Die beiden Menschen waren ratlos. »Ich schwöre bei Samusin, dass wir es nicht waren«, sagte Risava. »Vielleicht ein vierter Famulus, der Nöd'onn ergeben ist und der Lot-Ionan lieber tot sehen will?«, schlug Goda vor. »Das Loch war versteckt. Es sollte wohl als Absicherung dienen, falls die Erweckung funktioniert.« »Dann hätten sie ihm doch gleich den Kopf abschlagen können, Schülerin«, meinte Ingrimmsch und bedachte sie mit einem tadelnden Blick. »Das würde dir eigentlich fünfzig Liegestützen einbringen. Aber ich bin großzügig.« Tungdil riss eine leere Seite aus einem Buch, rollte sie eng und schob sie in das Loch, um zu messen, wie tief sie sich hineinschieben ließ. »Nur so tief wie mein kleiner Finger. Das wird ein Mensch überstehen.« Er strich über die Statue. »Er kann sich außerdem sofort heilen. Wir müssen das Wagnis eingehen.«
Die Zwerge kehrten mit den Tragegurten zurück. In einer gemeinschaftlichen Kraftanstrengung verluden sie den versteinerten Magus auf den Karren und betteten ihn auf das Stroh.
»Gib mir den Stein!« Die dunklen Augen des Monstrums erstrahlten in finsterem Grün. Das Wesen schüttelte die Ketten von den Unterarmschienen, die Albzeichen darauf glommen auf und gaben das Leuchten an die Eisenringe weiter. Gleich darauf schwang es die Ketten gegen Rodario und gegen Gandogar; beide wurden darin eingeschnürt.
Im nächsten Moment und bevor jemand der Spectatores etwas unternahm, drückte sich das Wesen vom Boden ab und katapultierte sich mit Schwung durch das Bühnenbild. Es zerrte seine beiden Gefangenen hinter sich her, als wögen sie nichts. Lose Teile der Dekoration fielen herunter. Eine Strebe begrub Tassia unter sich und keilte sie ein, während um sie herum Soldaten und Zwerge rannten, um die Verfolgung aufzunehmen. »Helft mir«, weinte sie ängstlich. Balken und Teile des Zeltes brachen ein, Qualm kräuselte sich. Tassia hörte, wie viele Menschen an ihr vorüber liefen, um sich selbst in Sicherheit zu bringen oder das Monstrum zu verfolgen. Da blieb kaum Zeit, einer Schauspielerin beizustehen.
Schließlich kam Furgas, um sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Schluchzend warf sie sich an seine Schulter und suchte nach Halt. Wie erstarrt ließ er sie gewähren, schließlich legte er zögernd die Arme um sie und tröstete sie.
»Komm, ich bringe dich weg.« Er befahl der Schauspielertruppe, die gelähmt umherstand, die kleinen Flämmchen zu ersticken, und trug Tassia hinaus, wo er sie auf ein behelfsmäßiges Lager bettete. »Hier kann dir nichts passieren«, sagte er beschwichtigend. »Ich muss los und Rodario retten.«
Sie nickte und fing sich wieder, doch der Schreck über den Anblick des Monstrums saß tief. Furgas rannte immer dem Lärm nach und sah an den erleuchteten Fenstern Poristas, dass der Krach die Bewohner aus dem Schlaf gerissen hatte. Es dauerte nicht lange, und er fand einen großen Pulk Soldaten und Zwerge, die sich um Gandogar und Rodario scharten.
War der Schauspieler vergleichsweise glimpflich davongekommen, hatte das Monstrum Gandogar den Unterarm ausgerissen. Ohnmächtig lag der Zwerg auf dem Pflaster und wurde von einem Heiler versorgt, der den Arm abband.
Rodario blutete aus vielen Schürf- und Platzwunden. Sowohl er als auch der Großkönig hatten Brandspuren auf der Kleidung, die von den heißen Ketten stammten. Er hielt sich den Kopf. »Furchtbar«, sagte er undeutlich. »Ich wurde beinahe zu Tode geschleift. Es hat die Kraft von zwanzig Pferden.« Er schaute zu Gandogar. »Dieser tapfere Zwerg wollte ihm den Diamanten nicht geben und hat das Ungeheuer sogar angegriffen. Es hat einfach eine Kette um den Arm geschleudert und mit einem Ruck...« Er wurde bleich und hielt sich die Hand vor den Mund. »Ich darf nicht daran denken.«
»Wo ist es hin?«, wollte einer der Soldaten wissen.
»Ich weiß es nicht.« Rodario zeigte auf die Dächer. »Es tat einen gewaltigen Satz und war verschwunden. Ohne Mühe gelangte es hinauf auf den Giebel und hopste zum nächsten. Ihr werdet es nicht mehr einholen. Es ist sicherlich schon lange über die Mauer gesprungen.«
Bruron erschien, umringt von seiner Leibwache, und verstand, dass er zu spät gekommen war. »Ruft die Versammlung ein«, befahl er seinen Untergebenen. »Und schafft mir Tungdil Goldhand her. Wir brauchen einen neuen Plan und müssen uns beeilen, wenn wir das Geborgene Land retten wollen. Es gibt nun keinen Zweifel mehr, dass die Unauslöschlichen alle Diamanten besitzen.« Fluchend wandte er sich um und kehrte zu dem Zelt zurück.
Furgas stützte Rodario. »Wie geht es Tassia?«
»Sie hat einen Kratzer an der Schulter«, beruhigte Furgas den Mimen. »Nichts Schlimmes.« »Unglaublich.« Rodario schaute hinauf zu den Dächern, als könnte er das Monstrum dort sehen. »Da besaß ich den mächtigsten Stein und habe es nicht einmal bemerkt.« Er lachte unglück lieh. »Ich Esel kann einen Diamanten nicht von einem Bergkristall unterscheiden.«
Furgas drückte ihn freundschaftlich. »Gräme dich nicht. Du wusstest nicht, wie der Stein aussieht. Es hätte dir also nichts gebracht, und das Unglück wäre nicht zu verhindern gewesen.«
Rodario seufzte und nickte stumm.
»He! Seid vorsichtig, ihr Ungeschicklinge, sonst bricht ihm die Nase ab«, rief Ingrimmsch feixend. »Dafür würde er euch in Gnome verwandeln.«
Die Zwerge, die schwitzend Lot-Ionans Statue hoch hievten, lachten und gaben sich weiterhin Mühe, den Magus sanft zu verladen.
Da hörten sie die Signalhörner durch die Nacht schallen. Mit der Ruhe war es in Porista vorbei. »Was hat das nun wieder zu bedeuten?«, brummte Ingrimmsch. »Veranstalten sie eine Treibjagd auf den Schauspieler?«
Es klirrte leise, eine grüne leuchtende Eisenkette schnellte aus dem Himmel herab und wickelte sich um den Hals von Risava.
Sie griff danach, rang keuchend nach Luft, aber schon gleich darauf rissen ihre Haut, die Muskeln und die Wirbel auseinander, als bestünden sie aus Papier und morschem Holz. Ihr Torso stand einen Moment aufrecht, dann brach er zuckend zusammen; aus dem Halsstumpf schoss das Blut. Mit einem dumpfen Geräusch prallte der Kopf der Famula auf das Pflaster.
»Stellt euch gegen die Wand!« Tungdil lief zur Seite und presste sich gegen die Hausmauer, um es der Kette unmöglich zu machen, sich um ihn zu wickeln. Er hob die Feuerklinge und schaute nach oben. »Das Fröschi«, knurrte Boindil. »Dieses Mal entkommst du mir nicht. Oh, ich werde dir deine Hüpfbeine ausreißen und dich kriechen lassen. Du wirst für die Verstümmelung meines Bartes bluten.« Das Wesen huschte über den Dächern nach rechts und links, überwand auch größere Distanzen mühelos und zeigte sich immer wieder den Zwergen, um sie zu verhöhnen.
»Was will es hier?«, fragte Goda und ließ die Giebel nicht aus den Augen.
Tungdil schaute zu Risavas Leiche. »Sie müssen gespürt haben, dass es Hoffnung für das Geborgene Land gibt.« Er wandte sich an Dergard und bedeutete zehn Zwergen, den Mann zu schützen. »Ingrimmsch und Goda, ihr leitet sie. Der Rest geht mit mir«, befahl er und rannte auf den Karren zu, auf dem Lot-Ionan lag. »Los, schaffen wir ihn fort.«
Die Ketten zischten leise klingelnd heran und rissen die beiden Zwerge, die neben Tungdil gerannt waren, einfach weg. Sie schnellten schreiend in die Höhe und kamen in zwei Hälften aus dem Himmel gestürzt, als habe sie ein grausames Riesenkind zerbrochen und fallen lassen.
Gleich darauf sprang die Kreatur vor Tungdil auf die Straße, bleckte triumphierend die Zähne und ließ die Ketten schlängeln und tanzen.
»Ich töte euch alle«, versprach es mit klarer Stimme. Das Zucken eines Armes genügte, und die Kette mordete einen der Untergründigen, indem ihr Ende den Kopf des Zwerges zerschmetterte.
Sirka erschien an Tungdils Seite. »Fangen wir an. Ich lenke es ab, und du schlägst zu«, sagte sie ernst und attackierte das Monstrum, ohne Tungdils Zustimmung abzuwarten.
Während sie angriff, schoss die zweite Kette auf sie zu und wickelte sich um ihre Waffe; das Eisen wurde glühend rot.