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Als sie endlich wieder ins Tageslicht hinaustraten, wurden Jennsen und Sebastian für ihre Mühen belohnt. Drei Balkonreihen mit gedrehten Säulen an der Vorderseite, die überwölbte Maueröffnungen stützten, blickten hinunter in einen Marmorsaal. Verglaste Fenster oben ließen Licht herein, wodurch eine von Helligkeit durchflutete Galerie entstand, wie sie sie noch nie zuvor gesehen hatten.

»Wie hat ein Volk nur einen Ort wie diesen erbauen können«, flüsterte Sebastian. »Was mag die Menschen dazu bewogen haben?«

Jennsen wußte auf keine der beiden Fragen eine Antwort. Und doch, so sehr sie die Menschen, die über ihr Land herrschten, auch verabscheute – der Palast versetzte sie noch immer in ehrfürchtiges Staunen. Dieser Ort war von Menschen erbaut worden, deren Phantasie und visionäre Kraft ihr Vorstellungsvermögen bei weitem überstieg.

»Ausgerechnet in einer Zeit, da so viel Not in der Welt herrscht«, murmelte er bei sich, »setzt sich das Haus Rahl ein solches marmornes Denkmal.«

Eigentlich fand sie, daß außer Lord Rahl selbst ganz offenkundig noch zigtausend andere vom Palast des Volkes profitierten, all jene nämlich, denen der Palast mit seinen vielfältigen Möglichkeiten eine Gelegenheit bot, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, Menschen jeden Schlags bis hin zur Wurstverkäuferin Irma, doch gerade in diesem Augenblick mochte Jennsen den Zauber nicht zerstören, um ihm das zu erklären.

Die sich in beide Richtungen erstreckende Galerie wurde von Werkstätten gesäumt. Manche, in denen jeweils nur ein einziger Kunsthandwerker arbeitete, waren nach vorne hin offen, viele dagegen, in denen eine ganze Reihe von Leuten arbeitete, hatten eine verglaste Frontpartie und wirkten mit ihren Türen und den draußen aufgehängten Schildern geradezu überladen. Die Vielfalt war überwältigend! Es gab Läden, in denen man sich die Haare schneiden, Zähne ziehen, ein Porträt anfertigen und Stoffe herstellen lassen sowie alles kaufen konnte, was das Herz begehrte, angefangen von ganz alltäglichen Erzeugnissen bis hin zu kostbaren Duftwässern und Schmuck. Die Wohlgerüche der ungeheuren Speisenvielfalt war betörend, der Anblick schwindelerregend.

Während sie auf ihrer Suche nach dem Vergolder all diese Eindrücke in sich aufnahm, erspähte Jennsen zwei Frauen in braunen Lederuniformen, die ihr blondes Haar zu einem einzelnen Zopf geflochten trugen. Sie packte Sebastian beim Arm und zog ihn in einen Seitengang. Wortlos drängte sie ihn zur Eile, darauf bedacht, nicht durch zu schnelles Laufen den Argwohn der Leute zu wecken, sich gleichzeitig aber so rasch wie möglich außer Sichtweite zu bringen. Sobald jemand in ihre Richtung blickte, ließen sie sich auf einer Steinbank an der Seite nieder und versuchten so normal wie möglich auszusehen; von gegenüber blickte die Statue eines nackten, auf einen Speer gestützten Mannes auf sie herab. Jennsen sah die beiden ganz in Leder gekleideten Frauen an der Kreuzung vorüberschlendern, die die Passanten auf beiden Seiten mit ihren beherrschten, durchdringenden und intelligenten Blicken erfaßten. Es waren die Blicke von Frauen, die ohne jede Reue von einem Moment zum nächsten eine Entscheidung über Leben und Tod zu fällen vermochten. Als eine der Frauen in den Seitengang blickte, ließ Jennsen sich hinter die Säule sinken und drückte sich ganz nah an die Wand.

»Was hatte das denn zu bedeuten?«, fragte Sebastian, als sie erleichtert aufatmete.

»Mord-Sith.«

»Was?«

»Die beiden Frauen, das waren Mord-Sith.«

Sebastian riskierte vorsichtig noch einen Blick, aber die beiden waren nicht mehr zu sehen. »Viel weiß ich nicht über sie, nur daß sie eine Art Wächterinnen sind.«

In diesem Moment wurde ihr bewußt daß er ja aus einem anderen Land stammte. »In gewisser Weise. Mord-Sith sind ganz besondere Wächterinnen. Man könnte sie vermutlich als Leibgarde des Lord Rahl bezeichnen. Sie beschützen ihn, aber nicht nur das. Sie foltern Informationen aus Personen heraus, die mit der Gabe gesegnet sind.«

Er versuchte in ihren Augen zu lesen, was genau sie damit sagen wollte. »Ihr meint aus Personen mit einfacher Magie.«

»Mit jeder Art von Magie, sogar aus Hexenmeisterinnen und Zauberern.«

Sebastian schien skeptisch. »Ein Zauberer verfügt über gewaltige magische Kräfte. Er könnte seine Macht einfach dazu benutzen, diese Frauen zu vernichten.«

Jennsens Mutter hatte ihr von den Mord-Sith und ihrer Gefährlichkeit erzählt und daß sie ihnen um jeden Preis aus dem Weg gehen mußte. Tödliche Gefahren dieser Art hatte sie ihr nie zu verheimlichen versucht.

»Nein, Mord-Sith verfügen über eine Macht, die sie befähigt, sich der Magie eines anderen zu bemächtigen – selbst der eines Zauberers oder einer Hexenmeisterin. Sie nehmen nicht nur Menschen gefangen, sondern erbeuten dabei gleichzeitig deren Magie. Einer Mord-Sith entkommt niemand, es sei denn, sie lassen den Betreffenden frei.«

Das schien Sebastians Verwirrung noch zu vergrößern. »Was wollt Ihr damit sagen, sie bemächtigen sich der Magie eines anderen? Das ergibt doch keinen Sinn. Was könnten sie mit dieser Magie schon anfangen, solange es die Macht eines anderen ist? Das wäre ja fast so, als ob man jemandem die Zähne zieht und dann damit zu essen versucht.«

Jennsen fuhr sich mit der Hand unter die Kapuze, um einige herausgerutschte rote Locken wieder an ihren Platz zu stecken. »Ich weiß es nicht, Sebastian, ich habe nur gehört, daß sie die Magie eines Menschen gegen ihn kehren, um ihm wehzutun – ihm Schmerzen zu bereiten.«

»Und warum sollten wir uns dann vor ihnen fürchten?«

»Mag sein, daß sie Informationen nur aus den mit der Gabe gesegneten Feinden des Lord Rahl herausfoltern, aber Schmerzen können sie natürlich jedem zufügen. Habt Ihr die Waffe gesehen, die sie bei sich tragen?«

»Nein, ich habe keine Waffen bei ihnen gesehen. Sie hatten nur einen kleinen roten Lederstab dabei.«

»Genau den meine ich, man nennt ihn Strafer. Sie tragen ihn an einem Kettchen ums Handgelenk, damit er stets griffbereit ist. Es handelt sich um eine magische Waffe.«

Er dachte über ihre Worte nach, konnte sich aber sichtlich noch immer keinen rechten Reim darauf machen. »Und was tun sie nun damit, mit diesem Strafer?«

Seine Stimme King nun gar nicht mehr ungläubig, sondern ruhig und zielgerichtet, wie die von jemandem, der ein Verhör durchführt; jetzt machte er wieder die Arbeit, derentwegen Jagang der Gerechte ihn hergeschickt hatte.

»Ich bin keine Expertin auf diesem Gebiet, aber nach allem, was ich gehört habe, kann die bloße Berührung eines Strafers alles Mögliche bewirken, von unvorstellbaren Schmerzen über gebrochene Knochen bis hin zu sofortigem Tod. Die Mord-Sith selbst entscheiden über das Ausmaß der Schmerzen, ob ein Knochen brechen oder man durch die Berührung sterben soll.«

Den Blick wachsam auf die Kreuzung gerichtet, dachte er über ihre Worte nach. »Und warum fürchtet Ihr Euch dann so sehr vor ihnen? Wenn Ihr diese Dinge nur vom Hörensagen kennt, wieso machen sie Euch dann solche Angst?«

Jetzt war es an ihr, verständnislos zu reagieren. »Lord Rahl verfolgt mich bereits mein Leben lang, Sebastian. Diese Frauen sind seine persönlichen Meuchlerinnen. Meint Ihr nicht, sie würden mich ihrem Herrn und Meister nur zu gern zu Füßen legen wollen?«

»Vermutlich.«

»Wenigstens hatten sie nur ihre braune Lederkluft angelegt; Rot tragen sie, wenn sie eine Gefahr wittern oder wenn sie jemanden foltern. Auf dem roten Leder fällt das Blut nicht so sehr auf.«

Er fuhr sich mit beiden Händen durch sein weißes Stoppelhaar. »Das Land, in dem Ihr lebt, ist der reinste Alptraum, Jennsen Daggett.«

»Glaubt Ihr vielleicht, das wüßte ich nicht?«

»Und wenn diese Hexenmeisterin es ablehnt, Euch zu helfen?«

Sie zupfte an einem losen Faden an ihrem Knie. »Dann weiß ich auch nicht weiter.«

»Er wird Euch immer weiter verfolgen. Lord Rahl wird Euch niemals Ruhe gönnen. Ihr werdet niemals in Freiheit leben können.«

... es sei denn, Ihr tötet ihn, hörte sie den unausgesprochenen Schluß des Satzes.