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»Ja, natürlich.« Rothen zögerte. »Darf ich Euch eine Frage stellen?«

»Selbstverständlich«, erwiderte Lorlen.

»Hat Fergun gute Argumente, um seine Forderung zu stützen?«

»Vielleicht. Da er die Konsequenzen ihrer Magie zu spüren bekommen hat, war er, wie er behauptet, der Erste, der ihre Kräfte entdeckt hat. Ihr habt berichtet, dass Ihr das Mädchen gesehen habt, nachdem sie ihre Kräfte eingesetzt hatte. Ferner habt Ihr erklärt, Ihr hättet ihrem Gesichtsausdruck entnommen, dass sie die Angreiferin war, was bedeutet, dass Ihr ihre Kräfte nicht selbst gespürt habt. Es ist unklar, wie man das Gesetz in einem solchen Fall zur Anwendung bringen muss, und wenn es darum geht, ein bestimmtes Gesetz einer bestimmten Situation anzupassen, schließt sich die Mehrheit unserer Kollegen häufig der einfachsten Auslegung an.«

Rothen runzelte die Stirn. »Ja, da könntet Ihr Recht haben.«

Lorlen bedeutete Rothen, ihm zu folgen, dann ging er mit langsamen Schritten zur Arena hinüber. »Fergun ist fest entschlossen«, sagte er leise, »und er hat viele Anhänger, aber es gibt auch viele unter den Magiern, die sich auf Eure Seite stellen würden.«

Rothen nickte seufzend. »Es ist keine einfache Entscheidung. Wäre es Euch lieber, wenn ich keine Unruhe in die Gilde brächte, indem ich Ferguns Ansprüche anfechte? Das würde Euch weniger Scherereien machen.«

»Ihr fragt mich, was mir lieber wäre?« Lorlen kicherte und sah Rothen direkt in die Augen. »Wenn Ihr es nicht tut, werde ich ebenso viele Scherereien haben.« Er lächelte schief, dann neigte er den Kopf. »Auf Wiedersehen, Lord Rothen.«

»Auf Wiedersehen«, erwiderte Rothen. Sie hatten inzwischen die Treppen erreicht, die die Arena umgaben. Die Novizen hatten sich wieder zu Paaren zusammengefunden und trainierten miteinander. Rothen blieb stehen und verfolgte gedankenverloren das Geschehen in der Arena, während Lorlen zu den beiden Magiern hinunterging, die den Unterricht beobachteten. Etwas in dem Blick, den Lorlen ihm zugeworfen hatte, sagte ihm, dass sich hinter den Worten des Administrators noch etwas anderes verbarg.

Die beiden Beobachter zuckten zusammen, als Lorlen plötzlich neben ihnen erschien.

»Seid mir gegrüßt, Lord Kerrin, Lord Elben.«

»Administrator.« Die beiden Männer neigten die Köpfe, dann sahen sie hastig wieder zur Arena hinüber, wo einer der Novizen einen Schrei der Überraschung ausgestoßen hatte.

»Ein hervorragender Lehrer«, bemerkte Lord Elben und deutete begeistert auf die Arena. »Wir haben gerade darüber gesprochen, dass Lord Fergun einen würdigen Mentor für dieses Mädchen aus den Hütten abgäbe. Nach ein paar Monaten seiner strengen Führung wäre sie gewiss ebenso weltgewandt und diszipliniert wie die Besten von uns.«

»Lord Fergun ist ein verantwortungsbewusster Mann«, erwiderte Lorlen. »Ich wüsste keinen guten Grund, der dagegen spräche, dass er sich intensiv um die Ausbildung eines einzelnen Novizen bemüht.«

Nur dass er bisher keinerlei Interesse an diesen Dingen gezeigt hat, dachte Rothen. Schließlich wandte er sich ab und setzte seinen Spaziergang durch die Gärten fort.

Es war keineswegs die Regel, dass ein Magier sich besonders um die Ausbildung eines Schülers kümmerte. Nur wenige Novizen wurden derart ausgezeichnet, und wenn es geschah, handelte es sich stets um einen Schüler, der herausragendes Talent bewiesen hatte. Wie stark oder begabt dieses Mädchen auch sein mochte, es würde in jedem Falle Hilfe und Unterstützung brauchen, während es sich an das Leben in der Gilde gewöhnte. Indem er sich zu ihrem Mentor bestimmen ließ, konnte er dafür sorgen, dass ihr diese Hilfe zuteil wurde.

Er bezweifelte jedoch stark, dass Ferguns Beweggründe für seinen Antrag sich aus der gleichen Quelle speisten. Nach Lord Elbens Worten zu schließen, hatte Fergun die Absicht, aus dem ungebärdigen Straßenkind mit Gewalt eine unterwürfige und gehorsame Novizin zu machen. Falls er Erfolg haben sollte, würde seine Leistung ihm ein gewisses Maß an Lob und Bewunderung eintragen.

Wie Fergun sein Ziel erreichte, würde gewiss interessant sein, da die Kräfte des Mädchens scheinbar besonders stark waren und seine eher schwach. Wenn sie es sich in den Kopf setzte, sich gegen ihn aufzulehnen, würde er sie nicht daran hindern können.

Aus diesem und anderen Gründen legte man den Magiern im Allgemeinen nahe, keinen Schützling unter die Fittiche zu nehmen, dessen Kräfte stärker waren als die eigenen. Schwache Magier wurden daher nur sehr selten zu Mentoren ernannt. Und wenn sie sich einem Novizen mit einem geringeren magischen Potenzial, als sie selbst es besaßen, zuwandten, lenkten sie damit lediglich Aufmerksamkeit auf ihre eigenen Mängel – und auf die Schwäche des betreffenden Novizen.

Aber bei diesem Straßenmädchen lagen die Dinge anders. Niemand würde sich dafür interessieren, wenn Fergun sie durch seine eigenen Grenzen bei ihren Studien behinderte. Soweit es die meisten seiner Kollegen betraf, konnte sie von Glück sagen, überhaupt ausgebildet zu werden.

Und wenn seine Bemühungen scheiterten, wer würde Fergun dann einen Vorwurf machen? Er konnte sich stets auf ihre Herkunft berufen… und wenn er ihre Ausbildung vernachlässigte, würde ihn deswegen niemand zur Rede stellen…

Rothen schüttelte den Kopf. Langsam fing er an, genauso zu denken wie Dannyl. Fergun war bereit, dem Mädchen zu helfen, was durchaus eine noble Geste war. Im Gegensatz zu Rothen, der bereits der Mentor zweier Novizen gewesen war, konnte Fergun sich auf diese Weise ein gewisses Maß an Ruhm verschaffen – und daran war nichts auszusetzen. Zumindest schien Lorlen so zu denken.

Oder vielleicht doch nicht? Was hatte Lorlen genau gesagt? Wenn Ihr es nicht tut, werde ich ebenso viele Scherereien haben.

Rothen kicherte leise, als ihm endlich die wahre Bedeutung von Lorlens Worten aufging. Wenn er Recht hatte, glaubte Lorlen, dass ihm in jedem Fall Scherereien ins Haus standen. Es würde Ärger geben, wenn er Fergun zum Mentor des Mädchens bestimmte, und es würde Ärger geben, wenn es in dieser Angelegenheit zum Streit käme.

Was bedeutete, dass Lorlen Rothen indirekt seine Unterstützung zu verstehen gegeben hatte, ein seltenes Ereignis.

Wie immer sagten Soneas Beschützer kein Wort, während sie sie durch die Tunnel führten. Abgesehen von den Wochen, die sie in ihrem ersten Versteck zugebracht hatte, war sie seit der Säuberung fast ständig in Bewegung gewesen. Der einzige erfreuliche Unterschied zu ihrer früheren Lage war der, dass sie jetzt keine Entdeckung zu befürchten brauchte.

Der Anführer ihrer kleinen Gruppe blieb vor einer Tür stehen und klopfte. Im Eingang erschien ein vertrautes, dunkles Gesicht.

»Bleibt hier und bewacht die Tür«, befahl Faren. »Komm herein, Sonea.«

Als sie den Raum betrat, hüpfte ihr Herz vor Freude, denn hinter Faren stand eine kleinere Gestalt.

»Cery!«

Er grinste und zog sie hastig an sich. »Wie geht es dir?«

»Gut«, antwortete sie. »Und dir?«

»Ich freue mich, dich wiederzusehen.« Er blickte ihr forschend ins Gesicht. »Du siehst besser aus.«

»Ich bin seit – hm, seit mehreren Tagen keinem Magier mehr begegnet«, sagte sie und sah kurz zu Faren hinüber.

Der Dieb kicherte. »Anscheinend haben wir sie überlistet.«

Der Raum war klein, aber behaglich. An der einen Seite brannte ein üppiges Feuer. Faren führte sie zu drei Stühlen hinüber. »Hast du irgendwelche Fortschritte gemacht, Sonea?«

Sie zuckte leicht zusammen. »Nein, bisher nicht. Ich versuche es immer wieder, aber es passiert nie das, was ich will.« Sie runzelte die Stirn. »Obwohl inzwischen fast immer irgendetwas passiert. Früher habe ich stets einige Anläufe gebraucht, bis es so weit war.«

Faren lehnte sich zurück und lächelte. »Nun, das ist ein Fortschritt. Haben die Bücher dir geholfen?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich verstehe sie nicht.«