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»Und was schätzt Ihr?«

»Den örtlichen Gegebenheiten nach zu urteilen, sollte man meiner Meinung nach nicht länger als einen Tag für den Hin- und Rückweg benötigen, aber das ist nur eine Schätzung. Und dabei ist die Zeit noch nicht berücksichtigt, die Ihr Euch bei Althea aufhalten werdet.« Seine Unsicherheit kehrte zurück. »Ich werde Euch jedenfalls auf dem schnellsten Weg zu ihr bringen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich denke, es wäre das Beste, wenn Ihr beim Wagen und den Pferden wartet. Wenn Ihr die Nacht durchfahrt, werdet Ihr Euch ausruhen müssen, um bereit zu sein, sobald ich wieder zurückkomme. Wir würden dadurch Zeit sparen.«

Er dachte über ihre Worte nach und nickte. »Das klingt vernünftig. Aber ich könnte doch trotzdem ...«

»Nein. Ich weiß zu schätzen, daß Ihr mich mitgenommen habt, und das Essen, das Wasser und die warme Decke auch, aber ich werde nicht zulassen, daß Ihr ebenfalls Euer Leben dort riskiert. Am meisten würdet Ihr mir helfen, wenn Ihr beim Wagen wartet und bereit seid, mich gleich nach meiner Rückkehr zurückzufahren.«

Sie beobachtete das Spiel des Windes in seinen Haaren, wahrend er darüber nachdachte. »Also gut, wenn Ihr es so wünscht. Ich bin froh, daß Ihr mich helfen laßt, so weit es in meiner Macht steht. Wohin soll es nach Eurem Besuch bei Althea gehen?«

»Zurück zum Palast«, antwortete sie.

»Dann werde ich Euch, mit ein bißchen Glück, übermorgen wieder im Palast absetzen.«

Das bedeutete drei Tage für Sebastian. Sie wußte nicht, wie viel Zeit ihm noch blieb. Aber solange Hoffnung bestand, daß er noch lebte, mußte sie durch diesen Sumpf.

Trotz des Unbehagens, das sie angesichts der vor ihr liegenden Aufgabe beschlich, mundete die Fleischpastete köstlich. Hungrig wie sie war, hätte ihr vermutlich alles großartig geschmeckt.

Tom meinte, »Der Mond wird nicht lange nach Sonnenuntergang aufgehen, ich sollte also auch nach Erreichen des Passes in den Bergen noch gut genug sehen können, um weiterzufahren. Im Wagen liegen jede Menge Decken. Sobald es Nacht wird, klettert Ihr vielleicht besser nach hinten und schlaft, wenn möglich, ein wenig für morgen vor. Ihr werdet die Ruhe gebrauchen können. Morgen früh, wahrend Ihr in den Sumpf geht, um Althea zu besuchen, lege ich mich kurz aufs Ohr. Sobald Ihr zurück seid, fahre ich die Nacht durch und bringe Euch auf schnellstem Weg zurück zum Palast. Ich hoffe, daß wir auf diese Weise genug Zeit einsparen können, damit Ihr Eurem Freund helfen könnt.«

»Vielen Dank, Tom. Ihr seid ein guter Kerl.«

Er schmunzelte. »Das meinte meine Mama auch immer.«

Sie wollte gerade noch ein Stück abbeißen, als er hinzufügte, »Hoffentlich denkt Lord Rahl das auch, Ihr werdet es ihm doch sagen, wenn Ihr ihn seht, oder?«

Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er das gemeint haben konnte, und hatte Angst nachzufragen. Sie kaute, ihren vollen Mund als Vorwand benutzend, um Zeit zu gewinnen, während ihr alle möglichen Gedanken durch den Kopf schossen. Was immer sie darauf erwiderte, konnte sie in Schwierigkeiten bringen. Sebastians Leben stand auf dem Spiel, daher entschloß sich Jennsen zu lächeln und mitzuspielen.

»Aber ja.«

Dem kaum merklichen, nichtsdestoweniger begeisterten Lächeln zufolge, das seine Lippen umspielte, wahrend er die Zügel bediente und darauf achtete, wohin sie fuhren, war es genau die richtige Antwort gewesen.

20

Das plötzliche Licht stach ihr in die Augen. Jennsen hob eine Hand, um sich gegen die Helligkeit zu schützen, und sah, daß Tom dabei war, sich aus den Decken zu befreien. Sie räkelte sich gähnend, aber als ihr daraufhin vollends bewußt wurde, daß sie auf der Ladefläche eines Wagens lag, wo sie sich befanden und warum, fand ihr Gähnen ein abruptes Ende. Sie richtete sich auf. Der Wagen hatte am Rand einer saftigen Wiese haltgemacht.

Jennsen legte eine Hand auf die Seitenverkleidung des Wagens, eine grobe, an der Oberkante abgegriffene Planke, und sah sich blinzelnd um. Hinter ihnen erhob sich eine zerklüftete, graue Felswand, in deren Risse und Spalten sich karge, zähe Büsche klammerten, knorrig und geduckt, als müßten sie sich gegen einen immerwährenden Wind behaupten. Ihr Blick wanderte den verwitterten Fels hinauf bis zu der Stelle, wo dieser sich im Dunst verlor. Am Fuß der Felswände, die die Wiese säumten, sowie neben der schmalen Klamm, die sich in den Fels einschnitt, wucherte verfilztes Gestrüpp. Irgendwie war es Tom gelungen, den Wagen zwischen diesen steilen Klippen hindurchzumanövrieren. Die beiden stämmigen Zugpferde rupften, noch immer eingespannt, an dem wild wuchernden Gras.

Weiter vorn, unterhalb der Wiese, senkte sich das Gelände hinab in einen dunklen, ausgedehnten Wald voller rankender Kletterpflanzen und hängender Moose. Unter dem üppigen grünen Blätterdach drangen seltsame Rufe, Schnalz- und Pfeiflaute hervor.

»Und das im tiefsten Winter...«, war alles, was ihr dazu einfiel.

Tom hob die Futtersäcke von der Ladefläche des Wagens herunter. »Könnte vielleicht sogar ganz nett sein, den Winter dort unten zu verbringen« – er wies mit einem Nicken hangabwärts in das wuchernde Gestrüpp – »gäbe es nicht diese seltsamen Wesen, die angeblich von dort unten hervorkommen. Andernfalls hätte es bestimmt längst irgendein Narr mal ausprobiert, da wette ich. Aber falls es jemand getan hat, ist er wohl von irgendeinem alptraumhaften Wesen hinuntergezerrt worden und hat es nie wieder bis nach oben geschafft.«

»Soll das heißen, Ihr glaubt wirklich, da unten gibt es irgendwelche ... Ungeheuer?«

Er beugte sich genau über ihr ins Wageninnere. »Es ist nicht meine Art, jungen Damen Angst zu machen, Jennsen. Als ich noch klein war, haben sich einige der anderen Jungen einen Spaß daraus gemacht, mit zappelnden Schlangen vor den Augen der Mädchen herumzufuchteln, nur um sie kreischen zu hören. Das habe ich nie getan. Ich will Euch wirklich keine Angst einjagen. Aber ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ich Euch einfach dort hineinspazieren ließe, so als wäre das Ganze nur ein lustiger Streich und Ihr würdet am Ende nicht wieder herauskommen. Vielleicht ist es ja nur Gerede, keine Ahnung. Angeblich ist es unmöglich, den Sumpf von der Rückseite aus zu durchqueren und mit dem Leben davonzukommen, aber wenn es sich jemand in den Kopf gesetzt hat, es zu versuchen, dann ganz sicher Ihr. Ich weiß, Ihr hattet wichtige Gründe herzukommen, deshalb erwarte ich nicht, daß Ihr tagelang herumsitzen werdet, um auf eine Einladung zu warten.«

Jennsen mußte schlucken, sie hatte einen säuerlichen Geschmack im Mund. Unsicher, was sie auf seine Worte erwidern sollte, bedankte sie sich mit einem Nicken.

Tom strich sich sein blondes Haar aus dem Gesicht. »Ich wollte Euch nur darüber aufklären, was ich weiß.« Er nahm die Futtersäcke auf und ging hinüber zu den Pferden.

Was immer es dort unten gab, gab es eben dort. Sie mußte ganz einfach hinein, das war alles – sie hatte keine Wahl.

Voller Entschlossenheit griff sie unter ihren Umhang und berührte das Heft ihres Messers. Schließlich war sie nicht irgendein Mädchen aus der Stadt, das sich nicht zu wehren wußte.

Sie war Jennsen Rahl.

Jennsen befreite sich vollends aus den Decken und kletterte, eine Speiche des Hinterrads als Tritt benutzend, von der Ladefläche des Wagens herunter. Tom kam soeben zurück, einen Wasserschlauch in der Hand.

»Möchtet Ihr einen Schluck? Es ist Wasser – ich hänge sie immer über die Kummete, damit die Pferde mit ihrer Körperwärme verhindern, daß es einfriert.«

Die Kälte hatte sie ausgetrocknet, und sie trank gierig. Sie sah Tom sich den Schweiß von der Stirn wischen, und erst in diesem Augenblick wurde ihr bewußt, wie warm es in Wirklichkeit war. Vermutlich würde kein echter, von Ungeheuern bevölkerter Sumpf, der etwas auf sich hielt, zulassen, daß er überfror.

Tom schlug das zusammengefaltete Tuch von einem Gegenstand zurück, den er in der Hand hielt. »Frühstück?«

Sie lächelte, als sie eine Fleischpastete zum Vorschein kommen sah.