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»Ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Sie, Sir Max, sind an einem zwar seltsamen, aber realen Ort geboren, Kettari hingegen ... Wie soll ich Ihnen das erklären? Kettari ist der Anfang einer neuen Welt, die irgendwann real sein wird, gegenwärtig aber noch virtuell ist. Und weil Kettari ein Anfang ist, ist es ein Tummelplatz von Geheimnissen. Übrigens kann ich Ihnen einen Spaziergang vor die Stadt nur empfehlen. Für Sie ist so was absolut ungefährlich, und Sie können dabei einen Blick in die reale Leere ringsum werfen, ins Vakuum gewissermaßen.«

»Meinen Sie das ernst?«

»Unbedingt! Machen Sie das am besten gleich, aber gehen Sie allein.«

»Ich wurde sitzen gelassen und bin ohnehin Single.«

»Daran sind Sie selbst schuld. Und Sie haben noch Glück, dass Ihr Begleiter so ein starker Mann ist. Drogen aus einer Welt können in anderen Welten ganz unerwartete Auswirkungen haben. Erinnern Sie sich nur daran, was mit Ihnen passiert ist, als Sie einen Teller Rekreationssuppe verspeist haben! Übrigens geht es Ihrem Freund sehr gut - da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.«

»Mach ich doch auch nicht. Aber woher wissen Sie so viel über mich, Sir Machi?«

»Na ja, seit Sie in Juffins Leben getreten sind, sind Sie -um es etwas schlicht zu sagen - eine Art Enkelkind für mich. Aber unsere Beziehung ist wirklich beinahe familiär.«

Ich lächelte verständnisinnig.

»Das reicht für heute«, sagte Machi überraschend. »Sie machen jetzt einen Spaziergang vor die Stadt, und wenn Sie zurück sind, setzen wir das Familientreffen fort. Dann werden Sie mehr erfahren, als in Ihren armseligen Kopf geht.«

»Einverstanden.«

Eigentlich wusste ich nicht, ob mich das abrupte Ende des Gesprächs freuen oder ärgern sollte, aber ich brauchte eine Auszeit.

»Erklären Sie mir nur bitte, wie ich nach Hause komme. Ich meine - welcher meiner Stadtpläne ist zuverlässig?«

»Lügen tut keiner«, meinte Machi achselzuckend. »Es ist nur so: Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie die Stadt wirklich ausgesehen hat, und inzwischen hat es diverse Versionen von Kettari gegeben. Nur die Brücken halten die Bruchstücke meiner Erinnerung zusammen. Wissen Sie, ich musste Kettari neu errichten, weil die Stadt ausgelöscht wurde. Die Zerstörung war so radikal, dass kein einziger Zeuge überlebt hat.«

»War daran irgendein mächtiger Magister schuld?«, fragte ich verständnisvoll.

»Nicht irgendeiner, sondern einer der Größten. Sein Name war Lojso Pondochwa, der Große Magister des Ordens ...«

»... der Wasserkrähe«, unterbrach ich ihn und musste lächeln.

»Ich glaube kaum, dass Sie gelächelt hätten, wenn Sie ihm begegnet wären«, meinte Machi achselzuckend. »Lojso Pondochwa war ein Tier. Ich weiß bis heute nicht, wie Juffin Halli es geschafft hat, ihn zu besiegen. Aber vielleicht halte ich Juffin noch immer für jung und dumm -das denken Lehrer ja meist über ihre Schüler. Genau wie Eltern über ihre Kinder ... Na ja, Ihre Frage ist einfach zu beantworten. Das Alt-Kettari ist in allen Stadtplänen eingetragen, oder?«

»Stimmt.«

»Wie könnte es auch anders sein? Das war schließlich mein Lieblingslokal, als die Zeiten hier noch ruhig waren. Von hier aus können Sie gehen, wohin Sie wollen. Sie sollten sich aber an einem Stadtplan orientieren, in dem Ihr Haus eingetragen ist. Also los! Die Brücken werden Sie bringen, wohin Sie möchten. Und vergessen Sie nicht: Wenn Sie sich verlaufen, können Sie sich immer am Alt-Kettari orientieren.«

»Das klingt gut«, sagte ich. »Ich sollte nämlich langsam mal nach Lonely-Lokley sehen. Vielleicht ist er in eine Version von Kettari geraten, in der es die Alte Promenade nicht gibt.«

»Keine Panik. Ihr groß gewachsener Freund hat keine einzige Brücke überquert. Er hat nicht mal das Alte Haus verlassen.«

»Donnerwetter! Was treibt er denn da die ganze Zeit? Schlägt er sich etwa den Bauch voll?«

»Das wird er Ihnen schon selbst sagen. Lassen Sie solche Nebensächlichkeiten erst mal auf sich beruhen, Sir Max.«

»Was die Beschäftigung mit Nebensächlichkeiten angeht«, meinte ich lächelnd, »bin ich ein großer Spezialist und kann Ihnen da bei Interesse gern Nachhilfe geben. Ich danke Ihnen für den Kaffee und Sir Maba für die Zigaretten. Damit hätte ich nicht mal im Traum gerechnet.«

»Das war nur eine nette Geste«, sagte Machi bescheiden. »fetzt liegt es an Ihnen. Sie bekommen immer, was Sie wollen - früher oder später. Das ist eine gefährliche Eigenschaft, muss ich sagen. Aber Ihnen droht nichts -Sie werden sich schon herauswinden.«

»Ich bekomme immer, was ich will?«, fragte ich erstaunt.

Diese Einschätzung von Sir Machi hatte meiner Ansicht nach nicht das Geringste mit der Wirklichkeit zu tun.

»Genau. Aber vergessen Sie bitte nicht meine Einschränkung »früher oder später* - das ändert einiges, stimmt's?«

»Da haben Sie Recht«, seufzte ich.

Wir schwiegen beide. Ich überlegte, ob Sir Machi mit seiner Version des ewigen Themas »Max der Glückspilz« Recht haben mochte, und er beobachtete mich dabei mit einer Neugier, die meinem Ego schmeichelte.

»Ich kann mich also jederzeit von hier aus neu orientieren?«, fragte ich beim Aufstehen.

»Selbstverständlich. Gute Nacht, Lady Marilyn.«

••Was? Ach so, natürlich. Danke, dass Sie mich daran erinnert haben. Gute Nacht, Sir Machi.«

Ich trat auf die Straße, schlug den ersten Stadtplan auf, der mir in die Finger geriet, und ging nach Hause. Ich musste mich unbedingt beruhigen. Vor allem aber musste ich mich davon überzeugen, dass das Haus, in dem ich Quartier bezogen hatte, noch existierte.

Das bereitete mir keine Probleme. Die erste Brücke führte mich direkt nach Hause - genau wie Machi Ainti versprochen hatte. Anders als unser guter Bekannter Maba Kaloch hatte er keine Neigung, Neulinge zum Narren zu halten. Und das war ein Glück für mich.

Ich setzte mich in einen Schaukelstuhl und rauchte. Der unerwartete Zigarettenüberfluss hatte mich verschwenderisch werden lassen. Die Bedeutung all dessen, was Sir Machi gesagt hatte, ging mir langsam auf, doch ich zog es vor, so zu tun, als würde ich weiter im Dunkeln tappen. Mein Kopf brummte, und mir klangen die Ohren. Die Welt schien in Lichtpunkte zerstoben, und ich fühlte mich dem Zusammenbruch nahe.

»Max«, ermahnte ich mich, »ich mag dich sehr und kann ohne dich nicht leben. Also reiß dich zusammen, ja? Egal, was du sogar aus besten Quellen erfahren hast: Es gibt keinen Grund, verrückt zu werden.«

Erstaunlicherweise beruhigte mich diese Selbstermahnung, und ich ging mich waschen. Zwölf Liter kaltes Wasser auf einen hitzigen Kopf - diese Faustregel hilft gegen Überspannungen aller Art.

Danach setzte ich mich wieder in den Schaukelstuhl und rauchte eine weitere Zigarette. Erfreut stellte ich fest, dass das Wohnzimmer wieder aussah, wie es sich gehörte: Es gab keine flimmernden Lichtpunkte mehr, sondern nur vier Wände, Decke und Fußboden.

»Gut«, sagte ich mir, »jetzt kann ich gehen, wohin ich will. Zum Beispiel ins Alte Haus, um den verloren gegangenen Lonely-Lokley zu suchen. Oder vor die Stadtmauer, um die absolute Leere zu erfahren - oder welchen Namen man diesem Erlebnis sonst geben mag. Ich glaube, das erste Ziel wäre reizvoller, doch Sir Machi hat mir geraten, mit dem Ausflug zu beginnen. Also ...»

Mitten in diesem Monolog unterbrach ich mich und lächelte Lady Marilyn an, die mir aus einem alten Spiegel entgegensah. Dann erhob ich mich schwungvoll und verließ das Haus. Meine Beine trugen mich ohne mein Zutun in eine mir unbekannte Richtung, und ich entfernte mich weit vom Mijer und seinen Brücken.

Nach etwa vierzig Minuten erreichte ich die Stadtmauer. Sie war so Schwindel erregend hoch, als hätten die Einwohner von Kettari den Himmel erreichen wollen, es sich aber im letzten Moment anders überlegt.

Rasch - für meinen Geschmack zu rasch - fand ich das Stadttor. Offenbar war meine Angst stärker als meine Neugier, denn mich überkam langsam ein unheimliches Vorgefühl von Apokalypse.