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Jennsen war sich darüber im klaren, daß sie auch im Winter Wasser brauchen würde; sie nahm an, daß es in einem Sumpfgebiet reichlich davon gab. Auch dämmerte ihr allmählich, daß die Frau, die ihr den Weg beschrieben hatte, zwar davon gesprochen hatte, es sei weit, sich aber nicht näher darüber ausgelassen hatte, was sie darunter verstand. Vielleicht bedeutete ein weiter Weg für sie das, was in Jennsens Augen nur ein forscher Spaziergang von ein paar Stunden war, vielleicht hatte sie aber auch Tage gemeint. Jennsen murmelte leise ein Gebet, es möchten keine Tage sein, obschon ihr allein die Vorstellung, ein Sumpfgebiet zu betreten, absolut nicht behagte.

Als ein vom Wind herangetragenes Geräusch anschwoll, drehte sie sich um und sah hinter sich in der Ferne eine lange Staubfahne aufsteigen. Sie kniff die Augen halb zusammen und erkannte schließlich, daß sie von einem Wagen stammte, der auf sie zuhielt.

Jennsen ließ den Blick suchend über die baumlose Landschaft schweifen und versuchte eine Stelle zu finden, wo sie sich verstecken konnte. Die Vorstellung, ganz allein unter freiem Himmel überrascht zu werden, behagte ihr ganz und gar nicht. Ihr kam der Gedanke, daß womöglich irgendwelche Männer auf dem Markt sie hatten fortgehen sehen und anschließend abgewartet hatten, bis niemand mehr in der Nähe und sie völlig allein war, um ihr hinterherzufahren und sie zu überfallen.

Sie fing an zu laufen. Da der Wagen vom Palast her kam, lief sie in die Richtung, in die sie zuvor gegangen war – nach Westen – auf den dunklen Strich des Gebirges zu. Die Luft, die sie beim Laufen keuchend in ihre Lungen sog, war so kalt, daß ihr die Kehle wehtat. Vor ihr erstreckte sich die Ebene, endlos, ohne die geringste Vertiefung. Sie hielt so schnell es ging auf die Bergkette zu, doch selbst wenn sie rannte, mußte sie sich eingestehen, daß sie zu weit entfernt waren.

Kurz darauf zwang sie sich stehen zu bleiben; ihr Verhalten war überaus dumm, denn sie konnte doch unmöglich schneller laufen als die Pferde. Vornüber gebeugt, die Hände auf den Oberschenkeln, verschnaufte sie, während sie beobachtete, wie der Wagen immer näher kam. Falls jemand tatsächlich vorhatte, sie zu verfolgen, um über sie herzufallen, dann war Weglaufen so ungefähr das Dümmste, was sie tun konnte.

Abermals wandte sie sich herum, um die Sonne im Gesicht zu haben, und ging weiter, allerdings in einem Tempo, das sie nicht ermüden würde. Wenn sie schon gezwungen war, sich zu verteidigen, sollte sie wenigstens nicht völlig außer Atem sein. Vielleicht waren es ja nur Leute auf dem Heimweg, die schon bald in eine andere Richtung abschwenken würden. Sie hatte sie ja nur aufgrund des Wagengeräuschs bemerkt und aufgrund des von ihm aufgewirbelten Staubes, wären sie zu Fuß, könnte man sie wahrscheinlich überhaupt nicht sehen.

Plötzlich beschlich sie ein entmutigender Gedanke, Vielleicht hatte eine Mord-Sith Sebastian ja bereits ein Geständnis abgepreßt; vielleicht war der Wagen, der auf sie zugefaßt kam, mit hünenhaften, brutalen d’Haranischen Soldaten besetzt, die entschlossen waren, sie gefangen zu nehmen. Vielleicht begann ihr Alptraum jetzt erst richtig. Vielleicht war dies der Tag, vor dem sie sich ihr ganzes Leben lang gefürchtet hatte.

Tränen der Angst brannten ihr in den Augen, als sie ihre Hand unter ihren Umhang gleiten ließ, um sich zu vergewissern, daß ihr Messer locker in der Scheide steckte. Sie zog es ein kleines Stück heraus, schob es anschließend wieder hinein und spürte das beruhigende metallische Klicken, als es in der Scheide einrastete. Bemüht, ihre Angst im Zaum zu halten, versuchte sie in Gedanken alles durchzugehen, was ihre Mutter ihr über den Umgang mit dem Messer beigebracht hatte. Jennsen war zwar allein, aber alles andere als wehrlos; sie wußte, was sie zu tun hatte, und nahm sich vor, das nicht zu vergessen.

Als sie sich abermals umdrehte, hielt der Wagen bereits unmittelbar auf sie zu. Sie setzte die Füße fest auf den Boden, den Umhang leicht geöffnet, um darunter greifen, ihr Messer ziehen und den Angreifer überraschen zu können; auch für sie konnte sich der Moment der Überraschung als wertvoller Verbündeter erweisen.

In diesem Moment erblickte sie ein leicht schiefes Grinsen aus makellosen Zähnen, das offensichtlich ihr galt. Der große blonde Mann lenkte seinen Wagen inmitten einer Wolke aus spritzendem Geröll und Staub bis unmittelbar vor sie. Als er die Bremse anzog, wehte der Staub davon. Es war der Mann vom Markt, der Mann neben Irmas Stand, jener Mann, der ihr einen Schluck Wein zu trinken gegeben hatte. Er war allein.

Sich über seine Absichten im Unklaren, schlug Jennsen einen schroffen Tonfall an und hielt ihre Messerhand bereit. »Was tut Ihr hier draußen?«

Er lächelte noch immer. »Ich bin hergekommen, um Euch mitzunehmen.«

»Und Eure Brüder?«

»Die hab ich am Palast zurückgelassen.«

Jennsen traute ihm nicht; er hatte keinen Grund, ihr hinterherzufahren und sie mitzunehmen. »Danke, aber ich denke, Ihr solltet Euch wieder um Eure eigenen Angelegenheiten kümmern.« Sie machte Anstalten weiterzugehen.

Er sprang vom Wagen herunter.

»Versteht doch, mir wäre einfach nicht wohl bei dem Gedanken«, sagte er.

»Bei welchem Gedanken?«

»Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ich einfach tatenlos mit ansähe, wie Ihr hier draußen in Euer Verderben rennt – und genau das würde passieren ohne etwas zu essen, ohne Wasser, ohne überhaupt alles. Ich habe über Eure Worte nachgedacht, daß es Dinge gibt, die man einfach tun muß, da sonst das Leben seinen Sinn verliert und es sich nicht lohnt weiterzuleben. Ich könnte nicht mehr in den Spiegel sehen, wenn ich wüßte, daß Ihr hier draußen seid und in Euer Verderben lauft.« Seine Beharrlichkeit wich einer gewissen Unsicherheit, und sein Tonfall bekam etwas Flehendes. »Kommt schon, steigt in den Wagen und laßt Euch mitnehmen, bitte.«

»Was ist mit Euren Brüdern? Bevor ich merkte, daß mir mein Geld abhanden gekommen war, sagtet Ihr, Ihr müßtet zurück nach Hause.«

Er hakte einen Daumen hinter seinen Gürtel, offenbar hatte er sich damit abgefunden, sich rechtfertigen zu müssen. »Also, heute lief es so gut mit dem Weinverkauf, daß wir ein ganz ordentliches Sümmchen verdient haben. Joe und Clayton wollten ohnehin lieber beim Palast bleiben und sich zur Abwechslung mal ein wenig amüsieren. Aber es war diese Irma, die schließlich den Ausschlag gegeben hat.« Er zuckte mit den Achseln. »Na ja, dank ihrer Hilfe haben wir heute gut abgeschnitten, was mir wiederum Gelegenheit gibt, Euch zu helfen. Da sie Eure Pferde und Vorräte mitgenommen hat, dachte ich, das Mindeste, was ich tun kann, ist, Euch ein Stück mitzunehmen. Als kleine Wiedergutmachung sozusagen. Ich will Euch doch nur ein Stück mitnehmen, es ist ja nicht so, als würde ich mein Leben riskieren. Ich biete bloß jemandem meine Hilfe an, von dem ich weiß, daß er sie dringend braucht.«

Hilfe konnte Jennsen ohne Zweifel gebrauchen, doch hatte sie nach wie vor Angst, dem Fremden zu vertrauen.

»Übrigens, ich heiße Tom«, sagte er, als hatte er ihre Gedanken erraten. »Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir erlauben würdet, Euch auf diese Weise zu helfen.«

»Was genau meint Ihr damit?«

»Wie Ihr schon sagtet – es gibt Dinge, die man einfach tun muß, um dem Leben ein wenig Sinn zu geben.« Er erfaßte die roten Locken ihres Haars unter der Kapuze mit einem flüchtigen Blick, dann wurde er ernst. »Und genau das Gefühl hatte ich dabei ... es wäre mir eine Freude, wenn ich es tun könnte.«

Sie wich dem Blick aus. »Ich heiße Jennsen. Aber ich begreife nicht ganz ...«

»Dann kommt einfach mit. Ich habe etwas Wein dabei...«

»Ich mag keinen Wein. Davon bekomme ich nur Durst.«

Er zuckte mit den Achseln. »Ich habe auch reichlich Wasser. Außerdem habe ich ein paar Fleischpasteten mitgebracht. Ich wette, wenn Ihr Euch beeilt und gleich davon eßt, sind sie sogar noch warm.«