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»Althea muß mir einfach helfen. Ich bin es so leid, ständig in Angst leben zu müssen«, erwiderte Jennsen, den Tränen nahe, »ich habe es so satt, ständig auf der Flucht zu sein.«

Er legte ihr sachte seine Hand auf die Schulter. »Das verstehe ich doch.«

In diesem Augenblick hätte kein anderes Wort für sie mehr Bedeutung haben können; vor lauter Dankbarkeit konnte sie nur nicken.

Sein Tonfall wurde leidenschaftlicher. »Bei uns gibt es auch mit der Gabe gesegnete Frauen wie diese Althea. Jennsen. Sie gehören einem Orden an, den Schwestern des Lichts, die früher im Palast der Propheten in der Alten Welt gelebt haben. Richard Rahl hat ihren Palast im Zuge seiner Eroberung der Alten Welt zerstört. Es soll ein wundervoller, ganz besonderer Ort gewesen sein, er aber hat ihn einfach dem Erdboden gleichgemacht. Jetzt stehen die Schwestern auf Seiten Kaiser Jagangs und unterstützen ihn. Vielleicht könnten unsere Hexenmeisterinnen Euch ebenfalls helfen.«

Sie sah in seine ängstlich besorgten Augen. »Wirklich? Vielleicht wissen diese Frauen in den Diensten des Kaisers eine Möglichkeit, mich vor der Zauberei meines mörderischen Halbbruders zu verstecken?

Althea hat mich schon einmal vor Lord Rahl versteckt, sie muß ich überreden, es wieder zu tun. Ich fürchte, wenn sie sich weigert, habe ich keine Chance.«

Er beugte sich noch einmal vor und sah sich um, dann versuchte er, ihr lächelnd Mut zu machen. »Wir werden Althea ganz bestimmt finden. Sie wird Euch mit Hilfe ihrer Magie verstecken, und danach könnt Ihr von hier fliehen.«

Erleichtert erwiderte sie das Lächeln.

In der Annahme, daß die Mord-Sith fort waren und niemand sie mehr behelligen würde, begaben sie sich zurück in den Saal, um sich erneut auf die Suche nach Friedrich zu machen. Sie fragten an verschiedenen Stellen nach, bis Jennsen schließlich jemanden ausfindig machte, der den Vergolder kannte. Der Wegbeschreibung folgend, die man ihnen gegeben hatte, drangen Jennsen und Sebastian mit neuer Hoffnung weiter in den Palast vor, bis hin zu einer Stelle, an der zwei besonders prachtvolle Korridore aufeinandertrafen.

Dort, inmitten der Kreuzung dieser beiden zentralen Korridore, erblickte sie zu ihrer Überraschung ein quadratisches, mit Wasser gefülltes Becken; das Becken war statt des sonst üblichen Marmors mit Fliesen eingefaßt. Im Becken selbst stand – nicht ganz mittig, was Jennsen absolut passend erschien, auch wenn sie nicht zu sagen vermocht hätte, warum – ein dunkler, narbiger Stein mit einer Glocke darauf. Trotz aller sonstigen Geschäftigkeit herrschte an dieser heiligen Stätte eine bemerkenswerte Stille.

Der Anblick des Platzes mit der Glocke erinnerte sie an ganz ähnliche Orte. Sobald die Glocke ertönte, entsann sie sich, kamen die Menschen zu diesen Plätzen geströmt, um sich zu verneigen und eine Andacht an Lord Rahl zu sprechen. Wahrscheinlich war diese Unterwürfigkeit der Preis, den man für das Privileg zahlen mußte, in seinen Palast eingelassen zu werden.

Auf der niedrigen Umrandung saßen Menschen, unterhielten sich mit gedämpfter Stimme und schauten den orangefarbenen Fischen zu, die durch das dunkle Wasser glitten. Selbst Sebastian sah ihnen ein paar Minuten zu, bevor er weiterging.

Überall standen wachsame Soldaten herum; einige von ihnen schienen an Schlüsselstellen postiert zu sein. Gardisten patrouillierten in Gruppen durch die Gänge und hielten gelegentlich Personen an, um kurz mit ihnen zu sprechen. Was die Soldaten fragten, wußte Jennsen nicht, es beunruhigte sie jedoch zutiefst.

»Was sagen wir, wenn sie uns etwas fragen?«, wollte sie wissen.

»Am besten sagt Ihr gar nichts, solange Ihr nicht dazu gezwungen seid.«

»Und wenn es sich nicht mehr vermeiden läßt was dann?«

»Dann erklärt Ihr ihnen, daß wir auf einer Farm südlich von hier wohnen. Farmer leben abgeschieden und sind – außer über das Leben auf der Farm selbst – nicht übermäßig informiert, es dürfte also keinen Verdacht erregen, wenn wir behaupten, nicht viel über andere Dinge zu wissen. Wir sind hergekommen, um den Palast zu besichtigen und vielleicht ein paar kleinere Einkäufe zu tätigen – Kräuter und ähnliches mehr.«

Jennsen war bereits Farmern begegnet und fand, daß sie keineswegs so unwissend waren, wie Sebastian zu glauben schien. »Farmer sammeln oder ziehen ihre Kräuter selbst«, erwiderte sie. »Ich glaube nicht, daß sie in den Palast kommen müssen, um welche zu kaufen.«

»Na gut, dann ... dann sind wir eben hergekommen, um einen schönen Stoff zu kaufen, aus dem Ihr Sachen für das Kind nähen könnt.«

»Kind? Für welches Kind denn?«

»Euer Kind. Ihr seid meine Frau und habt erst vor kurzem gemerkt, daß Ihr ein Kind unter Eurem Herzen tragt.«

Jennsen spürte, wie sie bis unter die Haarspitzen errötete.

»Also schön. Wir sind Farmer und hergekommen, um ein paar Kleinigkeiten zu besorgen – Kräuter und dergleichen, seltene Kräuter, die wir nicht selbst anbauen.«

Seine einzige Antwort bestand in einem lächelnden Seitenblick. Dann legte er ihr den Arm wieder um die Hüfte, als wollte er sie damit aus ihrer Verlegenheit erlösen.

Der Wegbeschreibung folgend bogen sie nach einer weiteren Kreuzung aus breiten Korridoren rechts in eine andere, ebenfalls von Händlern gesäumte Galerie ein, Jennsen erspähte sogleich den Stand mit dem vergoldeten Stern darüber. Ob es Absicht war oder nicht, wußte sie nicht, aber der vergoldete Stern besaß acht Zacken, genau wie der Stern in der Huldigung. Sie hatte sie oft genug gezeichnet, um sich in diesem Punkt ganz sicher zu sein.

Ihr Mut sank, als sie sahen, daß in der Bude nur ein leerer Stuhl stand, aber da es noch früh am Morgen war, schloß sie daraus, daß er vielleicht noch gar nicht eingetroffen war. Die Läden in der unmittelbaren Umgebung hatten ebenfalls noch nicht geöffnet.

Mehrere Verkaufsstände weiter blieb sie vor einem Laden stehen, in dem lederne Becher verkauft wurden. »Wißt Ihr, ob der Vergolder heute noch kommt?«, fragte sie den Mann, der hinter der Werkbank arbeitete.

»Tut mir leid, keine Ahnung«, antwortete der, ohne von seiner Arbeit, dem Anbringen von Verzierungen mit einem feinen Stecheisen, aufzusehen. »Ich habe selbst eben erst aufgemacht.«

Sie eilte weiter zum nächsten besetzten Stand, einem Laden, in dem Wandbehänge mit bunten aufgenähten Landschaftsbildern verkauft wurden. Als sie sich umdrehte, um etwas zu Sebastian zu sagen, mußte sie feststellen, daß er sich gerade an einem anderen Stand ganz in der Nähe erkundigte.

Die Frau hinter der niedrigen Ladentheke war damit beschäftigt, einen blauen Bach in das Gebirge auf dem Quadrat aus grob gewebtem Tuch zu sticken. Einige der Landschaften waren zu Kissen verarbeitet worden, die die Frau in einem Regal an der Rückwand ausgestellt hatte.

»Wißt Ihr vielleicht, ob der Vergolder heute noch kommt, Madame?«

Die Frau sah freundlich lächelnd zu ihr hoch. »Tut mir leid, aber soweit ich weiß, wollte er heute nicht kommen.«

»Oh, verstehe.« Jennsen zögerte, von der enttäuschenden Nachricht ein wenig aus der Fassung gebracht; sie wußte nicht, wie sie weiter vorgehen sollte. »Wißt Ihr dann vielleicht, wann er wieder herkommt?«

Die Frau stieß die Nadel durch den Stoff und erzeugte so ein fadenbreites Stück blauen Baches. »Nein, das weiß ich wirklich nicht. Als ich ihn das letzte Mal sah, vor mehr als einer Woche, meinte er. es könnte eine Weile dauern, bis er wieder herkommt.«

»Und warum? Wißt Ihr das auch?«

»Also, das weiß ich nun wirklich nicht.« Sie zog den langen Wasserfaden stramm. »Es kommt häufiger vor daß er eine Weile fortbleibt und so lange an seinen Vergoldungen arbeitet, bis er genug zusammen hat, damit sich die Reise zum Palast auch wirklich lohnt.«

»Wißt Ihr denn vielleicht, wo er wohnt?«

Die Frau runzelte argwöhnisch die Stirn und blickte hoch. »Wieso wollt Ihr das eigentlich wissen?«

Jennsens Gedanken rasten. Sie sagte das Einzige, was ihr in den Sinn kam, etwas, das sie von der Wurstverkäuferin Irma aufgeschnappt hatte. »Ich möchte mir die Zukunft weissagen lassen.«