»Zeigt euch«, sagte der Zwerg, der sie in das Tal geführt hatte, und auf die Losung hin öffneten sie die Visiere. Tungdil blickte prüfend in die ernsten, bartlosen Gesichter und entdeckte einige Frauen, die sofort seine Neugier weckten. Sie ließen die Rundlichkeit der ihm bekannten Zwerginnen vermissen; ihre ganze Gestalt war schlanker und denen der Menschenfrauen ähnlich.
Einer der Untergründigen, der sich auf den ersten Blick durch nichts von den übrigen unterschied, trat nach vorne. »Ich bin Sündalon. Ihr wolltet etwas von mir.« Er rammte den Stab in den Waldboden, zog den Helm von den kurzen, hellblonden Haaren und wartete.
Tungdil und seine Begleiter standen auf, er stellte sie der Reihe nach vor. »Wir müssen miteinander reden, um eine Einigung über den Diamanten zu erzielen«, sprach er ganz offen. »Wir wissen inzwischen, dass er euch gehört, aber er ist durch den Zauber einer Broka zu etwas Mächtigerem geworden. Wir können ihn nicht einfach aus der Hand geben.«
Sündalon langte an seinen Gürtel, nahm einen Beutel hervor, öffnete ihn und streute den Inhalt ins Moos. Es regnete glitzernde Stückchen und funkelnden Staub. »Das ist das, was von den Steinen übrig blieb, die wir und die Ubariu erbeutet haben. Es waren Fälschungen.«
Das machte es für Tungdil nicht besser. Denn nun standen die Aussichten gut, dass der echte Diamant in die Hände der Unauslöschlichen geriet. Was sie mit der magischen Kraft anzurichten vermochten, konnte er sich nicht einmal ausmalen.
»Wir verlangen unser Eigentum wieder«, sagte Sündalon. »Es wurde uns von einer Broka geraubt. Fünf Sternzüge hat es gedauert, bis wir unsere Vorbereitungen abgeschlossen hatten und die Gelegenheit bekamen, ihn wieder an uns zu bringen.«
»Wieso schleift ihr euch nicht einfach einen neuen und lasst uns in Ruhe?«, schlug Ingrimmsch vor und hielt den Krähenschnabel locker, doch jederzeit kampfbereit in den Händen; Goda tat es mit dem Nachtstern ebenso. »Weil nur er die Besonderheit in sich trägt, die wir benötigen«, erwiderte Sündalon scharf. »Es wäre, als habe man einen Schlüssel für ein Schloss, der hineinpasst und sich nicht drehen lässt.« Er blickte zu Tungdil. »Wenn die Nachrichten wahr sind, die wir gesammelt haben, sind noch drei in den Händen eurer Völker, und einer ist verschwunden, richtig? Überlasst die drei uns, und wir schwören, dass wir sie mit uns nehmen und gegen alles verteidigen.«
»Ihr habt es schon einmal nicht geschafft«, rieb ihm Boindil unter die Nase.
»Und ihr schafft es andauernd nicht«, gab Sündalon zurück. »Weder gegen uns noch gegen die Ubariu, noch gegen diese Monstren.«
»Wenn du uns erklären kannst, weswegen er so wichtig ist, vielleicht ließen wir uns dann überzeugen, ihn euch zu überlassen«, lockte Tungdil.
Zu seiner Enttäuschung schüttelte der Untergründige den Kopf. »Könnten wir es frei erklären, hätten wir uns nicht im Verborgenen so lange in eurer Heimat herumgetrieben. Unser Land, unsere Stadt sind auf ihn angewiesen. Unsere Feinde sind mächtig und würden sofort angreifen, wenn sie von unserer Schwäche wüssten.«
Tungdil machte einen vorsichtigen Schritt auf ihn zu. »Wir sind Zwerge wie ihr. Wir würden euch niemals an eure Feinde verraten.« Er wusste, dass seine Aussage eine Spur Unwahrheit enthielt. Einigen Dritten traute er durchaus Heimtücke zu, aber das musste Sündalon nicht wissen. »Außerdem hat es sich inzwischen bei den Herrscherinnen und Herrschern herumgesprochen, dass es Untergründige sind, die zusammen mit Orks nach dem Diamanten trachten. Du kannst es gern weitererzählen. Euer Raubzug ist kein Geheimnis mehr, Sündalon.« »Er hat Recht«, meinte der Untergründige, der sie in das Tal geführt hatte. »Erzähle ihm von unserer Not, und danach offenbaren wir uns ihren Königen und Königinnen.«
»Nein«, sagte Sündalon harsch. »Es geht uns nichts an, was in diesem Land geschieht.«
»Aber sie ahnen nichts von der Gefahr, in der sie schweben. Die Broka haben weiße Steine errichtet«, fügte der Untergründige hinzu. »Es beginnt wie damals bei uns, Sündalon. Wir können das Schlimmste verhindern, indem wir die Menschen und die Zwerge warnen.«
Sündalon schwieg und dachte nach.
»Ich weiß nicht, wie es euch ergeht, aber der halbe Glatzkopf hat es geschafft, dass ich mir ziemliche Sorgen mache«, flüsterte Boindil. »Was war das mit den weißen Steinen? Meint er die Dinger, wie wir sie bei den Spitzohren gesehen haben?«
»Gesehen? Du hast einen berührt«, gab Tungdil leise zurück. »Wer weiß, was er mit dir gemacht hat.« Ingrimmsch erbleichte.
Der namenlose Untergründige wandte sich ihnen zu. »Traut den Broka nicht mehr, weder ihren Worten noch ihren Taten, noch ihrem Lächeln. Sie haben zu lange in die Sonne geschaut und möchten sein wie sie. Sie sind blind für alles andere geworden.« Er sprach sehr eindringlich. »Es wird mit Toten beginnen, von denen keiner weiß, wer die Schuld an ihrem Ende hat. Danach werden Städte und Dörfer brennen, ohne dass es Überlebende geben wird. Euer Volk wird Verluste erleiden und tot in den Stollen liegen, weil das Wasser vergiftet...« »Bei Vraccas!«, rief Ingrimmsch entsetzt. »Hört ihr das? Sie beschreiben, was im Geborgenen Land geschieht...« Er hielt inne und hob den Krähenschnabel. »Seid ihr das gewesen und wollt nun Zwietracht unter den Völker säen, damit ihr leichter an die Diamanten gelangt?«, grollte er und senkte angriffslustig den Kopf. »Ich schwöre bei den Toten meines Volkes, dass ich Rache an euch nehme, wenn ihr es gewesen seid!«
»Nein, wir waren es nicht«, sagte Sündalon. »Also gut. Ihr werdet die Geschichte des Diamanten erfahren. Vielleicht glaubt ihr uns dann.« Er setzte sich und hob an zu erzählen...
»Der Stein stammt ans der tiefsten Mine von Drestadon. Der Finder bezahlte mit seinem Augenlicht, so strahlend schön war er, und man konnte den Diamanten nur durch ein dicht gewobenes, schwarzes Tuch hindurch betrachten und schleifen.
Sieben Sternenzüge benötigte der Schleifer, um dem Diamanten seine Form zu geben. Dabei scheuerte er sich das Fleisch von den Fingerkuppen, sein Rücken verkrümmte, und sein Augenlicht wurde so schwach wie das eines Greises. Am Ende hatte er es vollbracht.
Wir brachten ihn zum Runenmeister der Ubariu, und er erkannte, weswegen uns der Gott Ubar den Diamanten sandte.
Der Runenmeister gürtete sich und rief zum Krieg. Er sammelte ein Heer und marschierte damit in die Schwarze Schlucht, aus deren Spalten und Abgründen das Böse emporstieg und uns ohne Unterlass heimsuchte. So lange es die Sternenzüge gab, so lange quollen die Ausgeburten der Bosheit aus ihr hervor, um uns zu überfallen.
Aber dort stand auch ein uraltes Artefakt aus Eisen, das scheinbar keinen Zweck erfüllte und seine Macht schon lange verloren hatte.
Die Runen darauf versprachen, die Schwarze Schlucht für immer zu schließen - wenn der Stern der Berge zu ihm zurückkehrte.
Der Runenmeister führte uns und die Ubariu mitten in die Menge der Feinde. Es war eine grausame, mühevolle Schlacht gegen Geschöpfe, die bestialischer sind als alles, was ihr im Geborgenen Land kennt, und dennoch mit äußerer Schönheit gesegnet wurden. Einige davon fanden schon den Weg hierher. Wesen, die ihr Albae nennt und wir als Sintoitar kennen, krochen aus dem Schwarzen Tal über die Berge bis hierher.
Wir und die Ubariu fochten unermüdlich und bahnten dem Runenmeister einen Weg durch das schwarze Heer bis zum Artefakt. An diesem Tag verloren viele Freunde und Verwandte ihr Leben, ganze Generationen wurden ausgelöscht.
Auch die Bestien spürten, dass ihnen Gefahr drohte wie niemals zuvor. Wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, konnte sich das unbarmherzige Morden und Schlachten nicht vorstellen.
Der Runenmeister schwebte zum Artefakt empor. Er setzte den Stein in die Fassung. Und er passte Mit gleißender Schönheit erwachte er. Ein Strahlen und Leuchten durchzuckte die alte Maschine und erweckte sie zum Leben.