In mancherlei Hinsicht erinnerte das Sumpfgebiet sie an so vieles in D’Hara – rätselhaft, bedrohlich und gefährlich, war es gleichzeitig auf geradezu schmerzliche Weise schön.
Rings um sie her klammerten sich die Bäume mit krallengleichen Wurzeln in den felsigen Steilhang, so als mußten sie befürchten, zu dem, was immer dort unten lauern mochte, in die Tiefe hinabgerissen zu werden. Ein sehr alter Baum lag, wie mit seiner Umgebung verschmolzen, quer über ihrem Weg; das Holz fühlte sich beim Drauftreten schwammig an und wimmelte nur so von Insekten.
Oben aus dem Gezweig beobachtete sie eine Eule, während sie sich mühsam immer weiter nach unten arbeitete. Ameisen marschierten über den Boden, ihre Schätze in winzigen Brocken aus dem feuchten Wald abtransportierend. Kakerlaken, riesig, hart und glänzend braun, huschten über das herabgefallene Laub.
Jennsen hatte ihr ganzes Leben im Wald verbracht und dort alles gesehen, von riesengroßen Bären bis hin zu neugeborenen Kitzen, von Vögeln bis zu Käfern, von Fledermäusen bis zu Wassermolchen. Es gab Tiere, die ihr Angst machten, Schlangen zum Beispiel oder Bärenmütter mit Jungen, aber mit Tieren kannte sie sich gut aus. Die meisten fürchteten die Menschen und wollten nur in Ruhe gelassen werden, deshalb hatte sie auch keine Angst vor ihnen. Sie wußte aber nicht, welche verhexten Tiere die niederen Gefilde rund um das Versteck dieser Hexenmeisterin durchstreifen mochten, Lebewesen, die sich wahrscheinlich vor nichts und niemandem fürchteten.
Sie sah fette Spinnen, schwarz und behaart, die sich, mit ihren Beinen gemächlich die feuchtwarme Luft durchharkend, geschmeidig an irgendwo weiter oben befestigten Fäden herunterließen, um in den wuchernden Farngestrüppen zu verschwinden. Trotz der feuchten Wärme hatte Jennsen, um sich besser vor Spinnen und ähnlichem Getier zu schützen, ihren Umhang fest um den Körper gerafft und ihre Kapuze über den Kopf gezogen.
Ein Spinnenbiß konnte ebenso tödlich sein wie der eines anderen Tieres – und tot war tot, die Ursache spielte keine Rolle. Der Hüter würde einem keinerlei Sonderrecht einräumen, nur weil das tödliche Gift von einem kleinen, scheinbar unbedeutenden Tierchen stammte. Der Hüter der Toten hüllte jeden in ewige Finsternis, der sein Reich betrat – aus welchem Grund auch immer.
So heimisch Jennsen sich draußen in freier Natur fühlte und so berückend schön das Sumpfgebiet war – dieser Ort ließ sie die Augen stets weit offen halten und ihr Herz schneller schlagen. Jede Ranke und jedes Büschel Grün kam ihr in irgendeiner Weise bedrohlich vor, und mehr als einmal fuhr sie erschrocken zusammen.
Der ganze Ort verströmte ein Gefühl von überall lauerndem Tod.
Schließlich endete der Felsgrat, ihr einziger Weg nach unten, vor ihren Augen in einem seichten, stinkenden und morastigen, von einem Geflecht aus kreuz und quer wuchernden Wurzeln durchzogenen Tümpel. Fast schien es, als fürchteten sich die Bäume vor dem undurchsichtigen Naß und versuchten, ihre Wurzeln davon fern zu halten. Sie erspähte die unverkennbare Form eines Oberschenkelknochens, der ein Stück seitlich aus der morastigen Fläche ragte. Der Knochen war mit einem feinen Flaum aus grünlichem Schimmel überzogen, im Großen und Ganzen jedoch konnte man seine Form noch deutlich erkennen. Von welcher Art Tier er stammen mochte, wußte sie nicht; zumindest hoffte sie, daß es ein Tierknochen war.
Zu ihrer Überraschung stieß sie auf morastige Stellen, in denen der Schlamm tatsächlich zu brodeln schien. Klebrige Blasen dunkelbraunen Schlamms blubberten wie auf kleiner Flamme kochend vor sich hin und schleuderten, wobei sie heißen Dampf freisetzten, Klumpen eines zähen Breis in die Höhe. Dort gedieh buchstäblich nichts; an manchen Stellen war der Schlamm zu harten Kegeln getrocknet, aus denen gelblicher Dampf entwich.
Als Jennsen sich vorsichtig einen Weg durch das Gewirr aus Wurzeln, dampfenden Schloten und brodelndem Morast suchte und dabei immer tiefer in das Schattenreich auf dem Grund des Waldes vordrang, erkannte sie, daß die morastigen Abschnitte zunehmend Flächen stehenden Wassers wichen. Anfangs waren es nur kleine Tümpel und Pfützen, in denen es kochte und zischte und aus denen Fahnen beißenden Dampfes aufstiegen. Als sie die heißen Quellen hinter sich ließ, weiteten sich die Gewässer zu großen, von hohem Schilfrohr umstandenen Teichen, über denen sich Schwärme winziger Insekten in kleinen Wolken tummelten.
Schließlich gewannen die stehenden Gewässer endgültig die Oberhand, und der Waldboden wurde schwarz und flüssig. Abgestorbene Baumstämme ragten aus dem schwarzen Wasser, Wächter über ein nach Fäulnis stinkendes Land. Die Schreie und Rufe von Tieren trugen von noch weit düstereren Orten über das Wasser bis zu ihr hin. An einigen Stellen wuchs in Ufernähe, verborgen unter laubreichen Rändern, ein Geflecht aus Entengrütze, das den Unachtsamen mit dem Versprechen auf ein leichter begehbares, grün bewachsenes Geläuf anlockte. Jennsen sah Augen aus der Entengrütze hervorlugen, die sie beobachteten, als sie nicht weit entfernt vorüberging.
Der moosige Untergrund wurde schwammig, bis schließlich auch er nach und nach ganz unter der vollkommen stillen Wasseroberfläche versank. Anfangs konnte sie noch auf den Grund sehen, doch dann wurde es tiefer, bis sie unter sich nur noch undurchdringliches Dunkel sah. Und in diesem undurchdringlichen Dunkel glitten noch dunklerere Schatten vorüber.
Von einer Wurzel auf die nächste tretend, versuchte Jennsen ihr Gleichgewicht zu halten, ohne sich allzu oft an den glitschigen Stämmen der Bäume abstützen zu müssen. Solange sie auf den vorstehenden Wurzelbögen blieb, brauchte sie nicht hinunter in das Wasser zu treten. Sie hatte Angst, unter der Wasseroberfläche könnte sich eine Vertiefung verbergen, in der sie auf Nimmerwiedersehen versank.
Als die Abstände zwischen den Wurzeln, die aus der Wasseroberfläche ragten, immer größer wurden, zog sich der Knoten in ihrer Magengrube mit jedem Schritt ein wenig fester. Sie zögerte, aus Angst, bereits zu weit gegangen zu sein und den Punkt erreicht zu haben, an dem es kein Zurück mehr gab. Andererseits konnte sie ihr Urteil, ob dies der beste Weg ins Sumpfgebiet war, schlecht in Zweifel ziehen, denn es hatte nirgends eine Möglichkeit gegeben, sich zu entscheiden; dies war der einzige Weg gewesen. Leicht vornübergebeugt spähte sie in das trübe Licht, vorbei an Moosfetzen und blätterbewachsenen Schlingpflanzen. Durch Dunst, Schatten und Unterholz meinte sie zu erkennen, daß das Gelände weiter vorn wieder anstieg und der Untergrund trockener wurde.
Jennsen nahm einen tiefen Zug der stickig schwülen Luft und streckte ihr Bein aus, um sich bis zur nächsten kräftigen Wurzel vorzutasten, konnte sie aber nicht ganz erreichen. Sie würde bis zu dem fernen, dicken Wurzelwulst hinüberspringen müssen; eigentlich war es eher ein kleiner Hüpfer denn ein großer Sprung. Was ihr nicht gefiel, war das, was sich womöglich unter ihr befand, falls sie abglitt und ins Wasser fiel. Wenn sie allerdings mit genügend Schwung absprang und die Wurzel genau richtig traf, konnte sie von dort weiter bis auf das gegenüberliegende Ufer springen.
Um sich abzustützen, legte sie ihre Fingerspitzen gegen den glatten, aber klebrigen Stamm eines Baumes. Jennsen holte tief Luft, dann stieß sie sich vor Anstrengung ächzend vom Baum ab und sprang über das Stück offenen Wassers hinweg.
Gerade wollte sie auf dem Bogen der Baumwurzel landen, als diese sich unter ihrem Fuß bewegte – doch da war ihre Entscheidung längst gefallen, eine Richtungsänderung nicht mehr möglich.
Völlig überraschend begann die Wurzel, dicker als ihr Knöchel, sich unter ihr zu winden und verschwand. Im Nu schlang sich eine andere dicke Windung um ihren Knöchel, während ein weiteres kaltes, schuppiges Ende nach oben schnellte und sich um ihr Knie wickelte.
Das alles ging viel zu schnell, zumal sie einerseits noch damit beschäftigt war, nach der Wurzel zu greifen, die sie gepackt hielt, während sie andererseits versuchte, ihren Fuß zurückzuziehen. Gefangen in der Bewegung zwischen Absprung und Landung, konnte sie sich nicht mehr aufrecht halten.