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»Kannst du mit so vielen denkenden Wesen mitfühlen, Louis? Oder kannst du immer nur das Schicksal eines einziges Menschen nachvollziehen, der den Tod erleidet, während du die Rolle des Hauptdarstellers spielst?«

Er gab darauf keine Antwort.

»Dreißig Milliarden Menschen bewohnen das menschliche Universum. Stelle sie dir alle tot vor. Stelle dir fünfzig mal so viel Menschen vor, die an, sagen wir mal, Strahlenvergiftung sterben. Kannst du ihre Schmerzen, ihre Verzweiflung, ihr Mitgefühl für ihre Leidensgenossen nachempfinden? Von einer so riesigen Menge? Diese Zahlen übersteigen dein Fassungsvermögen. Dein Bewußtsein kann sie gar nicht aufnehmen. Aber meines kann das.«

»Oh!«

»Ich bringe das nicht fertig. Ich kann es nicht zulassen. Ich wußte, daß ich dir in die Arme fallen mußte.«

»Teela. Stell dir vor, wie eine Sonnenblende mit einer Geschwindigkeit von siebenhundert Meilen pro Sekunde über die Oberfläche der Ringwelt schleift. Stell dir vor, daß tausend mal so viel Wesen, wie im menschlichen Universum leben, sterben müssen, weil die Ringwelt zerbricht.«

»Ich bin mir dessen bewußt.«

Louis nickte. Teile von einem Puzzlespiel. Teela würde ihnen so viele Teile überlassen, wir ihr das möglich war. Aber sie brachte es nicht über sich, ihnen das fertige Bild auszuhändigen. Also mußte er selbst die Teile zusammensuchen. »Du sprachst von einem zweiten noch lebenden Protektor. Ursprünglich waren es vier, sagtest du am Anfang, und jetzt sind es nur noch einer plus noch einem? Was geschah mit den anderen beiden?«

»Zwei Protektoren verließen gleichzeitig mit mir die Repararurmannschaft. Vielleicht entdeckten sie Indizien, die eure Ankunft meldeten. Ich hielt es für nötig, sie zu verfolgen und an der Ausübung ihrer Pläne zu hindern.«

»Tatsächlich? Wenn es Protektoren waren, konnten sie genauso wenig anderthalb Billiarden denkende Hominiden töten wie du.«

»Sie hätten es irgendwie einrichten können, daß dieser Massenmord geschah.«

»Irgendwie.« Du mußt jetzt sehr vorsichtig mit den Worten umgehen. Louis war froh, daß niemand versuchte, dieses Gespräch zu unterbrechen. Nicht einmal Chmeee, der geschmeidige Diplomat. »Sorge irgendwie dafür, daß fortpflanzungsfähige menschliche Wesen den einzigen Ort auf der Ringwelt erreichen, wo dieses Verbrechen begangen werden kann. Wäre das ihre Strategie gewesen, wenn du sie nicht daran gehindert hättest?«

»Vielleicht.«

»Sorge dafür, daß diese sorgfältig ausgewählten fortpflanzungsfähigen Wesen irgendwie davor bewahrt werden, den Duft des Lebensbaumes einzuatmen.« Druckanzüge! Deswegen hatte Teela nach einem interstellaren Raumschiff Ausschau gehalten. »Sorge dafür, daß sie sich irgendwie der gefährlichen Situation bewußt werden. Und irgendwie muß ein Protektor sich mit seinen Hintergedanken ja einen Ausweg suchen, wie er sie nicht tötet, ehe sie die Lösung erkennen und sie in die Tat umsetzen, dabei astronomische Zahlen von zeugungsfähigen Wesen töten, um eine viel größere Zahl von ihnen zu retten. Ist es das, was du glaubst, verhütet zu haben?«

»Ja.«

»Und wir befinden uns am richtigen Ort?«

»Wo würde ich dich sonst erwartet haben?«

»Es ist immer noch ein Protektor übrig. Wird er hierher kommen, um dir das Leben zu nehmen?«

»Nein. Der Protektor des Nacht-Volkes weiß, daß nur noch er übrig ist, um die Evakuierung zu überwachen. Wenn er versucht, mich zu töten, und ich statt dessen ihn töte, ist die Gefahr groß, daß fortpflanzungsfähige menschliche Wesen auf dem Weg zu einer neuen Heimat sterben.«

»Dir scheint das Töten ja nicht schwerzufallen«, erwiderte Louis bitter.

»Nein, es fällt mir schwer. Ich bringe es nicht fertig, fünf Prozent der Ringwelt-Bevölkerung sterben zu lassen, und ich weiß nicht einmal, ob ich dich töten kann, Louis. Du bist ein zeugungsfähiges Wesen meiner Rasse. Auf der Ringwelt bist du sogar der einzige zeugungsfähige Mann deiner Art.«

»Ich habe mir verschiedene Möglichkeiten überlegt, die Ringwelt zu retten«, antwortete Louis Wu. »Wenn du Kenntnis hast von der Existenz eines gigantischen Materie-Umwandlers, wüßten wir mit ihm umzugehen.« »Die Pak verfügten nicht über ein solches Gerät. Diese Überlegung war keine Meisterleistung, Louis.«

»Wenn wir ein Loch in den Meeresboden des Großen Ozeans bohren könnten und den Abfluß dosieren, könnten wir die Reaktionskräfte dazu benützen, die Ringwelt wieder ins Gleichgewicht zu bringen.«

»Sehr klug. Aber du kannst kein Loch in den Meeresboden bohren, noch viel weniger es verstopfen. Zudem gibt es eine Lösung, die weniger Schaden anrichtet. Trotzdem ist es ein zu großer Schaden, den ich nicht zulassen kann.«

»Wie könntest du die Ringwelt retten?«

Der Protektor erwiderte:

»Ich kann es nicht.«

»Wo sind wir? Was geschah in diesem Teil des Reparaturzentrums?«

Eine lange Pause verstrich. Dann sagte der Protektor: »Ich darf dir nicht mehr sagen, als du bereits weißt. Ich sehe nicht, wie du deinem Gefängnis entrinnen könntest, aber ich muß mit der Möglichkeit rechnen.«

»Ich gebe es auf«, sagte Louis Wu. »Ich gebe mich geschlagen. Tanj mit deinem verrückten Puzzlespiel.«

»Schön, Louis. Wenistens wirst du niemals sterben.«

Louis schloß die Augen und rollte sich im freien Fall zusammen. Frommes Aas, dachte er.

»Ich werde euch Gesellschaft leisten, wenn ihr euch in das Stasis-Feld rettet«, sagte Teela. »Mehr kann ich nicht für eure Bequemlichkeit tun. Du da — wie heißt du, und woher kommst du? Du gehörst doch zur Rasse der Hominiden, die die Ringwelt und die Sterne eroberte.«

Dummes Geschwätz. Warum wurden Menschen nicht mit Scheuklappen geboren, die sie über die Ohren legen konnten? Gab es eine menschenähliche Art auf der Ringwelt, die diese Eigenschaft genetisch entwickelte?

Kawaresksenjajok fragte: »Welche Einstellungen hat ein Zauberer zu Rishathra?«

»Rishathra ist für dich wichtig, wenn du eine neue Gattung kennenlernen willst, nicht wahr, Kind? Rishathra ist etwas für zeugungsfähige Wesen. Das ist meine Einstellung dazu. Aber auch wir empfinden Liebe.«

Der Junge hielt sich großartig. Seine Begeisterungsfähigkeit für wunderbare Geschichten schien grenzenlos zu sein. Teela erzählte ihm von ihrer großen Wanderung. Die Gruppe von Forschungsreisenden, der sie angehörte, wurde von den Grogs auf der Weltkarte von Down gefangengenommen und dann von den seltsamen Bewohnern dieser Weltkarte wieder befreit. Auf Kzin wurden hominide Tiere, die vor langer Zeit von der Weltkarte der Erde eingeführt worden waren, für besondere Aufgaben gezüchtet, bis sie sich so sehr voneinander unterschieden wie die Hunderassen im menschlichen Universum. Teelas Crew hatte sich zwischen diesen Tieren versteckt. Sie hatten ein Kolonialschiff der Kzinti gestohlen und eines von den krillfressenden Inselungeheuern getötet, um sich vor dem Hungertod zu retten. Sie hatten das Fleisch in einem leeren Tank für flüssigen Wasserstoff eingefroren. Davon hatten sie dann monatelang gelebt.

Er hörte noch, wie sie sagte: »Auch ich muß jetz etwas essen. Aber ich werde bald wiederkommen.« Und dann senkte sich Schweigen über die Kabine.

Das Schweigen endete damit, daß sich ein paar stumpfe Zähne sacht über Louis' Handgelenk schlossen. »Louis, wach auf. Wir haben keine Zeit, auf deine Launen Rücksicht zu nehmen.«

Louis drehte sich um und schaltete das Schlaffeld ab. Einen Moment lang genoß er den interessanten Anblick eines Puppetiers, Schulter an Schulter mit einem Tigerwesen in der Blüte seiner Jahre. »Ich dachte, du hättest dich aus der Mannschaft verabschiedet.«

»Eine Illusion, die der Wahrheit sehr nahe kam. Ich war versucht, die Ereignisse treiben zu lassen«, erwiderte der Puppetier. »Teela Brown sagte die Wahrheit, als sie dir versicherte, wir würden nicht sterben. Die Bruchstücke der Ringwelt werden weit in das Weltall verstreut werden. Eines Tages würde man uns dort vielleicht sogar entdecken.«