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»Ihr seid nicht nur anständig, sondern auch sehr aufmerksam.«

Grinsend reichte er ihr die Pastete, dann wandte er sich um. um den Pferden die Zugkette abzunehmen. »Vergeßt nicht ihr habt versprochen, Lord Rahl etwas auszurichten«, rief er ihr über die Schulter zu.

Um nicht in ein Gespräch verwickelt zu werden, das mit ihrem Häscher zu tun hatte, lenkte sie vom Thema ab. »Ihr werdet also genau hier warten? Wenn ich zurückkomme, meine ich? Damit wir gleich wieder zurückfahren können?«

Er blickte hinter sich, während er den Leistengurt über das Hinterteil des Pferdes streifte. »Ihr habt mein Wort darauf, Jennsen. Ich werde Euch hier bestimmt nicht im Stich lassen.«

Seinem Gesichtsausdruck nach hatte er soeben einen Eid geleistet. Sie lächelte dankbar. »Ihr solltet Euch ein wenig ausruhen, immerhin seid Ihr die ganze Nacht gefahren.«

»Ich werd’s versuchen.«

Hungrig nahm sie noch einen Bissen von der Fleischpastete. Sie war kalt, aber köstlich und sättigend. Beim Kauen schweifte ihr Blick hinüber zu der grünen Wand jenseits der Wiese, in die Dunkelheit, die sich dahinter verbarg, anschließend warf sie einen abschätzenden Blick in den eisengrauen Himmel.

»Habt Ihr eine Ahnung, wie spät es ist?«

»Die Sonne ist vor ungefähr einer Stunde aufgegangen«, meinte er, während er die Verbindungsglieder an den Lederriemen überprüfte. Er wies in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Vor dem Abstieg auf diese tiefgelegene Stelle befanden wir uns oberhalb einer Schicht aus Dunst und Nebel. Da oben schien die Sonne.«

Angesichts des schummrigen Lichts, das unter der grauen Wolkendecke herrschte, verwunderte sie diese Vorstellung. Es schien, als hätte es noch nicht einmal angefangen zu dämmern. Und es fiel schwer, sich vorzustellen, daß gar nicht weit von hier die Sonne scheinen sollte.

Nachdem sie die Fleischpastete aufgegessen und sich die Krümel von den Händen abgewischt hatte, wartete Jennsen, bis Tom den Packgurt von der breiten, muskulösen Brust eines seiner Pferde losgeschnallt hatte und sich umdrehte. Beide Tiere waren gepflegte Grauschimmel mit schwarzer Mähne und ebensolchem Schweif. Es waren die größten Pferde, die sie je gesehen hatte – bis sie Tom neben ihnen hantieren sah. Neben ihm wirkten sie nicht mehr ganz so beeindruckend, erst recht nicht, wenn er sie liebevoll streichelte.

Während Tom sie vollends vom Zaumzeug befreite, sahen sich beide Tiere gelegentlich nach ihm um oder blickten Jennsen an, ihre weitaus größte Aufmerksamkeit allerdings galt den Schatten jenseits des Wiesenrandes; sie hatten die Ohren aufgestellt und auf das Sumpfgebiet gerichtet.

»Ich sollte jetzt besser aufbrechen, die Zeit ist ohnehin bereits knapp.« Er nickte einmal kurz.

»Vielen Dank, Tom. Falls ich später keine Gelegenheit mehr dazu haben sollte, möchte ich Euch für Eure Hilfe danken. Es gibt nicht viele Menschen, die sich so verhalten hätten wie Ihr.«

Wieder zeigte er sein schüchternes Lächeln, so daß man seine weißen Zähne sah. »Geholfen hätte Euch fast jeder. Aber ich bin froh, daß ich es war, der die Gelegenheit dazu hatte.«

Sie war überzeugt davon, daß er damit etwas andeuten wollte, was sie nicht ganz verstand. Aber was immer es sein mochte, im Augenblick war das ihre geringste Sorge.

Ihre Augen wandten sich den hallenden Rufen zu, die aus dem Sumpf hervorschallten. Es war unmöglich, die Höhe der Bäume abzuschätzen, da ihre Wipfel sich im Nebel verloren. Die Stämme mußten gewaltig sein, soweit man dies erkennen konnte. Kletterpflanzen rankten sich aus dem Dunst herab, zusammen mit einer Unmenge anderer ineinander verflochtener Schlingpflanzen, die die Stämme der mächtigen Bäume umhüllten, so als wollten sie sie niederringen und in das Dunkel unter ihnen ziehen.

Jennsen ließ den Blick suchend am Wiesenrand entlangwandern und entdeckte schließlich einen schmalen Felsgrat, der sich vorn Rand der Wiese hinunter in die Tiefe erstreckte. Ein Pfad war es nicht gerade, aber immerhin ein Anfang. Sie hatte ihr ganzes Leben im Wald gelebt und vermochte Pfade zu finden, von deren Vorhandensein sonst niemand etwas ahnte, doch es gab keinen ausgetretenen Weg hinunter in diesen Sumpf. Nichts und niemand, so schien es, wagte sich jemals dort hinein. Sie würde sich selbst einen Weg suchen müssen.

Jennsen wandte sich vorn Rand der Wiese wieder um und blickte dem hochgewachsenen Mann lange in seine blauen Augen.

Er zeigte ihr ein zaghaftes Lächeln – aus Respekt für das, was sie zu tun im Begriff war. »Mögen die Gütigen Seelen mit Euch sein und über Euch wachen.«

»Über Euch auch, Tom. Ihr solltet ein wenig schlafen. Wenn ich zurück bin, werden wir auf dem Rückweg in den Palast ein scharfes Tempo vorlegen müssen.«

Tom verbeugte sich. »Ganz wie Ihr wünscht.«

Sein erstaunliches Benehmen entlockte ihr ein Schmunzeln; schließlich wandte sie sich der Düsterkeit des Sumpfes zu und begann hinabzusteigen.

Unter dem Saum des Sumpfgebietes staute sich die Hitze, und die Feuchtigkeit war wie ein lebendiges Wesen, das nur darauf wartete, jeden Eindringling zurückzudrängen; die Dunkelheit nahm mit jedem Schritt zu. Die Stelle war ebenso schwer und undurchdringlich wie die feuchte Luft, und die wenigen Rufe, die durch das ferne Dunkel hallten, unterstrichen noch die Lautlosigkeit und die unendliche Weite, die sich vor ihr erstreckte.

Jennsen folgte dem Felsgrat auf seinem gewundenen Weg mal hierhin, mal dorthin, und gelangte dabei immer tiefer nach unten.

Als sie sich umdrehte, um hinter sich zu blicken, gewahrte sie einen Tunnel aus Licht, der bis hinauf zur Wiese reichte. Mitten in dem Kreis aus trübem Licht an seinem Ende konnte sie die Silhouette eines großen Mannes ausmachen, der, die Hände auf den Hüften, zu ihr hinunterblickte. In dieser Dunkelheit konnte er unmöglich darauf hoffen, sie zu erkennen. Und sie selbst sah ihn wohl nur deshalb, weil er im Gegenlicht stand. Er jedoch verharrte trotzdem da und hielt Wache.

Jennsen wußte nicht recht, was sie von ihm halten sollte; er schien ein herzensguter Mann zu sein, aber sie traute niemandem – außer Sebastian.

Nachdem sich ihre Augen an das schummrige Licht gewöhnt hatten, ergab ein Blick zurück, daß der von ihr gewählte Weg der einzig mögliche Abstieg in der näheren Umgebung war, zumindest so weit sie dies erkennen konnte.

Jennsen schaute sich wiederholt um, atmete tief durch, um ihre Entschlossenheit zu bekräftigen, dann ging es weiter hinab, tiefer und tiefer unter die Bäume.

Kurz darauf erkannte sie schließlich, daß viele der Bäume, die sie weiter oben gesehen hatte, nur die Laubkronen hoch aufragender, uralter Eichen gewesen waren, die von Felsvorsprüngen aus in den Himmel ragten. Sie merkte, daß sie manche der oberen Zweige irrtümlicherweise für Stämme gehalten hatte. Jennsen hatte noch nie so mächtige Bäume gesehen, fast wäre ihre Angst ehrfürchtiger Scheu gewichen. In der Ferne sah sie Nester, ungewöhnlich große, mit daunenweichem Moos und Flechten ausgepolsterte Zusammenballungen aus Zweigen und Halmen, in den hohen Gabelungen der Äste sitzen. Falls diese Nester bewohnt waren, so vermochte sie zumindest nicht zu erkennen, welche Vogelgattung im Stande gewesen wäre, derart eindrucksvolle Horste zu bauen, vermutete aber daß es Raubvögel sein mußten.

Als sie sich bückte, um sich unter einem dichten Gestrüpp aus bis knapp über die schmälste Stelle des Grats herabhängenden Zweigen hindurchzuzwängen, tat sich plötzlich der Ausblick auf ein weites, unter dem dichten Blattwerk des oberen Laubdachs versteckt liegendes Gebiet auf. Es war als läge hier eine vollkommen neue Welt verborgen, in die noch kein Mensch seinen Fuß gesetzt hatte. Gedämpftes Licht wagte sich nur zögernd bis hierhin vor. Da und dort hingen Lianen aus dem dunkel wuchernden Grün weiter oben herab. Vögel schwebten lautlos durch diese höhlenähnliche, nur von trübem Licht erhellte Welt. Von fern vernahm sie den Ruf eines ihr völlig unbekannten Tieres; aus einer anderen Richtung erfolgte von weit her eine Antwort.

So urtümlich und Unheil verkündend dieser Ort auf sie wirkte – auf rätselhafte Weise fand sie ihn auch schön.