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Tungdil stieß die Luft aus. »Die Maschinen der Dritten?«

»Nein. Es war ein Anschlag auf die Stadt.« Bramdal sah ihn ernst an. »Jemand hatte die Stauwehre vollständig geöffnet und ein Drittel von Goldhort unter Wasser gesetzt. Glücklicherweise gelang es den Einwohnern, die zerstörten Hebevorrichtungen der Wehre zu ersetzen, sonst hätten noch mehr Freie ihr Leben verloren.« »Wie viele kamen um?«, wollte Ingrimmsch wissen.

»Zweihundertelf. Etwas mehr als dreißig Häuser müssen neu errichtet werden.« Betrübt senkte er den Blick. »Nein, die Maschinen der Zwergenhasser verschonen uns, weil sie uns nicht durch die Höhlen erreichen können. Aber sie trachten uns auf andere Weise nach dem Leben.« Er goss sich von dem Tee nach. »Das Schlimme ist, dass es keinen Schuldigen gab. Die Wärter an den Wehren sind getötet worden. Niemand hat den Mörder und Attentäter beobachtet.«

»Furchtbar«, sagte Tungdil betroffen.

»Die Flut hatte noch andere Auswirkungen. Sie spülte das Misstrauen in Goldhort hinein. Seither werden Stimmen laut, welche die Stämme und nicht die Dritten der Tat bezichtigen. Der Reichtum, sagen sie, schüre den Neid der Stämme auf so viel Vraccasium und Gold, wie es bei uns zu finden ist. Ein Stammeszwerg muss in der Clanversammlung der Vierten gesagt haben, dass wir versuchten, uns mit den reichhaltigen Opfergaben unrechtmäßig die Gunst von Vraccas zu erschleichen, und dass man das verhindern müsse. Andere meinen, dass die Stammeskönige die Zwerge zurück in die Zwergenreiche zwingen möchten.« Bramdal schwieg und wartete auf eine Antwort.

»Blödsinn«, polterte Ingrimmsch. »Die Gebirge haben mehr Gold, als in die Höhle passt, in der die Stadt liegt. Wieso sollten die Zweiten oder sonst jemand nach dem Geld der Ausgestoßenen trachten?« Tungdil lehnte sich gegen einen Baum, schloss die Augen. »Bald kann niemand mehr etwas sagen oder nichts mehr geschehen, ohne dass es heißt, dass die Dritten ihre Hand im Spiel hätten, und Misstrauen aus jeder Tat und aus jedem Ereignis erwächst. Leider ist es genau das, was die Zwergenhasser erreichen wollen.« Er hob die Lider. »Bramdal, wo auch immer du solche Reden vernimmst, verkünde, dass man darauf nicht hören soll. Je mehr Zwist herrscht, desto schneller gelangen die Zwergenhasser an ihr Ziel.«

Der Henker nickte. »Das sagte auch Gordislan Hammerfaust. Ich nehme an, du weißt, wie schwer es ist, gegen die Gerüchte anzukämpfen.« Er stellte den Becher ins Gras. »Ich reite weiter. Vielleicht sehen wir uns wieder. Und denk dann nicht wieder gleich, auch ich gehörte zu den Bösen«, sagte er zu Ingrimmsch, stand auf und erklomm sein Pferd. Mit dem Stiefel angelte er die Strickleiter herbei und zog sie zu sich hinauf. »Vraccas segne euch.« Er hob die Hand und ritt davon.

Tungdil und Boindil sahen ihm nach. »Weißt du, was mich verwundert?«, fragte Tungdil seinen Freund. »Er hat nicht gefragt, was wir in den Wagen transportieren.« »Ich bleibe dabei.« Boindil stemmte die Hände in die Hüften. »Er ist ein Spion.«

Tungdil zwinkerte. »Weil er Goda schöne Augen machen würde?«

»Nein«, versetzte der Zwilling. »Doch, auch«, seufzte er dann.

»Meister! Tungdil!«, rief Goda. »Kommt her! Ich habe etwas gefunden!«

»Vielleicht dein Herz?«, neckte Tungdil Ingrimmsch, der ihn daraufhin in die Seite rempelte. »Kein Wort mehr über diese Gefühlsduselei«, grummelte er, stand auf und lief los; Tungdil folgte ihm. Es war ungewohnt, ihn ohne seinen langen schwarzen Zopf zu sehen, wie er einmal mehr feststellte. Goda kniete neben einem Busch und drückte die Äste auseinander, als die beiden näher kamen. »Seht!« Zwischen dem Grün und dem herrlichen Violett der Blüten wurden die Züge eines Elben sichtbar, der wie tot mit dem Rücken auf der Erde lag, die Augen geschlossen und einzelne verwelkte Blätter auf dem Antlitz. Aus seiner rechten Brust ragten drei Pfeilspitzen, die seine Lederrüstung und die erdfarbene Kleidung darunter durchschlagen hatten. Den prunkvollen, bestickten Gewändern nach handelte es sich um einen Elben von nicht eben geringem Stand; seine spärliche Ausrüstung sprach dafür, dass er sich auf der Jagd befunden hatte. Sein Lager konnte nicht weit entfernt sein.

»Er atmet!«, staunte Ingrimmsch, als er das schwache Heben und Senken des Brustkorbs bemerkte. »Ho, die Spitz... Elben sind doch härter im Nehmen, als ich dachte.«

»Helft mir.« Tungdil richtete den Verletzten vorsichtig auf, um nach den Pfeilschäften zu sehen. Zwei waren abgebrochen, der dritte steckte abgeknickt in ihm. »Bei Vraccas! Das sind Elbenpfeile!«

»Bei einem Pfeil hätte ich gesagt, es war ein Unfall«, gab Ingrimmsch seine Einschätzung ab und schaute auf den vom Blut gefärbten Rücken. »Aber bei dreien halte ich das für ausgeschlossen. Es sei denn, sie veranstalten Jagden auf das eigene Volk.«

»Weswegen bringen sich die Elben gegenseitig um?« Tungdil betrachtete das Gesicht. »Oder sollten wir uns fragen, warum sie ihn umbringen wollten?«

»Die Pfeile könnten doch Fälschungen sein«, meinte Goda. »Vielleicht die Dritten?«

»Nein. Sie hätten Armbrüste genommen, um den Verdacht auf uns zu lenken, und den Leichnam an einem Ort abgelegt, an dem er bald gefunden worden wäre. Und den armen Kerl nicht am Leben gelassen«, erwiderte Tungdil. »Nein, der Elb ist von seinesgleichen mit Pfeilen beschossen worden. Entweder man hat ihn für tot gehalten und liegen gelassen, oder er ist geflüchtet, und sie haben seine Spur verloren.«

Boindil betrachtete ihren ungewöhnlichen Fund. »Was machen wir mit ihm? Die Wunden sehen schlimm aus. Lange wird er nicht mehr durchhalten.«

Tungdil warf einen Blick zu ihren Wagen. »Wir nehmen ihn mit. Wenn die Elben ihn töten wollten, möchte ich den Grund erfahren.« Er erinnerte sich nicht, jemals von einem Krieg im Innern Älandurs gelesen zu haben. Die merkwürdigen Verhaltensweisen der Gesandten, die geheime Botschaft in ihrem Begleitschreiben, der Stein, die bislang verborgen gebliebenen Bauten der Elben, das konnte womöglich alles mit diesem Verletzten zusammenhängen.

Konnte.

Vielleicht handelte es sich um eine persönliche Fehde oder einen hochrangigen Verbrecher, den man gestellt und auf der Flucht erschossen hatte. Niemand wusste, wie das Volk der Wälder und Haine seine inneren Streitigkeiten regelte. Möglich war vieles.

»Sorgen wir dafür, dass er am Leben bleibt und bald die Augen öffnet.« Tungdil rief weitere Krieger zu sich, damit sie beim Tragen halfen. Sie packten ihn in einen der Wagen und betteten ihn weich auf mehreren Lagen Fellen. Einer ihrer Heiler kümmerte sich um ihn.

Tungdil befahl den Aufbruch. Er wollte den Rest des Sonnenumlaufs nutzen, um sich so weit wie möglich von den Grenzen Älandurs zu entfernen. Es war nicht verboten, verletzte Elben in Wagen zu transportieren, aber es war auch nicht üblich, dass sich Zwerge um Elben kümmerten. Im schlimmsten Fall konnte man ihnen eine Entführung unterstellen.

So rollte der Tross mit nun doppelt brisanter Fracht nach Süden.

Ingrimmsch musste wohl oder übel zurück in den Sattel, um die Gruppe nicht zu verlangsamen. Da sich Goda nicht über das Geschaukel beschwerte, verstummte er. Es machte keinen guten Eindruck, wenn der Meister lauter jammerte als die Schülerin.

»Wer war der Zwerg, der vorhin bei euch saß?«, erkundigte sie sich.

»Niemand, der dich interessieren sollte«, gab Ingrimmsch ruppig zurück.

Goda hob die Augenbrauen. »Ein Kind des Schmieds, das auf einem Pferd reitet, ist schon außergewöhnlich.« »Er ist nicht außergewöhnlich. Er ist ein Henker.« Boindil gefiel es nicht, dass ihre Neugier sich nicht legte. »Er tötet die Verbrecher der Langen. Gegen Geld.«

»Ist sein Name Bramdal Meisterklinge?«, fragte sie aufgeregt.

Ingrimmsch knurrte. »Ja. Weswegen?«

»Ich habe schon viel von ihm gehört. Er kämpfte am Schwarzjoch und in Porista, erzählt man sich. Er hat allein neunzig Orks getötet und einhundert Krieger der Avatare«, schwärmte sie. »Ich würde ihn gern kennen lernen.« »Pah, das ist nichts gegen das, was Tungdil und ich erlebt haben. Und gegen die Anzahl der Schweineschnauzen, die wir gespaltet haben.« Er wandte sich auf dem Sattel zu ihr um. »Vergiss Bramdal. Er mag eine Legende sein, aber ich halte nichts von ihm. Traue ihm nicht. Und nun kein Wort mehr über ihn.«