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Jennsen nickte. »Ja. Wo steckt sie? Sie kann doch unmöglich schon fort sein, sie mußte doch erst ihre Würstchen verkaufen.«

Der Mann grinste. »Sie meinte, daß sie den Stand gleich neben unserem hatte, wo wir unseren Wein verkaufen, hätte ihr geholfen, ihre Würstchen so schnell loszuschlagen wie noch nie zuvor.«

Jennsen konnte ihn nur fassungslos anstarren. »Sie ist fort?«

»Eigentlich schade. Der Wurststand gleich nebenan hat sich überaus günstig auf den Weinverkauf ausgewirkt. Erst haben die Leute ihre scharfen Ziegenwürstchen gegessen, anschließend brauchten sie unbedingt einen Schluck von unserem Wein.«

»Ihre was?«

Das Lächeln des Mannes erlosch. »Ihre Würstchen. Was ist los mit Euch, Ma’am? Ihr seht aus, als hätte Euch soeben ein böser Geist aus der Unterwelt auf die Schulter getippt.«

»Was habt Ihr gesagt, verkauft sie? ... Ziegenwürstchen?«

Er nickte, einen besorgten Ausdruck im Gesicht. »Unter anderem, ja. Probiert hab ich sie alle, aber die deftigen Ziegenwürstchen fand ich am besten.« Er deutete mit dem Daumen über die Schulter auf seine beiden Brüder. »Joe mag die Rindswürstchen am liebsten, und Clayton, nun ja, der steht mehr auf Schweinefleisch, aber mir haben ihre Ziegenwürstchen am besten geschmeckt.«

Jennsen zitterte am ganzen Körper, und das nicht etwa wegen der Kälte. »Wo ist sie? Ich muß sie unbedingt finden!«

Er kratzte sich seinen zerzausten blonden Haarschopf. »Tut mir leid, aber das weiß ich nicht. Sie kommt oft her, um ihre Würstchen zu verkaufen; die meisten hier haben sie auch früher schon gesehen. Sie ist freundlich, lächelt immer und hat für jeden ein nettes Wort übrig.«

»Aber sie hat meine Tiere, meine Pferde. Und Betty.«

»Betty?«

»Meine Ziege. Sie hat sie in Verwahrung genommen. Wir haben ihr Geld gegeben, damit sie auf sie aufpaßt, bis wir zurück sind.«

»Oh.« Es schien ihn zu bedrücken, daß er keine besseren Neuigkeiten für sie hatte. »Das tut mir leid. Ihre Würstchen gingen so ziemlich nacheinander weg, bis sie ausverkauft waren. Normalerweise braucht sie den ganzen Tag, um ihren Vorrat zu verkaufen, aber manchmal läuft es einfach besser, schätze ich. Nachdem ihre Würstchen weg waren, hat sie noch eine ganze Weile hier gesessen und mit uns geplaudert. Irgendwann meinte sie dann schweren Herzens, jetzt müsse sie aber zurück nach Hause.«

Jennsens Gedanken rasten, und sie wußte nicht, was sie tun sollte. Noch nie hatte sie sich so allein gefühlt.

»Bitte«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme, »könnte ich mir vielleicht eines Eurer Pferde ausleihen, bitte?«

»Unsere Pferde? Wie sollen wir dann unseren Wagen nach Hause bekommen? Außerdem sind es doch Zugtiere; wir haben weder Sättel noch Zaumzeug zum Reiten, noch ...«

»Bitte! Ich habe etwas Gold.« Mit fahrigen Bewegungen tastete Jennsen ihren Gürtel ab. »Ich kann bezahlen.«

Sie fühlte mit den Händen ihre Taille ab, konnte aber den kleinen Lederbeutel mit ihren Gold- und Silbermünzen nicht finden. Das Einzige, was sie dort an ihrem Gürtel neben ihrem Messer entdeckte, war ein kleines Stück von einem säuberlich durchtrennten Lederriemen.

»Mein Geldbeutel ... mein Geldbeutel ist fort.« Es verschlug ihr die Sprache. »Mein Geld ...«

Der Mann nickte betrübt, als er sah, wie sie den Rest der Zugschnur von ihrem Gürtel zog. »Hier treibt sich so mancher Ganove herum, der nur darauf aus ist, andere zu bestehlen.«

»Aber ich brauche es unbedingt.«

Er verstummte. Sie schaute sich suchend nach dem Straßenhändler um, der die Amulette feilgeboten hatte. Plötzlich schoß es ihr siedend heiß durch den Kopf. Er war immer wieder gegen sie gelaufen und hatte sie angerempelt; in Wirklichkeit hatte er ihr dabei die Geldbörse abgeschnitten. Sie konnte sich nicht einmal daran erinnern, wie er ausgesehen hatte – nur daß er schäbig und verwahrlost gewesen war.

»Nein ...«, greinte sie, zu überwältigt, um zu wissen, was sie sagen sollte. Sie ließ sich neben dem Tisch auf den Boden sinken. »Gütige Seelen, ich brauche dringend ein Pferd.«

Der Mann goß hastig Wein in einen Becher und hockte sich neben sie; mittlerweile hatte sie angefangen zu schluchzen. »Hier, trinkt das.«

»Ich hab doch kein Geld mehr«, brachte sie unter Tränen hervor.

»Ich verlange auch keins«, sagte er und bedachte sie mit einem schiefen Lächeln voller Mitgefühl, bei dem er ihr seine makellosen weißen Zähne zeigte. »Es wird Euch gut tun. Trinkt.«

Die beiden anderen blonden Brüder, Joe und Clayton, standen hinter dem Tisch, die Hände in den Taschen, die Köpfe gesenkt voller Bedauern für die Frau, um die ihr Bruder sich soeben kümmerte.

Er hielt ihr den Becher an die Lippen und versuchte sie trotz ihrer Tränen zum Trinken zu bewegen. Ein Teil ging daneben und lief ihr übers Kinn, ein Teil landete in ihrem Mund, so daß sie gezwungen war, es hinunterzuschlucken.

»Wozu braucht Ihr denn ein Pferd?«, fragte er.

»Ich muß zu Althea.«

»Althea? Die Hexenmeisterin?«

Jennsen nickte, während sie sich den Wein vom Kinn und die Tränen aus dem Gesicht wischte.

»Hat man Euch dorthin eingeladen?«

»Nein«, mußte Jennsen gestehen. »Ich muß aber trotzdem hin.«

»Warum?«

»Es geht um Leben und Tod. Ich benötige dringend Altheas Hilfe, andernfalls könnte es sein, daß jemand stirbt.«

Neben ihr hockend, den Becher, mit dem er ihr etwas zu trinken eingeflößt hatte, noch immer in der Hand, löste er seinen Blick von ihren Augen und betrachtete statt dessen die roten Locken unter ihrer Kapuze.

Schließlich stützte sich der hünenhafte Mann mit den Händen auf den Knien ab, stand auf und ging zurück zu seinen Brüdern, um sie mit sich allein zu lassen, während sie, wenn auch vergeblich, versuchte, ihrer verzweifelten Tränen Herr zu werden. Jennsen weinte auch aus Sorge um Betty, Betty war Jennsens Freundin und Gefährtin und verband sie mit ihrer Mutter; das beklagenswerte Tier fühlte sich vermutlich im Stich gelassen. Jennsen hätte in diesem Augenblick alles dafür gegeben, Betty mit ihrem Schwanz wedeln zu sehen.

Sie ermahnte sich, daß sie nicht einfach dasitzen und sich wie ein kleines Kind benehmen konnte, denn damit erreichte sie nichts. Sie mußte etwas unternehmen.

Jennsen stand auf, wischte sich wütend die Tränen aus dem Gesicht, dann hielt sie eine Hand vor die Stirn, um ihre Augen gegen die Sonne zu schützen. Sie war lange im Palast gewesen, vermutlich war es bereits später Nachmittag. Wenn sie Rusty noch hätte, dann käme sie sehr viel schneller voran. Und wenn sie ihr Geld noch hätte, könnte sie sich wenigstens ein anderes Pferd mieten oder kaufen.

Es war sinnlos, endgültig verlorenen Dingen nachzutrauern – sie würde zu Fuß gehen müssen.

»Danke für den Wein«, sagte Jennsen an den blonden Mann gerichtet, der nervös dastand und sie beobachtete.

»Keine Ursache«, erwiderte er, verlegen die Augen niederschlagend.

Als sie Anstalten machte zu gehen, schien er seinen ganzen Mut zusammenzunehmen. Er trat hinaus auf die staubige Straße und hielt sie am Arm fest. »Augenblick noch, Ma’am. Was wollt Ihr denn jetzt tun?«

»Das Leben eines Mannes hängt davon ab, daß ich zu Altheas Haus gelange. Ich habe keine andere Wahl, also werde ich zu Fuß gehen müssen.«

»Welches Mannes? Und was hat es überhaupt damit auf sich, daß sein Leben von Eurem Besuch bei Althea abhängt?«

Jennsen sah ihm in seine himmelblauen Augen und löste behutsam ihren Arm. Groß, blond, mit seinem markanten Kinn und seiner kräftigen Statur erinnerte er sie an die Soldaten, die ihre Mutter umgebracht hatten.

»Tut mir leid, aber ich kann darüber nicht sprechen.«

Sie machte sich abermals auf den Weg, war aber noch kein Dutzend Schritte weit gekommen, als er ihr hinterhereilte, sie behutsam abermals am Arm faßte, so daß sie stehen bleiben mußte.

»So hört doch«, sagte er ruhig, als sie ihn daraufhin mißbilligend ansah, »habt Ihr denn überhaupt Vorräte?«

Jennsens gerunzelte Stirn glättete sich, und sie mußte gegen ihre verzweifelten Tränen ankämpfen. »Das befindet sich alles bei unseren Pferden. Die Wurstverkäuferin Irma hat all unsere Sachen. Bis auf mein Geld – das hat dieser Taschendieb.«