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Ertrinkende klammern sich an jeden Strohhalm.

KAPITEL IV

ERHOBENE STIMMEN UND ABWECHSLUNG

Löwenstein XIV, die hochverehrte und vielgefürchtete Imperatorin von tausend und mehr Welten, hielt wieder einmal hof, und jeder von Bedeutung, ob real oder eingebildet, hastete herbei, um sie zu sehen.

Der Hof selbst war diesmal eine arktische Einöde, so wirklichkeitsgetreu, wie es holographische Projektoren, strategisch plazierte Requisiten und eine Klimaanlage nur zustande brachten. Die Imperatorin staffierte ihren Hof ständig um, als Anspielung auf ihre sich ändernden Stimmungen und Launen oder einfach nur, um den Höflingen den Tag zu verderben. Alte, erfahrene Höflinge behaupteten, Löwensteins Laune allein am Erscheinungsbild des Hofes erkennen zu können, doch selbst wenn die Nachrichten nicht gut waren, kamen die Leute herbei.

Man mußte kommen, wenn man wollte, daß man gehört wurde.

Außerdem mochte Löwenstein es durchaus als Beleidigung auffassen, falls man zu häufig abwesend war. Und die Leute, die die Imperatorin in einem solchen Fall aussandte, um die Säumigen vor den Hof zu zerren, verstanden überhaupt keinen Spaß.

Der Raum war eine gewaltige Kammer, irgendwo tief im Imperialen Palast, innerhalb eines massiven Stahlbunkers weit unter der Oberfläche von Golgatha. Niemand wußte genau, wie groß die Kammer war, allein schon aus Sicherheitsgründen, aber bisher hatte sie sich immer als groß genug erwiesen, um die Umwelt aufzunehmen, für die Löwenstein sich entschieden hatte. Unglücklicherweise spiegelten Löwensteins Umwelten auch einen Imperialen Sinn für Humor wider, der unter gewissen Umständen durchaus derb, wenn nicht sogar boshaft sein konnte. Die Höflinge wußten, daß es gefährlich war, sich auf irgend etwas zu setzen – ganz gleich, wie bequem es aussehen mochte. Und sie betrachteten die exklusiven, von Lakaien herumgereichten Speisen und Getränke als eine besonders exaltierte Form von russischem Roulette.

Es war ein weiter Weg bis zum Hof hinab. Mancher machte einen Witz daraus und verglich den Weg mit dem Abstieg in die Hölle, doch niemand sagte es laut.

Kapitän Schwejksam, Investigator Frost und Sicherheitsoffizier Stelmach standen dicht beisammen inmitten einer großen Masse von Höflingen und starrten über die grelle Eiswüste, die sich ausdehnte, so weit das Auge reichte. Der Schnee lag beinahe einen halben Meter hoch, und noch mehr fiel in schweren nassen Flocken aus einem düsteren Himmel. Dünner Nebel hing in der Luft. Hier und da verdichtete er sich zu undurchdringlichen Mauern. Es war bitterkalt, und das nackte Fleisch schmerzte ebenso wie die Lungen, wenn man zu tief atmete.

Schwejksam drehte die Heizelemente seiner Uniform einen weiteren Tick auf. Frost machte die Kälte nichts aus. Es brauchte eine ganze Menge mehr als gewöhnliche Kälte, damit ein Investigator sich unbehaglich fühlte. Sie war ausgebildet, weit Schlimmeres zu überstehen. Stelmachs Heizelemente liefen bereits auf höchster Stufe, doch der Sicherheitsoffizier zitterte trotzdem. Er sah der Begegnung mit der Herrscherin nicht gerade fröhlich entgegen.

Die Kälte war – im Gegensatz zum größten Teil der restlichen Umgebung – höchst real; es war kalt genug, um jemanden ohne entsprechende Kleidung nach einer Weile erfrieren zu lassen. Doch es gab mit Sicherheit noch andere, subtilere Gefahren, die willkürlich im gesamten Hof verteilt lauerten. Die Imperatorin fand einen Scherz immer erst dann amüsant, wenn jemand dabei verletzt werden konnte. Auch der Schnee war echt. Er sammelte sich feucht auf Köpfen und Kleidern und schien von Minute zu Minute dichter zu fallen. Irgend jemand hatte sich eine Menge Mühe gemacht, diese Umgebung zu erschaffen. Was den Gedanken nahelegte, daß auch die entsprechenden Lebensformen irgendwo dort draußen waren. Ziemlich wahrscheinlich Raubtiere. Löwenstein hatte eine besondere Vorliebe für handfeste Späße.

Die versammelten Höflinge murmelten eine Weile übereinander, bevor sich irgendeine brave Seele in Bewegung setzte und alle anderen hinter ihr her trotteten. Nur wenige hatten sich auf eine derartige Kälte vorbereitet, und die helleuchtenden Seidenstoffe der gegenwärtigen Mode schützten ihre Träger kaum vor den arktischen Temperaturen. Einige Besucher fluchten leise vor sich hin, doch die meisten bissen die Zähne zusammen und schwiegen. Man konnte nie wissen, wer gerade lauschte. Schwejksam wanderte mit der Menge nach vorn, noch immer überrascht, daß man ihn nicht in schwere Ketten gelegt hatte wie anläßlich seines letzten Besuchs bei Hofe.

Nach seinem jämmerlichen Versagen auf der Wolflingswelt hatte er fest damit gerechnet, von einem Erschießungskommando in Empfang genommen zu werden, sobald er von Bord seines Schiffes ging. Anscheinend hatte Schwejksam sein Sieg über das fremde Schiff eine Gnadenfrist verschafft, wenn schon sonst nichts anderes.

Frost schlenderte neben ihm her, als existierte der Schnee überhaupt nicht. Sie schien sich keinerlei Gedanken zu machen. Allerdings gab es auch nicht viel, weswegen Investigatoren sich den Kopf zerbrachen. Und wenn der einzige Grund dafür darin lag, daß Investigatoren dazu neigten, alles zu töten, was ihnen Kopfzerbrechen bereiten konnte.

K. Stelmach trottete hinter dem Investigator her und nutzte Frosts große Gestalt als Windbrecher. Er hatte die Arme fest um den Leib geschlungen und zog einen Schmollmund. Stelmach war unglücklich. Aber das war eigentlich nicht ungewöhnlich. Stelmach war nur selten glücklich. Es kam daher, daß er Sicherheitsoffizier war. Und sein Vorname erledigte den Rest. Kühnhold.

Die Menge arbeitete sich mühsam durch den hohen Schnee voran. Viele rutschten aus oder hatten zumindest Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Der Nebel wurde dichter und verschleierte das, was weiter vorn wartete. Schwejksam beobachtete, wie sein Atem in der kalten Luft kondensierte, und fragte sich nicht zum ersten Mal, was ihn erwarten mochte. Jeder vernünftige Mensch wäre um sein Leben gerannt, statt seinen Kopf persönlich zu präsentieren, damit die Eiserne Hexe ihn abschneiden konnte. Doch Schwejksam kannte seine Pflicht.

Die Flotte war sein Leben, und wenn es zum größten Teil auch ein verdammt hartes Leben gewesen war, er hätte trotzdem mit niemandem tauschen mögen. Johann Schwejksam war Kapitän der Imperialen Flotte und damit Teil eines größeren Ganzen.

Im Dienst der gesamten Menschheit. Er würde sein Leben dafür geben, wenn es sein mußte. Die Löwenstein mochte eine rachsüchtige Psychopathin mit einem ganz besonders unangenehmen Sinn für Humor sein, aber sie war noch immer seine Imperatorin, und er hatte auf Leben und Ehre geschworen, ihr für den Rest seiner Tage zu dienen. Er blickte sich um und musterte die arktische Welt, und dann grinste er schwach. Typisch Löwenstein. Hier war er, marschierte wie ein guter Soldat zu seiner eigenen Exekution, und sie machte ihm selbst das noch schwer.

Schwejksams Kopf ruckte herum. Er spürte mehr, als er hörte, wie etwas Großes sich versteckt im Nebel vor ihm bewegte.

Gemurmel wurde laut, als auch andere ringsum es sahen oder hörten. Schwejksams Augen verengten sich, und seine Hand fiel automatisch zu der Stelle an seiner Hüfte, wo der Disruptor hätte sein sollen. Einen Augenblick lang war eine Bewegung im Nebel zu erkennen, als eine gewaltige Kreatur unter lautem Knirschen durch den Schnee stapfte, den zotteligen Kopf hob und herausfordernd brüllte. Das rauhe Geräusch echote unheimlich durch die Stille. Dann wurde der Nebel wieder dichter, und die Kreatur war nicht mehr zu sehen. Die Höflinge drängten sich dicht zusammen und beeilten sich weiterzugehen.