»Mit dem Raub der Statue habt ihr euch keinen guten Dienst erwiesen.« Tungdil nahm die Axt vom Nacken des Famulus. »Ihr hättet euch König Bruron und mir offenbaren sollen.«
»Er würde uns ebenso wenig glauben wie die Menschen des Geborgenen Landes oder du.« Risava stützte sich ab und stand vorsichtig auf. »Wir wollten Lot-Ionan erwecken. Ihm glauben die Menschen, Zwerge und Elben. Es hätte sich ein Weg gefunden, uns als seine neuen Famuli zu präsentieren, ohne dass ein Makel auf uns gefallen wäre.«
Tungdil schritt an ihm vorbei zu dem Verletzten und überprüfte seine Wunden. »Der Stich im Bein ist nicht schlimm, und deine linke Seite wird verheilen«, sagte er nach einer knappen Begutachtung. »Wir reinigen und vernähen sie, danach solltest du ein paar Umläufe ruhig im Bett bleiben, bis das Fleisch verwachsen ist.« Er blickte Risava an. »Du wirst mich und meine Freunde zur Statue bringen. Du bekommst die Feuerklinge von mir und darfst versuchen, ihn zu erwecken.« Seine Augen nahmen einen drohenden Ausdruck an. »Solltest du einen Verrat planen, werden wir dich und deine Freunde töten. Im Augenblick seid ihr nutzlos für das Geborgene Land, also spielt es keine Rolle, ob es euch gibt oder nicht.«
»Es ist vergebliche Mühe«, sagte Lomostin gepresst. »Ich hielt die Axt in den Händen, und ich spürte viel zu wenig Magie darin. Sie taugt nicht für unser Vorhaben. Die Quelle...«
Risava beugte sich rasch nach vorn und berührte wie aus Versehen seine Wunde; der Rest des Satzes ging in einem Schrei unter.
Tungdil genügte die Andeutung. Er packte sie beim Arm und drehte ihn hart zur Seite. »Ihr wisst von der Quelle?«
Risava starrte ihn trotzig an und schwieg beharrlich.
»Sag es ihm«, meinte Dergard; er atmete tief ein und aus, um das Ziehen in seinen Eingeweiden endlich zu vertreiben. »Vielleicht weiß er einen Rat. Es geht um das Geborgene Land, nicht mehr nur um unsere Zukunft als Famuli.«
»Was sollst du mir sagen?«, grollte Tungdil und verstärkte seinen Griff. Der Unterarmknochen würde bald brechen. »Ohne eine Hand wird das Zaubern schwierig.«
Sie biss die Zähne zusammen, Tränen liefen ihr die Wangen hinab. »Ich würde dich mit einem einzigen Spruch in einen Haufen Asche verwandeln«, ächzte sie.
»Du kannst es aber nicht«, erwiderte er und drehte ein kleines bisschen weiter; es knirschte leise. »Sprich oder bewundere, wie die Knochen von innen durch deine Haut stechen.«
Risava stöhnte. »Eine neue Quelle«, haspelte sie, und er ließ ihren Arm los. Sie krümmte sich zusammen, hielt den Arm gegen den Oberkörper gepresst. »Wir haben eine neue Quelle ausgemacht, doch sie liegt in Weyurn. Im See. Es ist zu tief, um dorthin zu gelangen.«
Tungdil fühlte eine riesige Erleichterung, eine Hochstimmung, wie er sie seit langem nicht mehr empfunden hatte. Es gab eine Lösung für die Bedrohung durch die Unauslöschlichen in Gestalt von Lot-Ionan, der tauchenden Insel und den Famuli. Alle drei zusammen ergaben die Antwort auf seine Gebete an Vraccas. Doch er zwang sich dazu, sich nichts anmerken zu lassen. Wenn sie wirklich Nudins Aufzeichnungen besaßen und Formeln gelernt hatten, durften sie nicht erfahren, dass es eine Möglichkeit gab, auf den Grund zu gelangen. Erst wenn Lot-Ionan lebte und er ein Urteil über sie fällte... »Wir werden sehen, ob uns dazu etwas einfällt«, sagte er ruhig. »Zuerst bringt ihr mich und meine Freunde zu der Statue. Lot-Ionan wird von nun an in meiner Obhut bleiben.«
»Was kann dir denn schon einfallen?«, hakte Risava nach. »Das Wasser ist, wenn die Fischer Recht haben, die wir fragten, viele hundert Schritt tief. Kein Taucher gelangt bis dahin, geschweige denn wieder hinauf.« »Mein Volk hat schon ganz andere Dinge geleistet.« Er lächelte sie an. »Und jetzt holen wir einige meiner Freunde und bringen die Statue in Sicherheit.« Tungdil öffnete die Tür, in einer Hand nach wie vor die Axt haltend.
Dergard deutete auf Lomostin. »Und was ist mit ihm?«
Tungdil bedachte ihn mit einem aufmunternden Blick. »Ein Medicus wird sich um ihn kümmern. Sobald wir die Statue haben.« Er scheuchte den Mann und die Frau hinaus, schloss die Tür und versperrte sie von außen mit einer Fahnenstange, die er von der Wand nahm und unter dem Griff verkeilte.
Die Vorstellung lief ausgezeichnet.
Die Mächtigen des Geborgenen Landes saßen im Curiosum und verfolgten das Treiben auf der Bühne, das aus der Feder Tassias stammte, mit vornehmem Lächeln, während die weniger Mächtigen schallend lachten. Tassia nahm sie mit ihrer Darstellung gefangen, ihre Reize und ihr Talent mischten sich aufs Unwiderstehlichste. Rodario, der in dem Akt nicht gebraucht wurde, betrachtete die Gesichter der Zuschauer sowohl glücklich als auch neidvoll durch ein Loch in der Dekoration. Tassia war sein Geschöpf, das inzwischen jedoch mehr Aufmerksamkeit errang als er. Sie lief ihm den Rang ab, zuerst bei seiner eigenen Truppe, jetzt bei den geschätzten Spectatores.
»Schau dir das an, Furgas«, flüsterte er. »Die Männer lieben sie, und die Frauen bewundern sie.« »Du hast dir die Gegenspielerin selbst erschaffen«, gab der Magister leise zurück und prüfte die Bändchen, mit denen er die Rauchfarben, die Flammen, einfach alles, was mit besonderen Effekten verbunden war, kontrollierte.
Er hatte die restlichen Umläufe damit zugebracht, die letzten kleinen Fehler in den Konstruktionen zu beheben. Die Zeit war nicht spurlos an seinen Erfindungen vorüber gegangen. Aber nun lief alles im wahrsten Sinn des Wortes wie geschmiert. Das Bühnenbild wechselte von selbst, die Sonne erhob sich und sank wieder, Bäume neigten sich im Wind, und er hatte sogar künstlichen Waldgeruch geschaffen, um die Illusion vollkommen zu machen.
»Habe ich schon gesagt, wie sehr ich mich freue, dass du wieder bei uns bist?«, meinte Rodario gedämpft. »Weil ich alles in Stand gesetzt habe?«, grinste sein Freund.
Rodario wandte sich zu ihm. »Nicht nur deswegen«, erwiderte er lächelnd und klopfte ihm auf die Schulter. »Ich bin sehr froh, den Dritten entkommen zu sein. Meine Schuld dir gegenüber ist unendlich.« Furgas betätigte auf das Stichwort von der Bühne hin das gelbe Bändchen, und über Tassia wurde es dunkel. Das Licht nahm ab, die Sonne sank, und der Nachthimmel zog auf, was von den Zuschauern mit erstaunten Rufen zur Kenntnis genommen wurde.
Der Schauspieler lachte auf. »Du bist auf dem besten Weg, sie abzuarbeiten.«
Die Seitentür flog auf, und Tungdil betrat den kleinen Raum hinter der Bühne. »Oh, tut mir Leid. Ich dachte, es wäre der Nebeneingang.«
»Ist es auch. Für die Schauspieler«, zischte Rodario. »Sei leise! Du bist viel zu spät für die Vorstellung. Platz haben wir auch keinen mehr, aber du kannst dich in den Gang setzen. Ich erlaube es dir«, sagte er huldvoll. »Es wird gleich wieder Platz sein. Ich brauche Ingrimmsch.« Er schob Rodario zur Seite und schaute durch das Loch, um nach seinem Freund zu suchen.
»Was ist passiert?«, fragte Furgas aufgeschreckt. »Sind die Monstren etwa aufgetaucht?«
»Nein. Endlich ist Gutes geschehen«, raunte er glücklich. »Bei mir sind drei Famuli aufgetaucht, die Lot-Ionans Statue gestohlen und mir erklärt haben, dass es einen Weg gibt, ihn zu einem Menschen zu verwandeln. Einer liegt verletzt auf meinem Zimmer, mit den beiden übrigen gehe ich die Statue abholen.«
»Bei Palandiell! Kann es wahr sein?« Rodario beugte sich neben den Zwerg. »Soll ich die Vorstellung unterbrechen?«
»Nein! Ich will erst Gewissheit, dass sie die Statue haben, und sie in meinen Besitz bekommen, bevor wir die anderen in Kenntnis setzen.« Tungdil strahlte ihn an. »Und sie wissen, wo sich die Quelle befindet.« »Welche Quelle?« Furgas zog am roten Bändchen und schuf aufwallenden Nebel auf der Bühne. »Die Quelle?« »Genau die magische Quelle, aus der die Ungeheuer ihre Kraft ziehen.« Er eilte zu dem Durchgang, der ihn zu den Spectatores führte. »Später erzähle ich euch mehr«, sagte er aufgeregt. »Jetzt muss es schnell gehen.« Er nickte ihnen zu. »Es gibt Hoffnung, Freunde. Große Hoffnung.« Damit verschwand er.