»Dann seid Ihr also völlig mittellos.« Es war weniger eine Frage als vielmehr Spott über einen derart einfältigen Plan.
»Ich habe mich selbst und weiß, was ich zu tun habe.«
»Und Ihr habt tatsächlich vor, Euch mitten im Winter auf den Weg zu Althea zu begeben, zu Fuß und ganz ohne Vorräte?«
»Ich habe mein Leben lang in den Wäldern gelebt. Ich weiß mir zu helfen.«
Sie zog, doch er hielt ihren Arm mit seiner großen Hand unerbittlich fest. »Das mag ja alles sein, aber die Azrith-Ebene ist kein Wald. Dort gibt es nichts, woraus Ihr Euch einen Unterschlupf bauen könntet, nicht mal ein Stück Holz, um Feuer zu machen. Nach Sonnenuntergang wird es dort so kalt wie im Herz des Hüters. Ihr habt weder Vorräte noch sonst etwas. Was wollt Ihr essen?«
Diesmal zog sie heftiger an ihrem Arm, und es gelang ihr sich zu befreien. »Ich habe keine andere Wahl. Mag sein, daß Ihr das nicht versteht, aber es gibt eben Dinge, die man einfach tun muß, auch wenn man für sie sein Leben riskiert, oder es verliert seine Bedeutung und ist es nicht wert, gelebt zu werden.«
Bevor er sie abermals zurückhalten konnte, lief Jennsen los und tauchte im Strom der Menschen unter. Drängelnd bahnte sie sich einen Weg durch die Menschenmassen, vorbei an Leuten, die für sie unerschwingliche Speisen und Getränke feilboten. Alles diente nur dazu, sie daran zu erinnern, daß sie seit dem Würstchen am Vormittag keinen Bissen mehr gegessen hatte.
Sie bog in die erstbeste nach Westen führende Straße ein. Als die Wintersonne des Südens auf ihre linke Gesichtshälfte schien, mußte sie an die Sonnenstrahlen im Palast während der Andacht denken – daß sie sich so sehr angefühlt hatten wie die Umarmung ihrer Mutter.
19
Jennsen suchte sich aufs Geratewohl einen Weg durch irgendwelche Straßen; dabei stellte sie sich vor, zwischen Bäumen hindurchzulaufen und sich durch die Wälder zu bewegen, in denen sie sich am heimischsten fühlte. Dort wäre sie jetzt auch am liebsten gewesen, in einem stillen Wald, im Schutz der Bäume, und hätte zusammen mit ihrer Mutter zugesehen, wie Betty an zarten Sprossen knabberte.
Sie war ganz krank vor Sorge um Betty. Die Wurstverkäuferin Irma handelte mit Ziegenfleisch, was zweifellos der Grund war, warum sie Betty überhaupt hatte kaufen wollen. Wahrscheinlich hatte das arme Tier verzweifelt und verängstigt reagiert, als es von einer Fremden fortgebracht wurde. Doch so sehr ihr die Sorge um Betty auch zu schaffen machte, so gern sie nach ihr gesucht hätte, um sie wiederzubekommen, sie durfte diesen Wunsch nicht über Sebastians Leben stellen.
Plötzlich traf sie ein noch viel beängstigenderer Gedanke wie ein Schlag: Mord-Sith. Wo immer Jennsen mit ihrer Mutter in D’Hara auf Reisen gewesen war hatte nichts und niemand den Menschen größere Angst eingeflößt als die Mord-Sith. Ihre Fähigkeit, den Menschen Schmerz und Leid zuzufügen, war legendär. Angeblich gab es außerhalb des unmittelbaren Einflußbereichs des Hüters niemanden, der den Mord-Sith in diesem Punkt das Wasser reichen konnte.
Was, wenn die D’Haraner sich einer dieser Frauen bedienten, um Sebastian zu foltern? Er besaß zwar keine magischen Kräfte, doch was zählte das schon? Mit dem Strafer vermochten die Mord-Sith jedem Schmerzen zuzufügen. Darüber hinaus besaßen sie auch noch die Fähigkeit, Menschen mit magischen Kräften einzufangen. Wer wie Sebastian keine Magie besaß, war für eine Mord-Sith nichts weiter als ein kurzes, allerdings blutiges Vergnügen.
Das Gedränge lichtete sich, während sie sich dem Rand des unter freiem Himmel liegenden Marktes näherte. Als sie den letzten Stand erreicht hatte, betrieben von einem hageren Burschen, der ledernes Zaumzeug und stapelweise gebrauchte Wagenbeschläge verkaufte, endete die provisorische Straße, auf der sie sich befand, im Nichts. Hinter seinem schwer beladenen Wagen voller Werkstücke und Ersatzteile folgte nichts als trostloses, offenes Gelände. Ein endloser Menschenstrom wälzte sich über die Straße, die nach Süden führte. Nach Westen führte keine einzige Straße.
Ein paar Leute am äußersten Rand des Marktplatzes blickten kurz in ihre Richtung, als sie sich auf den Weg machte, der untergehenden Sonne nach. Jennsen war froh, endlich allein zu sein. Das Leben unter Menschen hatte sich als genauso gefahrvoll erwiesen, wie sie immer befürchtet hatte. Als sie in westlicher Richtung losmarschierte, blieb das Geschehen des Marktplatzes rasch hinter ihr zurück.
Jennsen schob ihre Hand unter den Umhang, um sich des beruhigenden Vorhandenseins ihres Messers zu vergewissern. Eng an ihrem Körper anliegend, fühlte es sich warm an, fast so, als wäre es ein lebendiges Wesen und nicht aus Silber und Stahl.
Wenigstens hatte der Taschendieb ihr nur das Geld abgenommen und nicht auch noch das Messer. Vor die Wahl gestellt, hätte sie sich immer für das Messer entschieden. Da ihre Mutter und sie sich selbst versorgt hatten, war sie ihr ganzes Leben lang ohne größere Geldbeträge ausgekommen. Für diese Art sich durchzuschlagen war ein Messer überlebenswichtig. Geld brauchte man, wenn man in einem Palast lebte, unter freiem Himmel aber benötigte man ein Messer, und ein besseres als dieses hatte sie, trotz seiner Herkunft, noch nirgendwo gesehen.
Gedankenverloren strich sie mit den Fingern über den kunstvoll ziselierten Buchstaben »R« auf dem Silbergriff. Manche Leute brauchten wohl auch ein Messer, wenn sie in einem Palast lebten.
Sie drehte sich um, um einen Blick hinter sich zu werfen, und stellte erleichtert fest, daß ihr niemand gefolgt war. Das Felsplateau war mit der Entfernung geschrumpft, bis alle Menschen unterhalb von ihm wie winzige, durcheinander wimmelnde Ameisen aussahen. Es tat gut, diesen Ort hinter sich zu lassen, auch wenn sie wußte, daß sie nach ihrem Besuch bei Althea wieder dorthin zurückkehren mußte, um Sebastian zu befreien.
Als sie eine Weile rückwärts lief, um sich vom eiskalten Wind zu erholen, wanderte ihr Blick an der sich in Serpentinen die steilen Klippen hinaufwindenden Straße entlang bis zu der wuchtigen Steinmauer, die den eigentlichen Palast umgab. Da sie von Süden gekommen war, hatte sie die Straße nicht gesehen. An einer Stelle ihres Verlaufs überspannte eine Brücke einen besonders tückischen Spalt im Felsgestein. Jetzt war die Brücke hochgezogen. Als waren die Felsklippen selbst nicht bereits abschreckend genug, schienen die hohen Steinmauern rings um den Palast des Volkes jeden Versuch, unaufgefordert in sein Inneres vorzudringen, vereiteln zu wollen.
Sie hoffte inständig, daß der Weg bis zu Althea nicht ganz so schwierig werden würde.
Irgendwo in diesem gewaltigen Komplex hielt man Sebastian gefangen. Sie sprach ein stilles Gebet an die Gütigen Seelen, in dem sie darum bat, er möge die Hoffnung nicht aufgeben, und sie möchten ihm irgendwie ein Zeichen geben, daß sie ihn dort herausholen werde.
Nach einer Weile war sie das Rückwärtsgehen und den Anblick des Palasts des Volkes leid und drehte sich um. Nun mußte sie wieder dem Wind trotzen, der ihr kräftig entgegenblies und ihr manchmal die Atemluft geradezu aus dem Mund sog. Heftige Böen wirbelten das trockene, körnige Erdreich hoch bis in ihre Augen.
Das Gelände war eben, trocken und besaß keinerlei hervorstechende Merkmale; es bestand größtenteils aus hartem, verkrustetem Boden, gelegentlich unterbrochen von einem Streifen sandiger Erde. An manchen Stellen wies die bräunlich gelbe Landschaft dunklere braune Flecken auf, und nur gelegentlich stieß man auf Vegetation – in Gestalt einer niedrigen, kümmerlichen, jetzt winterbraunen und verdorrten Pflanze.
Nach Westen hin ragte ein steiler, stark zerklüfteter Gebirgszug in die Höhe. Der Berg in seiner Mitte sah aus, als könnte Schnee auf seinem Gipfel liegen, im Gegenlicht war das jedoch schwer zu beurteilen. Sie war mit dieser Art Landschaft nicht vertraut und fand es schwierig, in der Ebene Entfernungen zu schätzen. Nach allem, was sie wußte, konnte es Stunden, ja Tage dauern bis dorthin. Wenigstens mußte sie sich nicht mühsam durch Schnee kämpfen, wie sie es auf ihrem Weg zum Palast des Volkes des öfteren hatten tun müssen.