Выбрать главу

Ein großer, muskulöser Mann trat aus dem Schatten in das orangefarbene Licht der Feuer. Er beugte sich vor, um Sonea hochzuheben, aber als er sie berührte, öffnete sie flatternd die Lider. Jarin zog die Hände zurück und entfernte sich hastig von ihr.

»Cery?«, murmelte sie.

Cery eilte an ihre Seite. Sie blinzelte langsam, als versuche sie, ihn zu erkennen.

»Hallo«, sagte er lächelnd.

Sie hatte die Augen bereits wieder geschlossen. »Sie sind uns nicht gefolgt, Cery. Sie haben uns einfach gehen lassen. Ist das nicht eigenartig?«

Als sie die Augen wieder aufschlug, warf sie einen Blick über die Schulter. »Faren?«

»Du bist wach«, bemerkte Faren. »Du hättest mindestens noch zwei Stunden schlafen sollen.«

Sie gähnte. »Ich fühle mich aber nicht wach.«

Cery kicherte. »Du siehst auch nicht wach aus. Schlaf einfach weiter. Du brauchst Ruhe. Wir werden dich irgendwo hinbringen, wo du in Sicherheit bist.«

Sie nickte und schloss die Augen. Ihre Atmung nahm wieder den trägen Rhythmus des Schlafes an. Faren gab Jarin ein Zeichen und deutete dann auf das bewusstlose Mädchen.

Der große Mann nahm sie widerstrebend auf die Arme. Soneas Lider flatterten kurz, aber sie wachte nicht noch einmal auf. Faren griff nach einer Lampe, ging zu der Falltür hinüber, öffnete sie mit einem Tritt und schob sich hindurch.

Schweigend gingen sie durch die Korridore. Als Cery einen Blick auf Soneas Gesicht warf, krampfte sich ihm das Herz zusammen. Das altvertraute Unbehagen war inzwischen mächtiger geworden als alles, was er je zuvor empfunden hatte. Es hielt ihn nachts wach und quälte ihn bei Tag, und er konnte sich kaum noch an eine Zeit erinnern, als er noch nicht an diesem Gefühl gekrankt hatte.

Er hatte vor allem Angst um sie, aber seit einigen Wochen hatte er auch Angst, in ihrer Nähe zu sein. Die Magie, über die sie gebot, hatte sich endgültig ihrem Zugriff entzogen. Jeden Tag, manchmal jede Stunde, explodierte irgendetwas in ihrer Nähe, brach in Flammen aus oder zerfiel zu Trümmern. Am Morgen hatte sie noch darüber gelacht und gescherzt, dass sie inzwischen reichlich Übung darin habe, Feuer zu löschen und fliegenden Gegenständen auszuweichen.

Wann immer ihre Magie die Oberhand gewann, kamen Magier aus allen Teilen der Stadt herbeigelaufen. Sonea war praktisch ständig in Bewegung gewesen und hatte mehr Zeit in den Tunneln verbracht als in Farens Verstecken. Kein Wunder, dass sie zu Tode erschöpft und unglücklich war.

Gedankenverloren, achtete Cery kaum auf den Weg. An einer Stelle stiegen sie eine steile Treppe hinunter und kamen kurz darauf unter einem riesigen Steinbrocken vorbei. Als er den Sockel des Äußeren Walls erkannte, wusste er, dass sie auf dem Weg ins Nordviertel waren, und er fragte sich, wer Farens rätselhafter Freund wohl sein mochte.

Nicht lange danach blieb Faren stehen und befahl dem Wachposten, Sonea abzusetzen. Als sie diesmal erwachte, schien sie ein wenig mehr von ihrer Umgebung wahrzunehmen. Faren zog seinen Mantel aus, und mit Jarins Hilfe gelang es ihm, Soneas Arme in die Ärmel zu schieben und ihr die Kapuze über die Stirn zu ziehen.

»Meinst du, du kannst gehen?«, fragte er sie.

Sie zuckte die Achseln. »Ich werde es versuchen.«

»Wenn wir jemandem begegnen, halt dich möglichst im Hintergrund«, sagte er.

Zuerst brauchte sie Hilfe, aber nach einigen Minuten hatte sie das Gleichgewicht wiedergefunden. Sie wanderten noch einmal eine halbe Stunde durch die Tunnel und begegneten, je weiter sie kamen, immer mehr Menschen, die ebenfalls in den Korridoren unterwegs waren. Schließlich blieb Faren vor einer Tür stehen und klopfte an. Ein Wachposten öffnete ihnen und ließ sie in einen kleinen Raum eintreten, bevor er an eine zweite Tür klopfte.

Ein kleiner, dunkelhäutiger Mann mit einer spitzen Nase öffnete die Tür und musterte den Dieb von Kopf bis Fuß.

»Faren«, sagte er. »Was führt dich hierher?«

»Geschäfte«, antwortete Faren.

Cery runzelte die Stirn. Die Stimme kam ihm irgendwie vertraut vor. Dann wurden die runden Augen des Mannes mit einem Mal schmal.

»Kommt herein.«

Faren trat durch die Tür, hielt noch einmal inne und zeigte auf seine Wachposten. »Ihr bleibt hier«, erklärte er. Dann deutete er mit dem Kopf auf Cery und Sonea. »Ihr beide kommt mit mir.«

Der Mann runzelte die Stirn. »Ich möchte nicht…« Er zögerte, besah sich Cery noch einmal genauer und lächelte schließlich. »Ah, das ist der kleine Ceryni. Du hast Torrins Waisenjungen also bei dir behalten, Faren. Ich hatte mich schon gefragt, ob du das tun würdest.«

Cery lächelte, als ihm klar wurde, wer der Mann war. »Hallo, Ravi.«

»Kommt herein.«

Cery trat in den Raum, und Sonea folgte ihm. Als er sich umsah, fiel Cerys Blick auf einen alten Mann, der in einem Sessel saß und sich über den langen weißen Bart strich. Cery nickte, aber der Mann ließ seinen höflichen Gruß unbeantwortet.

»Und wer ist das da?«, fragte Ravi und nickte dabei in Soneas Richtung.

Faren zog ihr die Kapuze aus dem Gesicht. Sonea sah Ravi an. Ihre Pupillen waren groß und schwarz, eine Folge der Droge.

»Das ist Sonea«, sagte Faren, und seine Lippen verzogen sich zu einem freudlosen Lächeln. »Sonea, ich möchte dich mit Ravi bekannt machen.«

»Hallo«, murmelte Sonea.

Ravi wich einen Schritt zurück. Sein Gesicht war schneeweiß geworden. »Das ist… sie? Aber ich –«

»Wie könnt ihr es wagen, sie hierher zu bringen!«

Sie wandten sich alle gleichzeitig in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Der alte Mann hatte sich auf die Füße gezogen und funkelte Faren wütend an. Sonea unterdrückte einen Schrei und taumelte rückwärts.

Faren legte ihr die Hände auf die Schultern, um ihr Halt zu geben. »Keine Angst, Sonea«, sagte er besänftigend. »Er würde es nicht wagen, dir etwas anzutun. Wenn er es täte, müssten wir der Gilde nämlich alles über ihn erzählen, und den Magiern wäre es gar nicht recht, wenn sie entdecken müssten, dass er keineswegs tot ist, wie sie es vermuten.«

Cery starrte den alten Mann an. Plötzlich begriff er, warum der Fremde sich nicht die Mühe gemacht hatte, seinen Gruß zu erwidern.

»Verstehst du«, fuhr Faren jetzt in selbstgefälligem Tonfall fort, »du und er, ihr habt eine Menge gemeinsam, Sonea. Ihr steht beide unter dem Schutz der Diebe, ihr verfügt beide über Magie, und ihr wollt beide nicht von der Gilde gefunden werden. Und jetzt, da du unseren Freund Senfel kennen gelernt hast, wird ihm nichts anderes übrig bleiben, als dir zu zeigen, wie du deine Magie kontrollieren kannst – denn wenn er es nicht tut, könnten die Magier dich vielleicht finden, und du könntest ihnen vielleicht eine Menge Dinge über ihn erzählen.«

»Er ist ein Magier?«, wisperte sie und starrte den alten Mann mit großen Augen an.

»Ein ehemaliger Magier«, korrigierte Faren sie.

Zu Cerys Erleichterung flackerte in Soneas Augen keine Furcht auf, sondern Hoffnung.

»Ihr könnt mir helfen?«, fragte sie.

Senfel verschränkte die Arme vor der Brust. »Nein.«

»Nein?«, wiederholte sie leise.

Der alte Mann runzelte die Stirn, dann verzog er verächtlich die Lippen. »Wenn du sie unter Drogen setzt, machst du damit alles nur noch schlimmer, Dieb.«

Sonea sog scharf die Luft ein. Als Cery sah, dass die Angst in ihren Blick zurückgekehrt war, trat er neben sie und griff nach ihren Händen.

»Es ist alles in Ordnung«, flüsterte er ihr zu. »Es war nur eine Schlafdroge.«

»Nein, nichts ist in Ordnung«, widersprach Senfel. Dann wandte er sich mit wütendem Gesichtsausdruck wieder an Faren. »Ich kann ihr nicht helfen.«

»Du hast keine andere Wahl«, entgegnete Faren.

Senfel lächelte. »Ach ja? Dann geh doch zur Gilde. Erzähl ihnen, dass ich hier bin. Es ist mir lieber, dass die Magier mich finden, als zu sterben, wenn die Kleine die Kontrolle über ihre Kräfte verliert.«

Als er spürte, wie Sonea sich verkrampfte, trat Cery auf den alten Mann zu. »Hör auf, ihr Angst zu machen«, zischte er.