Kurz darauf endete die Andachtsstunde.
Jennsen richtete sich mit allen anderen gemeinsam wieder auf; ohne Vorwarnung entfuhr ihr ein Schluchzen.
»Irgendwas nicht in Ordnung hier?«
Ein Soldat baute sich vor ihr auf.
Die Frau neben ihr legte einen Arm um Jennsens Schultern.
»Ihre Mutter ist vor kurzem gestorben«, erklärte sie mit gedämpfter Stimme.
Der Soldat machte plötzlich ein betretenes Gesicht.
»Das tut mir leid, Ma’am. Euch und Eurer Familie mein aufrichtiges Beileid.«
Jennsen sah seinen blauen Augen an, daß er jedes Wort ernst meinte.
Verdutzt und sprachlos beobachtete sie, wie sich dieser hünenhafte und muskelbepackte Auftragsmörder des Lord Rahl wieder umdrehte und seine Runde fortsetzte. Mitgefühl, verborgen unter einer Rüstung. Wüßte er, wer sie war, würde er sie sofort in die Hände derer ausliefern, die dafür sorgen würden, daß sie eines langsamen und qualvollen Todes starb.
Jennsen vergrub ihr Gesicht an der Schulter der unbekannten Frau und weinte um ihre Mutter deren Umarmung sie immer als so tröstlich empfunden hatte.
Sie vermißte ihre Mutter so sehr. Und jetzt war auch noch die entsetzliche Angst um Sebastian hinzugekommen.
18
Jennsen bedankte sich bei der Frau, die ländliche Szenen stickte und Wegbeschreibungen gab. Sie war längst wieder unterwegs, als ihr auffiel, daß sie nicht einmal den Namen der Frau kannte. Nun, im Grunde spielte es keine Rolle, sie hatten einander doch auch so verstanden.
Nach Beendigung der Andacht schwoll der Lärm der vielen Menschen im Palast wieder an, bis er von den marmornen Wänden und Säulen widerhallte. Die Menschen gingen wieder ihren eigenen Angelegenheiten nach, kauften und tauschten und unterhielten sich über ihre Wünsche und Bedürfnisse. Gardisten machten ihre Runden, und Bedienstete des Palasts, meist in hellen Gewändern, gingen ihrer Arbeit nach, überbrachten Nachrichten und kümmerten sich um Dinge, die Jennsen bestenfalls erraten konnte. An einer Stelle waren Arbeiter damit beschäftigt, die Scharniere einer mächtigen, eichenen, in einen Seitengang führenden Flügeltür zu reparieren.
Auch das Reinigungspersonal war zurückgekehrt und versah wie zuvor seine aus Abstauben, Wischen und Polieren bestehende Arbeit.
Nach dem schier endlosen Psalmodieren der Andacht waren Jennsens Gedanken so klar wie nach einer ausgiebigen und dringend benötigten Ruhepause. In diesem ruhigen, gleichwohl erfrischten und hellwachen Zustand war ihr eine Lösung eingefallen. Sie wußte jetzt, was sie zu tun hatte.
Rasch ging sie denselben Weg zurück, den sie gekommen war, denn sie durfte keine Zeit verlieren.
Jennsen brannte darauf, Sebastian zurückzubekommen, einzig ihre Angst um ihn trieb sie den Korridor entlang. Sie mußte ihn aus den Fängen der d’Haranischen Soldaten befreien, bevor sie ihm etwas Schlimmes antaten.
Womöglich stand er es nicht durch, wenn man ihn folterte, und wenn er seine Identität preisgab, würde man ihn zweifellos töten. Beim Gedanken, Sebastian könnte hingerichtet werden, versagten ihr fast die Knie. Gewöhnlich gestanden die Menschen unter Folter alles, ob es nun stimmte oder nicht.
Sie mußte ihn unbedingt retten.
Aber dafür war sie auf die Hilfe der Hexenmeisterin angewiesen. Wenn Althea sich bereit erklärte, ihr zu helfen und einen Schutzbann über sie zu sprechen, konnte sie versuchen, Sebastian zurückzubekommen.
Sie gelangte zu der Treppe, die sie heraufgekommen waren. Noch immer strömten Menschen hinauf in die Eingangshalle, manche von ihnen schwitzend und verärgert über den beschwerlichen Aufstieg. Jennsen stieg langsam die Treppe hinunter. Sie hatte geglaubt, der Abstieg werde ihr leicht fallen, nach einigen hundert Stufen mußte sie jedoch feststellen, daß ihr das Hinuntersteigen in die Beine ging.
An den Absätzen übersprang sie einige Stufen und kürzte ab. Sobald niemand hinschaute, nahm sie zwei Stufen auf einmal. Beim Überqueren der Korridore versuchte sie sich hinter kleinen Personengruppen zu verstecken; sie war nur eine von vielen in der großen Schar der Besucher, die des Weges kamen.
Wieder auf den Stufen, beschleunigte sie ihre Schritte, obwohl ihr die Beine von der unablässigen Anstrengung zitterten. Ihre Beine brauchten dringend eine Ruhepause, aber die gönnte sie ihnen nicht, statt dessen trieb sie sich zu noch größerer Eile an, wann immer sich eine Gelegenheit bot... Völlig außer Atem nach dem langen Abstieg, erreichte sie endlich den höhlenartigen Eingang mit den zischenden Fackeln. Weil sich vor dem zur großen Hochebene führenden Portal zahlreiche Soldaten drängten, verlangsamte sie ihr Tempo und schloß sich einem älteren Ehepaar an, so daß es aussah, als sei sie eine Tochter in Begleitung ihrer Eltern. Die beiden waren in ein lebhaftes Gespräch über die Aussichten eines Freundes vertieft, mit seinem soeben eröffneten Perückenstand oben im Palast zu Erfolg zu kommen. Jennsen hätte sich unmittelbar nach der Verhaftung eines Mannes, dem Folter und womöglich sogar Hinrichtung drohten, kaum eine albernere Unterhaltung vorstellen können. In Jennsens Augen war dieser d’Haranische Palast nichts weiter als ein abscheulicher Ort voller Gefahren und Ungemach. Sie mußte Sebastian unbedingt daraus befreien, und genau das würde sie auch tun.
Kaum war sie beim Freiluftmarkt angelangt, bog Jennsen in eine der provisorischen Gassen ein und machte sich auf die Suche nach der Wurstverkäuferin Irma.
Sie reckte den Hals und sah sich nach dem roten Schal um, während sie durch die Reihen der Verkaufsstände hastete. Die Geschäfte, die ihr vorher so großartig vorgekommen waren, wirkten jetzt, nach ihrem Besuch im Palast, bestenfalls schäbig. Noch nie in ihrem Leben hatte Jennsen etwas dem Palast des Volkes Vergleichbares gesehen. Es war für sie unvorstellbar, daß ein Ort von dieser Schönheit so viel Häßlichkeit beherbergen konnte wie das Haus Rahl.
Ein Straßenhändler drängte sich unmittelbar neben sie. »Ein Amulett, die Dame? Er wird Euch Glück bringen.« Jennsen ging unbeirrt weiter. Sein Atem stank. »Ein ganz besonderes Amulett mit magischen Kräften. Für einen Silberpfennig könnt Ihr unmöglich etwas falsch machen.«
»Nein, danke.«
Er lief seitwärts unmittelbar vor ihr her. »Nur einen Silberpfennig, die Dame.«
Um ein Haar wäre sie über die Füße des Mannes gestolpert. »Nein, danke. Laßt mich jetzt bitte in Frieden.«
»Dann vielleicht einen Kupferpfennig?«
»Nein.« Jennsen schob ihn jedes Mal fort, sobald er in seiner Aufdringlichkeit gegen sie rempelte. Immer wieder brachte er sein Gesicht in ihr Blickfeld und schaute grinsend zu ihr hoch.
»Das sind prächtige Amulette, junge Dame. Sie werden Euch Glück bringen.«
»Nein, hab ich gesagt.« Sie versetzte ihm einen derben Stoß. »Laßt mich jetzt endlich in Frieden!«
Jennsen atmete erleichtert auf, als ihnen ein älterer Mann entgegenkam und der Straßenhändler sich ihm zuwandte. Sie hörte noch, wie seine Stimme hinter ihr verklang, als er dem Mann ein Amulett für einen Silberpfennig anzudrehen versuchte. Welche Ironie, überlegte sie, daß dieser Mann ihr Magie anbot und sie sie ablehnte, weil sie es eilig hatte, sich Magie von jemand anderem zu beschaffen.
Unmittelbar hinter einem ungenutzten Stellplatz blieb Jennsen abrupt vor einem Tisch mit Weinfässern stehen. Sie hob den Blick und sah die drei Brüder vor sich. Einer von ihnen war gerade damit beschäftigt, einem Kunden Wein in seinen Lederkelch zu füllen, während die beiden anderen ein volles Faß von der Ladefläche ihres Wagens herunterhoben.
Jennsen drehte sich um und starrte auf den leeren Stellplatz, wo Irma ihren Stand gehabt hatte. Ihr Herz schien bis zum Hals zu schlagen. Irma hatte ihre Pferde. Und sie hatte Betty.
In einem Anfall von Panik packte sie den Arm des Mannes hinter dem Tresen, nachdem der Kunde weitergegangen war.
»Bitte, könnt Ihr mir sagen, wo Irma ist?«
Er sah auf und schaute blinzelnd in die Sonne. »Die Wurstverkäuferin?«