Sie seufzte und lehnte sich in ihrem Sitz zurück. Adrienne fühlte sich zu müde und enttäuscht, um lange wütend zu bleiben. Wie tief war sie nur gefallen, daß sie hier enden mußte, in diesem Loch. Ein schmutziges Wrack in einem schmuddeligen Appartement, das versuchte, sich Einladungen und Unterstützung zu verschaffen von niedrigeren Familien und langweiligen Bekanntschaften, die sie nur wenige Monate zuvor verächtlich abgelehnt hätte. Nicht, daß Adrienne exzentrisch war. Sie war immer stolz darauf gewesen, daß sie alle Menschen gleichermaßen verachtete.
Und jetzt saß sie hier und versuchte, ihre Position mit Hilfe der einzigen Karte zu verbessern, die sie noch ausspielen konnte: Finlay.
Er hatte es fertiggebracht, spurlos zu verschwinden, und Adrienne damit ziemlich überrascht. Der Finlay, den sie kannte, war ein Dilettant gewesen, in jeder Beziehung. Aber eine Menge Leute suchten ihn trotzdem, aus Gründen, die man Adrienne nicht verraten wollte, und sie wollten über sie an ihn herankommen. Entweder durch Bestechung oder durch Drohungen. Adrienne wußte nichts – was sie nicht davon abhielt, das Geld zu nehmen und Finlays Verfolger mit Hinweisen und falschen Fährten so lange hinzuhalten, bis sie ihr schließlich auf die Schliche kommen würden. Die Drohungen ignorierte sie. Robert und seine Freunde beim Militär schützten Adrienne, und jeder wußte das. Niemand wollte sich in einer offenen Konfrontation mit dem Militär die Finger verbrennen, und das wegen einer Information, von der noch nicht einmal sicher war, ob Adrienne sie besaß. Die Flotte hatte ein langes Gedächtnis, was diese Dinge anging, und außerdem war sie nachtragend.
Also spielte Adrienne unbehelligt ihre Spielchen, ein kleiner Fisch in einem großen Teich, während sie versuchte, nicht von den großen Haien gefressen zu werden.
Sie ging davon aus, daß sie gegenwärtig nicht im Spiel war.
Immerhin lebte sie noch – wenn man das Leben nennen wollte.
Adrienne schniefte wütend und funkelte ihr Spiegelbild in der Mattscheibe an. In letzter Zeit hatte sie eine Menge nachgedacht und war zu der unbequemen Schlußfolgerung gelangt, daß sie sich selbst nicht besonders mochte. Adrienne war immer so sehr damit beschäftigt gewesen, alles negativ zu sehen, daß sie nichts Positives mehr erkennen konnte. Nicht einmal sich selbst. Aber sie wußte, daß sie zumindest in einer Beziehung richtig gehandelt hatte. Adrienne hatte ihre Persönlichkeit mit Umsicht und Vorsatz entwickelt. Sie war rauh und kompromittierend, weil es die einzige Möglichkeit für sie war, etwas zu erreichen. Wenn man weich war, wurde man nur verletzt oder schlimmer noch: getötet. Die gehobenen Gesellschaftsschichten glaubten an das Gesetz des Stärkeren. Das Überleben der Tüchtigsten. Außerdem hatte Adrienne stets genossen, laut, widerlich und rüde zu sein. Vielleicht nur aus dem einen Grund, weil sie so gut darin war. Doch all ihre Stärke und Härte und ihre schlaue, böswillige Zunge hatten sie nicht retten können, als es dem Feldglöck-Clan an den Kragen gegangen war.
Wenigstens ihre Kinder waren an einem sicheren Ort, in einer Kadettenanstalt. Nicht genau die Zukunft, die Adrienne für den Nachwuchs geplant hatte, aber zumindest ein sicherer Zufluchtsort. Robert hatte es arrangiert. Eigenartig, der Gedanke, daß der naive junge Mann mit dem unsicheren Lächeln jetzt der Feldglöck war. Das Oberhaupt der Familie. Niemand außer Finlay konnte Robert diesen Anspruch streitig machen, und Finlay hatte all seine Ansprüche auf Titel und Besitz aufgegeben, als er Hals über Kopf in den Untergrund geflüchtet war.
Nur noch ein paar weit entfernte Vettern und Basen hatten überlebt, die überhaupt für eine Erbfolge in Betracht kamen, und die hielten sich noch immer versteckt. Sie warteten die Zeit ab, bis der Sturm sich gelegt und das Wasser sich wieder beruhigt hatte. Der Rest war tot oder vermißt. Die Vermißten waren höchstwahrscheinlich auch tot. Einige der Überlebenden hatten hastig in niedrigere Häuser eingeheiratet und ihren Namen aufgegeben, als Gegenleistung für Zuflucht und Schutz, doch auch von ihnen war eine ganze Reihe verschwunden. Die Wolfs besaßen einen langen Arm – und endlose Bosheit.
Adrienne wußte, daß sie mit der Gesellschaft hätte brechen müssen, wenn sie auch nur einen Funken Stolz im Leib besessen hätte. Genau so, wie die Gesellschaft mit ihr gebrochen hatte. Aber sie konnte nicht. Adrienne kannte nichts anderes.
Das große Spiel von Einfluß und Intrigen war das einzige Spiel, das den Namen wert war. Und es machte definitiv süchtig. Sie hätte alles getan, alles versprochen, um noch einmal einen Fuß in die Tür stellen zu können. Entweder das – oder die Flucht in den Untergrund, den sie verachtete. Adrienne hatte keinen Sinn für Rebellion. Lauter Gesindel. Schläger, Unpersonen und niedere Stände. Sie war nie jemand gewesen, der sein Licht unter den Scheffel stellen konnte. Im großen und ganzen gefielen Adrienne die Dinge so, wie sie waren. Abgesehen von ihren persönlichen Umständen natürlich. Wenn sie nur den richtigen Hebel finden würde – und sie hatte keinerlei Zweifel, daß sie ihn früher oder später finden würde –, dann wäre sie schon bald wieder Mitglied der feinen Gesellschaft.
Man mußte sie einfach wieder aufnehmen. Adrienne gehörte schließlich dazu. Schon möglich, daß sie die Gesellschaft hin und wieder attackiert hatte, aber ohne sie war Adrienne verloren. Adrienne Feldglöck wußte nur, wie man ein Aristokrat war und das große Spiel spielte, sonst nichts.
Genau aus diesem Grund hatte Adrienne sich nach und nach darauf beschränkt, immer verzweifeltere Anrufe bei unwichtigen Elementen, niedrigeren Häusern und diesen sogenannten
›Persönlichkeiten‹ zu tätigen, die von den Krümeln lebten, die die besseren Spieler vom Tisch fallen ließen. Sie waren bekannt für ihren Geschmack, ihre Schlagfertigkeit und dafür, allzeit über den neuesten Klatsch informiert zu sein. Sie kamen und gingen wie die Moden – bis auf eine. Eine Gestalt war immer da und sorgte mit stachligen Bonmots und bissigen Bemerkungen für Gelächter und gehobene Augenbrauen. Chantelle. Weniger Freundinnen als geachtete Rivalinnen, kannten sich die beiden Frauen seit Jahren. Chantelle besaß weder blaues Blut noch politischen Einfluß, aber irgendwie schaffte sie es trotzdem immer wieder, bei Soireen und Festen, die zu besuchen sie sich die Ehre gab, jedermanns Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie zog sich nicht nach der Mode an, sie machte sie. Chantelle entschied mit geblähten Nüstern oder gönnerhaftem Lächeln über Chic und alles andere von Bedeutung. Man konnte sich an ihrem Charme die Fingernägel abbrechen, und sie vergab niemals eine Demütigung. Chantelle und Adrienne hatten immer eine Menge gemeinsam gehabt. Einschließlich mehrerer Ex-Liebhaber, die jedoch den Mund in dieser Hinsicht fest verschlossen hielten. Jedenfalls diejenigen, die wußten, was gut für sie war und was nicht. Wenn es Adrienne gelang, Chantelles Unterstützung zu gewinnen, würde niemand mehr wagen, Adrienne zu beleidigen oder ihre Anrufe nicht entgegenzunehmen. Wenn Chantelle einen akzeptierte, tat die Gesellschaft das gleiche. Jedenfalls diejenigen aus der Gesellschaft, die wußten, was gut für sie war und was nicht.
Adrienne atmete tief durch und stellte eine Verbindung her.
Schließlich bestand die nicht geringe Aussicht, daß Chantelle in Adriennes Sturz ihre eigene Zukunft erkannte und Mitleid verspürte. Der Schirm klärte sich überraschend schnell.
Adrienne zuckte unwillkürlich zusammen, als sie Chantelles Stirnrunzeln erblickte. Die Herrin der Moden trug ein ziemlich verknittertes Ballkleid und Make-up. Anscheinend war sie eben erst von einer Feier nach Hause gekommen. Ihr langes Haar funkelte in leuchtendem Bronze mit silbernen Tupfen, und ihr herzförmiges Gesicht fluoreszierte – nur ein wirklicher Pedant hätte bemängelt, daß der Schimmer auf Chantelles Haar an verschiedenen Stellen stumpf wirkte und das Make-up rings um ihren Mund ein wenig verschmiert war. Adrienne behielt ihre Beobachtung für sich. Für den Fall, daß sie im Verlauf des Gesprächs noch Munition benötigen sollte. Sie lächelte tapfer in den Schirm, doch bevor sie etwas sagen konnte, schniefte Chantelle vernehmlich.