Sie schloss die Augen. »Jonna und Ranel haben immer gesagt, dass man von den Dieben nie wieder freikommt. Sie schlagen dir ihre Haken ins Fleisch und halten dich dein Leben lang fest. Selbst wenn ein Handel abgeschlossen und erledigt ist, kannst du deine Schulden ihnen gegenüber niemals wirklich begleichen.«
Cery schüttelte den Kopf. »Ich weiß, dass du schlimme Geschichten gehört hast. Jeder hat diese Geschichten gehört. Du brauchst dich lediglich an ihre Regeln zu halten, dann werden sie dich anständig behandeln. Das hat mein Pa immer gesagt.«
»Sie haben deinen Pa getötet.«
»Er war dumm. Er hat sie verraten.«
»Was ist, wenn…?« Sie seufzte und schüttelte den Kopf. »Welche Wahl habe ich schon? Wenn ich nicht zu den Dieben gehe, wird die Gilde mich finden. Ich schätze, es ist immer noch besser, ein Sklave der Diebe zu sein, als zu sterben.«
Cery schnitt eine Grimasse. »So wird es nicht sein. Sobald du gelernt hast, deine Kräfte zu benutzen, wirst du wichtig sein und beträchtliche Macht haben. Sie werden dir eine Menge Raum lassen. Es wird ihnen nichts anderes übrig bleiben. Schließlich werden sie dich zu nichts zwingen können, was du nicht tun willst, nicht wahr?«
Sie blickte ihm beinahe unerträglich lange forschend ins Gesicht. »Du bist dir da selbst nicht sicher, hab ich Recht?«
Er zwang sich, ihr in die Augen zu sehen. »Ich bin mir sicher, dass es deine einzige Chance ist. Ich bin mir sicher, dass sie dich anständig behandeln werden.«
»Aber?«
Er seufzte. »Ich bin mir nicht sicher, was sie als Gegenleistung von dir verlangen werden.«
Sie nickte, dann lehnte sie sich zurück und starrte minutenlang an die Wand.
»Wenn du glaubst, dass ich es tun sollte, dann werde ich es tun, Cery. Lieber gehe ich zu den Dieben, als mich der Gilde auszuliefern.«
Als er ihr schneeweißes Gesicht betrachtete, kehrte das mittlerweile so vertraute Unbehagen zurück, nur dass es sich diesmal mehr wie Schuld anfühlte. Sie hatte Angst, aber sie würde den Dieben trotzdem mit ihrer gewohnten Entschlossenheit gegenübertreten. Was ihn keineswegs tröstete, sondern seine Sorgen nur verschlimmerte. Obwohl er sich nichts vormachte, was seine Fähigkeit betraf, sie zu beschützen, kam es ihm doch wie Verrat vor, sie zu den Dieben zu bringen. Er wollte sie nicht noch einmal verlieren.
Aber er hatte keine andere Wahl.
Schließlich stand er auf und ging zur Tür. »Ich werde mich auf die Suche nach Harrin und Donia machen«, erklärte er. »Kommst du allein zurecht?«
Sie blickte nicht zu ihm auf, sondern nickte nur.
Das Handtuchmädchen stand im Korridor. Er fragte sie nach Harrin und Donia, und das Mädchen deutete mit dem Kopf auf die Tür gleich nebenan. Cery biss sich auf die Unterlippe und klopfte.
»Herein«, rief Harrin.
Harrin und Donia saßen auf Simba-Matten. Donia rubbelte sich das Haar mit einem Handtuch trocken.
»Ich habe es ihr gesagt, und sie ist einverstanden.«
Harrin runzelte die Stirn. »Ich bin mir immer noch nicht sicher. Wie wäre es, wenn wir sie aus der Stadt hinausbrächten?«
Cery schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass wir weit kommen würden. Du kannst fest davon ausgehen, dass die Diebe inzwischen genau über sie Bescheid wissen. Sie haben mit Sicherheit herausgefunden, wo sie gewesen ist und wo sie gewohnt hat. Sie werden wissen, wie sie aussieht, wer ihre Eltern waren und wo ihr Onkel und ihre Tante sich jetzt aufhalten. Es wird nicht schwierig sein, von Burril und seinen Kumpanen zu erfahren, dass sie –«
»Wenn sie so viel wissen«, unterbrach ihn Donia, »warum sind sie dann nicht einfach aufgetaucht und haben sie in ihre Gewalt gebracht?«
»So arbeiten die Diebe nicht«, antwortete Cery. »Sie machen lieber Geschäfte; so sind die meisten Leute, die für sie arbeiten, zufrieden und verursachen später keinen Ärger. Sie könnten zu uns kommen und uns ihren Schutz anbieten, aber das haben sie nicht getan. Deshalb glaube ich, dass sie sich nicht sicher sind, ob sie wirklich über Magie gebietet. Wenn wir nicht zu ihnen gehen, werden sie einen von ihren Leuten ausschicken, der Sonea an die Magier ausliefert. Deshalb würden wir sie niemals aus der Stadt herausbekommen.«
Donia und Harrin tauschten einen Blick.
»Was sagt sie denn dazu?«, fragte Donia.
Cery schnitt eine Grimasse. »Sie hat die Geschichten gehört. Sie hat Angst, aber sie weiß, dass ihr nichts anderes übrig bleibt.«
Harrin stand auf. »Bist du dir wirklich sicher, dass das das Richtige ist, Cery?«, fragte er. »Ich dachte, du hättest ein Auge auf sie geworfen. Du wirst sie vielleicht nicht wiedersehen.«
Cery blinzelte überrascht, und er spürte, wie sein Gesicht heiß wurde. »Glaubst du, ich würde sie wiedersehen, wenn die Magier sie bekämen?«
Harrin seufzte leise. »Nein.«
Cery begann, im Raum auf und ab zu gehen. »Ich werde sie begleiten. Sie sollte jemanden um sich haben, der ihr vertraut ist. So kann ich mich wenigstens nützlich machen.«
Harrin fasste Cery am Arm. Er blickte ihm forschend in die Augen, dann ließ er ihn wieder los.
»Dann werden wir dich auch nicht mehr allzu häufig sehen?«
Cery schüttelte den Kopf. Gewissensbisse durchzuckten ihn. Harrin hatte vier Mitglieder seiner Bande verloren und war sich nicht mehr sicher, was die übrigen betraf. Jetzt musste er sich auch noch von seinem engsten Freund verabschieden. »Ich komme vorbei, wann immer ich kann. Gellin denkt ohnehin schon, dass ich für die Diebe arbeite.«
Harrin lächelte. »Also gut. Wann wirst du sie zu ihnen bringen?«
»Heute Nacht.«
Donia legte Cery eine Hand auf den Arm. »Aber was ist, wenn sie sie nicht haben wollen?«
Cery verzog grimmig das Gesicht. »Sie werden sie haben wollen.«
Der Flur im Wohntrakt der Magier lag still und verlassen da. Dannyls Schritte hallten laut wider, als er auf Yaldins Tür zuging. Er klopfte an und wartete. Leise Geräusche drangen aus dem Raum vor ihm. Dann erhob sich eine Frauenstimme über das Gemurmel.
»Er hat was getan?«
Einen Moment später wurde die Tür geöffnet. Ezrille, Yaldins Gemahlin, lächelte geistesabwesend und trat beiseite, um Dannyl hereinzulassen. Mehrere gepolsterte Stühle standen um einen niedrigen Tisch herum, und auf zweien davon saßen Yaldin und Rothen.
»Er hat der Garde befohlen, den Mann aus seinem Haus zu vertreiben«, sagte Yaldin.
»Nur weil er Kindern erlaubt hat, auf seinem Dachboden zu schlafen? Das ist ja schrecklich!«, entfuhr es Ezrille. Dann bedeutete sie Dannyl, Platz zu nehmen.
Yaldin nickte. »Guten Abend, Dannyl. Wollt Ihr eine Tasse Sumi?«
»Guten Abend«, erwiderte Dannyl, während er sich auf einen Stuhl fallen ließ. »Für eine Tasse Sumi wäre ich dankbar, ja. Ich habe einen langen Tag hinter mir.«
Rothen zog die Augenbrauen in die Höhe und sah seinen Freund fragend an. Dannyl zuckte die Achseln. Er wusste, dass Rothen darauf brennen würde, Näheres über seine Verhandlungen mit den Dieben zu erfahren, aber zuerst wollte Dannyl wissen, was Ezrille, die normalerweise so friedlich und versöhnlich war, derart in Wut versetzt hatte.
»Was habe ich verpasst?«
»Gestern ist einer unserer Sucher einem Informanten in ein Haus in dem besseren Teil der Hüttensiedlungen gefolgt«, erklärte Rothen. »Der Besitzer hat obdachlose Kinder auf seinem Dachboden schlafen lassen, und der Informant hat behauptet, dass sich dort auch ein älteres Mädchen versteckt halte. Unser Kollege meint, das Mädchen und seine Begleiter seien kurz vor seiner Ankunft mithilfe des Hausbesitzers entkommen. Also hat er der Wache befohlen, den Mann und seine Familie auf die Straße zu setzen.«
Dannyls Miene verdüsterte sich. »Unser Kollege? Wer…?« Er spitzte die Lippen. »Könnte es sich dabei zufällig um einen gewissen Krieger namens Fergun handeln?«
»Es könnte.«
Dannyl gab einen Knurrlaut von sich, dann lächelte er, als Ezrille ihm eine dampfende Tasse Sumi reichte. »Vielen Dank.«