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Mit Lady Marilyns beschwingtem Schritt verließ ich die Promenade, drang in das Gassengewirr ein und betrachtete mit ungebremstem Lächeln die alten Häuschen. Alte Promenade las ich auf einem Schild. Hier gefiel es mir wirklich!

Ach, Juffin, dachte ich, könnte ich Sie doch per Stummer Rede erreichen! Dann würde ich Ihnen sagen, dass ein fantastischer Mann wie Sie nur in einem wunderbaren Städtchen wie diesem Kettari hat geboren werden können. Aber ich werde sicher nicht vergessen, Ihnen das zu sagen, wenn wir uns Wiedersehen.

Ich malte mir so lebhaft aus, mit meinem Chef zu plaudern, dass ich beinahe eine alte Dame umgerempelt hätte. Zum Glück war sie trotz ihrer Jahre flink genug, im letzten Moment auszuweichen. Dann griff sie nach einer Türklinke und sah mich vorwurfsvoll an.

»Was ist mit dir los, Mädchen? Wo hattest du deine wunderschönen Augen?«

»Verzeihen Sie bitte«, sagte Lady Marilyn erschrocken. »Ich bin erst vor einer halben Stunde in diese Stadt gekommen, von der ich seit Kindertagen unendlich viel gehört habe. Ich hätte nie gedacht, dass es hier so schön ist. Darum war ich wie weggetreten - aber das ist sicher gleich vorbei.«

»Woher kommst du denn, Süße?«, fragte die alte Dame neugierig.

»Aus Echo«, meinte ich schuldbewusst.

Beichtet man Provinzstädtern, aus der Großstadt zu sein, schafft das eine merkwürdige Verlegenheit, als hätten die Gesprächspartner einander silberne Löffel gestohlen.

»Aber deine Aussprache ist alles andere als hauptstädtisch«, bemerkte die Alte aufmerksam. »Und aus dieser Gegend bist du auch nicht. Woher stammst du also, Mädchen?«

Lady Marilyn und ich mussten weiter lügen: »Ich wurde sehr weit von hier geboren - in der Grafschaft Wuk. Meine Eltern sind noch in der Traurigen Zeit dahin ausgewandert und haben sich dort recht gut eingelebt. Vor ein paar fahren habe ich einen Mann aus Echo geheiratet, doch meine Großmutter stammt aus Kettari. Daher mein Faible für die Stadt. Ich habe immer zu meinem Mann gesagt: «Glama, ich will einen Teppich aus Kettari." Aber natürlich wollte ich etwas ganz anderes: Ich wollte ...«

»Du wolltest ins Märchenland deiner Kindheit«, sagte die alte Frau und nickte verständnisvoll. »Und wie ich sehe, gefällt es dir bei uns sehr gut.«

»Gut ist gar kein Ausdruck! Könnten Sie mir zufällig helfen? Ich würde gern in dieser Gegend für ein paar Dutzend Tage eine Wohnung mieten, denn ich möchte nicht ins Hotel. Ist das in Kettari machbar?«

»Natürlich«, antwortete die alte Frau begeistert. »Sie können ein Stockwerk oder sogar ein ganzes Haus mieten. Aber ein Haus ist ziemlich teuer - selbst für kurze Zeit.«

»Toll! Ich muss nur jemanden finden, der etwas Passendes hat. Über den Preis werden wir uns schon einig.«

Bei diesen Worten tippte ich mir zweimal mit dem rechten Zeigefinger an die Nasenspitze.

»Herzlich willkommen, meine Liebe«, sagte die Alte lächelnd. »Du verdienst wirklich Rabatt. Denk dir - ich komme gerade von meiner Freundin zurück. Wir haben uns schon mehrmals darüber unterhalten, dass wir eigentlich beide im selben Haus wohnen sollten, da wir uns sowieso ständig besuchen. Das zweite Haus könnten wir dann an Gäste vermieten, um uns das eine oder andere leisten zu können. Aber bisher haben wir nur darüber geredet, ohne uns dazu aufzuraffen. Einige Dutzend Tage wären für den Anfang ganz wunderbar. In dieser Zeit können Rera und ich herausfinden, ob wir es unter einem Dach aushalten. Mein Haus ist ganz in der Nähe, und zwölf Tage kosten nur zehn Kronen.«

»O lala - das ist ja teurer als in der Hauptstadt!«

»Na schön, also acht. Aber dafür müssen dein Mann und du mir helfen, das Notwendigste in die Wohnung meiner Freundin zu bringen«, sagte die Alte resolut. »Viel ist es nicht, und ihr habt ein A-Mobil - also wird das nicht schwierig sein.«

»Das Notwendigste« erwies sich als so viel, dass der Umzug in sechs Etappen vonstattengehen musste. Aber wir nutzten die Zeit: Lady Charaja - wie unsere Vermieterin hieß - zeigte uns, wo wir frühstücken konnten und zu Abend essen sollten, und warnte uns etwa dreihundert Mal davor, mit den Bewohnern von Kettari Mau-Mau zu spielen. Das war wirklich nett von ihr.

Nachdem wir für zwei Dutzend Tage im Voraus bezahlt hatten, wünschte uns die glückliche alte Dame Gute Nacht und verschwand im Haus ihrer Freundin.

»Ich vermute, die alten Ladys werden die Nacht durchfeiern«, sagte ich. »Wir fahren jetzt nach Hause, Schürf. Seien Sie mir nicht böse, aber ich hab's satt, Sie ständig Glama zu nennen.«

»Tu, was du nicht lassen kannst - ich bleibe vorsichtig. Hauptsache, du machst in Gegenwart Fremder keinen Fehler.«

»In Gegenwart welcher Fremder denn? Unsere Mitreisenden sind längst in irgendwelchen heruntergekommenen Hotels gelandet und haben dafür vermutlich viel mehr zahlen müssen als wir. Macht dir meine Sorglosigkeit Angst, mein Freund?«

»Natürlich«, nickte Lonely-Lokley ungerührt. »Aber ich hatte von Anfang an damit gerechnet. Deshalb staune ich jetzt auch nicht. Hoffentlich bist du darüber nicht enttäuscht.«

»Ach was. Das gibt mir das Gefühl, alles in der Welt sei in bester Ordnung. Ihre Gelassenheit, Sir Schürf, ist ein Bollwerk meines seelischen Gleichgewichts. Also bleiben Sie am besten, wie Sie sind. Wir fahren jetzt nach Hause, waschen uns, ziehen uns um, gehen zum Abendessen und sehen danach weiter. Soweit ich mich erinnern kann, hat uns Juffin eine seltsame Instruktion gegeben: Wir sollen das Leben genießen und warten, bis uns ein Wunder begegnet.«

»Diese Instruktion hat Sir Juffin nicht uns, sondern Ihnen gegeben. Ich soll Sie hier bestmöglich vor Unannehmlichkeiten schützen.«

»Aber mein Herz flüstert mir, dass es in Kettari für mich keine Unannehmlichkeiten geben wird - auf keinen Fall.«

»Schauen wir mal«, meinte Lonely-Lokley und zuckte die Achseln. »Marilyn, bleib stehen. Wo läufst du denn hin? Das ist doch nicht unser Haus! Wir wohnen an der Alten Promenade 24 - schon vergessen?«

»Wie dumm von mir! Aber wie Sir Lukfi zu sagen pflegt: Manche Leute sind wirklich verwirrt.«

Das Bad befand sich im Keller - was das anging, waren sich alle Bewohner von Echo einig. Leider aber gab es dort keinen Luxus, sondern nur eine einzige Badewanne, und die sah genauso aus wie die Wannen meiner Heimat. Sir Schürf verzog angeekelt das Gesicht.

»Nach dieser langen Reise hatte ich mich ehrlich gesagt auf drei bis vier Wannen gefreut.«

Ich seufzte mitfühlend. »Bei Ihnen stehen sicher mindestens zwölf, Schürf. Aber da kann man nichts machen -du musst dich ans einfache Leben gewöhnen, Glama.«

»Zwölf? Achtzehn!«, meinte Lonely-Lokley empfindlich. »Und das ist nicht zu viel, wie ich finde.«

»Hoho!«, rief ich und nickte respektvoll. »Ich wüsste gern, ob einige davon Löcher haben.«

»Mit solchen Extravaganzen kann ich leider nicht dienen. Lady Marilyn, du kannst dich waschen gehen - ich warte so lange.«

Als ich nach einer Viertelstunde zurückkam, zog Sir Schürf erstaunt die Brauen hoch.

»Du hättest dich nicht so zu beeilen brauchen, meine Liebe. Oder wäschst du dich immer so schnell?«

»Meistens«, sagte ich lächelnd. »Dreist, was?«

»Jedem Tierchen sein Pläsierchen«, meinte Lonely-Lokley kühl. »Aber ich muss um Verständnis und um Verzeihung dafür bitten, dass ich mich nicht so schnell herrichten kann wie du.«

»Kein Thema«, winkte ich ab. »Ich weiß mich zu beschäftigen.«

Kaum war ich allein, packte ich mein Kopfkissen aus, schob die Hand darunter und wartete. Nach ein paar Minuten hatte ich die erste Zigarette geangelt, die allerdings schon zur Hälfte geraucht war. Ich drückte sie vorsichtig aus und legte sie in eine Schachtel, die ich zu diesem Zweck eingesteckt hatte. Sie hatte zwei Fächer: eins für Generäle - also für angerauchte Kippen - und eins für frische Zigaretten, auf die ich in letzter Zeit allerdings so selten gestoßen war, dass ich mich kaum noch an ihren Geschmack erinnerte. Na ja, eigentlich sollte ich mich nicht beklagen, denn das war besser als nichts. Die Monate, in denen ich nur den hiesigen Tabak hatte rauchen können, erschienen mir inzwischen als stille, aber heroische Leidenszeit.