Die Imperatorin wartete.
In Schwejksams Händen juckte es nach dem Griff einer Waffe, doch Pistole und Schwert waren ihm versagt. Keinem Untertanen, egal, wie vertrauenswürdig oder geschätzt, war es gestattet, im Beisein der Imperatorin ohne ausdrückliche Genehmigung Waffen zu tragen. Was bedeutete, daß auch rings um Schwejksam jedermann unbewaffnet war. Leichte Beute, falls die Kreatur hungrig sein sollte. Die Eiserne Hexe mußte verrückt sein, wenn sie riskierte, die Familien durch eine echte Bedrohung zu gefährden, aber niemand hätte dagegen wetten mögen. Schwejksam schnitt eine Grimasse und ballte die Fäuste. Erneut brüllte ein undeutlicher Schatten, doch diesmal klang das Geräusch weiter entfernt. Es bewegte sich von den Höflingen weg. Ein allgemeines erleichtertes Aufatmen, dann ging es weiter. Natürlich bestand immer die Möglichkeit, daß die Schatten nur Hologramme waren, doch auch darauf hätte niemand wetten mögen. Schwejksam beschloß, in der Nähe von Investigator Frost zu bleiben. Auch ohne Waffen war Frost der Tod auf zwei Beinen, und Schwejksam würde ihr den Rücken decken, falls Löwenstein weitere Überraschungen bereithielt. Nicht, daß er gegenüber Frost davon sprechen würde. Sie war auch so schon eingebildet genug.
Weitere Schatten tauchten im Nebel vor ihnen auf. Im ersten Augenblick dachte Schwejksam, es wären Sicherheitsleute, die darauf warteten, die Höflinge zum Thron zu eskortieren, aber als er näher kam, entpuppten sie sich als Schneemänner. Eine Reihe menschlicher Gestalten aus Schnee, mit Augen und Mündern aus Kohlstückchen und einem fröhlichen Grinsen im Gesicht. Ein bezaubernder Einfall – wenn sie nicht alle verschiedene einfallsreiche Todesarten dargestellt hätten. Einer war auf einer Lanze aufgespießt. Ein anderer hielt den abgetrennten Kopf unter dem Arm. Eine dritte Gestalt war vollkommen zerlegt worden, und ihre Gliedmaßen lagen um den Rumpf verstreut. Schwejksam wollte an den Gestalten vorbeigehen, doch als er bemerkte, daß Frost stehengeblieben war, zögerte er ebenfalls. Frost stand da und musterte die Schneemänner mit nachdenklichem Gesicht. Ihre Hand lag auf der Hüfte, wo das Schwert hätte sein sollen. Stelmach stand zitternd vor Kälte daneben. Er widmete den Schneemännern keine besondere Aufmerksamkeit, doch er war andererseits auch nicht gewillt, ohne den Schutz der einzigen bekannten, mehr oder weniger freundlichen Gesichter weiterzugehen. Schwejksam trat neben Frost.
»Was gibt es, Investigator? Probleme?«
»Ich weiß nicht, Kapitän. Vielleicht. Irgend etwas gefällt mir nicht an diesen Schneemännern. Sie… sie wirken so beunruhigend. Wer baut schon einen Schneemann mit Gliedmaßen?«
Frost trat zu dem enthaupteten Schneemann und nahm den Kopf aus seinen Armen. Es war eine große, runde Kugel mit einem breiten Grinsen, das man unter den blinden Augen eingekerbt hatte. Frost knurrte wegen des unerwarteten Gewichts der Kugel und hielt sie in der Armbeuge fest, während sie mit der freien Hand den Schnee abkratzte. Die Augen und das Grinsen verschwanden. Schwejksam wußte bereits, was sie finden würde, bevor er es sah. Der Mantel aus Schnee verschwand, und die gebrochenen Augen und die Nase eines menschlichen Gesichts kamen zum Vorschein. Frost wischte vorsichtig noch mehr Schnee ab. Schwejksam kannte den Mann nicht. Er trat vor und schob die Hand tief in den Körper des Schneemanns. Seine Fingerspitzen berührten etwas Hartes und Unnachgiebiges, das ganz definitiv kein Schnee war. Er zog die Hand rasch wieder zurück und wischte sie an seiner Uniform ab.
»Da drin steckt ein richtiger Körper«, sagte er leise.
»Ich kann nicht sagen, daß mich das überrascht«, erwiderte Frost. Sie warf den Kopf in den Schnee. »Soll ich auch die anderen Schneemänner überprüfen?«
»Nicht nötig. Das sind alles Tote. Löwensteins Methode, uns zu sagen, was auf uns zukommen wird. Ich frage mich, was sie sich zuschulden haben kommen lassen.«
Frost zuckte die Schultern. »Sie haben Löwenstein verärgert.
Von solchen Leuten gibt es immer genug. Laßt uns weitergehen.«
»Warum so eilig?« schnappte Stelmach. »Laßt uns das meiste aus der wenigen Zeit machen, die uns noch bleibt.«
»Ihr solltet die Hoffnung nicht aufgeben«, erwiderte Schwejksam. »Frost und ich waren schon einmal hier, und wir haben es überlebt. Vielleicht haben wir diesmal ebenfalls Glück.«
»Niemand hat so viel Glück.«
»Trotzdem, macht Euch keine Sorgen«, sagte Frost. »Wir werden ein gutes Wort für Euch einlegen.«
»Oh, großartig!« brummte Stelmach. »Genau das, was mir noch gefehlt hat.«
Die drei setzten sich wieder in Bewegung und stapften eilig durch den tiefen Schnee, um zum Rest der Höflinge aufzuschließen. Einige von ihnen mußten gesehen haben, was in den Schneemännern steckte, doch alle gaben sich die größte Mühe, so zu tun, als hätten sie nichts bemerkt. Der Erfolg bei Hofe hing oftmals in starkem Maß davon ab, was man sah und was nicht.
Es schneite ununterbrochen weiter, und der Nebel wurde ständig dichter. Noch immer erstreckte sich eine scheinbar endlose arktische Wüste vor den Höflingen. Schwejksam runzelte die Stirn. Die Kammer konnte unmöglich derartig groß sein.
Vielleicht wurden sie auf subtile Weise dazu gebracht, im Kreis zu laufen. Schwejksams Kopf ruckte hoch, als unter den Höflingen ein erregtes Gemurmel einsetzte. Die Menge kam zum Stehen, und die vordersten Männer und Frauen blickten alarmiert in die Runde. Nichts regte sich im Nebel. Schwejksam warf einen Blick zu Frost, die aufmerksam lauschte.
Mit einer raschen Handbewegung winkte sie Schwejksam zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr: »Unter dem Schnee bewegt sich etwas, Kapitän. Etwas Großes, Lebendiges. Ich kann die Vibrationen spüren, und ich kann das Geräusch hören, wenn es sich bewegt.«
»Vielleicht eine Schneeschlange?« vermutete Schwejksam.
»Eines dieser Biester von Loki. Manche davon werden zehn Meter lang.«
»O nein!« murrte Stelmach. »Keine Schlangen! Ich hasse Schlangen!«
»Macht Euch keine Sorgen«, beruhigte ihn Schwejksam.
»Wenn eine der Kreaturen es wagt, unsere Frost hier zu ärgern, wird sie einen Knoten hineinmachen und sie wegwerfen.
Stimmt’s, Frost?«
»Verdammt richtig«, erwiderte Frost.
In diesem Augenblick öffnete sich ein drei Meter langes Maul unter den Füßen eines der Höflinge, verschluckte den Mann und verschwand wieder unter dem Schnee. Freunde und Familienangehörige schrien entsetzt und fielen auf die Knie, um mit den bloßen Händen im Schnee nach dem Verschwundenen zu graben, doch was auch immer ihn verschluckt hatte – es war spurlos verschwunden. Sie blickten sich hilflos an, und aus der Ferne, verborgen hinter einer Wand aus Schnee und Nebel, erklang ein schwaches Kichern. Die Imperatorin schien sich zu amüsieren. Einige der Höflinge redeten beruhigend auf die noch immer knienden Angehörigen und Freunde des Getöteten ein. Sie konnten nichts mehr für den Verschwundenen tun. Der Mensch denkt, die Herrscherin lenkt. So war es eben im Imperium in jenen Tagen. Schwejksam schwieg zu all dem, doch sein Gesicht zeigte einen festen, grimmigen Ausdruck.
Plötzlich öffnete sich die geschlossene Schneedecke am Rand der Menge ein weiteres Mal, und der Kopf der Kreatur durchbrach die Oberfläche. Die Leute wichen schreiend und kreischend zurück. Das große Maul öffnete sich und spuckte sein Opfer wieder aus. Dann tauchte der Kopf zurück in den Schnee und verschwand. Der Höfling segelte durch die Luft und prallte hart auf den festen Schnee. Sein schmerzerfülltes Stöhnen zeigte, daß er zumindest noch lebte. Freunde und Verwandte drängten sich um den Verletzten und stellten fest, daß er zumindest äußerlich keine größeren Wunden erlitten hatte, und sie halfen ihm auf die Beine. Löwenstein lachte erneut, und jeder, der seinen Kopf dort behalten wollte, wo er hingehörte, stimmte in das Imperiale Lachen ein. Selbst der Höfling, der für kurze Zeit im Maul der Kreatur verschwunden war, brachte ein klägliches Lachen zustande. Obwohl er wahrscheinlich einfach nur glücklich war, daß er noch lebte. Frost warf einen Seitenblick zu Schwejksam.