Furgas wurde allmählich lebhafter. »Sind wir schon getaucht?«
»Ja.« Rodario verschlug es den Atem, als er den Geruch einatmete, der von dem Mann ausging. Sechzig Umläufe ohne Bad, schätzte er, war das Minimum, das man benötigte, um dieses Odeur zu verbreiten. »Dann gibt es keinen Ausweg.«
»Furgas! Reiß dich zusammen!« Eindringlich schaute der Mime seinem Freund in die Augen. »Wenn ich es geschafft habe, diese verdammte Insel zu betreten, wird es uns beiden auch gelingen, sie wieder zu verlassen.« »Aber sie haben überall Wachen...«
»Nöd'onn hatte überall Orks, die Avatare überall Soldaten«, spielte er die Gefahren herunter. »Wir haben sie auch gemeistert. Es ist unsere Pflicht, zu Tungdil und den anderen zurückzukehren und ihnen von diesen Dritten zu berichten. Komm endlich!«
Jetzt schaute ihm Furgas in die Augen. »Rodario«, lächelte er. »Der Unglaubliche Rodario. Du hast deinem Namen wieder einmal alle Ehre gemacht.« Er deutete nach links. »Und du hast Recht. Es gibt einen Schacht, durch den sie das Schwebgas abblasen. Dadurch könnten wir entkommen und zur Oberfläche tauchen. Falls wir es überleben.«
»Bist du dir sicher?«
Furgas grinste ihn mit korngelben Zähnen an, die seit langer, langer Zeit keine Behandlung mehr mit einer reinigenden Wurzel erfahren hatten. »Ich habe die Insel erbaut, da werde ich doch ihre Schwächen kennen.« Die Tür zu ihrer Rechten flog auf, und fünf Albae kamen auf sie zugestürmt; zwei davon trugen Bögen mit sich. Bandilor drängte sich nach vorn, er hielt eine Zweihänderaxt schlagbereit.
»Da ist er, der Komödiant, ja?«, grollte er.
»Bedroh mich«, raunte Furgas seinem Freund zu und stellte sich vor ihn. »Ich bin zu wertvoll für sie. Sie können es nicht wagen, mich zu verletzen.«
Rodario fiel keine bessere Lösung ein, daher brach er den Speer an der Wand in der Mitte durch und setzte die Klinge an den Hals des Freundes. »Zurück, ihr Ausgeburten eines schlechten Bühnenleiters«, rief er höhnend. »Wenn ihr uns verfolgt, steche ich ihn nieder, und es wird niemanden mehr geben, der eure verfluchte Insel bedienen kann.«
Bandilor blieb tatsächlich stehen. »Haltet ein«, befahl er den Wärtern. »Lasst sie gehen. Wir schnappen sie später, ja?«
»Lass die Insel auftauchen«, verlangte Rodario.
Aber der Dritte schüttelte den Kopf. »Das geht nicht. Wir müssen dazu erst wieder Schwebgas sammeln. Die Ballastkammern sind voll.« Er grinste böse. »Gib auf, ja?«
»Wir machen es so, wie ich gesagt habe«, raunte Furgas und lief rückwärts. »Durch das Schott, dann verriegeln wir es und verschwinden.«
Es kam Rodario vor, als zöge sich der Weg bis zu dem Durchlass eine Meile und mehr. Endlich traten sie in den nächsten Gang, schlössen die schwere Eisentür und verkeilten das Rad mit dem Öffnungsmechanismus. Furgas übernahm die Führung, steuerte zielsicher durch die engen Röhren, erklomm natürliche und künstliche Leitern, bis er sich durch eine Luke zwängte. Dort verharrte er und reichte Rodario die Hand. »Danke, dass du mich niemals aufgegeben hast« sagte er bewegt. »Erst du hast mir den Mut zur Flucht gegeben. Ich hatte ihn schon lange verloren.« »Wozu hat man denn sonst Freunde?«, strahlte Rodario. »Und unter uns: Es gibt keinen besseren Magister technicus als dich. Das Curiosum braucht dich dringend.« Er stieg ebenfalls in den Schacht. »Du zuerst.« Furgas machte ihm Platz. »Nein, du zuerst. Ich habe vergessen, die Sicherung der Flutklappe zu lösen.« Er kroch hinaus, während Rodario mit dem Aufstieg begann. Es dauerte eine ganze Weile, bis Furgas ihm folgte - allerdings mit viel weniger Mühe. Entsetzt sah er, dass das Wasser rasend schnell die Röhre hinaufstieg und sich Furgas wie ein Korken nach oben treiben ließ.
»Komm, so geht es einfacher«, rief er prustend.
Rodario ließ los. »Willst du uns ertränken?«
»Nein.« Er deutete nach oben. »Ich kann die Klappe erst öffnen, wenn der Gang geflutet ist. Sonst würden uns die eindringenden Wassermassen nach unten schleudern.« Furgas grinste den Mimen an. »Von Technik verstehst du noch immer nicht viel.«
»Dazu hatte ich immer dich«, lachte der Mime und verspürte ein Hochgefühl sondergleichen. Er stand kurz davor, das Unmögliche zu vollenden: Er hatte seinen Freund gefunden und würde ihn retten. »Was machen die Dritten hier?«
»Sie bauen Maschinen. Mordmaschinen.« Furgas' Gesicht verdüsterte sich. »Später, Rodario. Wir müssen unseren Atem sparen.«
Die geschlossene Luke kam näher, und sobald der letzte Rest mit Wasser gefüllt war, öffnete Furgas den Deckel und stellte die Verbindung zwischen dem See und dem Schacht her.
Weit über ihnen glitzerte das Sonnenlicht verheißend. Sie strampelten und näherten sich mit kräftigen Zügen der Oberfläche, die quälend langsam heran rückte.
Rodario ging die Luft aus, er musste gegen seinen Willen atmen und schluckte Wasser; gleich darauf tauchte er aus den Fluten, paddelte und hustete sich die Lungen frei. Auch Furgas würgte das Wasser aus sich heraus. Als sie zu Atem gekommen waren, schauten sie sich um.
Sie trieben mitten auf dem See in Weyurn, und weit und breit war kein Land in Sicht.
»Das ist doch mal eine schöne Flucht«, meine Rodario und blinzelte in die Sonne. Er rechnete damit, dass die Insel jeden Moment neben ihnen emporschoss. Beruhigenderweise fiel ihm ein, was Bandilor gesagt hatte: Selbst wenn sie wollten, konnten sie nicht auftauchen. Vorerst. »Wenigstens werden wir nicht verdursten. Zu trinken haben wir genug.«
»Die Götter sind mit uns.« Furgas deutete an den Horizont. »Da ist ein Boot!« Er hob die Arme und winkte, rief und brüllte, um auf sich aufmerksam zu machen. Rodario unterstützte ihn nach Leibeskräften, und bald darauf hielt der Kahn auf sie zu.
Nacheinander wurden sie an Bord gehievt. Rodario gab den Seeleuten die Geschichte von der Albinsel zum Besten und berichtete vom Untergang der Schaluppe. Das hatte zur Folge, dass das Fischerboot von seinem verängstigten Kapitän schnellstmöglich und mit vollständig gesetzten Segeln nach Mifurdania gesteuert wurde. Erschöpft saßen die beiden Freunde an Deck und hüllten sich in die Decken, die die Matrosen ihnen gebracht hatten.
»Es gibt viel zu erzählen«, sagte Furgas mit ernstem Gesicht. »Ich bete zu Vraccas, dass mir die Zwergenstämme verzeihen können, was ich ihnen angetan habe.«
»Du? Was hast du denn...«
Er senkte den Kopf. »Bandilor zwang mich dazu, Gefährte zu bauen. Gefährte, die er auf die Schienen der Tunnel setzen kann und mit denen er Tod und Verderben in die Zwergenreiche bringt.« Er wischte sich das Wasser vom Gesicht, wobei sich Rodario nicht sicher war, ob sich darin nicht Tränen verbargen. »Er plant noch Schlimmeres. Der Apparat dazu ist fertig«, sagte er leise. »Er wird Hunderten Zwergen das Leben kosten.« Rodario schlug ihm auf die Schulter. »Wenn wir es nicht verhindern können, mein Freund. Und wir werden es verhindern.« Er lächelte. »Unsere Taucherei hat übrigens - abgesehen von unserer unschätzbaren Freiheit - einen großen Vorteil, weißt du das?« Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen. »Du stinkst nicht mehr.«
Das Geborgene Land, Königreich Idoslän einstiges Orkreich Toboribor 6241. Sonnenzyklus, Frühsommer.
»Weißt du, wie unerträglich es ist, ohne deine Stimme leben zu müssen?« Der leise Satz, in tiefster Trauer und Verzweiflung gesprochen, schwebte hinauf bis zur Höhlendecke, zerbrach daran und rieselte als leiser Hall auf den Sintoit zurück. Er trug eng anliegende Kleidung aus schwarzer Seide mit dunkelgrauen Stickereien darauf und kniete vor einem einfachen Lager, auf dem eine schlafende Sintoi ruhte. Um seine Schultern lag ein nachtfarbener Mantel, der ihn schützend umhüllte; die Hände, die ihre blasse Linke hielten, steckten in schwarzen Samthandschuhen. Die Sintoi trug die gleichen Gewänder wie er.