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»Das werden wir sehen. Mein Krähenschnabel findet immer eine Lücke, in die er trifft.« Ingrimmsch war beleidigt. »Komm, Goda. Wir gehen in den Hof und üben dort.« Sie verdrehte die Augen und folgte ihm hinaus. Doch sobald die beiden die Unterkunft verlassen hatten, fand Tungdil nicht mehr in seine Überlegungen zurück, sondern sann über die Worte Boindils nach.

Sie trugen Wahrheit in sich. Er fand die Untergründigen faszinierend, von denen er außer ihrem unterschiedlichen Äußeren und einigen wenigen Einzelheiten nichts wusste. Weder über ihre Gemeinschaft noch über ihre Vorstellungen, ihre Werte, ihr Leben im Jenseitigen Land.

Er stand auf und ging zum Fenster, von dem aus er über einen Teil Poristas schaute. Der Anblick der Dächer und rauchenden Kamine, der flatternden Wäsche auf den Leinen vermittelte Beständigkeit, Dauerhaftigkeit. Menschen hatten ihre Bleibe gefunden, sich eingerichtet, Familien gegründet.

Dies stand im Gegensatz zu seinen Empfindungen. Er fühlte sich weder bei den Stämmen noch bei den Ausgestoßenen, noch bei den Menschen zu Hause. Selbst Balyndis konnte ihm, dem Einzelgänger, dem kämpfenden Gelehrten, nicht mehr die Geborgenheit geben, die er spüren wollte.

Oder suchte er gar keine Geborgenheit?

»Ist es mir bestimmt, ein ewiger Wanderer zu sein? Und mit den Untergründigen ins Jenseitige Land zu ziehen und ihnen zu helfen, den Diamanten an seinen alten Platz zu setzen?«, sagte er leise. »Finde ich dort mein Glück, Vraccas?«

Er sah zu der Kanne Bier. Der Alkohol lockte ihn mit seinem würzigen Duft und weckte Erinnerungen an Nächte im Vollrausch, ohne Grübeleien und Haderei.

Tungdil versuchte, der Versuchung zu widerstehen, und bewegte sich dennoch auf den Tisch zu. Als sich seine Hand um den Henkel der Kanne schloss, klopfte es.

Sofort ließ er ihn los und ging zur Tür, öffnete sie.

Vor ihm stand eine Untergründige.

Sie war ihm bereits auf der Reise aufgefallen, weil ihre Haut so dunkelbraun wie die eines Nomaden war und sie sich stets in seiner Nähe aufgehalten hatte. Sie trug einen beigefarbenen, mit Dor nenranken bestickten Waffenrock, der über der Vordernaht lose geschnürt war und einen Blick auf ihre Brüste gewährte. Er sah sie zum ersten Mal ohne den beeindruckenden Helm und starrte ungebührlich auf den kahl rasierten Schädel. Damit hatte er nicht gerechnet: eine Frau ohne Haarpracht!

»Darf ich eintreten?«, fragte sie ihn lächelnd und mit einem hinreißenden Tonfall, der sie als Fremde verriet. »Gewiss«, sagte er rasch und trat zur Seite, um sie einzulassen. Sie überragte ihn um eine Handbreit. »Was möchte Sündalon mir ausrichten?«

Sie schaute sich in dem Zimmer um, schlenderte neugierig umher und blieb vor dem Büchlein mit den Aufzeichnungen stehen. Ihre hellblauen Augen richteten sich auf die Zeichnung des Helms, die er gemacht hatte. »Du hast meinen gemalt«, grinste sie.

»Ja. Sollte ich das nicht?«

»Es macht mir nichts aus.« Sie reichte ihm die Hand, die von einer breiten Narbe gezeichnet war. »Ich bin Sirka.«

Er schüttelte sie. »Freut mich sehr. Meinen Namen kennst du, nehme ich an.« Vergebens wartete er darauf, dass sie Sündalons Botschaft ausrichtete.

»Es wäre merkwürdig, wenn ich ihn nicht wüsste«, gab sie lächelnd zurück.

Er räusperte sich. »Verzeih mir, wenn ich dich vorhin angestarrt habe. Mir war der Anblick fremd. Die Zwerginnen des Geborgenen Landes haben eine andere Hautfarbe als du und tragen ihre Haare lang, anstatt sie abzurasieren.« Er wurde verlegen.

»Wir haben wohl nicht sehr viele Gemeinsamkeiten«, sagte Sirka. »Sündalon sagte, du bist ein Gelehrter.« Sie hob das Büchlein auf und blätterte darin. »Du interessiert dich für alles Neue?«

»Das tue ich.« Tungdil wunderte sich über das Verhalten der Zwergin, die unvermutet einen Schritt an ihn heran trat und das Büchlein auf den Tisch warf.

Sie hob die Arme und umfasste seinen Kopf, dann drückte sie ihm einen langen Kuss auf die Lippen. Er wehrte sich nicht. »Du gefällst mir sehr, Tungdil«, gestand sie ihm und berührte seine Brust. »Ich würde dir gerne Neues zeigen, wenn du es zulässt.« Ihre Offerte war eindeutig.

»Ihr Untergründigen habt wirklich nicht viele Gemeinsamkeiten mit unseren Zwerginnen«, stellte Tungdil fest und spürte noch immer ihre Lippen auf seinen. Es hatte ihm gefallen. Sehr gefallen.

So sehr, dass er sich dieses Mal vorbeugte und Sirka küsste; seine Hände legten sich auf ihre schmale Hüfte und er zog sie dicht an sich heran. Er roch das schwere, würzige Duftwasser an ihrem Hals, fühlte ihre Körperwärme durch den dünnen Waffenrock. Seine Hände wanderten nach oben zu den Schnüren ihres Gewandes... Dann flammte das schlechte Gewissen auf.

»Nein«, sagte er heiser und machte rasch einen Schritt von ihr weg. »Ich bin vergeben.«

Aber Sirka folgte ihm und umfing ihn. »Was bedeutet vergeben?«

Er wich ihr aus und stellte einen Stuhl zwischen sie beide. »Sirka, dein Werben schmeichelt mir sehr«, sagte er und gab sich Mühe, seine eigenen Empfindungen zu beherrschen und ihrem Drängen nicht nachzugeben. »Aber solange ich an Balyndis gebunden bin, werde ich mich auf ein solches Abenteuer nicht einlassen.« Sie lächelte. »Oh, ich verstehe. Ihr habt feste Lebensgemeinschaften.«

»Ihr nicht?«

»Nein. Wir lieben uns, solange es uns gefällt. Wenn sich die Gefühle ändern, trennen wir uns. Mal für eine Weile, mal für immer. Das erleichtert das Leben, Tungdil. Denn es ist kurz genug.« Sirka betrachtete ihn. »Du suchst Neues? Wie wäre es damit: Begleite uns nach Letefora. Ich bringe dir auf dem Weg dorthin alles über uns bei, was du wissen musst.«

»Letefora ist...?«

»Eine Stadt. Eine von vielen, die in meiner Heimat liegen. Und sie sieht so ganz anders aus als das, was ihr im Geborgenen Land habt.«

»Ja«, sagte er, ohne nachzudenken. »Ja, das wäre reizvoll«, setzte er bedächtiger nach.

Sirka lächelte und küsste ihn erneut, fuhr ihm durch das Haar und streichelte seinen Bart. »Das wäre reizvoll«, wiederholte sie und ging zur Tür. »Wir werden uns öfter sehen, Tungdil. Ich werde dir eine gute Lehrerin sein. Die Lektion, welche dir heute entgangen ist, holen wir schon bald nach.« Sie öffnete und trat hinaus. Tungdil setzte sich. Er stand in Flammen, trug ihren Geruch in der Nase und ihren Geschmack auf den Lippen. Sirka nahm ihn mit ihrer unbekümmerten, offenen Art gefangen, und das bezog er nicht nur auf ihre körperlichen Reize. Er freute sich auf die Lektion, die sie ihm versprochen hatte.

Doch zuerst würde er einen Brief an Gla'imbar senden und mit Balyndis sprechen. Oder noch besser, er würde ihr einen langen Brief schreiben.

Er nahm ein Blatt, schrieb zuerst seine Zeilen an Gla'imbar nieder, siegelte die Nachricht und legte sie vor sich auf den Tisch.

Danach machte er sich an das Schreiben an Balyndis, das seine Gemahlin von ihm löste. Keine leichte Aufgabe, auch nicht für einen Gelehrten wie ihn.

Die Feder stockte immer wieder, er rang mit den Worten, beschrieb, warum er sie niemals glücklich machen könnte. Nicht auf Dauer. Nicht so, wie sie es sich erhoffte. Und Dauer war bei seinem Volk sehr, sehr lange. Das wollte er ihr nicht antun.

Die Begegnung mit der Untergründigen war nur der Stein des Anstoßes für diesen Schritt, für die Trennung. Im Inneren hatte er ihn längst vollzogen, ohne sich zuvor darüber im Klaren gewesen zu sein. Er hatte seine Unzufriedenheit stets falsch gedeutet. Niemals war er sich klarer darüber gewesen, dass er Balyndis nicht verdient hatte.