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Kaiser Jagangs dumpfe Bestürzung angesichts des auf einer Speerspitze aufgespießten Kopfes unmittelbar vor seinen Augen sowie die Tatsache, daß nicht einer der Zehntausende von Männern sich auch nur zu räuspern wagte, ließ Jennsens Herz schneller schlagen als bei dem verwegenen Galopp auf Rustys Rücken.

Vorsichtig riskierte Jennsen einen Seitenblick auf Sebastian. Er stand ebenfalls wie vom Donner gerührt. Als sie den Ausdruck in seinen aufgerissenen, tränenüberströmten Augen sah, drückte sie ihm voller Mitgefühl den Arm. Schließlich beugte er sich zu ihr, um ihr mit tränenerstickter Stimme etwas zuzuflüstern.

»Bruder Narev.«

Der Schock der beiden kaum hörbar geflüsterten Worte traf Jennsen wie ein Schlag ins Gesicht. Es war der große Mann höchstpersönlich, das geistige Oberhaupt der gesamten Alten Welt, Kaiser Jagangs persönlicher Freund und engster Berater – ein Mann, von dem Sebastian glaubte, daß er dem Schöpfer näher stand als jeder andere Mann, der je das Licht der Welt erblickt hatte, ein Mann, dessen Lehren Sebastian peinlich genau befolgte ...

Der Kaiser streckte seine Hand vor und zog ein kleines, zusammengefaltetes Stück Papier heraus, das seitlich in Bruder Narevs Kappe steckte. Als Jennsen sah. wie Jagang den sorgfältig gefalteten Zettel mit seinen fleischigen Fingern auseinanderklappte, fühlte sie sich unerwartet an den schicksalhaften Tag erinnert, als auch sie, bei einem toten d’Haranischen Soldaten auf dem Grund der Schlucht, einen kleinen Zettel gefunden und auseinandergefaltet hatte, an jenen Tag, an dem sie Sebastian zum ersten Mal begegnet war, an den Tag, bevor die Soldaten Lord Rahls sie aufgespürt und ihre Mutter umgebracht hatten.

Kaiser Jagang hielt das Stück Papier vor sich, um schweigend zu lesen, was darauf stand. Eine beängstigend lange Zeit schien er einfach nur auf das Papier zu starren; schließlich ließ er den Arm schlaff an seinem Körper herabfallen. Eine ungeheure Wut kochte in ihm hoch und ließ seine Brust anschwellen, während er Bruder Narevs Kopf auf der Spitze des Speers betrachtete. Mit glutvoller, von bitterer Empörung erfüllter Stimme wiederholte Jagang den Text des Zettels gerade laut genug, daß die Umstehenden ihn hören konnten.

»Mit besten Empfehlungen von Richard Rahl.«

Der auffrischende Wind fuhr stöhnend durch eine nahe Baumreihe. Niemand sprach ein Wort, alles wartete auf Weisungen des Kaisers.

Der üble Gestank ließ Jennsen die Nase rümpfen. Sie blickte hoch und sah, daß der Kopf, der eben noch so perfekt schien, vor ihren Augen zu verwesen begann. Der Unterkiefer klaffte auf. Der schmale Strich des Mundes weitete sich, so daß man fast meinen konnte, er setze an zu einem Schrei.

Zusammen mit allen anderen, Kaiser Jagang eingeschlossen, wich Jennsen einen Schritt zurück, als das Fleisch des Gesichts in plötzlichem Verfall auf schauderhafte Weise aufzuplatzen begann und das faulige Gewebe darunter sichtbar wurde. Die Zunge schwoll an, während der Kiefer weiter nach unten klappte, die Augäpfel kippten nach vorn aus ihren Höhlen und schrumpften ein. Klumpen stinkenden Gewebes lösten sich und fielen zu Boden.

Was normalerweise ein monatelanger Zerfallsprozeß gewesen wäre, geschah hier in Sekundenschnelle, und zurück blieb ein Totenschädel unter einer geknifften Kappe, der sie durch Fetzen schlaff herabhängenden Gewebes angrinste.

»Er war mit einem magischen Netz umgeben, Exzellenz«, sagte Schwester Perdita; fast klang es wie die Antwort auf eine unausgesprochene Frage. Jennsen hatte gar nicht bemerkt, daß sie sich ihnen von hinten genähert hatte. »Der Bann hat ihn in diesem Zustand erhalten, bis Ihr den Brief aus der Kappe zogt, wodurch der Zauber, der ihn konservierte, aufgehoben wurde. Nachdem die Magie entfernt war, durchliefen seine ... sterblichen Überreste den üblichen Verfallsprozess, wie er normalerweise längst stattgefunden hätte.«

Kaiser Jagang musterte sie mit seinen kalten, unergründlichen Augen. Jennsen konnte nicht wissen, was er dabei dachte, sah aber den unbändigen Zorn, der hinter diesen alptraumhaften Augen aufkam.

»Der Schutzmechanismus, der ihn bis zu dem Augenblick konservierte, da ihn exakt die richtige Person – beim Herausziehen des Briefes – berührte, war überaus komplex«, erläuterte Schwester Perdita mit ruhiger Stimme. »Wahrscheinlich war der Schutzmechanismus auf Eure Berührung abgestimmt, Exzellenz.«

Einen erschreckenden Augenblick lang befürchtete Jennsen, Kaiser Jagang könnte sein Schwert mit einem wütenden Aufschrei kreisen lassen und der Frau den Kopf abschlagen.

Ein etwas seitlich von ihnen stehender Offizier wies hinauf zum Palast der Konfessoren.

»Seht doch! Sie ist es!«

»Gütiger Schöpfer!«, hauchte Sebastian, als auch er den Kopf hob und eine Person im Fenster stehen sah.

Andere Soldaten begannen ebenfalls zu rufen, sie hätten sie gesehen. Jennsen stellte sich auf die Zehenspitzen und versuchte an den unzähligen nach vorne stürmenden Soldaten und gestikulierenden Offizieren vorbei, durch die Spiegelungen der Fensterscheibe einen Blick auf die Frau zu erhaschen, die sie, etwas zurückversetzt, im dunklen Hintergrund des Raumes erspäht zu haben glaubte. Sie hielt die Hand schützend über ihre Augen, um besser sehen zu können. Unter den Soldaten wurde aufgeregt getuschelt.

»Da!«, stieß ein anderer Offizier hervor. »Seht doch! Es ist Lord Rahl! Dort! Das ist Lord Rahl!«

»Da!«, schrie wieder ein anderer. »Jetzt laufen sie dort hinten entlang! Es sind die beiden!«

»Jetzt sehe ich sie auch«, knurrte Jagang, während er die beiden fliehenden Gestalten mit seinem düsteren Blick verfolgte. »Dieses Miststück würde ich selbst noch im entlegensten Winkel der Unterwelt erkennen. Und dort drüben – Lord Rahl ist bei ihr!«

Jennsen bekam die beiden an den Fenstern vorbeihuschenden Gestalten immer nur für kurze Augenblicke zu sehen.

Kaiser Jagang, die Luft mit seinem Schwert zerteilend, gab seinen Männern ein Zeichen. »Umstellt den Palast damit sie auf keinen Fall entkommen können!« Dann wandte er sich an seine Offiziere. »Ein Sturmtrupp soll mich begleiten! Außerdem ein Dutzend Schwestern! Schwester Perdita – Ihr bleibt hier draußen bei den anderen Schwestern. Und laßt ja niemanden vorbei!«

Sein Blick suchte Sebastian und Jennsen. Als er sie inmitten der Umstehenden erspäht hatte, durchbohrte er Jennsen mit seinem wütend funkelnden Blick.

»Wenn Ihr Euer Vorhaben in die Tat umsetzen wollt. Mädchen, dann müßt Ihr mich jetzt begleiten.«

Jennsen jagte bereits zusammen mit Sebastian in Kaiser Jagangs Schlepptau davon, als sie plötzlich merkte, daß sie das Messer in der geballten Faust hielt.

48

Jennsen hastete unmittelbar hinter Jagang im Schatten der hohen Marmorsäulen die weite Marmortreppe hinauf. Den grimmigen Männern, die rings um sie her die Stufen hinaufsprangen, stand ihre wilde Entschlossenheit ins Gesicht geschrieben.

Die Männer des in mehrere Lagen aus Lederrüstung, Kettenpanzer und derbe Tierhäute gehüllten Sturmtrupps hatten Kurzschwerter, gewaltige sichelförmige Streitäxte oder gefährliche Peitschen in der einen Hand, an ihrem anderen Arm dagegen trugen sie runde Metallschilde, versehen mit einem langen Mitteldorn, der sie ebenfalls zu Waffen machte. Darüber hinaus waren die Männer mit Gürteln und Riemen umwickelt, die mit spitzen Bolzen besetzt waren und den waffenlosen Kampf Mann gegen Mann günstigstenfalls zu einem gewagten Unterfangen machten. Jennsen konnte sich nicht vorstellen, wer den Mut besäße, sich diesen fürchterlichen Kriegern entgegenzustellen.

Bei ihrem Sturmangriff über die Treppe verfielen die Soldaten in ein animalisches Gebrüll; sie durchbrachen die mit Schnitzereien verzierten Doppeltüren wie Reisig, ohne auch nur ein einziges Mal vorher zu prüfen, ob sie nicht vielleicht unverschlossen waren. Jennsen schützte ihr Gesicht mit dem Arm, als sie mitten durch den Hagel aus zersplitterten Holztrümmern sprang.