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»Von hier aus kannst du sogar einen Teil des königlichen Palastes sehen«, bemerkte Cery.

Hinter der hohen inneren Mauer ragten die Türme des Palastes auf, und man konnte eine glitzernde Kuppel erkennen.

»Dort bin ich noch nie gewesen«, flüsterte Cery. »Aber eines Tages werde ich hineingelangen.«

Sonea lachte laut auf. »Du? In den Palast des Königs?«

»Das ist etwas, das ich mir selbst geschworen habe«, erklärte er ihr, »dass ich wenigstens einmal in jedes der großen Stadtschlösser hineinkommen werde.«

»Wo bist du denn bisher schon gewesen?«

Er zeigte auf die Tore zum Inneren Ring. Durch den Eingang konnte Sonea die Mauern und Dächer der Villen auf der anderen Seite erkennen, die von dem gelben Schein der Straßenlaternen beleuchtet wurden.

»Ich war in einigen der großen Häuser dort.«

Sie schnaubte ungläubig. Bei ihren Botengängen für Jonna und Ranel hatte sie bisweilen in den Inneren Ring gehen müssen. In den Straßen patrouillierten Wachsoldaten, die jeden befragten, der nicht kostbar gewandet war oder die Dienstbotenuniform eines der Häuser trug. Ihre Kunden dort hatten ihr ein kleines Abzeichen mitgegeben, damit man sofort sah, dass sie erlaubten Geschäften nachging.

Und jeder ihrer Besuche im Inneren Ring hatte neue Wunder enthüllt. Sie erinnerte sich nur allzu gut an ungewöhnliche Häuser in fantastischen Formen und Farben, einige davon mit Terrassen und Türmen, die so zierlich aussahen, als müssten sie unter ihrem eigenen Gewicht einstürzen. Selbst die Dienstbotenquartiere waren luxuriös gewesen.

Die schlichteren Häuser, die sie jetzt umgaben, waren ihr vertrauter. Im Nordviertel lebten Kaufleute und Familien von geringerem Rang. Sie hatten nur wenige Diener und nutzten für alle anderen Belange des Lebens die Dienste der Zünftler. Im Laufe der beiden Jahre, die Jonna und Ranel dort gearbeitet hatten, hatten sie einen festen Kundenstamm gewonnen.

In die Fenster, die sie von ihrem Platz aus sehen konnte, waren bemalte Papierblenden eingesetzt. Durch einige erkannte sie jetzt die Schatten von Menschen. Mit einem leisen Seufzer dachte sie an die Kunden, die ihre Tante und ihr Onkel verloren hatten, als die Wachen sie aus dem Bleibehaus vertrieben hatten. »Wohin jetzt?«

Er lächelte. »Folg mir.«

Sie setzten ihren Weg über die Dächer fort. Anders als die Bewohner der Hütten kamen die Städter den Dieben nicht immer entgegen, indem sie Brücken oder Haltegriffe dort beließen, wo die Diebe sie angebracht hatten. Immer wieder mussten Cery und Sonea auf den Boden hinunter, wenn sie eine Wegbiegung erreichten. Und da in den größeren Straßen Wachsoldaten patrouillierten, mussten sie häufig warten, bis die Männer vorbeimarschiert waren, bevor sie die Straße überqueren konnten.

Nach einer Stunde legten sie eine kurze Rast ein, und als schließlich eine dünne Mondsichel über dem Horizont erschien, gingen sie weiter. Sonea folgte Cery ohne ein Wort, denn sie musste sich in dem schwachen Licht darauf konzentrieren, wohin sie ihre Füße setzte. Als er endlich stehen blieb, überwältigte sie die Erschöpfung beinahe, und sie ließ sich stöhnend zu Boden sinken.

»Ich hoffe, wir sind bald da«, sagte sie. »Ich bin todmüde.«

»Es ist jetzt nicht mehr weit«, beruhigte Cery sie.

Sie folgte ihm über eine Mauer in einen großen, gepflegten Garten. Die Bäume dort waren hoch und regelmäßig gewachsen. Er führte sie an einer Mauer entlang, die überhaupt kein Ende zu nehmen schien.

»Wo sind wir?«

»Du wirst es gleich sehen«, antwortete Cery.

Sonea stolperte plötzlich und prallte gegen einen Baum. Wie rau seine Borke war! Sie blickte auf. Ungezählte Bäume standen wie Wächter vor ihr. In der Dunkelheit wirkten sie fremdartig und finster, ein Wald krallenbewehrter Arme.

Ein Wald? Sie runzelte die Stirn und erschauderte dann. Es gibt keine Gärten im Nordviertel, und es gibt überhaupt nur einen einzigen Wald in Imardin…

Ihr Herz begann zu rasen. Sie rannte hinter Cery her und packte ihn am Arm. »He! Was tust du?«, stieß sie hervor. »Wir sind in der Gilde!«

Seine Zähne blitzten auf. »Stimmt.«

Sie starrte ihn an. Er war nur eine schwarze Silhouette in dem mondbeschienenen Wald, und sie konnte seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen. Ein schrecklicher Verdacht beschlich sie. Es war doch unmöglich, dass er… Er würde nicht… nicht Cery. Nein, er würde sie niemals den Magiern ausliefern.

Er legte seine Hand auf ihre Schulter. »Keine Angst, Sonea. Denk doch einmal darüber nach. Wo sind die Magier? In den Hüttenvierteln. Also wirst du hier sicherer sein als dort.«

»Aber… haben sie denn keine Wachen?«

»Ein paar an den Toren, das ist alles.«

»Patrouillen?«

»Nein.«

»Was ist mit einer magischen Mauer?«

»Nein.« Er lachte leise. »Sie glauben wahrscheinlich, dass die Menschen zu große Angst vor ihnen haben, um hier einzudringen.«

»Woher weißt du, ob es eine Mauer oder Wachen in der Gilde gibt?«

Er kicherte. »Ich war schon mal hier.«

Sie sog scharf die Luft ein. »Warum?«

»Nachdem ich beschlossen hatte, dass ich jeden Ort in der Stadt besuchen würde, bin ich hergekommen und habe ein wenig herumgeschnüffelt. Damals konnte ich gar nicht fassen, wie einfach es war. Ich habe natürlich nicht versucht, in eins der Gebäude einzudringen, sondern die Magier nur durch die Fenster beobachtet.«

Sonea sah sein umschattetes Gesicht ungläubig an. »Du hast die Gilde ausspioniert?«

»Na klar. Und es war hochinteressant. Sie haben hier einige Gebäude, in denen sie die neuen Magier unterrichten, und andere, in denen sie leben. Beim letzten Mal habe ich die Heiler bei der Arbeit gesehen. Das war ein echtes Erlebnis. Sie haben sich um einen Jungen gekümmert, dessen Gesicht von Schnittwunden übersät war. Als der Heiler ihn berührte, haben die Wunden sich einfach geschlossen. Erstaunlich.« Er hielt inne und wandte ihr das Gesicht zu. »Weißt du noch, wie du einmal gesagt hast, du wünschtest dir, jemand würde dir zeigen, wie man Magie benutzt? Wenn du sie beobachtest, siehst du vielleicht etwas, das dir beim Lernen helfen kann.«

»Aber… die Gilde, Cery.«

Er zuckte die Achseln. »Ich würde dich nicht hierher bringen, wenn ich glaubte, es sei wirklich gefährlich, oder?«

Sonea schüttelte den Kopf. Sie fühlte sich schrecklich, weil sie an ihm gezweifelt hatte. Wenn er die Absicht gehabt hätte, sie auszuliefern, hätte er die Magier einfach nur in ihr Versteck führen müssen. Aber er würde sie niemals verraten. Obwohl seine Erklärung absolut unglaublich war.

Wenn das hier eine Falle ist, ist es ohnehin bereits um mich geschehen.

Sie drängte den Gedanken mit aller Macht beiseite und konzentrierte sich stattdessen auf Cerys Vorschlag.

»Glaubst du wirklich, dass wir das tun können?«

»Natürlich.«

»Das ist Wahnsinn, Cery.«

Er lachte. »Versuch es wenigstens. Wir werden bis zur Straße gehen, und dann kannst du dich selbst davon überzeugen, wie einfach es ist. Wenn du es nicht versuchen möchtest, kehren wir um. Aber lass uns jetzt weitergehen.«

Sonea schluckte ihre Angst herunter und folgte ihm durch die Bäume. Der Wald wurde ein wenig lichter, und durch die Zweige konnte sie Mauern erkennen. Cery, der sich vorsichtig im Schatten hielt, näherte sich bis auf zwanzig Schritte einer Straße, dann trat er hinter den Stamm eines mächtigen Baumes.

Sonea eilte ihm nach und drückte sich an einen anderen Baum. Ihre Beine schienen mit einem Mal alle Kraft verloren zu haben, und sie fühlte sich benommen und schwindlig. Cery grinste, dann zeigte er auf etwas hinter den Bäumen.

Sonea blickte zu dem Gebäude vor sich auf und schnappte nach Luft.

12

Der letzte Ort, an dem sie suchen würden

Das Gebäude war so hoch, dass es beinahe die Sterne zu berühren schien.