Die Untergründigen verließen das Zelt.
Tungdil schloss sich nach kurzem Zögern an. Als er halb durch den Vorgang getreten war, drehte er sich um. »Wir sehen uns in Toboribor«, sagte er in die Runde und verzichtete auf die Verbeugung. »Mögen euch euere Götter beistehen und die Augen öffnen, ihr Königinnen und Könige, bevor es zu spät ist.« Er ging; Ingrimmsch und Goda folgten ihm ebenso wie Furgas und Rodario.
Zurück blieb eine unheilvolle, drückende Stille, die nicht weichen wollte.
Da niemand mehr etwas sagte, hob Bruron die Versammlung auf. Es gab genug zu tun und noch mehr, über das Menschen, Elben und Zwerge schweigen wollten.
Das Geborgene Land, Königinnenreich Weyurn, 100 Meilen westlich von Gastinga, 6241. Sonnenzyklus, Sommer.
Sie benötigten viel zu lange, um von Porista an die Ufer des Sees zu gelangen, wo ein Schiff auf sie wartete. Schuld daran trugen verschiedene Umstände, einmal der unerwartete Regen, der den Wagen mit Lot-Ionans Statue immer wieder einsinken ließ, dann kränkelte Dergard, und sie mussten in einem Gehöft eine Rast einlegen, bis das Fieber gesunken war. Schließlich durften sie sein Leben nicht aufs Spiel setzen, gleichzeitig den Tross nicht auseinander reißen. Feuerklinge konnte nur an einer Stelle sein.
Tungdil saß mit Rodario und Furgas in der guten Stube des Bauern über einer Karte von Weyurn, die als eines der wenigen Exemplare die überfluteten Gebiete einbezog. Sie versuchten, den Aufenthaltsort der tauchenden Insel einzukreisen.
Ingrimmsch und Goda marschierten mit den Wächtern um die Gebäude. Ingesamt hatten sie einhundert Zwerge aus dem Stamm der Zweiten und ein Dutzend Untergründige unter der Führung von Sirka bei sich, auch wenn es dem Zwilling nicht schmeckte. Dass ihm die sich andeutende Liebelei zwischen Tungdil und Sirka ebenfalls nicht schmeckte, zeigte er seinem Freund mittlerweile offen. Sirka machte aus ihrer Zuneigung kein Geheimnis.
Rodario hob den Kopf und lauschte. »Kann es sein, dass der geschätzte Boindil unter schlechter Laune leidet?«, sagte er zu Tungdil. »Ich habe ihn schon wieder mit den Wachen herumschreien hören.«
»Das macht das Wetter. Zwerge können es nicht leiden, wenn es auf sie niederregnet. Und sein heißes Blut verlangt nach einem Kampf«, erklärte er und richtete die Augen fest auf die Karte. Bislang kamen fünf Stellen infrage. »Kann die Insel unter Wasser reisen?«, fragte er Furgas.
»So, so, sein heißes Blut.« Rodario trat ans Fenster und schaute hinaus. »Oder seine Schülerin?« Er beobachtete, wie er mit ihr in der Scheune übte. Auf den ersten Blick zeigte sich nichts Verdächtiges, aber die geschulten Augen des Schauspielers kannten die geheimen Anzeichen für Zuneigung. »Ich habe so das Gefühl, dass es gewaltig zwischen den beiden knistert.« Er wandte sich zu Tungdil. »Nein, es funkt. Bei Zwergen kann es nur funken.«
»Ich würde dir empfehlen, ihn nicht danach zu fragen«, sagte Tungdil schwach grinsend. Er wollte die Welt der Gefühle als Gesprächsgegenstand vermeiden, schon aus Angst, dass die spitze Zunge des Schauspielers ihn und Sirka zum Ziel erkor.
Furgas trank von dem Tee, den ihnen die Bäuerin zubereitet hatte. Noch immer war er hager und blass. Manchmal saß er schweigend in einer Ecke und sprach einen ganzen Umlauf nichts, mal benahm er sich vollkommen normal. Die Nachwirkungen der zyklenlangen Gefangenschaft auf seine Seele würde er so schnell nicht überwinden.
»Sie kann«, antwortete er auf Tungdils Frage. »Ich hatte ein System von Röhren und Kammern vorgesehen, die man mit Gas oder Wasserdampf füllen kann. Werden die Ventile geöffnet, bewegt sie sich durch den Rückstoß langsam vorwärts.«
»Das ist schlecht.« Tungdil lehnte sich zurück. »Damit kann sie überall sein, oder?«
Furgas schüttelte den Kopf. »Nein. Sie ist nicht schnell. Wir reden von einem Berg, der sich unter Wasser vorwärts bewegt.« Er zog einen Kreis um die Position, die sie als letzten Standort vermuteten. »Das wäre in etwa das Gebiet, wo sie sein kann. Sie muss gelegentlich auftauchen, um Proviant für die Arbeiter und Luft aufzunehmen.«
»Man kann sie zwar sehen, aber es wird niemand über sie sprechen, weil es die Alb-Insel ist und jedermann sie fürchtet«, fügte Rodario an. »Sehr kluge Zwerge, diese Dritten. Die Geschichte über die Albae, um sich vor Besuchern und Gerede zu schützen, war ein feiner Einfall.«
»Bleibt uns die Hoffnung, dass die Schiffe der Königin die Insel durch einen Zufall entdecken und es sich herumspricht, dass es keine echten Albae sind und dass auf eine verlässliche Nachricht über ihr Erscheinen eine hohe Belohnung ausgesetzt ist.« Tungdil nahm sich ebenfalls Tee und erlaubte seinen Gedanken abzuschweifen. Vor seinem inneren Auge entstanden die Gesichter von Balyndis und Sirka, Zwerginnen, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten.
Er hatte gehofft, dass die Faszination für Sirka eine Schwärmerei sein würde, bedingt durch ihr fremdartiges Aussehen und ihr Verhalten, das so völlig im Gegensatz zu dem stand, wie sich die Stämme des Geborgenen Landes gaben. Aber er schaute sie nach wie vor zu gern und zu lange an, dachte zu häufig an sie. Und er erinnerte sich an die Episode in seinem Leben, als die Gefühle zu Balyndis schon einmal geprüft worden waren: Myr.
Die Spionin der Dritten war eine Gelehrte von seinem Schlag gewesen, und Balyndis hatte sich zuvor auf Druck ihres Clans von ihm abgewandt. Es war kein Wunder, dass Myr und er zusammengefunden hatten, bis ihr Verrat aufgedeckt worden war. Damals war es leichter gewesen, kein schlechtes Gewissen zu haben. »Für einen angehenden Magus ist Dergard ziemlich anfällig, findet ihr nicht auch?« Rodario entdeckte den Kuchen der Bäuerin, der auf der kleinen Kommode stand. Und die Tochter der Bäuerin, die am Fenster vorbeieilte und durch den Regen in die Scheune lief, um die Kühe zu melken. »Ach, was ist sie für ein liebes Ding«, sagte er versonnen, während er sich eine Scheibe Kuchen abschnitt.
»Was wird Tassia dazu sagen?«, meinte Furgas verärgert. »Du benimmst dich wie vor fünf Zyklen. Kindisch und selbstverliebt.«
»Ich weiß nicht, was sie sagen würde. Sie hat mich nicht nach meiner Meinung gefragt, als sie mit anderen Männern geschlafen hat«, gab er zurück und biss in den Kuchen. »Wir sind beide erwachsen und lieben das Leben. Was soll es also?« Er würde niemals zugeben, wie die Eifersucht an ihm nagte. »Hast du denn keine Augen mehr für die Frauen?«
»Es gibt keine anderen Frauen mehr in meinem Leben. Ich habe Narmora ewige Treue geschworen. Nur weil ihr Körper nicht mehr existiert, sage ich mich nicht von ihr los«, erklärte er mit bebender Stimme. »Ich habe nachts von ihr geträumt, und sie gab mir Kraft, die Zeit auf der Insel zu überstehen. Niemals werde ich sie verraten, indem ich eine neue Frau begehre.«
»Das ist im Grunde eine sehr gute Einstellung, Furgas. Lässt man die Finger von den Weibern, kann man sie sich auch nicht verbrennen.« Er kaute und schaute wieder nach der jungen Bäuerin. »Stell dir vor, du hättest dich in Tassia verliebt! Oh, Palandiell, das wäre ein Unglück geworden. Sie ist das weibliche Gegenstück zu mir.« Furgas wurde plötzlich unruhig, was Tungdil bemerkte.
»Ho, die Gute beherrscht die Kunst der Verführung, das kann ich dir sagen. Und ihre Treue ist so beständig wie die Richtung eines losen Blattes im starken Wind«, plauderte Rodario weiter und schob sich den Rest des Kuchens in den Mund. »Mich hat es Herzblut gekostet, das herauszufinden. Und ich kann nur alle Männer vor ihr warnen, die Ernstes beabsichtigen.« Er lachte leise. »Dieses kleine Luder. Aber ich mag nicht von ihr lassen.« Dann wandte er sich zu den Zwergen. »Braucht ihr mich noch? Ich würde dem Mädchen gern beim Tragen der Kanne helfen.«