Jennsen hielt erschrocken den Atem an, als die Schwester, die soeben noch drüben am Zelteingang gestanden hatte, ihr das Buch aus den Händen nahm. »Diese Bücher sind Kaiser Jagangs Privatbesitz. Ganz abgesehen davon, daß sie sehr alt und empfindlich sind, sind sie auch ziemlich wertvoll. Seine Exzellenz mag es nicht, wenn jemand sich an seinen Büchern zu schaffen macht.«
Jennsen sah zu, wie sie das Buch auf etwaige Schäden untersuchte. »Tut mir leid. Ich wollte nichts Unrechtes tun.«
»Ihr seid ein ganz besonderer Gast, und wir wurden angewiesen, Euch jede Vergünstigung zu gewähren, aber dies sind die kostbarsten Werke Seiner Exzellenz. Er ist ein sehr gebildeter Mann; er sammelt Bücher. Ich denke, als sein Gast solltet Ihr seinen Wunsch respektieren, daß niemand außer ihm sie in die Hand nehmen darf.«
»Selbstverständlich. Das wußte ich nicht; tut mir leid.« Jennsen biß sich auf die Unterlippe und drehte sich zu dem Vorhang um, mit dem man die in den rückwärtigen Teil führende Tür verhängt hatte, wo Sebastian verarztet wurde. Wenn doch endlich eine Nachricht käme!
Sie wandte sich wieder zu der Schwester um. »Ich war nur verwundert, weil ich solche Worte noch nirgendwo gesehen habe.«
»Die Bücher sind in der Heimatsprache des Kaisers geschrieben.«
»Wirklich?« Jennsen zeigte auf das Buch, das die Schwester gerade ins Regal zurückgestellt hatte. »Wißt Ihr, was der Titel dort bedeutet?«
»Ich bin mit der Sprache nicht sehr gut vertraut, aber ... mal sehen, vielleicht kann ich es Euch sagen.« Die Schwester griff und betrachtete das Buch in der schlechten Beleuchtung einen Moment lang mit zusammengekniffenen Augen.
»Der Titel lautet Die Säulen der Schöpfung.«
»Die Säulen der Schöpfung ... Was könnt Ihr mir sonst noch über dieses Buch sagen?«
Die Frau zuckte mit den Achseln. »In der Alten Welt gibt es einen Ort dieses Namens. Ich möchte mal vermuten, daß das Buch davon handelt.«
Ehe Jennsen dazu kam, sie weiter auszufragen, trat Schwester Perdita, tiefe Schatten vom Schein der Kerzen auf ihrem finsteren Gesicht, plötzlich hinter der Trennwand des Zeltes hervor.
Jennsen lief ihr entgegen. »Wie geht es ihnen?«, erkundigte sie sich in aufgeregtem Flüsterton. »Sie werden doch beide wieder gesund werden, nicht wahr?«
Schwester Perditas Blick schweifte hinüber zu der Schwester, die gerade das Buch wieder zwischen den anderen verstaute. »Schwester, Ihr werdet gebraucht. Bitte geht und helft denen, die sich um unseren Kaiser kümmern.«
»Aber Seine Exzellenz hat mich beauftragt, den Eingang zu ...«
»Seine Exzellenz persönlich benötigt Eure Hilfe. Es sind Komplikationen bei der Heilung aufgetreten. Geht und helft den Schwestern.«
Daraufhin nickte die Frau und entfernte sich mit eiligen Schritten in den hinteren Teil des Zeltes.
»Inwiefern sind bei der Heilung Komplikationen aufgetreten?«, fragte Jennsen, nachdem die Schwester hinter dem schweren Vorhang verschwunden war.
»Wenn man eine Heilung beginnt und wenig später, wie im Falle Kaiser Jagangs, wieder unterbricht, kann es zu außergewöhnlichen Schwierigkeiten kommen – insbesondere, da die Schwester, die sie begonnen hat, nicht mehr lebt. Jeder geht an eine solche Aufgabe mit seinen ganz speziellen Talenten heran; wenn man sich also erst im Nachhinein damit befaßt und herauszufinden versucht, wie sie genau begonnen wurde, oder gar versucht, darauf aufzubauen, erschwert das die Heilung sehr, und das Ganze wird überaus riskant.« Sie gestattete sich ein flüchtiges Lächeln. »Wir sind jedoch zuversichtlich, daß Seine Exzellenz bald wieder wohlauf sein wird. Es ist ausschließlich eine Frage der konzentrierten Arbeit einiger Schwestern des Lichts. Ich könnte mir denken, daß sie die ganze Nacht damit beschäftigt sein werden. Morgen früh ist sicherlich wieder alles unter Kontrolle und der Kaiser wird wieder genau so kräftig sein wie zuvor.«
Jennsen mußte schlucken. »Und wie geht es Sebastian?«
Schwester Perdita maß sie mit einem kühlen, unerforschlichen Blick. »Ich würde sagen, das kommt ganz auf dich an.«
»Auf mich? Was meint Ihr damit? Welchen Einfluß habe ich denn auf seine Heilung?«
»Jeden, den man sich nur denken kann.«
»Aber womit könnte ich Euch denn helfen? Ihr braucht es nur zu sagen, ich werde alles tun. Bitte, Ihr müßt Sebastian retten.«
Die Schwester schürzte die Lippen und verschränkte ihre Hände. »Seine Genesung hängt unmittelbar von deiner Entschlossenheit ab, Richard Rahl aus dem Weg zu räumen.«
Jennsen war verwirrt. »Na ja, ich bin gewiß entschlossen, Richard Rahl zu ...«
»Ich meinte tatkräftige Entschlossenheit, keine Lippenbekenntnisse. Worte allein genügen mir nicht.«
Jennsen starrte sie einen Moment lang an. »Ich habe eine lange und schwierige Reise auf mich genommen, um hierher zu kommen und mir die Hilfe der Schwestern des Lichts zu verschaffen, damit ich Richard Rahl nahe genug kommen kann, um ihm mein Messer ins Herz zu stoßen.«
Schwester Perdita lächelte das ihr eigene, furchterregende Lächeln. »Nun, wenn dem so ist, sollte Sebastian sich eigentlich keine Sorgen machen müssen.«
»Bitte, Schwester, sagt mir einfach, was Ihr von mir verlangt.«
»Ich verlange Richard Rahls Tod.«
»Dann haben wir doch das gleiche Ziel. Wenn es überhaupt einen Unterschied zwischen uns gibt, so möchte ich fast behaupten, daß mir noch sehr viel mehr daran gelegen ist als Euch.«
Die Schwester zog eine ihrer Brauen hoch. »Was du nicht sagst. Kaiser Jagang berichtete, die Schwester, die ihn oben im Palast zu heilen versuchte, sei durch Zauberfeuer getötet worden.«
»Das stimmt.«
»Hast du den Mann gesehen, der das getan hat?«
Jennsen fand es merkwürdig, daß Schwester Perdita nicht fragte, wieso das Zauberfeuer nicht auch sie getötet hatte. »Es war ein alter Mann. Klapperdürr, mit weißem Haar, das ihm völlig wirr um den Kopf stand.«
»Der Oberste Zauberer Zeddicus Zu’l Zorander«, zischte Schwester Perdita haßerfüllt.
»Richtig«, meinte Jennsen. »Ich habe gehört, wie jemand ihn Zauberer Zorander nannte. Mir ist der Mann völlig unbekannt.«
Schwester Perdita funkelte sie wütend an. »Zauberer Zorander ist Richard Rahls Großvater.«
Jennsen klappte der Unterkiefer herunter.
»Da läuft dieser Zauberer herum und richtet derart ungeheure Verwüstungen an, in deren Verlauf er beinahe Kaiser Jagang umbringt, und du, die du angeblich so wild entschlossen bist – versäumst es, ihn zu töten.«
Jennsen spreizte verzweifelt die Hände. »Aber ... aber ich habe es doch versucht, wirklich. Nur ist er mir eben entwischt. Da war ein solches Durcheinander...«
»Glaubst du vielleicht, es wäre einfacher, Richard Rahl zu töten? Worte sind schnell dahingesagt. Aber als es um wahre Entschlossenheit ging, warst du nicht einmal in der Lage, die Gefahr zu bannen, die durch seinen alten, tatterigen Großvater drohte!«
Jennsen wollte um alles in der Welt vermeiden, in Tränen auszubrechen, doch leicht fiel es ihr nicht. »Aber ich ...«
»Du kamst hierher, um die Hilfe der Schwestern zu erbitten. Angeblich, weil du Richard Rahl töten willst.«
»Das stimmt ja auch, aber was hat das mit Sebastian zu tun?«
Schwester Perdita hob einen Finger und bat sich Ruhe aus. »Sebastian schwebt in großer Lebensgefahr. Er wurde von einer äußerst gefährlichen Form der Magie getroffen, die von einer sehr mächtigen Hexenmeisterin geschaffen wurde. Splitter dieser Magie befinden sich noch immer in seinem Körper. Ohne Behandlung würden sie ihn in kürzester Zeit töten.«
»Bitte, dann müßt Ihr Euch beeilen ...«