Sie musterte seine blauen Augen, blau wie die ihres Vaters. Allerdings sprach aus den Augen dieses Mannes eine gewisse unkomplizierte Offenheit; und sein Lächeln hatte nichts Hochnäsiges, sondern wirkte anständig.
»Habt Ihr keine Frau, die auf Euch wartet?«
Diesmal war es Tom, der ihrem Blick auswich und zu Boden schaute. »Nein, Ma’am, ich bin nicht verheiratet. Ich reise viel herum und kann mir nicht vorstellen, daß eine Frau an einem solchen Leben Gefallen finden würde. Zumal es mir kaum Gelegenheit bietet, jemanden so gründlich kennenzulernen, daß an Heirat überhaupt zu denken wäre. Eines Tages aber, das wünsche ich mir von ganzem Herzen, möchte ich eine Frau finden, die ihr Leben mit mir teilen möchte, eine Frau, die mich zum Lachen bringt und derer ich mich würdig erweisen kann.«
Zu ihrer Überraschung bemerkte Jennsen, daß ihm diese Frage die Röte ins Gesicht getrieben hatte. Sie hatte den Eindruck, als entspräche die Unerschrockenheit, mit der er sie angesprochen und ihr angeboten hatte, sie mitzunehmen, keineswegs seinem üblichen Verhalten; bei aller Liebenswürdigkeit wirkte er überaus schüchtern. Irgend etwas an der Art dieses großen, starken Mannes, sich von ihr, einer einsamen Frau mitten im Nirgendwo, mit einer Frage nach Herzensdingen einschüchtern zu lassen, ließ sie innerlich ganz ruhig werden.
»Wenn ich Euch und Eurem Geschäft, mit dem Ihr Euren Lebensunterhalt verdient, damit nicht schade ...«
»Aber nein«, fiel er ihr ins Wort. »Das tut Ihr nicht – auf keinen Fall.« Er wies zurück zum Felsplateau. »Wir haben heute guten Gewinn gemacht und können uns eine kleine Ruhepause leisten. Meine Brüder haben überhaupt nichts dagegen. Tagaus, tagein ziehen wir durch die ganze Weltgeschichte und kaufen, was immer wir zu einem vernünftigen Preis ergattern können, alles, von Wein über Teppiche bis hin zu jungen Hennen, die wir anschließend hierher transportieren, um sie zu verkaufen. Im Grunde tue ich meinen Brüdern einen Gefallen, wenn ich ihnen diese Pause gönne.«
Jennsen nickte. »Euer Angebot kommt mir sehr gelegen, Tom.«
Er wurde ernst. »Ich weiß. Das Leben eines Mannes steht auf dem Spiel.«
Tom kletterte umständlich auf den Wagen und reichte ihr die Hand. »Seht Euch vor, Ma’am.«
Sie ergriff seine große Hand und setzte einen Fuß auf die eiserne Sprosse. »Ich heiße Jennsen.«
»Das sagtet Ihr bereits, Ma’am.« Behutsam zog er sie hoch auf den Bock.
Kaum hatte sie Platz genommen, holte er von hinten eine Decke hervor, die er ihr zusammengefaltet auf den Schoß legte; offenbar wollte er nicht so vermessen sein, sie über sie zu breiten. Sie bedankte sich lächelnd für die wärmende Wolldecke und drapierte sie über ihre Beine. Dann langte er abermals hinter sich, kramte unter einem Stapel verschlissener Packdecken herum und brachte ein kleines Päckchen zum Vorschein. Lächelnd überreichte er ihr die in ein weißes Tuch gewickelte Pastete. Er hatte nicht zu viel versprochen, sie war tatsächlich noch warm. Schließlich holte er einen Wasserschlauch hervor und legte ihn zwischen ihnen auf den Bock.
»Falls es Euch lieber ist, könnt Ihr auch hinten sitzen. Ich habe genug Decken dabei, so daß Euch nicht kalt werden dürfte, außerdem sind sie bestimmt bequemer als die Holzbank.«
»Im Augenblick bin ich hier bestens versorgt«, erwiderte sie und gestikulierte mit der Pastete. »Sobald ich meine Vorräte und mein Geld zurückhabe, möchte ich Euch für alles bezahlen.«
Er löste die Bremse und ließ die Zügel schnellen. »Wenn Ihr unbedingt wollt, allerdings erwarte ich das nicht.«
»Aber ich«, erwiderte sie, als der Wagen anruckte.
Kaum waren sie unterwegs, schwenkte er von ihrem westlichen Kurs auf eine eher nordwestliche Richtung ein.
Augenblicklich kehrte Jennsens Mißtrauen zurück. »Was tut Ihr da? Was glaubt Ihr, wo Ihr hinfahrt?«
Ihr neu erwachtes Mißtrauen schien ihn ein wenig zu erschrecken. »Ihr wollt zu Althea, das stimmt doch, oder?«
»Schon, aber man sagte mir, ich müsse mich westlich halten, bis ich den höchsten, schneebedeckten Berg erreiche, und dann auf der anderen Seite Richtung Norden abbiegen und den Klippen folgen ...«
»Oh«, machte er, als ihm klar wurde, was sie dachte. »Den Weg wählt man nur, wenn man sich einen zusätzlichen Tag Zeit nehmen will.«
»Warum sollte mir die Frau diesen Weg erklären, wenn er länger dauert?«
»Wahrscheinlich, weil das der Weg ist, den jeder zu Althea nimmt, und sie nicht wußte, daß Ihr es eilig habt.«
»Und wieso werden die Leute dort entlang geschickt, wenn es länger dauert?«
»Die Leute nehmen diesen Weg, weil sie sich vor dem Sumpfgebiet fürchten. Auf diesem Weg kommt man Altheas Haus am nächsten, was bedeutet, daß man dort das kürzeste Stück Sumpfgebiet durchqueren muß. Wahrscheinlich kennt die Frau gar keinen anderen.«
Als der Wagen über eine Welle im felsigen Untergrund sprang, mußte Jennsen sich an der Querstange festhalten. Er hatte Recht auf der hölzernen Sitzbank saß man unbequem, und da der Wagen für den Transport schwerer Lasten konstruiert war, geriet er im Leerzustand leicht ins Hüpfen.
»Aber sollte ich dann nicht auch Angst vor dem Sumpf haben?«, fragte sie schließlich.
»Vermutlich schon.«
»Und warum sollte ich dann diesen anderen Weg nehmen wollen?«
Er schaute wieder zu ihr hinüber und riskierte einen flüchtigen Blick auf ihr Haar.
»Ihr habt davon gesprochen, daß das Leben eines Mannes auf dem Spiel steht«, sagte er, seine Schüchternheit war verflogen. »Hier entlang geht es erheblich schneller, wenn man die Strecke abkürzt, indem man sich auf dieser Seite des Gipfels halt, von dem sie Euch erzählte, und den Aufstieg durch die gewundene Schlucht unterhalb der Klippen vermeidet. Das Problem ist, daß man auf diese Weise von hinten in den Sumpf gelangt, so daß man eine größere Strecke durch Sumpfland zurücklegen muß, um zu Altheas Haus zu gelangen.«
»Dauert es nicht länger, wenn man eine größere Strecke durch Sumpfgebiet gehen muß?«
»Doch, aber ich wette, auch wenn der Weg durch den Sumpf selbst länger ist, spart Ihr mindestens einen Tag in beiden Richtungen. Macht insgesamt zwei Tage weniger.«
»Aber ist das denn nicht viel gefährlicher?«
»Ihr würdet nicht ganz allein losmarschieren, noch dazu ohne Vorräte, wenn es nicht ziemlich wichtig wäre – eine Frage von Leben und Tod. Wenn Ihr bereit seid, Euer Leben für diese Sache zu riskieren, dann, so dachte ich, wäre Euch auch daran gelegen, so viel Zeit wie möglich einzusparen. Aber wenn es Euch lieber ist, kann ich Euch auch den Umweg fahren, wo die Strecke durch das Sumpfland kürzer ist. Das liegt ganz bei Euch.«
»Nein, Ihr habt Recht.« Die Fleischpastete auf ihrem Schoß war noch immer warm, es tat gut, sie in den Händen zu halten. Und es war sehr aufmerksam von ihm gewesen, sie mitzubringen. »Ich möchte mich bei Euch bedanken, Tom, daß Ihr darüber nachgedacht habt, wie ich Zeit einsparen kann.«
»Wer ist dieser Mann, um dessen Leben oder Tod es geht?«
»Ein Freund«, antwortete sie kurz angebunden.
»Muß ein sehr guter Freund sein.«
»Ohne ihn wäre ich längst tot.«
Er schwieg, während sie auf den dunklen Streifen des Gebirges in der Ferne zurollten. Sie dachte angestrengt darüber nach, was sie im Sumpf erwarten mochte, schlimmer noch, sie quälte sich mit dem Gedanken, was Sebastian zustoßen würde, wenn sie nicht schnell genug Altheas Hilfe erbitten konnte.
»Wie lange dauert es noch, bis wir das Sumpfgebiet erreichen?«, erkundigte sich Jennsen.
»Das hängt ganz davon ab, wie tief der Schnee am Paß liegt, und von einer Reihe anderer Dinge. Ich fahre diesen Weg nicht oft, deshalb kann ich es nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber wenn wir die Nacht durchfahren, bin ich einigermaßen sicher, daß wir gegen Morgen die Rückseite des Sumpflandes erreichen.«
»Und wie lange braucht man von dort bis zu Althea? Durch den Sumpf, meine ich?«
Er sah unsicher zu ihr hinüber. »Tut mir leid, Jennsen, aber das kann ich nicht genau sagen. Ich war noch nie in Altheas Sumpf.«