»Wer bist du?«, hatte der Fremde gefragt. »Wie heißt du?«
»Ceryni«, hatte er mit piepsiger Stimme geantwortet.
Nach einer längeren Pause war das Licht schließlich näher gekommen.
»Das bist du allerdings«, hatte der Fremde erheitert bemerkt. »Und du erinnerst mich an ein anderes kleines Nagetier. Ah, jetzt weiß ich, wer du bist. Torrins Sohn. Hm. Kennst du den Preis für die Benutzung der Straße ohne die Genehmigung der Diebe?«
Cery hatte angstvoll genickt.
»Nun denn, kleiner Ceryni. Du sitzt ganz schön tief in der Klemme. Aber ich kann dir ein wenig helfen. Benutze die Straße nicht regelmäßig – aber wenn es sein muss, darfst du sie benutzen. Falls jemand fragt, sag ihm, Ravi habe es dir erlaubt. Aber vergiss nicht, du stehst in meiner Schuld. Wenn ich dich um etwas bitte, wirst du es mir geben. Wenn du mich hintergehst, wirst du nie wieder irgendeine Straße benutzen. Haben wir uns verstanden?«
Zu verängstigt, um sprechen zu können, hatte Cery nur abermals genickt.
Der Fremde hatte leise gelacht. »Gut. Und jetzt verzieh dich.« Das Licht war verschwunden, und unsichtbare Hände hatten Cery zum nächsten Ausgang der »Straße« gezogen und ihn hinausgeworfen.
Seither hatte er kaum je wieder den Fuß auf die »Straße der Diebe« gesetzt. Bei den wenigen Malen, da er in das Labyrinth zurückgekehrt war, hatte es ihn ungemein überrascht, dass seine Erinnerung an die unterirdischen Korridore nicht verblasst war. Gelegentlich war er anderen Wanderern dort begegnet, aber sie waren niemals stehen geblieben und hatten ihm auch niemals Fragen gestellt.
In den letzten Tagen hatte er das Gesetz der Diebe jedoch viel zu häufig gebrochen, um sich keine Sorgen zu machen. Wenn jemand ihn zur Rede stellte, konnte er nur darauf hoffen, dass Ravis Name noch immer etwas galt. Das allerdings würde er Sonea nicht erzählen. Es würde ihr zu große Angst machen.
Als er nun auf sie hinabblickte, stieg wieder dieses seltsame Unbehagen in ihm auf. Er hatte immer gehofft, dass sie eines Tages zurückkommen würde, obwohl er es nie wirklich geglaubt hatte. Sie war anders. Etwas Besonderes. Er hatte immer gewusst, dass sie eines Tages aus den Hütten herauskommen würde.
Und sie war wirklich etwas Besonderes, aber auf eine Art und Weise, wie er es niemals vermutet hätte. Sie gebot über Magie! Allerdings hatte sie diese Gabe auch zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt entdeckt. Warum hatte sie nicht darauf stoßen können, während sie eine Tasse Raka zubereitete oder Schuhe putzte? Warum musste sie diese Entdeckung ausgerechnet vor den Augen der Magiergilde machen?
Aber das ließ sich nicht mehr ändern, und jetzt musste er alles in seinen Kräften Stehende tun, um sie zu beschützen. Zumindest konnten sie auf diese Weise viel Zeit miteinander verbringen. Selbst wenn er deswegen seine Abmachung mit Ravi brach, war es das wert. Allerdings konnte er es kaum ertragen, sie so bedrückt zu sehen…
»Mach dir keine Sorgen. Solange die Magier in den Tunneln herumschnüffeln, werden die Diebe sich nicht darum kümmern, dass –«
»Scht!«, unterbrach sie ihn und hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Blinzelnd beobachtete er, wie sie aus dem Bett stieg und in die Mitte des Raumes trat. Dort drehte sie sich einmal um die eigene Achse und starrte dann konzentriert auf die Wände. Er spitzte die Ohren, konnte aber nichts Ungewöhnliches hören.
»Was ist los?«
Sie schüttelte den Kopf, dann wich sie plötzlich zurück. Ein Ausdruck von Angst und Überraschung breitete sich auf ihren Zügen aus. Cery sprang erschrocken auf.
»Was ist los?«, wiederholte er.
»Sie suchen nach mir«, zischte sie.
»Ich kann nichts hören.«
»Nein, natürlich nicht«, erwiderte sie mit zitternder Stimme. »Ich kann sie sehen, aber es ist kein normales Sehen. Es ist mehr ein Hören, aber dann auch wieder nicht, weil ich nicht herausfinden kann, was sie sagen. Es ist mehr so, als würden sie…« Sie biss sich auf die Unterlippe und wirbelte herum, während sie mit ihrem Blick etwas verfolgte, das seinen Sinnen nicht zugänglich war. »Sie suchen mit ihren Gedanken.«
Cery sah sie hilflos an. Wenn er noch irgendwelche Zweifel an ihren magischen Fähigkeiten gehabt hatte, waren sie jetzt endgültig beseitigt.
»Können sie dich sehen?«
Sie warf ihm einen erschrockenen Blick zu. »Ich weiß es nicht.«
Er ballte die Fäuste. Er war sich so sicher gewesen, dass er sie vor den Magiern würde beschützen können, aber es gab keinen Ort, an dem er sie davor verstecken konnte.
Er sog scharf die Luft ein, dann machte er einen Schritt auf Sonea zu und griff nach ihren Händen. »Kannst du sie daran hindern, dich zu sehen?«
Sonea machte eine hilflose Geste. »Wie? Ich weiß nicht, wie man Magie benutzt.«
»Versuch es!«, drängte er sie. »Versuch etwas. Irgendetwas!«
Sie schüttelte den Kopf, dann straffte sie sich plötzlich und atmete scharf ein. Cery beobachtete, wie jede Farbe aus ihrem Gesicht wich.
»Dieser Magier schien mich direkt anzusehen…« Sie drehte sich zu Cery um. »Aber dann ist das Gefühl verstrichen. Sie sehen immer wieder an mir vorbei.« Langsam breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. »Sie können mich nicht finden.«
Er musterte sie forschend. »Bist du dir sicher?«
Sie nickte. »Ja.«
Dann löste sie sich aus seinem Griff und ließ sich mit nachdenklicher Miene aufs Bett sinken. »Ich glaube, ich habe gestern irgendetwas getan, als dieser Magier uns um ein Haar erwischt hätte. Ich habe mich sozusagen unsichtbar gemacht. Wenn ich es nicht getan hätte, hätte er mich wahrscheinlich gefunden.« Plötzlich blickte sie auf, dann entspannte sich ihre Miene, und sie lächelte. »Es ist so, als wären sie blind.«
Cery stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Er schüttelte den Kopf. »Du hast mir wirklich Angst gemacht, Sonea. Ich kann dich vor den Augen der Magier verstecken, aber ich fürchte, es wäre ein bisschen viel verlangt, dich auch vor ihren Gedanken zu verstecken. Meiner Meinung nach solltest du weiterziehen. Mir schwebt da ein Quartier vor, das nicht zum System der Geheimgänge gehört. Dort könntest du vielleicht für ein paar Tage unterkommen.«
Das einzige Geräusch, das man in der Gildehalle vernehmen konnte, war das Wispern des Atems der dort versammelten Magier. Rothen öffnete die Augen und ließ den Blick über die Gesichter seiner Kollegen gleiten.
Wie immer, wenn er andere Magier bei höchster gedanklicher Anstrengung beobachtete, verspürte er eine vage Verlegenheit. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, ihnen nachzuspionieren, sie bei einem höchst privaten Tun zu stören.
Gleichzeitig löste ihr Mienenspiel eine beinahe kindliche Erheiterung in ihm aus. Einige Magier runzelten die Stirn, andere wirkten verwirrt oder überrascht. Die meisten von ihnen hätten genauso gut schlafen können, so glatt und friedlich waren ihre Gesichter.
Als Rothen ein leises Schnarchen hörte, musste er lächeln. Lord Sharrel hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt, und der kahle Kopf sackte ihm langsam auf die Brust. Offensichtlich hatte er seinen Geist allzu wirkungsvoll beruhigt.
— Er ist nicht der Einzige, der nicht bei der Sache ist, wie, Rothen?
Dannyl öffnete ein Auge und grinste. Rothen schüttelte missbilligend den Kopf, dann ließ er den Blick über die Gesichter der Magier wandern, um festzustellen, ob sein Freund die anderen in ihrer Konzentration gestört hatte. Dannyl zuckte kaum merklich die Achseln und schloss das Auge wieder.
Rothen seufzte. Mittlerweile hätten sie sie eigentlich finden müssen. Er runzelte die Stirn. Noch eine halbe Stunde, beschloss er. Dann holte er tief Luft und begann von Neuem mit der Übung, die den Magiern half, ihren Geist zu beruhigen.