Der Untergründige rannte humpelnd davon.
Tungdil verfolgte ihn und freute sich darüber, dass er sein Durchhaltevermögen zurückerlangt hatte. Vor vierzig Umläufen oder mehr wäre er schon lange keuchend und mit Seitenstechen zusammengesunken. »Bleib stehen! Wir müssen über die Diamanten sprechen!«, rief er. »Sie sind wichtig für uns!«
Zwar hörte der Untergründige nicht auf ihn, aber der Treffer durch Boindils Krähenschnabel forderte auch bei ihm seinen Tribut.
Nach zweihundert Schritt über die weite, offene Ebene kam Tungdil so nahe an ihn heran, dass er einen Sprung wagte. Er warf sich gegen die Körpermitte seines Gegners und brachte ihn zu Fall. Noch in der Abwärtsbewegung wand sich der Untergründige wie ein Aal und wäre ihm beinahe entschlüpft, wenn nicht plötzlich Goda erschienen wäre und ihm einen Hieb mit dem Griffende des Nachtsterns versetzt hätte. Ohnmächtig sackte er zusammen.
»Danke, Goda«, schnaufte Tungdil vor Anstrengung und setzte sich auf den Gefangenen, verschnürte ihm mit seinem und Godas Gürteln Hände und Beine. Jetzt gab es kein Entkommen mehr.
Als er die Taschen des Untergründigen durchsuchte, fand er viele der rotgefiederten Blasrohrpfeile, außerdem ein kleines Fläschchen mit einer übel riechenden Flüssigkeit. Er schätzte, dass es sich um ein Gift handelte, um die Spitzen damit zu tränken.
Ingrimmsch tauchte auf. »Das nächste Mal soll er gefälligst eine Waffe hernehmen, wie es sich für einen anständigen Zwerg gehört«, sagte er gereizt und hielt sich mit der Linken die Brust. Seine Augen glitten suchend an dem Gefangenen herab. »Was denn? Nur ein Dolch?«
Der Untergründige hob die Lider und wehrte sich nicht weiter. Ihm war bewusst, dass die Flucht ein Ende hatte. Er musterte die Gesichter derer, die ihn gefangen nahmen. »Lasst mich gehen«, sagte er mit dunkler, tönender Stimme und einem harten Akzent. Es klang sehr adlig, gerade wie es Rodario manchmal tat, um Leute auf die Schippe zu nehmen. »Ich habe euch nichts getan.«
»Nichts getan?« Ingrimmsch deutete auf seine rechte Schulter. »Du hast sie mir mit deiner Werferei ausgekugelt!«
»Du hast versucht, mich zu töten. Hätte ich dich töten wollen, wäre es mir gelungen«, gab der Untergründige zurück. »Beschwere dich also nicht.«
Ingrimmsch lachte ungläubig auf. »Das höre sich einer an! Bei Vraccas, hast du Hulto-Kraut gekaut, oder was ist dir zu Kopf gestiegen?«
Tungdil bedeutete ihm mit einer Handbewegung, etwas gemäßigter zu sein. Goda stellte sich an die Seite ihres Meisters und bekam einen lobenden Blick von ihm, weil es ihr zu verdanken war, dass sie überhaupt einen Gefangenen gemacht hatten. Ihr stolzes Lächeln beruhigte ihn auf der Stelle.
»Ich bin Tungdil Goldhand, das sind Boindil Zweiklinge und Goda Feuermut«, stellte er vor. »Viele von uns haben Freunde und Verwandte verloren, um den Diamanten zu beschützen, den ihr uns stehlen wollt. Weswegen?«
Inzwischen gesellten sich weitere Zwerge zu ihnen. Man raunte Tungdil zu, dass die Kutschen gefunden worden waren. Die Truhen mit den Diamanten waren allesamt geöffnet worden und die Steine gestohlen. »Wir stehlen nicht. Wir nehmen uns unser Eigentum«, sagte der Untergründige. »Eine Broka hat ihn uns geraubt und verschleppt. Wir suchten ihn viele Sternenzüge lang, bis uns die Ubariu den entscheidenden Hinweis auf den Verbleib gaben.«
»Was sind Broka?«
Er überlegte. »Ihr würdet sie Elbin nennen.«
Tungdil nickte Ingrimmsch zu. »Das dachte ich mir. Wir nannten sie Eoil, und sie hat Schreckliches über das Geborgene Land gebracht. Aber sie veränderte den Stein. Er ist zu einem mächtigen Artefakt geworden.« »Das war er auch schon vorher«, gab der Untergründige zurück. »Es ändert nichts daran, dass der Diamant unser Eigentum ist.«
»Kannst du uns zu deinem Anführer bringen?« Tungdil öffnete zuerst den Gürtel um die Hände, danach den um die Beine und erhob sich von dem Gefangenen. »Eure Überfälle müssen ein Ende haben. Wir alle brauchen eine Lösung.« Er hielt ihm die ausgestreckte Hand hin.
»Gelehrter, sie stecken mit den Schweinchen unter einer Decke«, warnte ihn Ingrimmsch. »Ich denke nicht, dass wir ihnen trauen sollten.«
Der Untergründige tat so, als habe er den Einwurf nicht gehört, sondern stand aus eigenen Kräften auf, ohne die Hilfe Tungdils in Anspruch zu nehmen. »Ich bringe euch zu dem Ort, wo ihr auf Sündalon warten könnt. Mehr nicht.« Er klopfte das Gras von seiner Hose.
»Wir drei kommen mit«, sagte er. »Geh du voran.« Tungdil wies die anderen Zwerge an, im Lager auf ihn zu warten. »Hast du einen Namen?«
»Ja. Den habe ich.« Er nickte und humpelte los, was Boindil mit einem zufriedenen Grinsen wahrnahm. Es war der Ausgleich für die Schmerzen, die er fühlte.
Plötzlich spürte er Godas Hand auf seiner rechten Schulter, die zweite packte seinen Arm und drückte ihn kraftvoll nach hinten. Er knirschte mit den Zähnen, als die Knochen wieder an die Stelle rückten, wo sie hingehörten. Für die Dauer einiger Lidschläge waren sich ihre Gesichter ganz nahe, er spürte ihren Atem. »Verzeih mir, Meister«, sagte sie entschuldigend. »Je unvermuteter ein Gelenk eingekugelt wird, umso besser springt es an seinen Platz.«
»Schon gut«, sagte er und lächelte sie an. Nicht wie ihr Meister, sondern wie ein Zwerg. Ein verliebter Zwerg. Dann räusperte er sich, machte schnell einen Schritt zur Seite und ging an ihr vorbei. »Komm. Wir wollen den Gelehrten nicht allein lassen.«
Goda bemerkte den Unterschied im Lächeln. Das erklärte ihr seine heftige Reaktion, als sie von Bramdal erzählt hatte. »Oh, Vraccas.« Sie seufzte schwer und folgte ihm.
Das Geborgene Land, Königreich Gauragar 38 Meilen westlich von Porista 6241. Sonnenzyklus, Sommer.
Die Wagen der Schauspieltruppe rasten übers Land. Selten hatte es das Curiosum derart eilig gehabt, an einen neuen Ort zu gelangen.
Der Grund lag auf der Hand. Furgas musste seine Erlebnisse auf der Insel der Dritten unbedingt den Königinnen und Königen schildern. Allerdings gab es hierbei ein entscheidendes Hindernis.
»Und er hat noch immer nicht gesprochen?«, vergewisserte sich Tassia, die neben ihrem Geliebten auf dem Kutschbock saß und ebenso durchgeschüttelt wurde wie der Wagen selbst. »Er sitzt nur herum und wartet die Dinge, die er einst für dein Curiosum erfunden hat?«
»So ist es. Sein Verstand ist vollauf damit beschäftigt, das abzuwerfen, was er in den letzten fünf Zyklen durchleiden musste.« Rodario verlangsamte die Geschwindigkeit, als er einen Platz für die Nacht abseits des Weges fand. Kurz vor dem Ziel sollte keines der Vehikel einen Achsenbruch erleiden.
Die Wagen bildeten einen Kreis. Rodario half Tassia herab und schielte dabei auf die spärlich bedeckte Oberweite, die aus dem Kleid zu fallen drohte. »Oh, jetzt weiß ich wieder, was ich vermisst habe«, grinste er und küsste sie.
Sie lachte und schlug mit einem Stapel loser Blätter nach ihm, auf dem sie gesessen hatte. »Und wie viele Frauen hast du in Mifurdania glücklich gemacht, während ich und meine Truppe nach Norden gezogen sind?«, flachste sie.
»Deine Truppe?!«, sagte er betont und kreuzte die Arme vor der Brust. »Ich bin zurückgekehrt, teuerste Tassia, und damit wieder Herr über das Curiosum. Oder hast du mit deinen hübschen Augen und deinem zarten Mund eine Revolution angezettelt?«
Sie legte den Zeigefinger unter sein Kinn. »So ist es, mein Lieber. Ich habe mit allen Männern des Theaters geschlafen und sie mir hörig gemacht. Die Frauen sind ohnehin nicht gut auf dich zu sprechen. Du magst zwar der Kaiser der Mimen sein, aber dieses Reich hat eine neue Königin.« Tassia sagte das nur halb im Spaß. Rodario hatte durchaus bemerkt, dass seine Anweisungen erst ausgeführt wurden, wenn Tassia genickt oder zugestimmt hatte. Er hielt es zunächst für einen Scherz. »Nein, das meinst du nicht ehrlich«, lachte er unsicher. »Lies dir dein Stück nochmals durch. Ich habe es ein wenig umgeschrieben. Es ist jetzt besser geworden«, entgegnete sie selbstbewusst und drückte ihm die Blätter in die Hand. Sie grinste ihn an, dann gab sie ihm einen leidenschaftlichen Kuss und eilte davon, um Gesa beim Kochen zu helfen.