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Dennoch war die Vorstellung, daß er ihr so nah sein könnte, zu verlockend, um sie einfach abzutun; sie ließ ihr Herz schneller schlagen. »Wenn er tatsächlich so nah ist, dann benötige ich die Hilfe der Schwestern des Lichts nicht. Ich brauchte auch keinen Bann. Ich müßte nur ein wenig näher an ihn heran und mich in Eurer Nahe halten, sobald Ihr Euren Sturmangriff auf die Stadt beginnt.«

Jagangs düsteres, humorloses Grinsen war zurückgekehrt. »Ihr reitet mit mir; ich werde Euch am Palast der Konfessoren absetzen.« Wieder hatten sich die Knöchel auf dem Griff seines Messers weiß verfärbt. »Ich will den Tod der beiden. Um die Mutter Konfessor werde ich mich höchstpersönlich kümmern. Ich erteile Euch hiermit die Erlaubnis und das Privileg, Richard Rahl das Messer in den Leib zu stoßen.«

Jennsen durchlebte ein wildes Wechselbad der Gefühle, schwankte zwischen freudiger, fast übermütiger Erregung und nacktem Entsetzen. Einen flüchtigen Augenblick lang kamen ihr Zweifel, ob sie zu einer so entsetzlichen, kaltblütigen Tat überhaupt fähig wäre.

Jennsen.

Aber dann mußte sie wieder an ihre Mutter denken, die, ihren abgetrennten Arm neben sich, auf dem Fußboden ihres Hauses unter den Blicken der Schlächter des Lord Rahl an ihren entsetzlichen Stichverletzungen verblutet war. Jennsen sah noch einmal die Augen ihrer Mutter im Augenblick des Todes vor sich und erinnerte sich nur zu gut an die Hilflosigkeit; mit der sie das qualvolle Ende ihrer Mutter erlebt hatte. Das Grauen war noch genauso frisch wie damals, und ihr Zorn hatte noch nichts von seiner Unbändigkeit verloren. Jennsen verspürte das heftige Verlangen, ihrem Halbbruder ihr Messer ins Herz zu stoßen.

Es war der einzige Wunsch, den sie noch hatte.

Während sie sich in ihrem gerechten Zorn bereits das Messer in Richard Rahls Brust stoßen sah, war sie so unempfänglich für alles andere geworden, daß sie Jagang nur wie aus weiter Ferne sprechen hörte.

»Aber wie kommt Ihr überhaupt dazu, Euren Bruder töten zu wollen? Welche Gründe habt Ihr, was bezweckt Ihr damit?«

»Grushdeva«, zischte sie.

Jennsen hörte hinter sich eine gläserne Vase auf dem Boden zerschellen. Das Geräusch ließ sie auffahren und holte sie in die Gegenwart zurück.

Der Kaiser warf der Frau im Hintergrund einen mißbilligenden Blick zu; deren braune Augen waren starr auf Jennsen gerichtet.

»Ich muß mich für Schwester Perditas Ungeschick entschuldigen«, sagte Jagang mit einem wütenden Seitenblick auf die Frau.

»Vergebt mir, Exzellenz«, meinte die Frau im dunkelgrauen Kleid und verschwand unter unablässigen Verbeugungen rückwärts zwischen den schweren Vorhängen.

Der übellaunige Blick des Kaisers wandte sich wieder Jennsen zu.

»Also, was sagtet Ihr gerade?«

Jennsen hatte nicht die leiseste Ahnung. Sie wußte zwar, daß sie gesprochen hatte, aber was es gewesen war, vermochte sie beim besten Willen nicht mehr zu sagen. Womöglich hatte der Schmerz ihr einen Knoten in die Zunge gemacht, als sie gerade antworten wollte. Ihr Kummer übermannte sie erneut und legte sich wie eine unerträgliche Last auf ihre Schultern.

»Seht Ihr, Exzellenz«, antwortete sie schließlich, »solange ich lebe, hat mein Vater, Darken Rahl, versucht, mich umzubringen, weil ich ein nicht mit der Gabe gesegneter Nachkömmling von ihm bin. Nachdem Richard Rahl ihn getötet hatte, übernahm er die Rolle seines Vaters, mitsamt der Verpflichtung, seine nicht mit der Gabe gesegneten Geschwister zu töten, eine Aufgabe, die er mit noch größerer Grausamkeit versieht als zuvor sein Vater.«

Jennsen sah mit tränennassen Augen hoch. »Kurz nachdem ich Sebastian kennen gelernt hatte, spürten die Männer meines Bruders uns schließlich auf. Wäre Sebastian nicht gewesen, hätten sie mich ebenfalls erwischt. Ich habe mich entschlossen, Richard Rahl zu töten, weil ich sonst niemals frei sein kann. Sebastian hat mir nicht nur das Leben gerettet, sondern mir auch zu dieser Erkenntnis verholfen.

Aber noch wichtiger ist vielleicht, daß ich den Tod meiner Mutter rächen muß, wenn ich jemals meinen Frieden finden will.«

»Unser Ziel ist das Wohlergehen unserer Mitmenschen. Eure Geschichte betrübt mich, denn exakt aus diesem Grund kämpfen wir für die Ausrottung des zerstörerischen Einflusses der Magie.« Schließlich sah er Sebastian an. »Ich bin stolz auf Euch, daß Ihr dieser prächtigen jungen Frau geholfen habt.«

Sebastians Laune hatte sich erkennbar verschlechtert. Sie wußte, wie sehr er Lob als Bürde empfand, und wünschte sich, er könnte auch ein wenig stolz sein auf seine Leistungen, auf seine Bedeutung und seine Stellung bei Kaiser Jagang.

Er legte sein Messer auf dem Teller mit den Essensresten ab. »Ich mache nur meine Arbeit. Exzellenz.«

»Nun«, meinte Jagang mit einem aufmunternden Lächeln, »ich bin jedenfalls froh, daß Ihr rechtzeitig zurückgekommen seid, um den Höhepunkt Eurer Strategie mitzuerleben.«

Sebastian lehnte sich zurück und nippte an seinem Bierkrug. »Wollt Ihr nicht warten, bis Bruder Narev zurück ist? Sollte nicht auch er dabei sein und Zeuge dieses vielleicht entscheidenden Schlags werden?«

Jagang rollte mit seinem fleischigen Finger in kleinen Kreisen eine Olive auf dem Tisch herum. Er ließ sich eine Weile Zeit, bevor er, ohne aufzusehen, sprach.

»Ich habe seit dem Fall Altur’Rangs nichts mehr von Bruder Narev gehört.«

Sebastian schnellte hoch und stieß dabei gegen den Tisch. »Was! Altur’Rang ist gefallen?«

Jennsen wußte, daß Altur’Rang die Heimat des Kaisers war, die Stadt, aus der er stammte. Sebastian hatte ihr erzählt, Bruder Narev und die Bruderschaft der Imperialen Ordnung hätten dort, in dieser großen, leuchtenden Stadt, dem Hoffnungssymbol der Menschheit, ihren Sitz. Ein gewaltiger Palast werde dort errichtet, als Huldigung an den Schöpfer und als Symbol für die Festigung der Einheit der Alten Welt.

»Ich erhielt erst kürzlich Berichte, denen zufolge die Stadt von feindlichen Truppen überrannt wurde. Altur’Rang ist weit von hier und wurde abgeschnitten. Zum Teil ist es auf die winterlichen Verhältnisse zurückzuführen, daß die Berichte so lange brauchten.

In Anbetracht dieser ungünstigen Fügung des Schicksals halte ich es für unklug abzuwarten, bis es Bruder Narev gelingt, sich bis hier oben durchzuschlagen. Er wird mit dem Abwehren der Eroberer alle Hände voll zu tun haben. Sollten sich die Mutter Konfessor und Richard Rahl tatsächlich in Aydindril aufhalten, dürfen wir auf keinen Fall länger warten, sondern müssen schnell und mit vernichtender Wucht zurückschlagen.«

Jennsen legte Sebastian mitfühlend eine Hand auf den Unterarm. »Das muß die Geschichte gewesen sein, von der du mir erzählt hast. Gleich bei unserer ersten Begegnung sagtest du, Lord Rahl sei in deine Heimat eingefallen; offenbar war genau das sein Ziel – die Stadt Altur’Rang.«

Sebastian starrte sie an. »Vielleicht ist er gar nicht in Aydindril. Möglicherweise stellt sich heraus, daß er sich noch immer im Süden aufhält, Jenn, in der Alten Welt. Das solltest du nicht vergessen. Ich möchte nicht, daß du all deine Hoffnungen darauf setzt, nur um später erleben zu müssen, daß sie sich in Rauch auflösen.«

»Das stimmt; ich hoffe, daß er hier ist und die Geschichte endgültig zum Abschluß gebracht werden kann, aber wie Exzellenz bereits über den Vormarsch auf Aydindril sagte, haben wir dabei nichts zu verlieren. Schließlich hatte ich nicht erwartet, ihn hier anzutreffen. Wenn er nicht in Aydindril ist, bleibt mir immer noch die Hilfe, derentwegen du mich überhaupt nur hergebracht hast.«

»Und worin soll diese Hilfe bestehen?«, fragte Jagang.

Sebastian antwortete an ihrer Stelle. »Ich erklärte ihr, die Schwestern könnten ihr möglicherweise mit einem Bann helfen – damit sie den Schutzring um Lord Rahl überwinden und nahe genug an ihn herankommen kann, um die Tat auszuführen.«

»Nun, wie auch immer. Wenn er sich in Aydindril aufhält, sollt Ihr ihn bekommen.« Jagang nahm die Olive auf, mit der er gespielt hatte, und ließ sie in seinem Mund verschwinden. »Und wenn nicht, könnt Ihr frei über die Schwestern verfügen. Was immer Ihr an Hilfe von ihnen benötigt, sei Euch zugestanden. Ihr braucht nur zu fragen, und sie werden sie Euch gewähren. Ihr habt mein Wort darauf.«