»Ach so«, erwiderte die Frau, deren Argwohn sichtlich verflog, während sie einen weiteren Faden durchzog. »Dann wollt Ihr eigentlich Althea besuchen.«
Jennsen nickte. »Meine Mutter hat mich einmal zu Althea mitgenommen, als ich noch sehr klein war. Da meine Mutter mittlerweile ... verstorben ist, würde ich Althea gern noch einmal aufsuchen. Ich dachte, vielleicht wäre es ein Trost für mich, wenn ich zu ihr gehe und mir die Zukunft weissagen lasse. Könnt Ihr mir denn sagen, wie ich Altheas Haus finde?«
Sie legte ihre Stickerei zur Seite und kam vor bis an die niedrige Mauer an der Vorderseite ihres Standes. »Es ist ein ziemlich weiter Weg bis zu Altheas Haus – immer nach Westen, mitten durch vollkommen unbewohntes Land.«
»Die Azrith-Ebene.«
»Ganz recht. Nach Westen hin wird das Land immer zerklüfteter und bergiger. Wenn Ihr, genau westlich von hier, jenseits des höchsten, schneebedeckten Berges exakt nach Norden schwenkt, Euch unmittelbar dahinter an die Felsklippen haltet, die Ihr dort seht, und der Senke immer weiter nach unten folgt, gelangt Ihr in eine gefährliche, ziemlich unangenehme Gegend, in ein Sumpfgebiet. Dort leben Althea und Friedrich.«
»In einem Sumpf? Aber doch wohl nicht mitten im Winter.«
Die Frau beugte sich dicht zu ihr heran und senkte die Stimme. »Doch, sogar mitten im Winter, wie man sich erzählt. Altheas Sumpf ist ein wahrhaft scheußlicher Ort. Manche behaupten, daß es dort nicht mit rechten Dingen zugeht, wenn Ihr wißt, was ich meine.«
»Ihr meint... wegen ihrer Magie?«
Sie zuckte mit den Achseln. »Manche behaupten das.«
Jennsen bedankte sich mit einem Nicken und wiederholte die Wegbeschreibung noch einmal. Die Frau kratzte sich mit einem ihrer langen Fingernägel am Kopf. »Aber ohne eine Einladung solltet Ihr nicht dorthin gehen.«
Jennsen blickte sich kurz um, um Sebastian einen Wink zu geben, konnte ihn aber nirgendwo sehen. »Und wie bekommt man eine Einladung?«
»Die meisten Leute wenden sich deswegen an Friedrich. Ich sehe immer, wie sie herkommen, sich mit ihm unterhalten und wieder gehen, ohne seine Arbeiten auch nur eines Blickes zu würdigen. Vermutlich fragt er Althea anschließend, ob sie bereit ist, die Leute zu empfangen, und wenn er dann das nächste Mal mit seinen vergoldeten Schnitzereien zurückkommt, gibt er ihnen eine Einladung. Es kommt auch vor, daß die Leute ihm einen Brief an seine Frau mitgeben.
Andere wandern bis zum Anfang des Sumpfes und warten dort. Wie ich höre, kommt er manchmal aus dem Sumpf heraus, um die Leute in Empfang zu nehmen und Altheas Einladung an sie weiterzuleiten. Wieder andere müssen vom Rand des Sumpfgebietes umkehren, ohne je eine Einladung zu erhalten, dann war die ganze Warterei umsonst. Uneingeladen traut sich jedenfalls niemand in den Sumpf. Zumindest ist nie jemand zurückgekommen, der davon hätte berichten können, wenn Ihr wißt, was ich meine.«
»Soll das heißen, ich muß einfach nur dorthin gehen und warten? Warten, bis sie oder ihr Mann kommen und uns einladen, sie zu begleiten?«
»Ich denke schon. Aber es wird nicht Althea sein, die kommt. Ich hab mir sagen lassen, daß sie den Sumpf niemals verläßt. Ihr könnt natürlich auch jeden Tag hierher kommen, bis Friedrich sich endlich wieder blicken läßt, um seine vergoldeten Schnitzereien zu verkaufen. Länger als einen Monat ist er noch nie fortgeblieben. Ich würde sagen, innerhalb der nächsten ein, höchstens zwei Wochen kommt er wieder in den Palast.«
Wochen! Jennsen konnte unmöglich wochenlang an einem Ort ausharren und abwarten, während Lord Rahls Männer ihr auf den Fersen waren und mit jedem Tag näher rückten. So nah, wie sie Sebastians Meinung zufolge bereits waren, würde es vermutlich nicht einmal mehr Tage und erst recht keine Wochen dauern, bis sie aufgegriffen wurde.
»Jedenfalls vielen Dank für Eure Hilfe. Ich denke, ich werde in den nächsten Tagen noch einmal herkommen und nachsehen, ob Friedrich zurück ist, dann kann ich ihn ja fragen, ob ich für eine Weissagung willkommen bin.«
Lächelnd setzte sich die Frau wieder hin und nahm ihre Stickerei zur Hand. »Das wäre wohl das Beste.«
Jennsen ließ den Blick durch die riesige Eingangshalle wandern, immer noch auf der Suche nach Sebastian. Weit konnte er ja nicht sein, und schließlich sah sie ihn, er stand mit dem Rücken zu ihr drüben auf der anderen Seite des breiten Korridors, gerade im Begriff, sich von einem Stand abzuwenden, an dem man Silberschmuck verkaufte.
Sie war nicht mal zwei Schritte weit gekommen, als Soldaten von allen Seiten herbeigelaufen kamen und einen Ring um ihn bildeten. Jennsen erstarrte mitten in der Bewegung, Sebastian ebenfalls.
Ein halbes Dutzend funkelnder, rasiermesserscharfer Langspieße richtete sich bedrohlich auf Sebastian, Schwerter wurden gezogen. Die Umstehenden wichen zurück, andere wandten sich herum, um einen Blick zu riskieren. Zum Zeichen, daß er sich geschlagen gab, hob Sebastian, inmitten eines Rings aus d’Haranischen Soldaten stehend, die ihn samt und sonders überragten, die Arme.
Gib dich hin.
Just in diesem Augenblick ertönte eine Glocke, eben jene Glocke weiter hinten auf dem Platz.
17
Der lang anhaltende einzelne Glockenschlag, der die Menschen zur Andacht rief, war in den höhlenartigen Fluren noch nicht verklungen, als zwei der kräftigen Soldaten Sebastian bei den Armen packten, um ihn fortzuschleppen. Hilflos mußte Jennsen mit ansehen, wie sich die übrigen d’Haranischen Soldaten um ihn gruppierten, in einer geschlossenen, waffenstrotzenden Formation, deren Zweck nicht allein darin bestand, den Gefangenen in Schach zu halten, sondern die auch jeden Befreiungsversuch im Keim ersticken sollte. Schlagartig wurde ihr klar, daß diese Gardisten auf jede Möglichkeit vorbereitet waren und – da sie nicht wußten, ob dieser eine Bewaffnete nicht Vorbote einer den Palast erstürmenden Streitmacht war – kein Risiko eingehen würden.
Jennsen fiel auf, daß es auch noch andere Männer gab. Besucher des Palastes wie Sebastian, die Waffen trugen. Vielleicht hatte der Umstand, daß Sebastian eine ganze Reihe von Waffen für den Einzelkampf bei sich trug und diese alle versteckt waren, den Verdacht der Soldaten erregt. Dabei hatte er doch überhaupt nichts getan. Jennsen verspürte den Drang, den Soldaten zuzurufen, sie sollten ihn in Frieden lassen, befürchtete jedoch, dann ebenfalls festgenommen zu werden.
Die Leute, die allem möglichen Ärger aus dem Weg gegangen waren, strömten nun zusammen mit all den übrigen Passanten in den Korridoren in Richtung des Platzes. Immer mehr Menschen in den Geschäften legten ihre Arbeit nieder und schlossen sich ihnen an, niemand schenkte dem Tun der Soldaten groß Beachtung. Als Reaktion auf den einzelnen, noch immer in der Luft hängenden Glockenschlag verstummten Gelächter und Gespräche allmählich zu respektvollem Flüstern.
Panik überkam Jennsen, als sie sah, wie die Soldaten Sebastian in einen Seitengang drängten. So weit hätte es niemals kommen dürfen, schließlich waren sie doch nur hergekommen, um einen Vergolder zu suchen. Am liebsten hätte sie geschrien, die Soldaten sollten stehen bleiben, aber das traute sie sich dann doch nicht.
Jennsen.
Plötzlich merkte sie, wie sie sich ihrer Ängstlichkeit zu schämen begann. Sebastian hatte so viel für sie getan, hatte ihretwegen so viele Opfer gebracht und sein Leben riskiert, um ihres zu retten.
Jennsens Atem ging in unregelmäßigen Stößen. Aber was konnte sie schon tun?
Gib dich hin.
Es war einfach nicht gerecht, was diese Leute Sebastian und ihr oder all den anderen unschuldigen Menschen antaten. Ihre Ängstlichkeit schlug um in Zorn.
Tu vasht misht.
Er war nur ihretwegen hier. Sie war es, die ihn gebeten hatte mitzukommen.
Tu vasht misht.
Und jetzt steckte er in Schwierigkeiten.
Grushdeva du kalt misht.
Die Worte klangen so verdammt überzeugend!
Menschen rempelten sie an. Knurrend, die Zähne zusammengebissen, bahnte sie sich einen Weg durch die dichten Menschenmassen, bemüht, den Soldaten zu folgen.