Die Gestalt legte einen neuen Pfeil auf die Sehne des geschwungenen Bogens und richtete die Spitze auf Hakulana.
Die Frau ließ den Leichnam fallen, hechtete zur Seite und spürte gleich danach ein Brennen in ihrer linken Schulter. Sie war von dem Geschoss getroffen worden.
Fluchend brach sie den gefiederten Schaft ab und ließ die Spitze vorerst im Arm stecken. Immer in Deckung der Ruinen und des Schutts bleibend, rutschte sie zu den fahrigen Pferden und versuchte, auf eines zu steigen. Gerade als sie es geschafft hatte, die Mähne zu packen und sich auf den ungesattelten Rücken zu schwingen, brach es schnaubend zusammen; ein Pfeil ragte aus dem rechten Auge.
Hakulana sprang geistesgegenwärtig auf das nächste Tier, das daraufhin erschrocken lospreschte. Das nächste Geschoss verfehlte sie nur um eine Handbreit, bohrte sich in den oberen Rücken und stachelte das Pferd zu höherer Geschwindigkeit bei der Flucht an.
Die Blitze krachten nieder, so laut hatte die Speerjunkerin niemals zuvor ein Gewitter erlebt. Und trotzdem hörte sie etwas. Rhythmisches Stampfen ließ sie über die Schulter nach hinten blicken.
Das Monstrum verfolgte sie! Mit weit ausholenden Schritten hetzte es in all seiner Furcht einflößenden Hässlichkeit hinter ihr her, den lippenlosen Mund weit geöffnet und laut schnaubend. Die Stiefel hinterließen tiefe Abdrücke in dem weichen Boden, das Wasser spritzte auf. »Schneller, Pferd!«, schrie sie und bohrte den Pfeil tiefer in das Fleisch des Tieres, um es anzutreiben. Das Monstrum holte mit einer seiner Äxte aus und wollte es nach den Flüchtenden schleudern, als Hakulana wahrlich göttlichen Beistand erhielt.
Der nächste Blitz löste sich aus den schwarzen Wolken und fuhr geradewegs in die gereckte Klinge. Sämtliche Runen auf der Rüstung und den Waffen erstrahlten in grellem Grün, auch die Augen, die hinter dem Helm verborgen lagen, warfen einen Schein in die Dunkelheit, der den einer Blendlaterne übertraf. Die Kraft des Strahls war selbst für eine Kreatur Tions zu viel. Sie überschlug sich aus vollem Lauf, verlor ihre Waffen und blieb regungslos liegen; Dampf stieg von ihr auf.
Hakulana beging nicht den Fehler anzuhalten.
Sie ritt weiter und weiter durch das Unwetter, um die nächste Garnison zu erreichen. Wenn sie die schützenden Mauern nicht lebend erreichte, gäbe es niemanden, der das Geborgene Land vor dem Unauslöschlichen warnte, den sie gesehen hatte.
IX
Das Geborgene Land, Königinnenreich Weyurn, 6241. Sonnenzyklus, Frühsommer.
Rodario rannte um sein Leben. Die Höhle war lang und schmal, am hinteren Ende führte ein steiler Pfad nach oben, geradewegs auf ein Tor aus Eisen zu. Das Wasser schwappte ihm bereits um die Füße, daher hetzte er den Weg hinauf auf den Durchgang zu.
Da er ahnte, dass sich dieser für ihn nicht öffnen würde, eilte er daran vorbei und suchte oberhalb des Tores nach einem Durchschlupf, der es ihm erlaubte, unbemerkt ins Innere des Berges zu gelangen.
Mit dem Wasser stieg seine Angst, diese abenteuerliche Episode seines Lebens nicht zu überstehen. Gut zwischen den Felsen versteckt, entdeckte er endlich eine eiserne Klappe, aus der stinkendes Gas entwich. Bevor ihn sein Verstand davor warnen konnte, es zu tun, zwängte er sich in die Öffnung und erklomm den kaminartigen Schacht dahinter.
Es ging unaufhörlich nach oben, gerade so als münde der Kamin in die Spitze des Berges. Der durchdringende Geruch nach faulen Eiern ließ Rodario unentwegt würgen, husten und spucken, dennoch arbeitete er sich beharrlich mit Händen und Füßen aufwärts, bis er durch eine Öffnung rutschte und auf der Empore einer großen Kammer landete.
In einem gewaltigen Becken unter ihm trat sprudelndes Wasser ein und füllte den Hohlraum immer weiter. Wenn die Eisentür, die sich zehn Schritte von ihm entfernt in der Wand befand, verschlossen blieb, wäre es um ihn geschehen.
Rodario eilte zu der Tür und betete, dass auf der anderen Seite keine Wachen standen. Er drückte den Riegel, der sich tatsächlich bewegen ließ, und drehte an dem kleinen Rad darüber, bis es mehrmals laut klickte, dann schob die Tür auf und huschte hinaus.
Niemand erwartete ihn, um ihm einen Speer in den Bauch zu stechen.
Er stand am Ende eines verwinkelten Ganges mit abgerundeten Wänden, die den Eindruck erweckten, als seien sie in langer Arbeit glatt wie Marmor geschliffen worden. An dem Fels glomm Moos und verbreitete ein schwaches braunes Licht.
Vorsichtig ging er vorwärts, lauschte auf verräterische Geräusche, die ihn vor einem ungewollten Zusammentreffen mit einem Alb bewahrten. Dabei erinnerte er sich an die Lautlosigkeit, mit der sich Narmora, die Halbalbin und Gefährtin seines Freundes Furgas, bewegt hatte. Vermutlich würde er einen Alb erst bemerken, wenn dieser ihm die Kehle durchschnitt.
Bald stand er vor einer ähnlichen Tür, die dieses Mal mit mehreren Riegeln und einem Drehrad gesichert war. Rodario öffnete sie einen Spalt weit und verharrte, als er die Hitze spürte, die herausschlug, und den Lärm vernahm: dröhnendes Rumpeln, das sich in regelmäßigen Abständen wiederholte, das Stampfen und Zischen von Maschinen, das helle Klirren von Schmiedehämmern, das laute Rufen der Arbeiter. Die Luft roch nach heißem Metall, nach Schlacke, nach Kohlefeuer und Öl. Wenn er nur auf seine Ohren und seine Nase vertraut hätte, so hätte er geglaubt, sich in der Schmiede im Reich der Fünften zu befinden.
Um nicht gleich entdeckt zu werden, ließ er sich auf alle viere hinab, zog die Tür auf, durch die rotes Licht fiel, und kroch hinein. Unter ihm befand sich eine Eisenplatte, an der sich zu seiner Linken eine Treppe aus Eisensprossen anschloss.
Rodarios Herz drohte stehen zu bleiben. Auf der Treppe standen zwei Albae! Sie trugen schwarze Rüstungen, hielten Speere in den Händen und schauten in die Tiefe.
»Das hat sich wieder gelohnt«, sagte der Blonde der beiden. »Ein fetter Segler mit reichlich Matrosen und Passagieren, die wir für den Meister arbeiten lassen können.«
»Endlich nicht mehr schuften«, lachte sein Freund und kratzte sich am Ohr, plötzlich hielt er die Spitze in der Hand. »Oh, verflucht. Das Harz ist weich geworden. Verdammte Hitze.«
Rodario hatte sich schon zuvor darüber gewundert, weswegen sich die Albae in der Sprache der Menschen unterhielten. Jetzt verstand er: Es waren Schauspieler. Die »Albae« waren verkleidete dünne Männer, und ihre ungewöhnliche Größe verschafften ihnen die Schuhe mit den hohen Sohlen. Auf den ersten Blick konnten sie damit einen einfachen Bauern oder Fischer täuschen, aber nicht ihn. »Schade, dass wir so viele Verletzte erstechen mussten«, sagte der Blonde und half dem anderen dabei, die Spitze wieder anzusetzen.
»Pflege hält nur auf.« Er lachte. »Und die Gefangenen freuen sich dafür über Gulasch.«
Rodario schielte über den Rand der ungesicherten Plattform.
Unter ihm breitete sich eine Werkstatt über zweihundert Schritt auf vielen verschiedenen Stockwerken aus. An manchen Stellen waren natürliche Ausbuchtungen des Berges als Schmiede genutzt worden, dann wieder hatte man Platten wie diese, auf der er lag, zu größeren Flächen zusammengesetzt und sie mit Streben im Gestein verankert, auf denen geschmiedet wurde.
Die Menschen, die angekettet ihre Arbeit verrichteten, schufen unterschiedliche Bleche, Räder, Eisenstangen, seltsam geformte Stücke und vieles mehr. Ein jeder hatte einige wenige, immer wieder gleiche Handgriffe zu erledigen. Die fertigen Teile warfen sie in Gitterboxen, die mit steter Geschwindigkeit an einer Kette befestigt hoch und runter fuhren.
Am Boden der Werkstatt wurden die Teile von Gefangenen ausgeladen und hinausgetragen. Hier befanden sich auch verschiedene, mitunter hausgroße Maschinen, an denen sich Unmengen von Schwungrädern und Zahnkränzen bewegten; Bänder und Ketten, die über die Räder liefen, spannten sich und führten zu weiteren Vorrichtungen, die sie wiederum antrieben. Vereinzelt liefen Ketten durch Mauerdurchbrüche in benachbarte Kammern.