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Die Hexenmeisterin schaute nicht in ihre Richtung, sondern hatte ihr ein Ohr zugewandt. Jetzt, da sie ihr ein wenig näher war, bemerkte Jennsen zum ersten Mal, daß die Frau vollkommen weiße Augen hatte. Jennsen starrte sie an. erst überrascht, schließlich, weil ihr plötzlich ein Licht aufging.

»Adie?«, rief sie tonlos. Sie hatte den Namen nicht laut aussprechen wollen.

Die Frau legte ihren Kopf erschrocken auf die andere Seite und horchte mit ihrem anderen Ohr. »Wer ist da?«, fragte sie herrisch mit ihrer schnarrenden Stimme. »Wer ist da?«

Aus Angst, ihren genauen Standort zu verraten, enthielt sich Jennsen einer Antwort. Stille hatte sich über den riesigen Saal gelegt. Dem verwitterten Gesicht der alten Hexenmeisterin war die Besorgnis deutlich anzusehen, doch als sie ihre Hand hob, nahm ihr Gesicht einen entschlossenen Zug an.

Unschlüssig, wie sie sich verhalten sollte, umklammerte Jennsen das Messer fester. Wenn dies tatsächlich Adie war, die Frau, von der Althea ihr erzählt hatte, dann wäre sie nach Altheas Worten völlig blind für Jennsen. Nicht jedoch für Sebastian. Jennsen schlich einen Schritt näher heran.

Die Alte Frau folgte dem Geräusch mit dein Kopf. »Kind, bist du eine Schwester Richards? Wieso bist du dann bei der Imperialen Ordnung?«

»Vielleicht, weil ich überleben will!«

»Unsinn.« Sie schüttelte in strenger Mißbilligung den Kopf. »Nein, wenn du auf Seiten der Imperialen Ordnung stehst, hast du dich für den Tod entschieden, nicht für das Leben.«

»Ihr seid es doch, die nichts als Mord und Totschlag im Sinn hat!«

»Das ist eine Lüge. Ihr alle seid zu mir gekommen, bewaffnet und in der Absicht, mich zu töten«, widersprach sie. »Ich bin nicht zu euch gekommen.«

»Aber natürlich! Weil Ihr die Welt mit dem Makel Eurer Magie besudeln wollt!«, rief Sebastian aus dem Hintergrund. »Ihr wollt die ganze Welt mit Euren veralteten Mitteln und Methoden unterdrücken und uns alle zu Sklaven machen!«

»Verstehe«, sagte Adie und nickte. »Dann warst du es also, der dieses Kind in die Irre geführt hat.«

»Er hat mir das Leben gerettet! Ohne Sebastian wäre ich ein Nichts, ich wüßte nicht wohin. Ich wäre tot, genau wie meine Mutter!«

»Kind«, erwiderte Adie mit ihrer leisen, schnarrenden Stimme, »auch das ist eine Lüge. Kehre diesen Menschen den Rücken. Komm mit mir.«

»Das würde Euch gefallen, was?«, schrie Jennsen. »Euer Lord Rahl ist schuld daran, daß meine Mutter in meinen Armen starb. Ich kenne die Wahrheit. Die Wahrheit ist, daß Ihr nichts lieber tätet, als Lord Rahl endlich diese überaus geschätzte Beute zu Füßen zu legen.«

Adie schüttelte traurig den Kopf. »Ich weiß nicht welche Lügen man dir in den Kopf gesetzt hat, Kind, ich jedenfalls habe für so etwas keine Zeit. Entweder du kommst mit mir, oder ich kann dir nicht helfen. Ich kann keinen Augenblick länger warten. Mein Zeitvorrat war knapp bemessen, und ich habe ihn bereits gänzlich aufgebraucht.«

Jennsen nutzte die Gelegenheit, während die Frau sprach, um sich ihr mit kleinen, lautlosen Schritten zu nähern. Sie mußte diese Gelegenheit einfach beim Schopf ergreifen und der Bedrohung endlich ein Ende machen. Und sie war absolut sicher die Frau überwältigen zu können; wenn es nur eine Frage von Muskelkraft und des geschickten Umgangs mit dem Messer war, hatte sie den Vorteil eindeutig auf ihrer Seite. Gegen eine Unbesiegbare – eine Säule der Schöpfung – wäre die Magie einer Hexenmeisterin nutzlos.

»Überwältige sie, Jenn! Du kannst es! Räche deine Mutter!«

Noch hatte Jennsen erst ein Viertel der Strecke von Sebastian zu Adie zurückgelegt. Das Messer fest umklammert, wagte sie sich einen weiteren Schritt vor.

»Wenn so deine Entscheidung lautet«, schnarrte Adie, als sie das leise Scharren ihrer Schritte hörte, »dann soll es eben so sein.«

Als die Hexenmeisterin daraufhin die Hand hob und auf Sebastian richtete, erkannte Jennsen voller Entsetzen, was sie damit meinte, Der Preis für ihre Entscheidung war Sebastians Leben.

50

Sebastian lag nicht weit entfernt, auf einen Arm gestützt, den Oberkörper zur Seite geneigt. Der Marmorboden unter ihm war voller Blut. Da Adie Jennsen nicht aufhalten konnte, war sie fest entschlossen, wenigstens ihren Preis in Gestalt von Sebastians Leben zu kassieren. Mit ansehen zu müssen, daß Sebastian Schmerzen litt, zu wissen, daß er getötet werden sollte, erschütterte Jennsen zutiefst.

Sebastian war alles, was sie hatte.

Die Hexenmeisterin war im Begriff, tödliche Magie gegen ihn zu entfesseln. Jennsen stand erheblich näher bei Sebastian als bei der Hexenmeisterin und wußte, daß sie sie niemals rechtzeitig erreichen konnte, um sie davon abzuhalten, aber vielleicht gelang es ihr, sich schützend über Sebastian zu werfen. Sie konnte die Hexenmeisterin nur töten, wenn sie bereit war, Sebastian dafür aufzugeben. Vor diese Wahl hatte Adie sie gestellt.

Die von der Hexenmeisterin entfesselte Magie verfehlte Sebastian, schoß in Gestalt knisternder Lichtblitze über den polierten Marmorboden und ließ diesen unmittelbar neben ihm aufplatzen. Jennsen schlang die Arme schützend um ihn. »Kannst du laufen, Sebastian? Wir müssen augenblicklich von hier fort!«

Er nickte. »Hilf mir auf.« Das Sprechen schien ihm schwer zu fallen, sein Atem ging flach.

Jennsen schob ihren Kopf unter seinen Arm und mußte ihre gesamte Kraft aufbieten, um ihn auf seine Füße zu hieven. Mit hastigen Schritten eilten sie zur Tür. Hinter ihnen hob Adie, die nicht Jennsens, aber Sebastians Bewegungen mit ihren weißen Augen verfolgte, abermals die Hände. Jennsen drehte ihren Körper zur Seite und stellte sich in den Weg. Ein detonierender Lichtblitz zerriß die Luft, verfehlte sie um wenige Zoll und sprengte die schwere, metallbeschlagene Tür aus ihren Angeln, die daraufhin weit in den Flur hinausgeschleudert wurde.

Als sie die schwere Tür durch den Gang fliegen, immer wieder gegen die Wände prallen und dabei große Brocken Mauerwerks heraussprengen sah, wurde Jennsen bewußt, daß ein solches Geschoß sie mühelos zermalmen konnte. Außerdem merkte sie, daß ihr Arm, wo die Gesteinssplitter sie getroffen hatten, aus unzähligen winzigen Wunden blutete. Das war nicht das Werk magischer Kräfte, sondern scharfer Splitter, auch wenn diese Splitter mittels Magie herausgesprengt worden waren.

Auf einmal fühlte sich Jennsen gar nicht mehr so unbesiegbar.

An der ersten Kreuzung bog sie links ab, um Sebastian so schnell wie möglich aus der Schußlinie von Adies Gabe und ihren Waffen der Magie zu bringen. Jennsen spürte, wie sein warmes Blut über ihren Arm lief, den sie um ihn gelegt hatte. Trotz seiner schweren Verletzung bat Sebastian sie nicht das Tempo zu drosseln, um ihm Schmerzen zu ersparen. So schnell ihn seine Füße trugen, eilten sie zurück zu der Stelle, wo Jennsen Kaiser Jagang zurückgelassen hatte.

»Bist du schwer verletzt?«, fragte sie und hatte Angst vor der Antwort.

»Weiß ich nicht genau«, antwortete er. völlig außer Atem und sichtlich unter Schmerzen. »Meine Rippen brennen wie Feuer. Hättest du den Volltreffer nicht verhindert, wäre ich wohl längst tot.«

Auf ihrem Weg durch den Palast stießen sie auf einen Trupp Soldaten. Jennsen brach unmittelbar neben ihnen zusammen, keuchend, erschöpft, unfähig, Sebastian auch nur noch einen Schritt länger zu stützen. Ihre Beinmuskeln zitterten vor Anstrengung.

»Wir ziehen ab«, erklärte Sebastian, der vor Schmerzen fast keine Luft bekam, den Soldaten. »Wir müssen von hier verschwinden. Kaiser Jagang ist schwer verwundet. Wir müssen ihn von hier fortschaffen.« Er deutete in verschiedene Richtungen. »Teilt Euch in unterschiedliche Richtungen auf und treibt unsere Leute zusammen. Wir brauchen jeden Mann, den wir auftreiben können, um den Kaiser zu beschützen und ihn in Sicherheit zu bringen. Ihr zwei müßt mir helfen.«