Sie sah ihn erstaunt an. »Ja, Meister.« Ihr ratloser Blick wanderte zu Tungdil, der mit den Achseln zuckte und zu verstehen gab, dass es ihn nichts anging.
Als die Sonne sich vor der Nacht beugte, lotste Tungdil den Tross an das Ufer eines kleinen, reißenden Flüsschens, um sich gegen Angriffe von mehreren Seiten zu sichern. Angesichts des Gewässers fühlte er sich nicht sonderlich wohl, weil es zu viele Erinnerungen weckte. Dennoch blieb er bei seiner Entscheidung. Sicherheit ging über eigene Belange.
Die Mannschaft lud den Elben aus und begann eben mit dem Ausspannen der Ponys, da geschah es. Die Pferdchen wieherten unvermittelt auf, eines nach dem anderen stieg, schlug mit den Hufen aus und zerrte an den Zügeln.
Nichts hielt sie mehr zurück, sie preschten los, immer am Ufer des Flusses entlang und wie von unsichtbaren Geistern gehetzt.
Tungdil erkannte den Grund für die ansatzlose Flucht. Aus den Flanken und Hinterteilen der Pferde ragten winzige Federbüschel, die zu Blasrohrpfeilen gehörten. Und Pfeile entstanden nicht einfach so. Feinde hatten sich unbemerkt an ihre Fersen geheftet und gelauert, wann sich eine günstige Gelegenheit für einen Überfall bot. »Zu den Waffen!«, rief er. »Die Untergründigen sind in der Nähe.«
Ingrimmsch und Goda eilten zu ihm, während zwanzig der Zwerge die Verfolgung der Wagen aufgenommen hatten. »Wieso die Untergründigen?«, fragte ihn sein Freund und spähte umher, ohne etwas zu erkennen. Dreißig Zwerge stellten sich an ihre Seite, die Äxte und Schilde erhoben. Noch gab es nichts und niemanden zu bekämpfen. »Es könnte ebenso gut Bramdal sein.«
»Nein. Die Ponys wurden mit Blasrohren beschossen, um sie zum Durchgehen zu bringen«, sagte er. »Wir haben die Angreifer nicht bemerkt. Das bedeutet, sie hätten uns ebenso leicht umbringen können. Haben es aber nicht getan.«
Laute Schreie und lautes Wiehern machte sie aufmerksam. Die berittene Abteilung lag auf der Erde, die Ponys rollten durch Staub und Gras. Ein gespanntes Seil in Kniehöhe quer über den Weg hatte die Verfolger abrupt aufgehalten. Einige Zwerge und Tiere blieben benommen oder verletzt liegen, der tapfere Rest schwang sich in den Sattel und nahm die Verfolgung trotz der Blessuren auf.
»Wir sind in eine Falle gegangen«, grollte Ingrimmsch und senkte den Kopf. »Kommt raus, ihr bartlosen Feiglinge!«, schrie er und machte einen Schritt nach vorn. »So kämpfen keine Zwerge! Wenn ihr Anstand habt, zeigt euch, anstatt wie hinterfotzige Gnome durch das Gebüsch zu krauchen!«
Es knackte und knisterte, die dicken Halme des Schilfs, das zwanzig Schritt von ihnen entfernt wuchs, zitterten verräterisch.
Ingrimmschs Augen leuchteten auf. »Jetzt gehen wir mähen, Goda!« Er stürmte los, und die Zwergin folgte ihm unerschrocken.
In Tungdils Vorstellungskraft sah er dessen toten Bruder Boendal neben seinem Freund herlaufen und nicht die Dritte. Wenn Goda auf dem Höhepunkt ihrer Kunst angelangt war, würden die beiden eine ebenso unschlagbare Kampfeinheit bilden wie einst die Zwillinge. »Ihnen nach!«, befahl er den restlichen Zwergen. »Versucht, die Untergründigen nicht zu töten. Sie haben uns bislang geschont.«
In einer breiten Linie stürmten sie in den Wald aus hohem dünnem Gras und bahnten sich einen Weg durch die Halme, die sie um mehr als das Vierfache überragten.
Tungdil hoffte, dass sie einen der fremden Zwerge fingen. Nur so konnten sie zu den Diamanten gelangen, welche sie bereits an die Untergründigen verloren hatten, und auch an die Lösung des Rätsels um die Diebstähle. Je weiter sie vordrangen, desto weniger erfüllte sich seine Hoffnung. Sie erreichten die gegenüberliegende Seite des wogenden Schilfs, ohne auf jemanden gestoßen zu sein.
»Da drüben!«, rief Goda und zeigte auf eine Gestalt, die seitlich der Halme auf einen Hügel zuhielt. Sie war etwas größer als ein Zwerg, aber zu klein für einen Menschen.
Tungdil schwenkte herum und hetzte dem Untergründigen hinterher, an seiner Seite waren Goda und Ingrimmsch. Die übrigen Zwerge befanden sich zu weit von der Stelle entfernt, um den Flüchtenden einzuholen. Der Untergründige verschwand über die Kuppe, bald darauf folgten ihm die drei Zwerge. Der Abstand zwischen ihnen verringerte sich nicht.
»So wird das nichts«, brummte Boindil, hob den Krähenschnabel und schleuderte ihn aus dem Laufen heraus. »Flieg und halte ihn auf«, rief er ihm hinterher.
Um die eigene Achse wirbelnd, überbrückte die schwere Waffe die Distanz zu dem Untergründigen, das stumpfe Ende traf ihn am Oberschenkel und riss ihn von den Beinen. Er fiel zu Boden und rutschte durch das nasse Gras bis zum Fuß der Erhebung; stöhnend blieb er liegen.
»Ein meisterlicher Wurf«, lobte ihn Tungdil, der gefürchtet hatte, dass sich der unterarmlange Sporn in seinen Rücken bohren und ihn töten würde. Seit der Rückkehr des Kampffiebers traute er Ingrimmsch in einem Gefecht alles zu.
»Wirf niemals deine Waffe, wenn du keine zweite dabei hast«, feixte Goda augenblicklich. »Meister, du...« »Ho, nur nicht so schnell.« Boindil hob grinsend die breite Faust.
»Ich habe diese zwei Waffen, Schülerin. Die reichen für einen solchen Gegner aus. Gegen die Schweinchen hätte ich mir was einfallen lassen.«
»Du redest dich heraus«, beschwerte sie sich. »Wenn ich es getan hätte, müsste ich Balken schleppen oder andere unnütze Dinge tun.«
»Ja«, gestand er lachend. »Deswegen bin ich ja der Meister.«
Sie erreichten den Untergründigen, der stöhnend versuchte, sich aufzurichten. Tungdil kniete sich neben ihn und drehte ihn auf den Rücken. »Ganz ruhig«, sagte er beschwichtigend. »Wir möchten dir nichts tun.« Es handelte sich um einen Zwerg, daran bestand kaum ein Zweifel, auch wenn sein Bart fehlte, sich die Züge wesentlich härter präsentierten, der Körper etwas größer und kräftiger und die Haut dunkler war. Die Haare hatte er sich zu Zöpfen geflochten, dunkelblau, dunkelgrün und schwarz gefärbt. Der Ansatz begann erst ab der Mitte des Schädels, der vordere nackte Teil des Kopfes war mit Zeichen bemalt.
Eine Rüstung trug er nicht. Er schützte sich mit dicker Lederkleidung vor Wetter und Waffen, die Füße steckten in Stiefeln mit dünnen Ledersohlen. Und genau eine solche Sohle traf Tungdil unters Kinn und sandte ihn rücklings ins Gras.
Noch während er fiel, hörte er Ingrimmsch überrascht aufschreien, dann landete sein Freund mit blutender Nase auf ihm.
»Er hat mich getreten!«, sagte Ingrimmsch fassungslos und wischte sich Blut weg. »Der Bursche hat mich getreten wie einen Hund!« Wütend sprang er auf. »Ich reiße ihn auseinander, diese kleine Halbglatze!« Tungdil erhob sich und sah, dass der Untergründige Godas Angriff mit zwei schnellen Körperdrehungen, wie er sie von Ringern kannte, ins Leere laufen ließ. Er packte sie im Gegenzug am Unterarm und der Schulter und hebelte sie mit einer schwungvollen Bewegung aus. Sie hob vom Boden ab und prallte mit dem Rücken zuerst auf die Erde. »Lass ihn am Leben, Boindil!«, rief er und stand auf.
Ingrimmschs ungestüme Attacke führte zu keinem erfreulichen Ergebnis, zumindest nicht für den Zwilling. Es war in der Tat so, dass sich der Untergründige schnell und elegant bewegte, als tanze er mit seinen Gegnern. Kaum bot sich ihm die Gelegenheit, etwas zu fassen zu bekommen, wie den Gürtel oder eine Lederschlaufe am Kettenhemd, nutzte er es als Hebel. In diesem Fall war es das Wehrgehänge. Und so hob Ingrimmsch wieder ab, krachte auf die Brust und fluchte so arg, dass die untergehende Sonne sich Wolken suchte, um sich dahinter zu verstecken.
»Er hat mir die Knochen verbogen«, schrie er und schlug mit der Faust ins Gras. »Bei Vraccas, was für ein Saukerl! Das ist doch kein Kampf, dass ist Koboldkram!«