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Senfel musterte ihn, dann huschte sein Blick zu Sonea hinüber. Sie sah ihm herausfordernd in die Augen. Die Miene des alten Mannes wurde ein wenig weicher.

»Geh zu ihnen«, drängte er sie. »Sie werden dich nicht töten. Schlimmstenfalls werden sie deine Kräfte binden, so dass du sie nicht benutzen kannst. Das wäre doch immerhin besser als der Tod, oder?«

Sonea funkelte ihn immer noch trotzig an. Senfel straffte sich und bedachte Faren mit einem stählernen Blick.

»Es sind mindestens drei Magier in der Nähe. Es würde mich nur wenig Mühe kosten, sie herzurufen, und ich könnte euch ohne Weiteres bis zu ihrem Eintreffen hier im Haus festhalten. Habt ihr immer noch den Wunsch, mich an die Gilde zu verraten?«

Faren biss die Zähne zusammen und hielt dem Blick des Magiers stand. Schließlich schüttelte er den Kopf. »Nein.«

»Dann geht jetzt, und wenn sie wieder nüchtern ist, wiederholt ihr, was ich soeben gesagt habe. Wenn sie nicht Hilfe bei der Gilde sucht, wird sie sterben.«

»Dann könnt auch Ihr Sonea helfen«, warf Cery ein.

Der alte Mann schüttelte den Kopf. »Nein, das kann ich nicht. Meine Kräfte sind zu schwach, und das Mädchen ist schon zu weit. Nur die Gilde kann ihr jetzt noch helfen.«

Der Besitzer des Bolhauses zog ein Fass hervor, hievte es hoch und ließ es mit einem Ächzen auf die Theke fallen. Während er sich daranmachte, einige Becher zu füllen und sie am Tisch zu verteilen, bedachte er Dannyl mit einem vielsagenden Blick. Zu guter Letzt beugte er sich vor, stellte mit einem vernehmlichen Krachen einen Becher vor Dannyl hin, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete.

Dannyl sah den Mann nervös an und schob ihm eine Münze hin. Der Mann zuckte nicht mit der Wimper. Dannyl beäugte seinen Becher, bis ihm klar wurde, dass es sich nicht länger vermeiden ließ. Er würde das Zeug trinken müssen.

Er hob den Becher, nahm einen zaghaften Schluck und blinzelte dann überrascht. Ein süßes, schweres Aroma breitete sich in seinem Mund aus. Der Geschmack war vertraut, und nach dem zweiten Schluck erkannte er ihn. Chebol-Sauce, aber ohne die Gewürze.

Er trank weiter, und schon bald stieg eine wohlige Wärme in ihm auf. Er prostete dem Besitzer des Lokals zu, der daraufhin zufrieden den Kopf neigte. Er hörte jedoch nicht auf, ihn zu beobachten, und Dannyl war erleichtert, als ein junger Mann in den Schankraum trat und den Wirt in ein Gespräch verwickelte.

»Was machen die Geschäfte, Kol?«

Der Mann breitete die Hände aus. »Das Übliche.«

»Wie viele Fässer willst du diesmal?«

Die beiden begannen zu feilschen, und Dannyl lauschte interessiert. Nachdem sie sich auf einen Preis geeinigt hatten, ließ der Neuankömmling sich auf einem Stuhl nieder und seufzte.

»Wo ist eigentlich dieser Fremde abgeblieben? Der mit dem protzigen Ring?«

»Du meinst den Sachakaner?« Der Wirt zuckte die Achseln. »Den haben sie vor ein paar Wochen erledigt. Man hat ihn in der Gasse gefunden.«

»Wirklich?«

»Allerdings.«

Dannyl schnaubte leise. Ein passendes Ende, ging es ihm durch den Kopf.

»Hast du schon von dem Feuer letzte Nacht gehört?«, fragte der Wirt.

»Ich wohne in der Nähe. Es hat die ganze Straße ausgelöscht. Nur gut, dass wir nicht Sommer haben. Sonst wäre womöglich das gesamte Hüttenviertel abgebrannt.«

»Nicht dass die Städter sich darum scheren würden«, meinte der Wirt. »Das Feuer hat vor der Stadtmauer Halt gemacht.«

Plötzlich legte jemand Dannyl eine Hand auf die Schulter. Er blickte auf und erkannte den dünnen Mann, den die Diebe zu seinem Führer bestimmt hatten. Der Mann deutete mit einer ruckartigen Kopfbewegung zur Tür.

Dannyl trank seinen Bol aus und stellte den Becher beiseite. Als er aufstand, nickte der Besitzer ihm freundlich zu. Dannyl erwiderte den Gruß mit einem Lächeln, dann folgte er seinem Führer zur Tür.

15

Auf die eine oder andere Weise…

Sonea sah zu, wie das Wasser durch einen Riss hoch oben in einer der Mauern sickerte, sich zu einem Rinnsal zusammenfand, an dem verwaisten Lampenhaken hinunterlief und dann auf den harten Fußboden spritzte.

Ihr neuestes Versteck hatte Faren mit großer Umsicht ausgewählt. Es war ein leerstehender, unterirdischer Lagerraum mit Ziegelmauern und einem steinernen Sims als Bett. Es gab hier nichts, was von Wert war oder verbrennen konnte.

Nichts, außer ihr selbst.

Bei dem Gedanken daran überlief sie ein Angstschauer. Sie schloss die Augen und schob den Gedanken hastig beiseite.

Sie wusste nicht, wie lange sie schon in diesem Raum war. Es hätten Tage sein können oder auch nur Stunden. Sie hatte keine Möglichkeit, das Verstreichen der Zeit zu messen.

Aber bisher hatte sie noch kein einziges Mal die vertraute Veränderung in ihrem Geist gespürt. Die Liste von Gefühlen, die ihre Kräfte freizusetzen vermochten, war so lang geworden, dass Sonea inzwischen gar nicht mehr mitzählte. Sie lag auf dem steinernen Bett und konzentrierte sich einzig darauf, ruhig zu bleiben. Wann immer irgendein Gedanke diese Ruhe zu stören drohte, holte sie tief Luft und schob ihn von sich. Inzwischen hatte sich ein tröstliches Gefühl der Leere in ihr ausgebreitet.

Vielleicht war das die Wirkung des Getränks, das Faren ihr gegeben hatte.

Wenn du sie unter Drogen setzt, machst du damit alles nur noch schlimmer. Bei der Erinnerung an den seltsamen Traum, den sie nach dem Brand gehabt hatte, fröstelte sie. In diesem Traum hatte sie in den Hütten einen Magier aufgesucht. Obwohl ihre Fantasie einen Helfer erfunden hatte, waren seine Worte keineswegs beruhigend gewesen. Sonea atmete tief durch und verbannte die Erinnerung aus ihren Gedanken.

Offensichtlich war es ein Trugschluss gewesen, anzunehmen, dass sie einen Vorrat an Zorn in sich tragen musste, den sie heraufbeschwören konnte, wenn sie Magie benutzen wollte. Inzwischen bewunderte sie die Magier, denen es gelang, ihre Kräfte derart zu kontrollieren, aber die Erkenntnis, dass sie gefühllose Wesen waren, gab ihr wahrhaftig keinen Grund, sie zu mögen.

Sie vernahm ein leises Klopfen, dann wurde die Tür geöffnet. Sie kämpfte die aufkeimende Furcht nieder, stand von ihrem Bett auf und blickte zu dem nur langsam breiter werdenden Türspalt hinüber. Cery stand mit vor Anstrengung verzerrtem Gesicht auf der anderen Seite. Als es ihm schließlich gelang, die schwere Metalltür aufzudrücken, schlüpfte er hindurch und gab ihr ein Zeichen.

»Du musst wieder umziehen.«

»Aber ich habe doch gar nichts getan.«

»Vielleicht war es dir nicht bewusst.«

Während sie sich durch die Tür schob, fragte sie sich, was seine Worte bedeuten mochten. Hatte die Droge dazu geführt, dass sie es nicht einmal mehr bemerkte, wenn die Magie aus ihrem Geist strömte? Sie hatte nichts explodieren oder in Flammen aufgehen sehen. Hatten ihre Kräfte immer noch ein Eigenleben, auch wenn sie sich weniger zerstörerisch auswirkten?

Diese Fragen brachten sie gefährlich nahe an den Rand starker Gefühle, daher unterdrückte sie sie mit aller Macht. Sie folgte Cery und konzentrierte sich darauf, weiterhin Ruhe zu bewahren. Schließlich blieb er stehen und stieg eine in die Mauer eingelassene, rostige Leiter hinauf. Nachdem er die Bodentür aufgedrückt hatte, schob er sich durch die Öffnung. Frischer Schnee rieselte in den Tunnel.

Sonea, die dicht hinter ihm war, spürte einen kalten Lufthauch auf ihrem Gesicht, dann trat sie hinaus in helles Tageslicht. Sie standen in einer verlassenen Gasse. Während sie sich den Schnee von den Kleidern klopfte, grinste Cery sie jungenhaft an.

»Du hast Schneeflocken im Haar«, sagte er. Er beugte sich vor, um die weißen Kristalle wegzuwischen, keuchte jedoch auf und riss die Hand zurück.

»Autsch! Was…?« Er versuchte es noch einmal und zuckte zusammen. »Du hast eine von diesen Barrieren erschaffen, Sonea.«

»Nein, habe ich nicht«, antwortete sie, immer noch fest davon überzeugt, dass sie keinerlei Magie benutzt hatte. Sie streckte ihrerseits die Hand aus und zuckte vor Schmerz zusammen, als sie auf eine unsichtbare Mauer traf. Im nächsten Moment nahm sie eine Bewegung hinter Cerys Schulter wahr und sah an ihm vorbei. Ein Mann war soeben in die Gasse getreten und kam auf sie zu.