Выбрать главу

Jennsen merkte, daß sie mit leeren Händen dahockte. Sie hatte ihr Messer verloren! Wie von Sinnen begann sie auf Händen und Knien krabbelnd den Trümmerhaufen aus Holzteilen, Putzbrocken und verheddertem Vorhangstoff zu durchwühlen, um ihr Messer wiederzufinden. Sie schob ihren Arm unter einen umgestürzten Tisch ganz in der Nähe, tastete blindlings umher.

Schließlich stieß sie mit den Fingerspitzen gegen etwas Glattes. Sie tastete sich daran entlang, bis sie den kunstvoll ziselierten Buchstaben »R« fühlte. Ächzend vor Anstrengung stemmte sie ein Bein des umgestürzten Tisches mit der Schulter in die Höhe, bis sich das ganze Chaos knirschend ein kleines Stückchen zu bewegen begann. Dann endlich konnte sie weit genug darunterlangen, um ihr Messer hervorzuziehen.

Als Jennsen wieder auf die Beine kam, hatte sich der Mann längst aus dem Staub gemacht; sie eilte ihm trotzdem hinterher. Sie lief den Gang hinunter, den er ihrer Meinung nach genommen haben mußte, warf einen Blick in die einzelnen Zimmer, durchsuchte fensterlose Nischen, immer tiefer in das düstere Innere des Palasts vordringend.

Aus weiter Ferne hörte sie hektisches Gebrüll von Soldatenstimmen, man solle ihnen folgen. Sie versuchte Sebastians Stimme unter ihnen auszumachen, konnte ihn aber nicht heraushören. Und sie vernahm die unverkennbaren Geräusche des Entfesselns von Magie; es klang wie das Knistern von Blitzen, nur eben in geschlossenen Räumen. Manchmal erzitterte der gesamte Palast darunter; gelegentlich waren auch die Schreie sterbender Soldaten zu hören.

Plötzlich hörte Jennsen das Geräusch laufender Soldaten, deren Stiefeltritte durch die Flure dröhnten. Gleich darauf vernahm sie Sebastians Stimme, »Dort entlang! Das ist sie!«

Jennsen rannte zu einer Kreuzung und bog in einen Flur ein, der in die Richtung führte, aus der sie Sebastians Stimme gehört hatte.

Am Ende des großzügigen Korridors mit den granitenen Alkoven in den Wänden auf beiden Seiten, in denen kunstvoll gearbeitete Gegenstände unterschiedlichster Art standen, stieß Jennsen eine golden eingefaßte Doppeltür auf und stand in einem Raum von gewaltigen Ausmaßen. Das Geräusch der von den Wänden zurückprallenden Türflügel hallte durch den Raum, dessen schiere Größe und Pracht Jennsen jäh innehalten ließ. Die Innenseite der gewaltigen Kuppel hoch über ihrem Kopf war mit kostbaren Malereien geschmückt. Unterhalb dieser majestätisch anmutenden Figuren ließ ein Kranz aus runden Fenstern großzügig Licht herein. Zur Seite hin befand sich ein halbkreisförmiges Podium, auf dem – hinter einem eindrucksvollen, mit Schnitzereien verzierten Schreibtisch – eine Reihe von Stühlen stand. Jenseits eines von Bögen überkronten Säulenganges verbargen sich Treppen, die zu der geschwungenen, von wellenförmigen Geländern aus poliertem Mahagoni eingefaßten Galerie hinaufführten.

An der beeindruckenden Architektur erkannte Jennsen, daß dies der Raum sein mußte, von dem aus die Mutter Konfessor über die Midlands herrschte. Die Sitzreihen oben auf den Balkonen dienten zweifellos dazu, Besuchern oder Würdenträgern einen Blick auf die Amtshandlungen zu ermöglichen.

Drüben, auf der anderen Seite des Saales, sah Jennsen hinter den Säulenbögen eine Gestalt wandeln. Im selben Augenblick stürzte Sebastian durch eine andere, nicht weit rechts von ihr gelegene Tür, begleitet von einer Kompanie Soldaten, die sich hinter ihm durch den Türrahmen drängte.

Er wies mit dem Schwert auf sie. »Dort ist sie!« Er war völlig außer Atem; seine blauen Augen funkelten wütend.

Als Jennsen in die Richtung spähte, in die er zeigte, konnte sie die hoch gewachsene Frau auf der anderen Seite des Saales endlich erkennen. Sie war mit einem einfachen, grob gewebten Leinengewand bekleidet, das am Halsausschnitt nur ein paar rote und gelbe Zierstiche als Schmuck aufwies, und trug ihr schwarzgraues, exakt bis zu ihrem energischen Kinn reichendes Haar streng in der Mitte gescheitelt.

»Die Mutter Konfessor«, entfuhr es Sebastian leise, offenbar wie gelähmt von ihrem Anblick.

Jennsen sah ihn stirnrunzelnd an. »Die Mutter Konfessor ...?« Jennsen vermochte sich nicht recht vorzustellen, daß Lord Rahl eine Frau ehelichte, die seine Urgroßmutter hätte sein können. »Was siehst du dort, Sebastian?«

Er warf ihr einen selbstgefälligen Blick zu. »Die Mutter Konfessor natürlich.«

»Wie sieht sie aus, wie ist sie gekleidet?«

»Sie trägt ihr typisches weißes Kleid.« Der hitzige Ausdruck war auf sein Gesicht zurückgekehrt. »Das ist doch wohl kaum zu übersehen.«

Jennsen packte Sebastian beim Arm und riß ihn herum. »Nein!«, fuhr sie ihn halblaut an. »Das ist sie nicht, Sebastian.«

»Hast du den Verstand verloren?« Er funkelte sie wütend an. »Glaubst du vielleicht, ich wüßte nicht, wie die Mutter Konfessor aussieht?«

»Ich hab sie schon einmal gesehen«, meinte der Soldat neben ihm. »Sie ist es, kein Zweifel.«

»Nein, sie ist es nicht«, beharrte Jennsen mit leiser Stimme. »Es muß ein Zauber sein. Das dort drüben ist eine alte Frau, Sebastian. Die ganze Geschichte hier läuft in die völlig falsche Richtung. Wir müssen sofort den Palast...«

Der Soldat an Sebastians Seite stöhnte auf; sein Schwert fiel scheppernd auf den Marmorboden, als er sich an die Brust faßte. Dann kippte er um wie ein gefällter Baum und schlug krachend auf den Boden. Ein weiterer Soldat brach zusammen, dann noch einer und noch einer. Einer nach dem anderen sanken sie mit schepperndem Geräusch zu Boden. Jennsen stellte sich vor Sebastian und schlang die Arme schützend um ihn.

Ein gleißend heller Lichtblitz zuckte mit explosionsartigem Krachen durch den Saal. Der knisternde Lichtbogen schlängelte sich durch die Luft, fand trotzdem unfehlbar sein Ziel und mähte in Sekundenschnelle die noch verbliebene Schar der zu den Seiten fliehenden Soldaten nieder. Als Jennsen einen Blick über ihre Schulter warf, sah sie eine Schwester, die quer durch den Saal auf sie zugelaufen kam. Die Schwester streckte ihre Hände vor, um sich mit irgendeiner Art Magie zu schützen, wie Jennsen vermutete, obwohl sie nichts dergleichen erkennen konnte. Als sie ihren Arm ein zweites Mal nach vorne stieß, konnte Jennsen nicht nur sehen, sondern sogar hören, wie um ihre Fingerspitzen ein leuchtendes Feuer entstand.

Nachdem die Soldaten niedergestreckt und, bis auf Sebastian, ausnahmslos tot waren, richtete die alte Hexenmeisterin ihr ganzes Augenmerk auf die sie attackierende Schwester. Die alte Frau wehrte den Angriff mit ihren welken Händen ab, indem sie das surrende Feuer auf die Schwester zurückschleuderte.

»Ihr wißt doch, Schwester, Ihr braucht nur den Treueschwur zu leisten«, meinte die alte Frau mit schnarrender Stimme, »und schon seid Ihr vom Traumwandler befreit.«

Jennsen verstand kein Wort, die Schwester dagegen wußte offenbar nur zu gut, was gemeint war. »Das funktioniert doch nie im Leben! Diese Qualen riskiere ich nicht! Der Schöpfer möge mir vergeben, aber es wäre für uns alle leichter, wenn ich Euch töten würde.«

»Wenn das Euer Entschluß ist«, schnarrte die alte Frau, »dann soll es so sein.«

Die jüngere Frau machte Anstalten, abermals ihre Magie von sich zu schleudern, brach aber statt dessen mit einem plötzlichen Aufschrei zusammen.

Das Messer in der Hand, rannte Jennsen auf das mörderische alte Weib zu. Sebastian folgte ihr, war jedoch erst wenige Schritte weit gekommen, als die Frau herumfuhr und ihm, genau in dem Moment, als Jennsen in ihre Blickrichtung trat, ein schimmerndes Licht entgegenschleuderte. Das allein verhinderte, daß der glitzernde Lichtstrahl ihn mit voller Wucht traf. Das Licht streifte seine Hüfte und zerstob zu einem Funkenregen; mit einem Aufschrei brach Sebastian zusammen.

»Nicht! Sebastian!« Jennsen machte Anstalten, zu ihm zu rennen. Sichtlich unter großen Schmerzen, preßte er seine Hände seitlich gegen den Brustkorb. Er war verwundet, lebte aber wenigstens noch.

Jennsen wandte sich wieder herum zu der alten Frau, die regungslos dastand und mit leicht zur Seite geneigtem Kopf lauschte. Ihr Verhalten wirkte leicht verstört und strahlte eine seltsame Art von Unbeholfenheit, beinahe Hilflosigkeit aus.