Dabei achtete er in seiner Wortwahl sorgsam darauf, alle Schuld auf sich zu nehmen und ihr nicht den Eindruck zu vermitteln, sie trüge die Verantwortung für das Scheitern ihrer Gemeinschaft. Seine Zeilen würden sie hart genug treffen.
Auch diesen Brief siegelte er und legte ihn auf den von Gla'imbar.
Es gab kein Zurück mehr. Die Begegnung mit Sirka führte ihm endgültig vor Augen, was ihm fehlte: Leidenschaft. Neues. Das Gelehrtendasein und die Gier nach Unbekanntem waren sein Fluch. Er wollte keine Geborgenheit.
»Vraccas, aus welchem unbeständigen Gestein hast du mich geschlagen?«, seufzte er. Die Lust an dem Besuch des Theaterspiels war ihm gründlich vergangen.
Das Geborgene Land, Königreich Gauragar, Porista, 6241. Sonnenzyklus, Sommer.
Tungdil schreckte aus seinem Dösen auf. Er war über den Aufzeichnungen eingeschlafen, während die Nacht über Porista hereingebrochen war.
Mit schmerzendem Rücken erhob er sich und drückte sein Rückgrat durch; es knackte laut, als die Wirbel an ihre Plätze sprangen.
Im Schlaf war ihm kein Einfall gekommen, wie man die Elben prüfen und vor aller Augen einer Gemeinheit überführen konnte. Er hatte nichts gegen sie in der Hand, außer den Warnungen der Untergründigen und einigen seltsamen Beobachtungen in Älandur. Der Elb, den sie im Wald gefunden hatten, lag in einem Gasthaus am Rand der Stadt und bewacht von zehn Kriegern. Seine Anwesenheit blieb sorgfältig verborgen. »Wenn er doch nur zu sich kommen würde«, ärgerte er sich und nahm die Kanne Bier. Diese Versuchung wollte er sich vor dem Zubettgehen vom Hals schaffen. Er ging zum Fenster, öffnete es und kippte den Inhalt mit Schwung hinaus auf das Pflaster. Es platschte laut, die Gefahr war gebannt. »Wenn alles so einfach wäre.« Ein Schatten schwang sich vom Dach zur Öffnung herein und traf ihn gegen die Brust.
Tungdil fiel rücklings zu Boden und prallte mit dem Kopf gegen die Tischkante, Diamanten funkelten vor seinen Augen.
Drei schwarz gekleidete Gestalten sprangen zum Fenster herein. Sie trugen dunkle Tücher vor dem Gesicht und hielten Kurzschwerter in den Händen. Eine sicherte die Tür, die anderen zwei eilten zu Tungdil und hielten seine Arme fest. Eine Klinge näherte sich seiner Kehle.
»Wo ist sie?«, flüsterte eine Frauenstimme.
»Wer?«
»Feuerklinge!«, fauchte sie ihn an.
»He, ihr Schwachköpfe«, sagte der Mann an der Tür und deutete auf die Wand, wo die Axt in ihrem Futteral an einen hervorstehenden Balken gehängt worden war.
»Samusin steht uns bei. Es geht einfacher, als ich gedacht habe«, lachte sie leise. »Ich fürchtete schon, wir müssten uns mit dem verrückten Zwerg und seiner Schülerin auch noch anlegen.« Der Mann neben ihr sprang auf und eilte zur Axt.
Damit zwang er Tungdil zu handeln. Er zog den Kopf zur Seite und schlug die Klinge von sich weg, genau in den ungeschützten Oberschenkel der Frau. Das brachte ihm zwar eine schmale Schnittwunde in der Hand bei, ihr aber ein tiefes Loch im Bein.
»Sie ist mein«, grollte er und zog seinen Dolch. Er hatte schnell erkannt, dass es sich bei den Eindringlichen keinesfalls um Mörder oder geschulte Räuber handelte. Hier waren Anfänger zu Gange, und warum sie ausgerechnet die berühmteste Waffe des Geborgenen Landes stehlen wollten, interessierte ihn brennend. Er schlug der vor Schmerzen schreienden Frau den Knauf des Dolches gegen die Stirn, und sie sackte auf die Dielen. Dann sprang er auf und folgte dem Mann, der sich eben die Axt genommen hatte, und stach ihm von hinten in den Oberschenkel.
Brüllend drehte sich der Mann nach ihm um und schwang die Feuerklinge gegen ihn. Tungdil duckte sich darunter hinweg, und die Schneide fuhr in einen Stützbalken, wo sie stecken blieb.
»Lass den Griff los«, knurrte Tungdil drohend und sprang mit dem Dolch vor, um den Gegner zum Zurückweichen zu bringen.
Der Mann prallte gegen die Kommode und bekam die Klinge in die linke Seite; fluchend brach er zusammen und presste die Hände auf die blutende Wunde.
Tungdil zog die Axt mit einem Ruck aus dem Holz und wirbelte sie in seinen Händen. Lauernd bewegte er sich auf den Letzten der Maskierten an der Tür zu. »So. Du wirst mir erzählen, wer ihr seid und wie ihr auf den unsinnigen Gedanken kommen konntet, mir die Feuerklinge rauben zu wollen.«
Der Mann reckte sein Kurzschwert gegen den Zwerg, die Schneide zitterte. »Zurück!«
»Ganz im Gegenteil.« Tungdil täuschte einen Hieb mit der Axt vor, welchem der Mann auszuweichen versuchte, und trat ihm dann mit Wucht in den Schritt. Stöhnend sank er auf die Knie. Tungdil setzte ihm die schwere Klinge an den Nacken, damit er den tödlichen Druck spürte. »Also?«
»Töte uns, und du wirst Lot-Ionan niemals mehr wieder sehen«, sagte die Frau und zog sich am Stützbalken in die Höhe. Ächzend ließ sie sich auf einen Stuhl fallen und begutachtete die Wunde in ihrem Schenkel.
»Ihr gehört zu denen, die ihn gestohlen haben?«
»Ich habe gleich gesagt, dass es eine dumme Idee ist, dem Zwerg die Axt zu klauen«, stöhnte der Mann, der den Stich in den Leib bekommen hatte. »Holt einen Medicus! Ich verblute!«
»Niemand verlässt dieses Zimmer, bevor ich nicht weiß, wer ihr seid.« Tungdil stand drohend an der Tür. Die Frau zog das Tuch von ihrem Gesicht und verband damit den Schnitt. Sie war nicht älter als achtzehn Zyklen, unter ihrer Kopfbedeckung spitzte eine hellbraune Strähne hervor. »Ich bin Risava von Panok, das sind Dergard und Lomostin. Wir waren Famuli von Nöd'onn und versuchen seit seinem Tod und dem Erlöschen der magischen Felder einen Weg zu finden, die Magie zurück ins Geborgene Land zu bringen«, eröffnete sie dem erstaunten Zwerg. Sie stand auf und hinkte zu dem verletzten Mann am Boden.
»Was wollt ihr dann mit Lot-Ionans Statue, wenn ihr Nöd'onn gefolgt seid?«
Risava schaute zu den Männern, die ihre Tücher ebenfalls abnahmen. »Wir wollten versuchen, den Zauber von ihm zu nehmen. Er kann uns unterrichten. Unsere Heimat benötigt die Zauberkunst, damit wir diesen Wesen, die auf der Suche nach dem Stein umherziehen, Einhalt gebieten können.« Ihr Gesicht verfinsterte sich. »Hättet ihr damals auf Nöd'onn gehört, wäre es nicht dazu gekommen.«
Tungdil glaubte an einen Scherz. »Andökai hat gesagt, dass die Versteinerung unumkehrbar wäre.« »Für Andokai vielleicht«, sagte Risava verächtlich.
»Vorsicht«, warnte Lomostin. »Verrate ihm nicht zu viel.«
»Falsch.« Tungdil streichelte seine Axt. »Verrate ihm alles. Das ist besser für eure Gesundheit. Zaubern kann man zur Not auch ohne einen Fuß.«
Risava wich zurück und beriet sich leise mit ihren Freunden. Tungdil ließ sie dabei nicht aus den Augen und hielt sich bereit, auf jeglichen Fluchtversuch zu reagieren.
Schließlich wandte sie sich zu ihm. »Also gut, ich erkläre es dir. Andokai besaß nicht das Wissen, das wir haben. Wir haben näm lieh die letzten Zyklen damit verbracht, Nudins verborgene Bibliothek zu studieren und Zauber jeglicher Art zu erlernen. In der Theorie. Aber uns fehlt die magische Kraft, den Formeln Leben zu geben.« Risava zeigte auf die Axt. »Wir dachten, dass wir aus der Feuerklinge genug ableiten könnten, um Lot-Ionan von dem Fluch zu befreien. Er wüsste, was zu tun ist.«
»Er würde euch niemals ausbilden.« Tungdil wagte nicht zu glauben, was sie ihm erzählte. Er konnte nicht erkennen, ob sie ihn belog oder nicht.
»Nöd'onn oder Nudin, es spielt keine Rolle mehr. Er ist tot«, sagte Dergard, der sich noch immer den schmerzenden Schritt hielt. »Wir haben lange genug um ihn getrauert, aber verstanden, dass seine Ansichten von dem Dämon in ihm verzerrt wurden. Er besaß keinen freien Willen mehr.« Er schaute zu Risava. »Auch sie wird es verstehen. Im Herzen haben wir uns schon längst von Nöd'onn losgesagt. Wie sie richtig erwähnte: Wir besitzen Nudins Wissen und möchten sein Vermächtnis fortführen, nicht das des Verräters Nöd'onn. Lot-Ionan würde uns ausbilden, da bin ich mir sicher.«