»Lass sie in Ruhe«, sagte Tungdil. »Ich möchte keinen Streit mit ihrem Vater, der uns so freundlich aufgenommen hat.«
»Keine Bange, geschätzter Held. Ich bin behutsam wie ein Elnabeerenpflücker.« Er zwinkerte ihnen zu und ging zur Tür.
Die Scheune, in der Goda und Boindil standen, war riesig.
Der Bauer hatte auf den ehemaligen Heuböden und auf der Erde gewaschene Wolle gelagert, die darauf wartete, von den Spinne rinnen verarbeitet zu werden. Weiter hinten standen zwei Webstühle, die in den letzten Umläufen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang geklappert und gerattert hatten.
Boindil hatte sich zwei Stricke von der Scheunenwand genommen und wirbelte sie abwechselnd gegen Goda. Er umkreiste sie, während sie an einer Stelle verharrte. »Stell dir vor, es sind die Schläge mehrerer Gegner. Man hat in einem Kampf nicht immer die Zeit, die Klingen zu parieren. Manchmal bleibt einem nur das Ausweichen.« Das erste, mit einem Eisenring beschwerte Ende hielt auf sie zu. Goda wandte sich zur Seite, der Strick verfehlte sie.
»Sehr gut«, lobte er sie und lenkte den zweiten Schlag gegen ihren linken Oberschenkel.
Goda schaffte es mehrmals knapp, aber gegen die fünfte Attacke war sie machtlos. Der Eisenring prallte gegen ihre Brust.
Ingrimmsch schnalzte ungehalten mit der Zunge. »Du bist tot, Schülerin. Soeben hat dir ein Schwert den Brustkorb aufgeschnitten.« Er deutete auf den strohbedeckten Boden. »Vierzig.«
»Ich mache keine Liegestützen.« Sie blieb widerspenstig stehen. »Ich hätte den Hieb pariert.« »Hättest du nicht.« Er schaute ihr in die Augen und bereute es. Sein Kriegerherz pochte schneller. »Fünfzig.« Goda nahm den Nachtstern. »Noch einmal, Meister. Ich zeige es dir, dass ich es kann.«
»Nein, das wirst du nicht. Du sollst ausweichen.« Er ärgerte sich, dass sie seine Autorität infrage stellte. »Sechzig.« Nun machte er einen drohenden Schritt auf sie zu.
Sie hob die Waffe. »Dazu müsstest du mich auf den Boden schicken.« Sie senkte den Kopf, ihre Augen loderten. »Ich habe es satt, dass du mich schikanierst, Meister.«
Vor einigen Umläufen hätte Boindil laut gejubelt und sich gefreut, die junge Zwergin bald vom Hals zu haben. Jetzt war die Vorstellung ein Albtraum. »Du verwechselst Ausdauer mit Schikane«, grollte er, um sein Einlenken zu verbergen. »Du wolltest, dass ich dir zeige, wie man eine Kriegerin wird, also beuge dich deinem eigenen Wunsch.«
»Oder was, Meister? Siebzig?«, lachte sie böse.
Ingrimmsch packte den Stiel des Nachtsterns und rammte ihr das obere Teil gegen die Stirn. Goda wankte, er zog ihr den rechten Fuß weg, und sie fiel rücklings auf den Boden. »Einhundert«, sagte er und wirbelte die Waffe mit einer Hand. »Du hast den Nachtstern losgelassen. Du weißt, dass man das nur tun sollte, wenn man eine zweite Waffe bei sich hat.«
Sie stützte sich verdutzt auf die Ellbogen und ignorierte den Blutfaden, der aus einer kleinen Wunde über der linken Augenbraue ihre Nase hinabrann.
Boindil seufzte und ging neben ihr in die Hocke. »Goda, ich tue das, um dir dein Leben zu bewahren.« »Tun das Liegestützen? Soll ich damit einen Ork beeindrucken und ihn vielleicht zu einem Liegestützenzweikampf fordern?«, giftete sie und richtete ihren Oberkörper auf.
Wieder waren sich ihre Gesichter ganz nahe.
Ingrimmsch schluckte, verharrte und wich zurück, als habe ihn ein Vanga gebissen. »Nein. Sie sind nur ein Anreiz, dich noch mehr anzustrengen«, murmelte er. »Machst du keine Fehler, gibt es keine Liegestützen.« Er rupfte eine Hand voll gewaschener Wolle aus einem kleinen Berg hervor und wischte damit das Blut aus ihrem Gesicht.
»Was soll das?« Goda schob seine Hand grob zur Seite.
»Ich wollte...«
»Ich weiß, was du wolltest, Meister.« Sie blitzte ihn an. »Und ich weiß, was du willst. Vergiss nicht, dass du es warst, der Sanda erschlagen hat. Ich empfinde nichts für dich. Eher würde ich Bramdal nehmen als dich. Mach mich zu einer Kriegerin, und danach kreuzen wir unsere Waffen, um zu sehen, wie gut deine Kunst war. Alles andere kannst du für dich behalten. Es kümmert mich nicht.«
Boindil war wie gelähmt. Ihre harschen Worte entlarvten ihn mühelos, sie hatte seine Empfindungen genauestens bemerkt. »Es...« Er schluckte, die Worte fehlten ihm. Der Funke Hoffnung drohte zu sterben. Dann riss er sich zusammen. »Es ist nicht so, wie du denkst. Ich bin dein Meister und sorge mich. Das ist alles.« »Umso besser.« Goda wandte sich um, stemmte die Hände gegen den Boden und begann ihre Liegestützen. Einhundert Stück. Dass ihr Blut auf den Boden tropfte, störte sie nicht.
Ingrimmsch beobachtete sie und schwor im Stillen, nicht aufzugeben.
Als Rodario die Tür öffnete, stand vor ihm ein Soldat mit den Insignien König Brurons.
»Ich habe Nachrichten für Tungdil Goldhand«, sagte er und schaute an Rodario vorbei zum Tisch. »Ihr seid es wohl?«, fragte er den Zwerg.
»Eure Augen sind gar scharf wie die eines Adlers«, spaßte der Mime. »Wie viele Zwerge seht Ihr in diesem Raum?« Er trat zur Seite, und der Soldat kam zu Tungdil, um ihm gleich mehrere Rollen und gefaltete Papiere zu übergeben.
»Ich soll Eure Antwort umgehend zu König Bruron bringen«, sagte er und machte drei Schritte zurück zur Tür. »Ich warte draußen.«
»Nimm dir was zu essen und ruh dich ein wenig aus«, sagte Tungdil. »Es wird sicherlich dauern. Und schicke Boindil und Sirka zu mir.«
Er wartete stumm und rollte die erste Nachricht auseinander, nachdem der Bote das Zimmer verlassen hatte und die Zwerge dazugestoßen waren.
Auch Goda betrat den Raum. Anscheinend besaß sie das uneingeschränkte Vertrauen ihres Mentors. Über ihrer Augenbraue entdeckte Tungdil eine Blutkruste. Die Übungsstunden waren wohl etwas rauer ausgefallen. »Sie ist von Prinz Mallen«, las Tungdil vor. »Die ersten Vorstöße in die Höhlen Toboribors haben einen Erfolg gebracht. Das Scheusal, dem ich den Arm abtrennte, ist vernichtet.« Sein Gesicht nahm bedauernde Züge an. »Bislang hat Mallen siebenhundertelf Soldaten in den Höhlen verloren, die meisten starben durch magische Attacken aus dem Hinterhalt. Es gibt keinerlei Anzeichen, dass die Unauslöschlichen über die Macht des Diamanten verfügen. Außerdem sind die ersten Kontingente der Dritten und der Zweiten eingetroffen. Sie werden bald die Aufgabe der Soldaten übernehmen.«
»Vraccas sei ihnen gnädig und beschütze sie«, murmelte Ingrimmsch.
Tungdil nahm Gandogars Brief an sich. »Die Elben haben im Austausch etliche ihrer Krieger ins Reich der Zweiten und der Drit ten gesandt, um die Wärter an den Toren und Durchgängen zu unterstützen. Es verlaufe alles friedlich und voller Eintracht, schreibt er mir.«
»Die Broka werden bald losschlagen«, sagte Sirka düster. »Sie bringen sich in Position. Sie haben die Königinnen und Könige der Menschen in Porista vor ihren Schwertern, und sie schleichen sich in die Berge, um die Herrscher der Zwerge töten zu können. Es ist wie bei uns.« Sie ballte die Faust. »Allerdings will sie hier im Geborgenen Land niemand aufhalten.«
»Nicht ohne Beweise«, wiederholte Tungdil die Worte des Großkönigs. »Ich stand in der Versammlung kurz davor, etwas zu sagen. Gandogar verbot es mir.«
Ingrimmsch schaute zu der Untergründigen. »Es ist leider so. Niemand hätte dir oder Sündalon geglaubt. Nicht nach den Worten über die Ausrottung der Elben.«
»Es gibt keinen Grund, deswegen zu lügen. Sie waren die Gefahr, nicht wir«, hielt Sirka dagegen. »Du hast Orkblut in dir. Ich wette, dass die meisten dich und deinesgleichen als Gefahr betrachten«, grummelte er und stützte die Hände auf den Kopf des Krähenschnabels. Seit er von der Herkunft wusste, hatte sich sein Verhalten gegenüber den Fremden verändert. Er war abweisender, verächtlicher geworden. »Ubar formte uns aus flüssigem Bergesblut, in uns glüht die Kraft der Gebirge.« Sirka hatte die ewigen Gängeleien satt. Sie stand auf und kam auf Ingrimmsch zu, ihre Augen sprühten Funken und loderten vor Wut. »Ubar erschuf die Ubariu aus dem gleichen Blut, machte sie größer und stärker und gab ihnen wie uns den Hass auf die Kreaturen des Bösen. Das verbindet uns und die Ubariu, Zwerg. Und sie haben ihre Heimat und ihre Bewohner niemals verraten.« Sie deutete mit ihrer Waffe auf Goda. »Schau neben dich. Da steht eine Dritte. Kann sie das auch behaupten? Wer von uns beiden ist vertrauenswürdiger?«