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Nahe der Rückwand des Raumes stand ein kunstvoll geschnitzter und vergoldeter, mit roten Seidenstoffen drapierter Sessel. Jennsen mußte schlucken, als sie sich endlich überwand, den Mann anzusehen, der darauf saß, den Ellbogen auf der Armlehne des Sessels, das Kinn auf Daumen und Zeigefinger gestützt.

Ein stiernackiger Bulle von einem Mann. Der flackernde Schein der Kerzen, der sich auf seinem kahl rasierten Schädel widerspiegelte, verstärkte die Illusion, daß er eine Krone aus winzigen Flammen trug. Zwei lange, dünne Schnurrbärte sprossen an den Winkeln seines Mundes, ein weiterer Zopf wuchs ihm aus der Mitte seines Kinns. Feine Goldkettchen verbanden die güldenen Ringe an der Außenseite seines linken Nasenlochs und an seinem Ohr, während sich eine Ansammlung sehr viel schwererer, juwelenbesetzter Ketten in den tiefen Einschnitt zwischen seinen hervortretenden Brustmuskeln schmiegten. Jeder seiner fleischigen Finger war mit einem breiten Ring geschmückt. Die Fellweste, die er trug, war ärmellos, so daß man seine kräftigen Arme und massigen Schultern sah. Er wirkte nicht gerade groß, aber deswegen war sein muskelbepackter massiger Körper nicht weniger beeindruckend.

Seine Augen jedoch waren es, die ihr, trotz Sebastians warnender Schilderung, den Atem verschlugen, denn keine noch so eindringlichen Worte hätten sie auf diese Begegnung vorbereiten können.

Seine trüben Augen hatten überhaupt kein Weiß, weder Iris noch Pupillen, so daß man nur in zwei glänzende, dunkle leere Höhlen blickte. In diesen düsteren Höhlen aber trieben dämmrige Schatten. Trotz des Fehlens von Iris und Pupillen war ihr jenseits allen Zweifels klar, daß er sie direkt und durchdringend ansah.

Als er sie anlächelte, war Jennsen sicher, daß ihre Knie unter ihr nachgaben.

Sebastians Arm faßte sie fester und half ihr sich aufrecht zu halten. Er deutete eine Verbeugung aus der Hüfte an.

»Mein Kaiser, ich danke dem Schöpfer, daß er über Euch und Eure Sicherheit gewacht hat.«

Das Lächeln wurde breiter. »Und über Euch, Sebastian.« Seine Stimme, heiser, kraftvoll und bedrohlich, entsprach voll und ganz seiner äußeren Erscheinung. »Es ist lange her, viel zu lange. Ich bin erfreut, Euch wieder bei mir zu wissen.«

Sebastian wies mit einem Neigen seines Kopfes auf Jennsen. »Exzellenz, ich habe einen wichtigen Gast mitgebracht. Dies ist Jennsen.«

Obwohl Sebastian ihr seinen Arm um die Hüfte gelegt hatte, um sie zu stützen, wand sie sich heraus und ließ sich freiwillig auf die Knie sinken. Dann beugte sie sich vor, bis ihre Stirn fast den Boden berührte. Sebastian hatte ihr nicht erklärt, daß sie dies tun solle, aber ihr überwältigendes Angstgefühl schien ihr genau dies vorzuschreiben. Außerdem erlöste es sie für einen kurzen Augenblick aus der Pflicht, in diese alptraumhaften Augen zu sehen.

»Euer Exzellenz«, sprach sie mit bebender Stimme, »ich stehe Euch zu Diensten.«

Sie hörte schallendes Gelächter. »Komm schon, Jennsen, das ist nun wirklich nicht nötig.«

Jennsen spürte, wie ihr Gesicht tiefrot anlief, als sie sich auf Sebastians belustigtes Drängen hin mit seiner Hilfe erhob. Doch weder der Kaiser noch er nahmen Notiz von ihrer Verlegenheit.

»Wo in aller Welt habt Ihr nur eine so bezaubernde Frau aufgetrieben, Sebastian?«

Sebastian betrachtete sie voller Stolz. »Das ist eine lange Geschichte, die ich Euch ein andermal erzählen werde, Euer Exzellenz. Im Augenblick müßt Ihr nur wissen, daß Jennsen einen wichtigen Entschluß gefaßt hat, der sich auf unser aller Dasein auswirken wird.«

Jagangs trüber Blick wanderte zurück zu Jennsen. Ein kaum merkliches Lächeln umspielte seine Lippen; es war das nachsichtig herablassende Schmunzeln eines Kaisers für einen gewöhnlichen, unbedeutenden Menschen.

»Und welcher Entschluß, mein junges Fräulein, wäre das?«

Jennsen.

Das Bild ihrer Mutter, wie sie blutend und dem Tode nahe auf dem Fußboden ihres Hauses lag, schoß Jennsen durch den Kopf. Sie würde die letzten, kostbaren Augenblicke im Leben ihrer Mutter nie vergessen.

Jennsen.

Schließlich übermannte sie die Wut, und jegliche Nervosität, auf die Frage des Kaisers zu antworten, fiel von ihr ab.

»Ich habe mich entschlossen, Lord Rahl zu töten«, erklärte Jennsen. »Und ich bin gekommen, um Eure Hilfe dabei zu erbitten.«

In der darauf folgenden, totenähnlichen Stille wich jede Spur von Heiterkeit aus Kaiser Jagangs Gesicht. Er betrachtete sie aus kalten, dunklen, gnadenlosen Augen, während sein Gesicht einen warnenden Zug annahm. Dies war unzweifelhaft ein Thema, das keinerlei Humor vertrug. Lord Rahl war in die Heimat dieses Mannes eingefallen, hatte Tausende und Abertausende seiner Untertanen abgeschlachtet und die ganze Welt mit Krieg und Leid überzogen.

Kaiser Jagang der Gerechte wartete, seine Kiefermuskeln aufs Äußerste angespannt; ganz offensichtlich erwartete er eine nähere Erläuterung von ihr.

»Ich bin Jennsen Rahl«, antwortete sie auf seinen finsteren fragenden Blick. Sie zog ihr Messer, faßte es mit absolut ruhiger Hand bei der Klinge und hielt es ihm entgegen, um ihm den verzierten Buchstaben »R« zu zeigen.

»Ich bin Jennsen Rahl«, wiederholte sie, »Richard Rahls Schwester, und ich habe mich entschlossen, ihn zu töten. Sebastian erzählte mir, Ihr könntet mir bei diesem Vorhaben vielleicht behilflich sein. Falls ja, stünde ich auf ewig in Eurer Schuld. Falls nein, dann sagt es bitte gleich; an meinem Entschluß würde es nichts ändern, aber ich müßte mich umgehend wieder auf den Weg machen.«

Die Ellbogen auf den Armlehnen seines mit roter Seide drapierten Throns, beugte er sich zu ihr vor und hielt sie mit seinem alptraumhaften Blick gefangen.

»Meine liebe Jennsen Rahl, Schwester des Richard Rahl, für eine so schwierige Tat würde ich Euch die Welt zu Füßen legen. Ihr braucht nur zu fragen, und was immer in meiner Macht steht, werdet Ihr bekommen.«

45

Jennsen saß unmittelbar neben Sebastian; doch obwohl seine vertraute Nähe alles ein wenig leichter machte, hätte sie am liebsten mit ihm allein an einem Lagerfeuer gesessen, Fisch gebraten oder Bohnen gekocht. An der Tafel des Kaisers, ständig umsorgt von irgendwelchen Dienern, fühlte sie sich einsamer als ganz allein in der Stille des Waldes. Wäre Sebastian nicht gewesen, der mit ihr scherzte und sich unterhielt, sie hätte nicht gewußt, wie sie sich hätte verhalten sollen.

Kaiser Jagang beherrschte den Saal mit müheloser Leichtigkeit. Obwohl er seine freundliche, höfliche Art ihr gegenüber niemals ablegte, gab er ihr auf unergründliche Weise das Gefühl, jeder Atemzug, den sie nahm, werde ihr nur aufgrund seines Wohlwollens gewährt. Er spielte aus dem Stegreif auf Themen von größter Tragweite an, ohne sich dessen überhaupt bewußt zu sein, so vertraut war ihm die Verantwortung, so überzeugt war er von seiner unerschütterlichen Dominanz. Er glich einem liegenden Berglöwen, der geschmeidig in sich ruhte und sich träge die Lippen leckte.

Dieser Kaiser gab sich nicht damit zufrieden, irgendwo untätig in einem entlegenen Palast herumzusitzen und Berichte entgegenzunehmen, dieser Kaiser führte seine Männer in das dichteste Schlachtgetümmel. Er war ein Kaiser, der seine Hände tief in den blutigen Morast aus Leben und Tod hineintauchte und sich herausnahm, was immer ihm davon begehrlich schien.

Jennsen hatte kaum Appetit. Wählerisch zupfte sie winzige Fleischstreifen von dem saftigen Stück Schweinebraten ab, der vor ihr auf einer mächtigen Scheibe Brot lag, und nagte lustlos daran herum, während sie der Unterhaltung der beiden Männer lauschte. Ihr Gespräch war nichtssagend. Jennsen konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die beiden Männer sich in ihrer Abwesenheit sehr viel mehr zu sagen gehabt hätten. So jedoch sprachen sie über gemeinsame Bekannte und brachten sich gegenseitig über Belanglosigkeiten auf den neuesten Stand, die sich seit Sebastians Abschied aus der Armee im vergangenen Sommer zugetragen hatten.

»Wie steht es um Aydindril?«. erkundigte sich Sebastian und spießte eine Scheibe Fleisch mit seiner Messerspitze auf.