Jennsen konnte kaum glauben, was sie hörte oder sah. »Kaiser Jagang. Ihr müßt augenblicklich fort von hier.« Er sah sie voller Mißbilligung an. »Habt Ihr den Verstand verloren?«
»Wir stehen kurz davor, völlig aufgerieben zu werden! Überall liegen tote Soldaten. Da hinten habe ich Schwestern gesehen, zerfetzt von...«
»Magie«, fiel er ihr boshaft grinsend ins Wort.
Das Grinsen brachte sie vollends außer Fassung. »Exzellenz. Ihr müßt von hier weg, bevor Ihr ebenfalls getötet werdet.«
Sein Grinsen verflog, statt dessen wurde sein Gesicht rot vor Zorn. »Das hier ist Krieg! Was glaubt Ihr wohl, was Krieg bedeutet? Krieg bedeutet Töten. Sie haben es getan, und ich bin fest entschlossen, es ihnen doppelt zu vergelten. Wenn es Euch an Mumm gebricht, das Messer zu gebrauchen, dann verschwindet und flieht in die Berge! Aber wagt nicht noch einmal, mich um Hilfe zu bitten!«
Jennsen weigerte sich, klein beizugeben. »Ich denke nicht daran, zu fliehen, denn ich bin aus einem ganz bestimmten Grund hier. Ich wollte nur, daß Ihr diesen Ort verlaßt, damit der Orden nach Bruder Narev nicht auch noch Euch verliert.«
Er schnaubte angewidert. »Wie rührend.« Dann wandte er sich seinen Männern zu und vergewisserte sich, ob sie ihm auch aufmerksam zuhörten. »Eine Hälfte besetzt das Zimmer rechts, gleich dort vorn, die Übrigen bleiben bei mir. Ich will sie nach draußen, ins Freie treiben.«
Er schwenkte sein Schwert vor den Gesichtern der vier Schwestern. »Zwei begleiten sie, zwei mich. Und daß Ihr mich jetzt nicht enttäuscht!«
Daraufhin teilten sich Soldaten und Schwestern auf und entfernten sich; die eine Hälfte durch das Zimmer zur Rechten, die andere im Schlepptau des Kaisers. Sebastian winkte Jennsen wild gestikulierend zu sich. Sie schloß sich ihm an, dann stürmten sie Seite an Seite hinter Kaiser Jagang hinaus in den dämmrigen Korridor.
»Da ist er!«, hörte sie Jagang weiter vorn rufen. »Hierher! Hier entlang!«
Es folgte eine krachende Explosion von solcher Heftigkeit, daß Jennsen die Beine unter dem Körper weggerissen wurden und sie der Länge nach hinschlug. Schlagartig füllte sich der Gang mit einer Feuerwalze und allen nur erdenklichen, von den Wänden zurückprallenden Trümmerteilen, die auf sie zugeschossen kamen. Sebastian packte ihren Arm, riß sie auf die Beine und zog sie gerade noch rechtzeitig in eine zurückversetzte Türnische.
Soldaten weiter vorn im Gang schrien unter tödlichen Schmerzen. Ihre Schreie waren so ungezügelt, daß es Jennsen eiskalt überlief. Dunkelheit und Rauch erschwerten jegliche Orientierung, trotzdem stießen sie kurz darauf auf die ersten Leichen. Zwar gab es einige Überlebende, doch deren gräßliche Verletzungen ließen keinen Zweifel daran, daß auch ihr Ende nahte. Jennsen und Sebastian kletterten über die Sterbenden hinweg und stolperten auf der Suche nach Jagang durch die Spuren des Gemetzels und die knietiefen, von einer Wand zur anderen reichenden Trümmer.
Dann endlich fanden sie ihn. Jagangs linker Oberschenkel war bis auf den Knochen freigelegt; neben ihm stand eine Schwester, den Rücken an die Wand gepreßt. Eine riesige, zersplitterte Eichenplanke hatte sie unmittelbar unterhalb des Brustbeins durchbohrt und an die Wand gespießt. Sie lebte noch, trotzdem war offenkundig, daß jede Hilfe zu spät kam.
»Gütiger Schöpfer, vergib mir. Gütiger Schöpfer, vergib uns«, murmelte sie leise ein ums andere Mal mit bebenden Lippen vor sich hin. Sie wandte die Augen herum, als sie die beiden kommen sah. »Bitte«, hauchte sie. während sich blutiger Schaum um ihre Nase bildete, »so helft mir doch, bitte.«
Offenbar hatte sie unmittelbar neben dem Kaiser gestanden, ihn wahrscheinlich mit ihrer Gabe abgeschirmt, alle entfesselten Energien von ihm abgelenkt und ihm damit das Leben gerettet. Jetzt wand sie sich in Todesqualen.
Sebastian zog einen hinter seinem Rücken verborgenen Gegenstand unter seinem Umhang hervor. Mit wuchtigem Schwung ließ er seine Streitaxt kreisen, bis sich die Klinge mit einem hallenden Geräusch in die Mauer bohrte und stecken blieb. Der Kopf der Schwester purzelte herab und rollte zwischen die staubigen Trümmer.
Ein kräftiger Ruck, und Sebastian hatte seine Axt wieder befreit. Während er sie in die Schlaufe hinter seinem Rücken zurückschob, drehte er sich herum, so daß er Jennsen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Sie konnte nur entsetzt in seine kalten, blauen Augen starren.
»Angenommen, das wärst du«, sagte er »würdest du wollen, daß ich dich solche Qualen leiden lasse?«
Unfähig, ihm zu antworten, wandte Jennsen sich ab und ließ sich neben Kaiser Jagang auf die Knie fallen. Sie hatte geglaubt, er müsse grauenhafte Schmerzen leiden, doch abgesehen von der Gewißheit, daß ihm sein Bein nicht mehr gehorchte, schien er sich der klaffenden Wunde kaum bewußt. Er drückte die beiden Wundränder, so gut es eben ging, mit einer Hand zusammen, verlor aber immer noch große Mengen Blut. Mit der anderen Hand hatte er sich zur Seite hinüberziehen können, wo er an der Wand lehnte. Das Gesicht schweiß- und rußverschmiert, wies Jagang mit seinem Schwert in einen Seitengang. »Sie ist es, Sebastian! Genau hier hat sie gestanden. Um ein Haar hätte ich sie gehabt. Laßt sie nicht entkommen!«
Eine zweite Schwester stolperte durch das Dunkel auf sie zu. »Exzellenz! Ich habe Euch rufen hören! Ich bin schon da, ich bin hier, ich werde Euch helfen.«
Jagang, eine Hand auf seiner wogenden Brust, nickte dankbar. »Sebastian, laßt sie nicht entkommen! Macht schon!«
»Jawohl, Exzellenz.« Mit einem Blick zu der Schwester legte er Jennsen eine Hand auf die Schulter. »Du bleibst hier bei ihnen. Sie wird dich und den Kaiser beschützen. Ich komme wieder hierher zurück.«
Plötzlich war Jennsen allein mit dem schwer verwundeten Kaiser, einer Schwester der Lichts und der Stimme.
Sie ergriff das lose Ende eines Fetzens durchsichtigen Vorhangstoffs und zog ihn unter den Trümmern hervor. »Ihr verliert große Mengen Blut. Ich muß die Wunde schließen, so gut es eben geht.« Sie blickte hoch in die alptraumhaften Augen Kaiser Jagangs. »Könntet Ihr mir helfen, sie zuzuhalten, während ich Euch verbinde?«
Er grinste. Der Schweiß lief ihm in Strömen übers Gesicht, helle Streifen im staubigen Schmutz hinterlassend. »Es tut nicht weh, Mädchen. Nur zu, ich hab schon Schlimmeres durchgemacht. Und macht schnell.«
Jennsen ging daran, den schmutzigen Vorhangstreifen unter seinem Bein hindurchzufädeln, das Bein zu umwickeln und den Vorgang zu wiederholen, wahrend Jagang die klaffende Wunde nach besten Kräften zusammenhielt. Das zarte Gewebe verfärbte sich fast augenblicklich rot, als es mit seinem dicken Blut in Berührung kam. Die Schwester stützte sich mit einer Hand auf Jennsens Schulter ab und ließ sich auf die Knie hinunter, um ihr zu helfen. Dann legte sie ihre Hände flach zu beiden Seiten neben den riesigen Riß in seinem Oberschenkelmuskel.
Jagang schrie auf vor Schmerz.
»Tut mir leid, Exzellenz«, sagte die Schwester. »Ich muß die Blutung stoppen, sonst verblutet Ihr.«
»Dann macht endlich, dämliches Weib! Und quatscht mich nicht tot!«
Die Schwester, in Tränen aufgelöst, nickte; es war offenkundig, daß ihr das, was sie tat, entsetzliche Angst bereitete, sie aber genau wußte, daß sie keine andere Wahl hatte. Sie schloß die Augen und legte ihre zitternden Hände abermals auf Jagangs behaartes, blutverschmiertes Bein. Jennsen wich ein Stück zurück, um ihr Platz zu machen und beobachtete im dämmrigen Licht, wie sie die Verletzung des Kaisers ganz offensichtlich mit Magie verwob.
Anfangs war überhaupt nichts zu sehen. Als die Magie der Schwester zu wirken begann, biß Jagang die Zähne aufeinander und stöhnte vor Schmerz. Wie gebannt verfolgte Jennsen, wie die Gabe wahrhaftig dazu benutzt wurde, einem Menschen zu helfen, statt immer nur Leid zu verursachen. Für einen kurzen Augenblick schoß ihr der Gedanke durch den Kopf, ob die Imperiale Ordnung wohl auch diese Magie, die das Leben des Kaisers retten half, für böse hielt. Im trüben Licht beobachtete Jennsen, wie das ausgiebig aus der Wunde schießende Blut plötzlich zu einem gemächlich tröpfelnden Rinnsal gerann.