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»... und nicht für ihre Kinder«, vollendete Tassia betrübt. »Wie schrecklich. Der arme Furgas.« »Nach der Schlacht gab er den Zwergen und den Menschen die Schuld an den Toten. Hätte man die Avatare ihre Arbeit tun lassen, sagte er damals im Wahn seines Seelenschmerzes, wäre die Zahl der Opfer im Geborgenen Land viel geringer gewesen. Sie hätten das Böse in der Gestalt der Albae vernichtet und wären wieder abgezogen. Ohne den Stern der Prüfung aufgehen zu lassen. Und er selbst wäre ein glücklicher Familienvater geworden.« Er schaute an ihr vorbei in die rote Sonne. »Manches Mal habe ich mich gefragt, ob er nicht Recht hatte.« Sie schwieg, trank und gab ihm die Flasche zurück.

Rodario seufzte. »Damals wäre es gelogen gewesen zu sagen, ich verstünde ihn. Ich trauerte um Namora als eine Freundin. Heute kann ich mir vorstellen, wie es in ihm ausgesehen haben muss.« Er streckte die Hand aus und berührte Tassias blondes Haar. »Ich bete zu den Göttern, dass ich niemals Gleiches erfahren muss. Wer immer die Schuld daran trüge, ich würde ihn bis ans Ende meines Lebens hassen und verfolgen.«

Sie nahm seine Hand und legte sie auf ihre Wange.

So verharrten sie, bis die Dunkelheit hereingebrochen war. Rodario schaute leise nach Furgas, der schlafend im Bett lag, dann setzten sie sich ans Feuer zur Truppe und lauschten eng umschlungen dem Lied, das Gesa anstimmte.

Das Geborgene Land Königreich Gauragar, Festung Kuhburg 6241. Sonnenzyklus, Sommer.

Balba Metzhammer aus dem Clan der Steinschmeichler vom Stamm der Zweiten kam sich inmitten der Vielzahl von Menschen ein wenig unwohl vor.

Die Auflage von Königin Isika, keinen Zwerg in den Mauern der Festung zu lassen, fand sie lächerlich. Sie hatte kein Verständnis für die Ängste der Herrscherin. Ohne die Schlagkraft der Kinder des Schmieds wären die Menschen verloren, das stand für sie fest.

Trotz des Grolls, den sie hegte, kam sie ihrer Aufgabe gewissenhaft nach und überprüfte zum Abschluss der Arbeiten zusammen mit dem Vorarbeiter jeden einzelnen Stein in Paland.

»Ist die Festung nicht wunderbar?«, freute sich der Mann über den Anblick.

»Nein, sie ist es nicht«, zerstörte Balba sein Glücksgefühl. »Für mich ist das Bauwerk hässlich, ohne Anmut und lieblos ins Land geworfen worden. Die Baumeister von damals haben alles gut durchdacht, aber den Anblick dabei vollkommen vernachlässigt.«

Die deutlichen Worte wischten dem Vorarbeiter die gute Laune aus dem Gesicht. Er fühlte sich als Nachfahre derer angegriffen, die Paland errichtet hatten. »Ihr Zwerge denkt, dass ihr alles besser könnt?« »Ich habe nicht gesagt, dass wir es besser gemacht hätten.« Balba wusste, dass es ihr Volk sehr wohl besser gemacht hätte, verzichtete aber darauf, es ihm unter die Nase zu reiben. »Ich vermisse die Seele, die jedem Zwergenbau innewohnt. Die Menschen, die Paland errichteten, schlugen Stein in Form, achteten nicht auf die Maserungen und Strukturen. Sie haben ihn vergewaltigt, anstatt auf das Material zu hören und es so zusammenzufügen, dass es länger hält und zu einem künstlichen Berg verwächst. Das ist der Grund, weshalb unsere Bauten länger als eure halten.« Balba und die zwergischen Steinmetzen kannten die Eigenheiten eines jeden Gesteins, vom Granit bis zum Schiefer, vom Basalt bis zum Marmor oder Sandstein. Prompt entdeckte sie unterwegs im Licht der untergehenden Sonne eine schadhafte Stelle. »He, du da«, rief sie einen der Arbeiter, die ihr der König allesamt unterstellt hatte. Ihr Zeigefinger richtete sich auf den Schlussstein im Durchgang zum Hauptgebäude. »Ich hatte doch angeordnet, ihn austauschen zu lassen.« »Es war keine Zeit, Balba. Wir mussten noch...«

»Ich werde es König Bruron sagen, wenn der Torbogen beim ersten lauten Fanfarensignal erbebt und über ihm zusammenbricht.« Sie stemmte die kräftigen Arme in die Seiten. Es war eine unnachgiebige Geste. Der Vorarbeiter sprang seinem Untergebenen bei. »Ich suche mir sogleich ein paar Leute und mache mich an die Arbeit, Balba«, sagte er und senkte die Augen, damit sie seine stumme Verwünschung darin nicht sehen sollte. Er eilte davon und war froh, sich die Reden der Zwergin nicht länger anhören zu müssen.

Balba schüttelte den braunen Schopf und rückte die Lederschürze zurecht. »Menschen«, murmelte sie leise und ging des Weges.

Bedachte man die Anzahl von Zyklen, welche die Festung erlebt hatte, sowie die immense Verwahrlosung, die sie und die Steinmetzen von König Bruron vorgefunden hatten, konnte sich das Ergebnis ihrer Arbeit durchaus sehen lassen. Die zwanzig Schritt hohen Außenmauern der sternförmig angelegten Festung waren ausgebessert und mit neuen, stabilen Zinnen versehen worden. Es war eine Meisterleistung gewesen, brüchige Steine in der Wand auszutauschen, ohne sie einstürzen zu lassen. Die Menschen hatten zunächst nicht glauben wollen, dass dieses Kunststück zu vollbringen sei. Die Zwergin aber hatte sie eines Besseren belehrt.

Die maroden Türme hatte Balba kurzerhand abtragen und die verwitterten Steine zu Wurfgeschossen umfunktionieren lassen, die nun auf den Wehrgängen oder neben den Katapulten im Hof gestapelt lagen. Die Mauern waren hoch genug, um auf Türme zu verzichten. An deren Stelle hatte sie Rampen für die Speerschleudern errichtet.

Sie wunderte sich, wie einfach es war, es den Menschen Recht zu machen. Durch die kritischen Augen einer Zwergin betrachtet, wuchsen die Maßstäbe. Sie wollte Paland so zurücklassen, dass selbst die Elben nicht anders konnten, als den raschen Erfolg zu loben. Nicht die Schönheit, sondern nur den raschen Erfolg. Seither war ein einziger der verbliebenen Diamanten in der Festung angelangt, Königin Wey und ihre Soldaten hielten sich bereits hier auf. Die Boten, die von den übrigen Trossen ausgesandt wurden, berichteten dem Kommandanten unentwegt von dem Vorankommen und den Entfernungen.

Allem Anschein nach sollte der Stein aus Sangrein der nächste sein, der in dem Saal aus mehreren Schritt dicken Mauern verschwand. Balba hatte die Decke nachträglich aufstocken und mit Stützsäulen versehen lassen. Selbst der Komet, der einmal im Jenseitigen Land niedergegangen war, hätte diesen Panzer aus Granit nicht zerstört. Die Zwergin lenkte ihre Schritte hinauf zu dem Wehrgang, der nach Süden zeigte. Sie wollte sehen, wie groß der Tross aus dem heißen Wüstenland war, mit dem Königin Umilante den Diamanten sichern ließ. Als sie auf den Zinnen stand und einen Schluck aus ihrer Wasserflasche nahm, tauchte ein gerüsteter Elb neben ihr auf. »Ich grüße dich«, sagte er.

»Auch ich grüße dich.« Sie wusste, dass er dem zweihundert Mann starken Kontingent angehörte, das Älandur als Vorauskommando entsandt hatte; weitere Krieger sollten folgen.

Außer ihnen befanden sich eintausend Soldaten aus Weyurn in der Festung. Der Rest, nochmals fünfzehntausend Fußsoldaten und zweitausend Berittene, eilte unter der Führung von Prinz Mallen nach Idoslän, um die Höhlen von Toboribor zu stürmen und die Unauslöschlichen samt den Ungeheuern darin zu vernichten. Jetzt, nachdem sie sich gezeigt hatten, gab es endlich etwas, das man angreifen konnte.

»Ein schöner Tag, den Sitalia uns geschenkt hat«, sprach der Elb nach vorne, zur Mauer hinab. »Die Göttin meint es gut mit ihren Geschöpfen.« Er zog seinen Helm ab, unter dem hellblondes Haar zum Vorschein kam, das offen auf die Schultern fiel.

Balba nahm einen weiteren Schluck und setzte die Flasche ab. »Sitalia kümmert sich um die Elben, also wird sie höchstens euch einen schönen Tag gewähren. Die Menschen danken Palandiell und wir Vraccas. Dabei soll es bleiben«, sagte sie freundlich. Sie zeigte nach rechts, wo die Sonne versank. »Noch ist der Tag nicht zu Ende.« Sie betrachtete die Rüstung aus weißem Metall, die sie heute zum ersten Mal sah. Überhaupt erschienen die zweihundert Elben mit neuen Gewändern, die allesamt hell und weiß gehalten waren, sodass sie im vollen Sonnenlicht beinahe wie Spiegel blendeten. Das veränderte Auftreten erinnerte sie an etwas, ohne dass sie sich genau entsinnen konnte, woran.