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Balba schüttelte die lähmende Furcht ab. »Euer Kommandant hatte Recht: Die Räder sind seine Schwachstelle«, rief sie und eilte die Treppen hinab. »Hört ihr nicht? Schiebt Eisenstangen dazwischen, damit es anhalten muss. Holt Ketten! Damit werfen wir es um.«

In all dem Geschrei und dem Lärm hörten nur wenige Verteidiger ihre Anweisungen, aber sie gaben sich Mühe, der beherzten Zwergin und ihren Ratschlägen zu folgen.

Kurz vor dem ersten Eingang zur Diamantenkammer holten sie das Vehikel ein, von dem seltsame Geräusche ausgingen. Es klickte und tickte, zischte und fauchte unter den Tioniumplatten.

»Her mit den Ketten!«, rief Balba den Männern zu. Die Soldaten zauderten nicht, den Befehlen der Zwergin zu gehorchen. Sie hatten die Absicht verstanden. Balba packte mit an, schleppte einen Haken und bereitete sich darauf vor, ihn zu schleudern. »Hakt sie in den...«

Lautes Gerumpel brachte sie dazu, den Kopf zu drehen und zum gesprengten Tor zu blicken. Eben schob sich das zweite Monstrum hindurch, das von seinem Erschaffer in die riesige Rüstung eingeschlossen worden war. Die Fäuste aus Tionium rissen Brocken aus den Seitenwänden und schleuderten sie gegen die heranstürmenden Verteidiger. Die tapferen Soldaten aus Weyurn verloren ihre Leben dutzendweise gegen den überlegenen Widersacher, der nach ihnen wie nach Ungeziefer trat. Eine Gitterkugel walzte durch die auseinander klaffenden Reihen, um dem Monstrum am Eingang beizustehen.

Balba blieb stehen. Ihr Herz wankte, der Mut schmolz wie Blei im Feuer. Ein drittes von Tions Geschöpfen mit Unterarmen aus Metall und Glas erklomm eben den Südwehrgang. Es schwenkte die Hände und sandte aus ihnen grüne Blitze in die Masse der Soldaten. Das Eisen an ihren Leibern glühte, sie verdampften in den Strahlen zu nichts; auch der Kommandant fiel. Der Rest der Verteidiger gab auf und suchte schreiend das Weite. Von den eintausend Männern waren nur mehr vierhundert geblieben.

Balba begriff, dass sie ohne einen Magus gegen diese Wesen nichts ausrichten konnten. Die Verschmelzung von überlegenen Maschinen, der unbändigen Kraft der Ungeheuer und Magie war übermächtig. Sie ließ den Haken fallen und rannte im Gegensatz zu den Menschen durch die Pforte zum Nordtor hinaus. Später sollte sie erfahren, dass alle Soldaten Weyurns restlos ausgelöscht wurden.

X

Das Geborgene Land, im Norden des Königreichs Gauragar 6241. Sonnenzyklus, Sommer.

Boindil stapfte hinter dem Untergründigen her und machte aus seinem Missfallen keinen Hehl. »Wir begeben uns freiwillig in die Hände derer, die unsere Stämme überfallen haben. Das ist nicht gut.«

»Sie werden uns anhören. Und es ist besser, wir erzielen eine Einigung mit ihnen, als dass diese Überfälle andauern«, meinte Tungdil.

»Und er hat immer noch nicht gesagt, wie er heißt«, suchte sich Boindil einen weiteren Grund, schlechte Laune zu haben. »Ach ja, und sie haben Schweinchen als Freunde.«

»Warte es einfach ab«, empfahl Tungdil, dem das ständige Nörgeln allmählich zu viel wurde. Goda ging neben ihrem Meister her und mischte sich nicht ein, aber an ihrem Gesicht glaubte er zu erkennen, dass auch sie es lieber gehabt hätte, wenn Boindil weniger mürrisch gewesen wäre.

Alle drei waren angespannt, während sie dem fremden Zwerg folgten. Keiner wusste, wie die Zusammenkunft mit den entfernten Verwandten aus dem Jenseitigen Land enden mochte.

Tungdil beobachtete den Untergründigen beim Laufen. Er bewegte sich geschmeidiger als ein Zwerg aus dem Geborgenen Land, setzte die Stiefel in gerader Linie hintereinander und nicht nebeneinander auf; dabei hielt er den Oberkörper völlig ruhig und verursachte kaum ein Trittgeräusch. Im Gegensatz zu Ingrimmsch. Der Untergründige beherrschte das Schleichen so gut, als sei er bei einem Alb in die Lehre gegangen. Ihr Marsch dauerte bis zum Sonnenuntergang, dann befanden sie sich zwischen drei Hügeln in einem sanften, bewaldeten Tal, in dessen Mitte eine Quelle sprudelte.

Der Untergründige führte sie schnurstracks zu dem Wasser, rief unverständliche Worte und setzte sich an den Rand der Quelle. Er schöpfte eine Hand voll Wasser und trank davon. »Sündalon wird gleich hier sein«, sagte er. Ingrimmsch rammte den Kopf des Krähenschnabels in den moosbewachsenen, weichen Boden, lauschte zwischen die Stämme. »Wie friedlich es ist. Das hier könnte ebenso gut ein Heiligtum der Elben sein«, murmelte er. »Fehlt nur noch einer von diesen weißen Steinen.«

Der Untergründige schaute zu ihm. »Ein weißer Stein? Bei den Broka?«

Tungdil erinnerte sich, dass der Fremde damit die Elben meinte. Wie es schien, hatten er und sein Volk bereits Erfahrung mit ihnen gemacht. »Ja.« Er beschrieb den Stein, seine Beschaffenheit und die Geheimnistuerei, die um ihn betrieben worden war. »Sagt dir das etwas?«

»Ja«, nickte der Untergründige und sah ihn mitleidig an. »Wir hatten ebenfalls Broka und ihre Steine in unserem Land.« Er trank wieder von dem Wasser und wusch sich das Gesicht, ohne dabei die Zeichen auf seinem Kopf zu verwischen.

»Und was bedeutet das?«, brummte Boindil ungeduldig.

»Was glaubst du denn?« Der Untergründige wirkte irritiert. »Dass wir sie vernichten mussten, bevor sie uns vernichteten.«

Ingrimmsch schaute zu Tungdil und schluckte. »Hast du gehört, Gelehrter?«

»Laut und deutlich.« Tungdil setzte sich ins Moos und lehnte sich an einen Stamm. Es wurde dringend notwendig, dass sie sich mit den Obersten der Untergründigen trafen. Sein Freund und Goda hockten sich neben ihn.

»Was denkt ihr? Ob sie Witze mögen?« Ingrimmsch betrachtete den Untergründigen. »Damit lockern wir das Zusammentreffen vielleicht ein bisschen auf.«

Goda rollte mit den Augen. »Aber nicht den Weg-Witz, Meister. Wenn, dann versuch es mit dem, wo der Elb den Zwerg nach dem Wald fragt.«

»Ja, du hast Recht. Den mit dem Weg würden sie vermutlich nicht lustig finden.« Er legte die Finger um den Waffengriff. »Man hat nur Schwierigkeiten mit ihnen.«

»Weil sie deine Witze nicht mögen? Na, das ist doch mal ein Grund, einem Volk zu misstrauen«, flachste Tungdil. »Das wird dein neuer Leitspruch: Wer nicht lacht, wird platt gemacht. Du solltest ihn dir auf die stumpfe Seite des Krähenschnabels gravieren.«

Goda lachte laut auf.

»Vierzig Liegestützen, Schülerin«, brummte Boindil beleidigt.

»Hast du keinen Sinn für Humor, Meister?«

Er gab sich verschnupft. »Nicht, wenn er gegen mich gerichtet ist.« Sein Finger wies auf den Boden. »Vierzig, bitte sehr. Und ganz runter. Ich will Moos auf deiner Nase sehen.«

Fluchend stand Goda auf und kam der Aufforderung nach.

Tungdil schüttelte vorwurfsvoll den Kopf, aber Ingrimmsch bleckte die Zähne.

»Bis ins Moos«, erinnerte er sie nach dreißig Liegestützen und freute sich über das ordentliche Muskelspiel an ihren Armen. Es hatte plötzlich mehr Reiz für ihn als vorher.

Der Untergründige entfachte ein Feuer und kümmerte sich nicht um die drei Zwerge. Die Flammen schössen menschengroß in die Nacht und sandten ein deutliches Signal in die Finsternis.

Wie aus dem Nichts standen sie lautlos zwischen den Stämmen: etwa zwei Dutzend Gestalten, gekleidet in dünne braune und schwarze Lederrüstungen, Lederhosen und Stiefel. Die Köpfe wurden von Helmen geschützt, die sich in kleinen Einzelheiten unterschieden. Keiner sah aus wie der andere, und niemand offenbarte sein Gesicht. Die geschlossenen Visiere, die in der Art von Dämonenfratzen geformt waren, verliehen ihnen etwas Düsteres. Der Anblick war unheimlich.

In ihren Händen oder an den Gürteln erkannte Tungdil geschwärzte Eisenspieße von einem Schritt Länge, an deren Enden sich eine schlanke Klinge und darunter ein separater Fanghaken befanden. Offenbar teilten die Untergründigen die Vorliebe für schwere Zwergenwaffen nicht.