Zehntausende Kavalleriesoldaten hatten in einer gewaltigen, bis zum Fuß des Hügels reichenden Schlachtformation quer über das gesamte Palastgelände Aufstellung genommen. Schwerter, Streitäxte und Lanzen schwenkend, stürmten sie unter Grauen erregenden Schlachtrufen in geschlossener Formation voran, doch dann ging plötzlich ein gewaltiger Ruck durch ihre Reihen. Man hörte ein tönendes Scheppern, als sie gegen eine Wand aus unsichtbaren Feinden prallten.
Jennsen, die ans Fenster getreten war. traute ihren Augen nicht; der erschreckende Anblick draußen wollte einfach keinen Sinn ergeben. Sie hätte niemals geglaubt, was sich nun vor ihren Augen abspielte, wäre da nicht der Schock des völlig unvermittelt einsetzenden Gemetzels gewesen. Körper von Roß und Reiter wurden aufgerissen, Pferde bäumten sich auf, stürzten zu Boden. Soldatenköpfe und -arme wurden durch die Luft gewirbelt, als hätte eine Axt sie abgehauen. Männer wurden von Hieben zurückgetrieben, die ganze Stücke aus ihrem Körper rissen. Die dunkle, schlammbespritzte Streitmacht der Kavallerie der Imperialen Ordnung erstrahlte plötzlich leuchtend rot im gedämpften Tageslicht. Das Gemetzel war so entsetzlich, daß sich der grüne Rasen in einem breiten Streifen hügelabwärts rot verfärbte.
Wo man eben noch Schlachtrufe vernommen hatte, hörte man jetzt nur noch die spitzen Schreie grauenhafter Schmerzen und Qualen, als Männer, in Stücke gehackt, mit abgetrennten Gliedern und tödlichen Verwundungen, sich auf allen vieren kriechend in Sicherheit zu bringen versuchten. Aber draußen auf dein Schlachtfeld gab es einen solchen Ort nicht, dort gab es nur völlige Verwirrung und Tod.
Voller Entsetzen blickte Jennsen hoch in Sebastians entgeistertes Gesicht. Bevor einer von ihnen auch nur ein Wort sagen konnte, erzitterte das Gebäude wie von einem Blitz getroffen. Unmittelbar nach dem krachenden Donnerschlag füllte sich der Flur mit wallendem Rauch; Flammen schlugen ihnen entgegen. Sebastian schnappte ihren Arm und warf sich mit ihr gegenüber dem Fenster in einen Seitengang.
Die Explosion wälzte sich tosend durch den Gang, trieb Holzsplitter, ganze Sessel und lichterloh brennende Vorhänge vor sich her. Glasund Metallsplitter sirrten vorbei und durchschlugen mühelos die Wände.
Kaum war die Walze aus Rauch und Flammen verzogen, liefen Sebastian und Jennsen, ihre Waffen einsatzbereit in der Hand, auf den Gang hinaus und rannten in die Richtung, in der Kaiser Jagang verschwunden war.
Alle Fragen, alle Einwände waren vergessen – sie waren schlagartig bedeutungslos geworden. Das Einzige, was jetzt zählte, war, daß Richard Rahl – irgendwie – hier zu sein schien. Sie mußte ihm Einhalt gebieten. Auch die Stimme hielt sie dazu an; und diesmal versuchte sie nicht, ihr den Mund zu verbieten, diesmal erlaubte sie ihr, die Flammen ihres brennenden Verlangens nach Rache anzufachen und ihr den überwältigenden Wunsch einzureden, jemanden zu töten.
Mindestens fünfzig der stämmigen Soldaten des Sturmtrupps lagen über den ganzen Korridor verteilt, alle übersät mit Brandwunden, viele von ihnen von umherfliegenden Holz- und Glassplittern zerfetzt; die meisten Gesichter waren nicht mehr als solche zu erkennen.
Unter den Toten befand sich auch eine Frau – eine der Schwestern. Wie eine Reihe von Soldaten auch, war sie beinahe in zwei Teile gerissen worden, als ihr zerschundenes Gesicht im Tod zu einem Ausdruck der Überraschung erstarrt war.
Der Gestank des Blutes löste bei Jennsen Brechreiz aus; sie konnte sich kaum überwinden, Luft zu holen, als sie hinter Sebastian her lief. Sie folgten einer blutigen Spur hinunter in ein Labyrinth aus prunkvollen Fluren, wo ihnen aus großer Ferne die Geräusche von Soldaten entgegenschlugen. Zu Jennsens Erleichterung konnte sie die Stimme des Kaisers unter ihnen ausmachen. Sie klangen wie Hunde, die unter unablässigem Gekläff die Fährte eines Fuchses aufgenommen hatten und sich weigerten, ihre Beute jemals wieder zu verlieren.
»Sir!«, rief ein Mann aus einer Tür schräg neben ihnen. »Hier entlang, Sir!«
Sebastian blieb stehen, um den Mann und seine aufgeregten Handzeichen kurz zu mustern, dann zog er Jennsen in ein prunkvoll eingerichtetes Zimmer. Auf der anderen Seite des mit einem eleganten Teppich in gold- und rostfarbenem Rautenmuster ausgelegten Fußbodens, jenseits der mit prächtigen, grünen Vorhängen versehenen Fenster, stand, neben einer in einen weiteren Korridor führenden Tür, ein Soldat.
»Sie ist es!«, rief der Mann Sebastian zu. »Beeilt Euch! Sie ist es! Ich habe sie gerade vorbeieilen sehen.«
Plötzlich ließ der Soldat sein Schwert fallen und faßte sich an die Brust; seine Augen weiteten sich, sein Mund klappte auf, dann brach er, ohne ein Zeichen äußerer Verletzung, vor ihren Füßen tot zusammen.
Fast im selben Augenblick hörte Jennsen aus der Richtung, aus der sie gekommen waren, das schnappende, zischende Geräusch von etwas, das nicht von dieser Welt zu sein schien. Sie ließ sich zu Boden fallen, warf sich über Sebastian und drückte ihn wie ein schutzbedürftiges Kind in den Winkel zwischen Fußboden und Wand. Als die krachende Explosion hinter ihr den Fußboden erzittern ließ, schrie sie vor Angst. Eine Schutt- und Trümmerwolke schoß sirrend durch den Raum.
Ihnen bot sich ein Bild der Zerstörung. Die Wand vor ihnen war mit Löchern übersät. Aus unerfindlichem Grund waren sie und Sebastian unverletzt geblieben, was sie in ihrer Überzeugung nur bestätigte.
»Das war er!« Sebastians Arm schoß unter ihrem Körper hervor und wies quer durchs Zimmer. »Das war er!«
Jennsen drehte sich um, konnte aber niemanden erkennen.
Sebastian wiederholte seine Geste. »Das war Lord Rahl, ich habe ihn gesehen. Du hattest mich gerade gegen die Wand geschoben, als er an der Tür vorbeilief und irgendeinen Zauber – eine winzige Menge funkelnden Staubes – in dieses Zimmer warf. Unmittelbar darauf ist dieses Zeug dann explodiert. Es ist mir ein Rätsel, wie wir überlebt haben.«
Im Zimmer war das Unterste nach oben gekehrt worden. Die Vorhänge waren zerfetzt, die Wände durchlöchert. Das noch wenige Augenblicke zuvor so prächtige Mobiliar war nun ein Trümmerhaufen aus zersplittertem Holz und zerrissenen Polstern. Der zerwühlte Teppich war mit einer Schicht aus weißem Staub, Putzstücken und Holzsplittern bedeckt.
Ein baumelndes Stück Wandverputz löste sich, krachte zu Boden und wirbelte noch mehr Staub auf, während Jennsen sich einen Weg durch das verwüstete Zimmer hinüber zur Tür bahnte, durch die sie gekommen waren, zu der Tür, auf die Sebastian gezeigt hatte und wo, nur Augenblicke zuvor, Richard Rahl zu sehen gewesen war. Sebastian hob sein Schwert vom Boden auf und folgte ihr mit hastigen Schritten nach draußen.
»Was, im Namen der Schöpfung, mag hier nur vor sich gehen?«, murmelte Sebastian vor sich hin. Ein Blick aus dem Fenster offenbarte ein mit Tausenden von Leichen übersätes Schlachtfeld.
»Du mußt Kaiser Jagang unbedingt von hier fortschaffen«, sagte Jennsen. Was immer hier geschah, überstieg ihr Vorstellungsvermögen. Jennsen wußte nur eins: Sie war fest entschlossen, ihren Plan in die Tat umzusetzen.
Als sie an einer Kreuzung vorsichtig um die Ecke bogen, trafen sie auf etliche Soldaten, die unmittelbar hinter der Türöffnung eines kleinen Raumes in den Schatten kauerten; sie waren blutüberströmt, lebten aber noch; auch vier Schwestern befanden sich unter ihnen. Jennsen erspähte Kaiser Jagang, der keuchend an einer Wand lehnte, das Schwert fest in seiner blutverschmierten Hand. Als sie auf ihn zueilte, begegnete er ihrem Blick, in seinen schwarzgrauen Augen stand nicht etwa Angst oder Sorge, wie sie erwartet hatte, sondern wütende Entschlossenheit.
»Wir sind ganz dicht davor. Mädchen. Haltet Euer Messer bereit.« Sebastian entfernte sich, um mit Hilfe einiger Soldaten, die auf seine stummen Handzeichen hin seinen Anordnungen folgten, ihre unmittelbare Umgebung zu sichern.