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Die Kassette in seinen kräftigen Händen, schleppte Oba sich hinüber zur Werkbank, ließ sich auf dem Hocker nieder und beugte sich darüber. Gerade wollte er einen Meißel und einen Hammer aussuchen, als er bemerkte, daß die Hexenmeisterin noch immer drüben im anderen Zimmer auf dem Fußboden lag und ihn anschaute.

»Was ist in der Kassette?«, rief er zu ihr hinüber.

Natürlich antwortete sie nicht; sie hatte nicht die geringste Absicht, sich kooperativ zu zeigen. Wäre sie daran interessiert gewesen, ihm zu helfen, hatte sie alle seine Fragen beantwortet, statt gleich nach der Verwandlung ihres Steins in Asche tot umzufallen. Schon beim Gedanken daran überlief es ihn eiskalt. Irgend etwas an der ganzen Begegnung war so verlaufen, daß er nur ungern daran zurückdachte.

Oba versuchte die Kassette mit Hilfe des Meißels aufzustemmen. Er probierte jede Fuge, doch sie wollte sich partout nicht öffnen lassen. Er hämmerte mit dem Holzhammer darauf herum, mit dem einzigen Erfolg, daß der Hammergriff abbrach.

Aber er war fest entschlossen, einen Blick in das Innere der Kassette zu werfen, und wählte deshalb einen feineren Meißel sowie einen anderen Holzhammer aus. Mit einiger Mühe zwängte er die scharfe Metallklinge in der Nähe des Randes in eine längsseitig verlaufende Fuge. Der Schweiß tropfte ihm von der Nase, als er vor Anstrengung ächzend auf das Ende des Meißelgriffs einhämmerte und versuchte, die Fuge ein wenig zu weiten. Und dann zersplitterte das Holz völlig überraschend mit einem lauten Knall. Die Kassette zerbrach, und heraus strömte, den Eingeweiden eines Karpfens gleich, eine wahre Flut aus Gold- und Silbermünzen. Oba stand da und starrte auf den glitzernden Segen. Die Kassette hatte nur deswegen nicht gerasselt, weil sie bis zum Rand gefüllt gewesen war! Vor ihm lag ein Vermögen – ein echtes Vermögen.

Also, wenn das keine Überraschung war.

Es mußte zwanzigmal so viel Gold sein, wie ihm dieser kleine hinterhältige Gauner Clovis gestohlen hatte. Oba hatte sich von diesem feigen kleinen Dieb bereits in Not und Armut gestürzt gesehen, und jetzt stellte sich heraus, daß er reicher war als je zuvor – reicher als selbst in seinen kühnsten Träumen. Er war tatsächlich unbesiegbar. In den Schubladen der Werkbank fand er in Beuteln aufbewahrtes Werkzeug; es gab drei recht hübsche Lederbeutel, die fein gearbeitete Kehlhobel enthielten. Die Lederbeutel sollten vermutlich verhindern, daß die scharfen Kanten der Hobel schartig und stumpf wurden. Ein Stoffbeutel enthielt einen Satz Stechzirkel, ein anderer Kolophonium, wieder ein anderer eine Reihe einzelner Werkzeuge. Altheas Ehemann schien ein geradezu pedantisch ordentlicher Mensch zu sein; vermutlich hatte ihn das Leben mit seiner Sumpfblüte in den Wahnsinn getrieben.

Oba wischte sich den Schweiß aus den Augen, schob die Goldmünzen in der Mitte der Werkbank zusammen und verteilte sie auf genau abgezählte, gleich große Haufen, damit er genau wußte, wie viel Geld er eingenommen hatte.

Mit dem Abzählen fertig, füllte er die Leder- und Stoffbeutel und steckte sich in jede Tasche einen. Sicherheitshalber befestigte er jeden Beutel mit zwei in entgegengesetzte Richtungen zu unterschiedlichen Gürtelschlaufen führenden Schnüren. Um jedes Bein band er sich einen kleineren Beutel, so daß seine Stiefelschäfte sie verdeckten. Dann knöpfte er seine Hose auf und befestigte einige Beutel darunter, wo sie vor fremden Zugriffen sicher waren. Er ermahnte sich, sich vor den leidenschaftlichen Damen mit den hilfsbereiten Händen in acht zu nehmen, damit sie am Ende nicht mehr zu Tage förderten, als er ihnen zu geben bereit war.

Oba hatte einen Denkzettel bekommen und daraus gelernt. Von jetzt an würde er sein Vermögen zusammenhalten. Ein reicher Mann wie er mußte seinen Besitz schützen, schließlich wimmelte es überall nur so von Dieben.

39

Endlich erreichte Oba mit schleppenden Schritten die äußeren Randbezirke des unter freiem Himmel gelegenen Marktes. Die hektisch laute Betriebsamkeit dort war verwirrend nach der Einsamkeit und Ödnis in der Ebene. Unter normalen Umständen hätte ihn das bunte Treiben ganz in seinen Bann gezogen, diesmal jedoch beachtete er es kaum.

Bei seinem vorigen Aufenthalt hatte er herausgefunden, daß man sich oben im Palast Zimmer mieten konnte, und genau das hatte er jetzt vor – er wollte zum Palast hinauf und sich ein anständiges, ruhiges Zimmer nehmen. Dann – nach einer ordentlichen Mahlzeit und etwas Schlaf, um wieder zu Kräften zu kommen – würde er sich neu einkleiden und sich ein wenig umsehen. Aber erst einmal wollte er nichts weiter als das ruhige Zimmer und Schlaf. Es erschien ihm zwar etwas unpassend, daß ein Rahl sich dazu herablassen mußte, im Stammhaus seiner eigenen Familie ein Zimmer zu mieten, doch mit diesem Punkt würde er sich später befassen. Im Moment verspürte er kein anderes Bedürfnis, als sich hinzulegen, denn sein Kopf hämmerte über alle Maßen. Jedes Mal, wenn er sich umdrehte, schmerzten seine Augen, also versuchte er, sein Blickfeld auf den kleinen Flecken staubigen Bodens unmittelbar vor seinen Füßen zu beschränken.

Der lange Marsch aus dem elenden Sumpfgebiet bis zum Palast war eine pure Willensleistung gewesen. Trotz der Kälte war er schweißgebadet, vermutlich hatte er die kalte Witterung überschätzt, der er bei seiner Durchquerung der Azrith-Ebene ausgesetzt sein würde, und sich, mit all den Hemden, die er trug, viel zu warm angezogen. Oba zerrte an einem Stoffknäuel, das sich andauernd störend unter seiner Achselhöhle zusammenschob. Die Hemden waren ihm zu klein gewesen, deswegen hatte er die Nähte an verschiedenen Stellen aufreißen müssen, um sie übereinander anziehen zu können. Jetzt, da die vielen Stoffmuster unter den verschiedenen zerfetzten Lagen hervorschimmerten und er obendrein noch eine Wolldecke als Umhang trug, kam er sich vor wie ein Bettler, und das, obwohl er vermutlich reich genug war, um den gesamten Markt gleich mehrfach leerzukaufen.

Aber bloß nichts essen. Nach Essen war ihm absolut nicht zumute. Sein ganzer Körper schmerzte – selbst das Blinzeln tat weh –, aber mehr als alles andere quälte ihn die Pein in seinem Unterleib.

Bei seinem letzten Aufenthalt hatten ihm die herzhaften Gerüche der Garküchen das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, jetzt wurde ihm schon von den zarten Rauchschwaden der Kochfeuer übel. Er fragte sich, ob es vielleicht daran lag, daß er jetzt einen feineren Geschmack besaß, und spielte mit dem Gedanken, oben im Palast vielleicht eine leichte Mahlzeit zu sich zu nehmen. Die Vorstellung vermochte seinen Appetit allerdings auch nicht anzuregen, denn er war nicht hungrig, sondern einfach nur erschöpft.

Die Lider halb geschlossen, schleppte sich Oba immer weiter durch die behelfsmäßigen Straßen des Marktes. Der Rucksack auf seinem Rücken erschien ihm so schwer wie drei ausgewachsene Männer. Wahrscheinlich wieder so ein Trick dieser Sumpfhexe, irgendein Bann, den sie über ihn gesprochen hatte. Sie hatte gewußt, daß er sie besuchen würde, und ihre Würste wahrscheinlich mit Bleigewichten voll gestopft. Beim Gedanken an die Würste stülpte sich ihm fast der Magen um.

Gerade blinzelte er im Gehen zu dem in der Sonne schimmernden Palast hoch über ihm hinauf, als er versehentlich mit jemandem zusammenprallte, beiden entfuhr ein Stöhnen. Oba wollte das lästige Hindernis bereits mit einem Fußtritt aus dem Weg räumen, als das bucklige Lumpenbündel herumfuhr, um ihn knurrend zu verwünschen.

Clovis!

Bevor Oba ihn packen konnte, schlüpfte er zwischen zwei älteren Männern hindurch, die soeben des Weges kamen. Oba, unmittelbar hinter ihm, jedoch beträchtlich breiter, stieß die beiden zur Seite. Während die beiden Männer zu Boden gingen, taumelte Oba zwischen ihnen hindurch und setzte dem kleinen Dieb nach. Clovis bremste unvermittelt ab, schaute erst nach links, dann nach rechts. Oba warf sich auf den in Lumpen gehüllten Gauner, doch das schmächtige Kerlchen konnte gerade noch rechtzeitig in eine Seitenstraße entwischen und unter Obas griffbereiten Armen hindurchschlüpfen. Oba griff ins Leere, bekam nur einen winzigen Stoffetzen vom Ärmel des Mannes zu fassen und landete mit dem Gesicht im Staub.