. Stück für Stück zerfiel die Schaluppe, die Menschen sprangen oder fielen über Bord.
Noch immer schob sich der Berg aus dem Wasser. Rodario schätzte seinen Gipfel auf gut zweihundert Schritte, und noch war kein Ende abzusehen.
Mit einem letzten Brodeln endete der Vorgang des Auftauchens. Von dem Berg stürzten Kaskaden ins Meer, sie rauschten und plätscherten; die Sonne brach sich in schillerndem Farbenspiel in den Gischtschleiern und bescherte Rodario einen unvergesslichen Anblick.
»Ormardin hat kein Märchen erzählt«, raunte er fassungslos und betrachtete die schwindelhohen Steilwände, die vor ihm aufragten. »Es gibt die Alb-Insel wirklich.« Er schätzte sie im Durchmesser auf gut einhundert Schritte, und die Höhe belief sich auf mindestens vierhundert Schritte. Sie bestand aus dunkelbläulichem, fast schwarzem Gestein, in dem vereinzelt Mineralien glitzerten. Es erschien ihm, als wäre ein Stück Nachthimmel abgebrochen und auf die Erde gestürzt.
Ein flacher Strand, der aus einer erkalteten Lavaplatte bestand, lag auf der ihm zugewandten Seite. Aus den Höhlen dahinter eilten lange, dünne Gestalten hervor, die Boote zu Wasser ließen. Die Albae holten ihre Ernte ein.
Rodario schwamm unter einen Fetzen Segeltuch und achtete darauf, dass man ihn nicht erkannte. Eine ungünstige Strömung trieb ihn näher an den Berg heran, als er wollte. Er hatte nicht beabsichtigt, die Insel zu erkunden, doch Samusin schien der Gedanke zu gefallen, ihn den Albae zum Fraß vorzuwerfen. Unter dem Segel hervor beobachtete er, wie die Boote gemächlich zwischen den Wrackteilen entlangfuhren, die Albae nach Überlebenden suchten und mehrere Leichen zu sich an Bord zogen. Verletzte wollten sie nicht, sie nahmen nur Tote oder Lebendige.
Es erinnerte Rodario an eine Robbenjagd: Sobald einer der Matrosen auftauchte, um Luft zu holen, und sie erkannten, dass er verletzt war, zuckte die Eisenspitze des Speeres nach unten oder ein Pfeil sirrte von der Sehne und brachte den Tod.
Die Albae ließen sich Zeit und gingen sehr umsichtig zu Werke. Auch um Rodarios Versteck fuhren sie herum und durchbohrten es mehrmals, ohne ihn zu erwischen. Man beachtete das treibende Segeltuch nicht weiter, das mit den sich beruhigenden Wellen auf den Strand zu trieb.
Irgendwann ertönte ein Gong, und die Boote kehrten zum flachen Ufer zurück. Die Albae zogen die Boote in die Höhle, fauchend stieß der Berg wieder Gas aus, es stank erneut. Dann senkte sich der Strand, die Insel tauchte ab.
»Ihr Götter, beschützt mich«, richtete Rodario ein Stoßgebet gen Himmel, bevor er sich aus seinem Versteck hervorwühlte und auf den dunklen Eingang zurannte, in dem auch die Albae verschwunden waren.
Das Geborgene Land, Königreich Idoslän einstiges Orkreich Toboribor 6241. Sonnenzyklus, Frühsommer.
Speerjunkerin Hakulana betrachtete die kahle Erhebung inmitten der grünenden Landschaft Idosläns, die einen der vielen Eingänge ins unterirdische Höhlensystem Toboribors markierte. Sie erkannte die Reste der geschliffenen Orkbefestigungen darauf, die alten Grabsteinen gleich schief und krumm in den Himmel ragten. »Es sieht ruhig aus«, sagte sie zu Torant, einem jungen und hoffnungsvollen Dolchjunker, der neben ihr ritt. Sie mochte seine ruhige Natur und die Umsicht, mit der er an seine Aufgaben ging. »Habt ihr Spuren gefunden?« »Nein, Speerjunkerin. Nichts.«
Hakulana schaute zum Himmel, der zu einem Sommergewitter ansetzte. Schwarze und graue Wolken hatten sich vor das Blau geschoben, die Luft wehte stärker und brachte den Wimpel an seiner Lanze zum Flattern. Sie und ihre zwanzig berittenen Späher befanden sich eine halbe Meile von dem Ort entfernt, durch den man in das Reich eines Orkfürsten gelangte, der sich einmal Ushnotz genannt hatte.
Hakulana war zu jung, um sich an das Scheusal erinnern zu können, aber einige ältere Soldaten in Prinz Mallens Heer berichteten von der Kreatur, die unbeugsam und grausam gewesen war. Er hatte versucht, nach der verlorenen Schlacht am Schwarzjoch nach Norden zu ziehen und ein neues Reich zu gründen. Den Zwergen sei Dank, war das schreckliche Vorhaben vereitelt worden.