Rodario beobachtete durch das Loch, wie er sich Ingrimmsch und Goda näherte, gleich darauf verließen die drei das Zelt. »Was sagt man dazu?«, lächelte er. »Da fällt man von einem bedeutenden Augenblick in den nächsten. Ich habe gar nicht so viel Zeit, wie ich Stücke zum Aufführen hätte.« Er strich sich über das Kinnbärtchen. »Ich gründe einfach noch ein Curiosum«, überlegte er. »Ich übergebe Tassia die Leitung. Was hältst du davon?« »Sehr pfiffig, Rodario«, sagte Furgas. »Das nennt man einen Gegenspieler wegloben.«
Rodario nickte. »Exakt. Und sie wird mir dafür auf ewig dankbar sein. Liebesakte in Hülle und Fülle, Nächte der Leidenschaft, wann immer ich an ihre Pforte klopfe.« Er hörte sein Stichwort, rückte die Garderobe zurecht und zwinkerte Furgas zu. »Ich könnte mir selbst auf die Schulter klopfen.« Dann trat er durch den Spalt im Vorhang auf die Bühne.
Es folgte eine Abwandlung der Szene, als Nolik ihn damals im Wohnwagen überfallen hatte. Natürlich vergrößerte sich hier auf der Bühne die Anzahl der Gegner, und das Ganze geriet zu einem heldenhafteren Kampf um die Liebe zu Tassia und um das wertvolle Geschmeide. Letztlich lagen die Angreifer am Boden oder waren in die Flucht geschlagen.
»So triumphieren ein schnelles Schwert und die Liebe über jedes Unbill«, sagte Rodario zu den Spectatores. Tassia stellte sich an seine Seite und hielt das Geschmeide hoch. »Und die Halskette entschädigt mich für das, was ich erdulden musste.« Die dünnen Goldplättchen schimmerten warm; der geschliffene Bergkristall brach das Licht der falschen Bühnengestirne und sandte sein Funkeln auf die Gesichter der Menschen, Elben und Zwerge. Tassia schmiegte sich an Rodario. »Was ist es, das du mir schenkst, weil ich bei dir sicherlich viel erdulden werde?«, fragte sie und klimperte mit den Wimpern.
»Der Diamant!«, ertönte ein Ruf aus den Reihen der Spectatores.
»Nein, keinen Diamanten«, nahm Rodario den Einwurf auf. »Sondern mein Herz...«
Gandogar kam auf die Bühne gesprungen, seine Rechte schloss sich um den Anhänger. »Licht«, rief er laut. »Hochwohlgeborner Großkönig aller Zwergenstämme des Geborgenen Landes, ich weiß, dass Euer Volk von Schmuck begeistert ist und ein so schönes Stück Eure Leidenschaft entbrennen lässt, aber nehmt zur Kenntnis, dass Ihr gerade mein Schauspiel ruiniert«, sagte Rodario freundlich, doch ungehalten. Er schnappte nach dem Anhänger. »Setzt Euch wieder auf Euren Platz und lasst uns den letzten Akt zu Ende spielen. Auf diesen Brettern bin ich der Kaiser, und Ihr seid so freundlich und beugt Euch dieser Machtverteilung.«
Gandogar entriss ihm den Schmuck erneut. »Das ist einer der Diamanten, Schauspieler«, grollte er. »Hast du nicht verstanden, was ich sagte?«
Rodario lachte. »Da ist Euer Kennerauge getäuscht worden, hochwohlgeborener Großkönig.« Schneller als der Zwerg reagieren konnte, umfasste er die Kette und zog den Anhänger wieder zu sich. »Es ist ein Anhänger aus poliertem, geschliffenem Bergkristall, kein Diamant.« Er ließ ihn hin und her pendeln. »Eine Fälschung, hochwohlgeborener Großkönig. Ich würde doch niemals den echten Stein als Requisit hernehmen.« »Ich bin der König der Vierten, mein Stamm besteht aus den Nachfahren des besten Gemmenschleifers unter den Kindern des Schmiedes, und wenn einer etwas von Edelsteinen versteht, bin ich das wohl und nicht ein Schauspieler«, gab er so wütend zurück, dass der Bart bebte. »Gib den Diamanten her. Auf der Stelle!« Tassia wollte sich einmischen, da trat ein gewaltiges Wesen von der anderen Seite auf die Bühne. Es überragte Zwerg und Mensch, dicke Muskelstränge zuckten unter der grau und grün gefleckten Haut. Abgesehen von dem Lendenschurz und den Stiefeln war es nackt, und um die Unterarme trug es weiße Ketten geschlungen. Das Zerrbild seines Elbengesichts richtete sich auf den Anhänger, die Augen glommen grün auf. »Gib mir die Kette!«
Alle im Zelt starrten den unerwarteten Mitspieler an.
König Bruron klatschte als Erster. »Was für eine gelungene Darstellung!«, rief er laut. »Es sieht aus, wie es in den Berichten von Tungdil und den Soldaten geschildert wurde.«
»Ich finde es geschmacklos«, empörte sich Isika.
Rodario und Tassia wichen zurück, der Mime hob sein Schwert. »Lauft, Gandogar!«, sagte er heiser, das Grauen drückte ihm die Kehle zu. Hastig reichte er ihm den Anhänger. »Rettet den letzten Stein vor den Geschöpfen Tions.«
Dann brach heilloses Durcheinander im Zelt aus.
XI
Das Geborgene Land, Königreich Gauragar, Porista, 6241. Sonnenzyklus, Sommer.
Risava blieb vor einem unscheinbaren kleinen Haus stehen, das rechts und links von protzigen Bauten vermögender Bewohner eingekeilt war. »Hier ist es.« Sie öffnete die Tür und trat ein.
Tungdil, Sirka, Boindil, Goda und zwei Dutzend Zwerge folgten ihr nacheinander und kampfbereit; den mit Stroh gepolsterten Wagen ließen sie auf der Straße stehen.
Man sah sofort, dass sich selten jemand in den Mauern aufhielt. Auf einigen Möbeln lag eine dünne Staubschicht, und nur auf den Tischen und den Stühlen zeigten sich häufige Benutzungsspuren. Es roch nach kaltem Rauch.
»Wir kommen wegen des Kellers her«, sagte Risava, die im Flur vor der Treppe hinauf angehalten hatte und eine Stelle in der Wand berührte. Die Stufen schwenkten einfach herab, eine Steinplatte verschob sich und machte ihr Platz. Auf diese Weise wurde sie zu einer Treppe abwärts.
Aus dem Gewölbe drang der für Tungdil vertraute Geruch nach altem Papier und Pergament. »Ist das Nudins Bibliothek?«
»Nein. Es ist meine«, sagte die Frau, entzündete eine Lampe und ging voraus.
Bald drängten sie sich in dem kleinen Keller, dessen Wände über und über mit Regalen und Büchern voll gestellt waren. In der Mitte erhob sich der versteinerte Lot-Ionan, um ihn herum war ein Kreis mit magischen Symbolen gezeichnet worden; mehrere Runen fanden sich auf der Oberfläche der Statue.
»Wir haben schon alles vorbereitet«, erklärte sie. »Alles, was wir zu seiner Erweckung benötigen, ist die Magie.«
»Wir habt ihr ihn heruntergeschafft?«
Risava zeigte auf die Treppe. »Getragen. Es hat eine halbe Nacht gedauert.«
Ingrimmsch umrundete die Statue. »Sie hat ein paar üble Kratzer abbekommen«, sagte er und fuhr mit den Fingern prüfend über die Rillen.
Tungdil begutachtete die Schäden ebenfalls und fühlte sich merkwürdig dabei. Betrachtete er eine Statue oder einen Menschen? Aus dem Stein würde vielleicht bald Lot-Ionan werden, der Magus, bei dem er zyklenlang gelebt hatte, der ihn aufgezogen hatte. Es durfte kein Fehler geschehen. »Werden wir sie mit Mörtel schließen, ehe es uns gelingt, ihn zu einem lebenden Menschen zu machen? Nicht, dass er uns verblutet.« Er sah ein Loch in einem versteinerten Faltenwurf, das in Höhe des Rückgrats lag. »Oder einfach tot umfällt.« »Was meinst du?«, gab er die Frage an die Famuli weiter.
Dergard schüttelte den Kopf. »Ich würde es nicht tun.« Er betrachtete das fingerdicke Loch überrascht. »Das ist mir nicht aufgefallen. Es können nur Ratten oder irgendwelche anderen Tiere gewesen sein.« »Ich sehe es genauso.« Tungdil befahl den Zwergen, die Tragegurte aus dem Wagen zu holen. »Es wären Fremdkörper, echter Mörtel in seinem lebenden Körper. Es gehörte zum Zeitpunkt seiner Versteinerung nicht zu ihm, also wird es sich bei der Rückverwandlung ebenfalls nicht ändern.«
Ingrimmsch bückte sich, nahm etwas von dem Pulver auf, das er am Boden entdeckt hatte. »Steinmehl.« Er kratzte an der Öffnung herum. »Es passt zusammen. Dieses Loch wurde mit Absicht gebohrt.« Er wandte sich an Risava und Dergard »Ich kenne kein Tier außerhalb der Gebirge, das Stein fressen würde.«