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Es war, als würde sie durch ein Maisfeld laufen. Weiter vorn konnte sie zwischen den Stengeln eine gemächliche Bewegung ausmachen. Sie hatte keine Ahnung, um was es sich handelte, aber hinsichtlich seiner Größe hatte sie auch keine Lust, es herauszufinden, und beschleunigte ihre Schritte. Wenig später lief sie, Stengeln ausweichend und sich unter Ästen hindurchduckend, durch dichtes Unterholz.

Der Wald wurde jetzt wieder dunkler, und bald darauf watete sie abermals durch dichtes Wurzelgewirr. Es schien endlos, und sie kam nur quälend langsam voran; der Tag zog sich dahin. Sobald sie offenes oder zumindest halbwegs offenes Gelände erreichte, ging sie sogleich schneller, um Zeit zu sparen. Sie befand sich jetzt schon seit Stunden in dem Sumpfgebiet. Gewiß war es längst kurz vor Mittag.

Was, wenn sie das Haus gar nicht fand? Was würde sie dann tun? Die Vorstellung, eine Nacht im Sumpf zu verbringen, behagte ihr ganz und gar nicht; der Gedanke, sich bei völliger Dunkelheit an diesem Ort aufzuhalten, ohne Hoffnung auf Mondschein oder Sternenlicht, erfüllte sie mit Angst.

Schließlich trat Jennsen am Ufer eines ausgedehnten Sees aus dem Wald hervor und machte Halt, um zu verschnaufen. Nach rechts hin erhob sich eine Felswand, die keinerlei Halt bot, geschweige denn eine Möglichkeit, sie zu erklimmen. Zum Wasser hin fiel sie steil ab, ein Anzeichen dafür, wie tief es an dieser Stelle höchstwahrscheinlich war.

Als sie die Uferzone zur linken Seite hin absuchte, stieß sie zu ihrer Bestürzung auf Fußspuren. Jennsen lief hin und ließ sich auf ein Knie hinunter, um die Abdrücke im weichen Boden zu untersuchen. Der Größe nach schienen sie von einem Mann zu stammen, frisch waren sie allerdings nicht. Ein Stück weiter entdeckte sie an einigen Stellen Fischschuppen; offenbar stammten sie von einem Fang, der gleich an Ort und Stelle gesäubert worden war. Die Fußspuren machten ihr neuen Mut.

Am gegenüberliegenden Ufer des stillen Sees folgte sie den Spuren über einen ausgetretenen Pfad durch ein dichtes Weidenwäldchen auf höher gelegenes Gelände. Als sie durch eine Lücke im Dickicht spähte, erblickte sie zwischen den Bäumen – jenseits des verflochtenen Gestrüpps und des Vorhangs aus Schlingpflanzen – auf einer kleinen Anhöhe ein Haus. Rauch stieg kräuselnd aus einem Kamin und verschmolz mit dem grauen Nebel, ganz so, als wäre es der Rauch, der den aschgrauen, bedeckten Himmel geschaffen hatte.

Der Anblick ihres Ziels, nach all der Todesangst und Trostlosigkeit, ließ ihr Tränen der Erleichterung in die Augen schießen. Jennsen lief den Pfad entlang, zwischen Weiden und Eichen hindurch, ließ das dichte Gestrüpp und den Vorhang aus Kletterpflanzen hinter sich und stand nur kurze Zeit später vor dem Haus. Es war auf einem steinernen, gewissenhaft mit Mörtel verputzten Fundament errichtet, die Wände waren aus Zedernstämmen gezimmert. Das Dach reichte bis über die schmale, seitlich um das Haus herumlaufende Veranda, deren Stufen auf der Rückseite zum nahen See hinunterführten, von dem sie gerade kam.

Jennsen sprang die zur schmalen Veranda führende Treppe hinauf, folgte dieser ums Haus und stand kurz darauf vor einer Tür; diese wurde flankiert von zwei Pfeilern aus mächtigen Baumstämmen, die ein schlichtes, aber einladendes Portal stützten. Von der Tür aus führte ein breiter, gepflegter Pfad über eine weite Treppe in das sich davor erstreckende Sumpfgebiet. Es war der Weg, den die Leute benutzten, wenn sie eine Einladung für einen Besuch bei der Hexenmeisterin hatten. Nach dem Weg, auf dem sie hergekommen war, erschien er ihr wie eine Straße.

Sie verschwendete keine Zeit und klopfte an; ungeduldig pochte sie gleich darauf noch einmal mit den Knöcheln gegen die Tür. Ihr Klopfen wurde unterbrochen, als die Tür nach innen aufgerissen wurde und ein älterer Mann sie verwundert anstarrte. Er war weder schlank noch untersetzt und von durchschnittlicher Statur, gekleidet nicht wie ein Fallensteller oder Sumpfbewohner, sondern wie ein Handwerker; seine braunen, sauberen und gut gepflegten Hosen waren nicht aus grobem Stoff, sondern aus einem teureren, fein gewobenen Tuch, das Hemd übersät mit kleinen, golden funkelnden Partikeln.

Der Vergolder Friedrich musterte sie mit hellwacher Miene genauer, vor allem ihr rotes Haar unter der Kapuze. »Was machst du hier?«, fragte er. Seine tiefe Stimme paßte gut zu seinem sonstigen Äußeren, aber übermäßig freundlich klang sie nicht.

»Ich bin gekommen, um Althea zu besuchen, wenn es genehm ist.«

Seine Augen wanderten zum Pfad, dann wieder zurück zu ihr. »Und wie bist du hergekommen?« Seine mißtrauische Miene nach dem prüfenden Blick verriet ihr, daß er eine Möglichkeit hatte, festzustellen, ob jemand über den Pfad gekommen war.

Jennsen wies um das Haus herum. »Ich bin über den anderen Weg hergekommen, hinten herum, von der anderen Seite des Sees.«

»Das Gebiet jenseits des Sees ist vollkommen unzugänglich, nicht einmal ich traue mich dort hin.« Seine drahtigen, grauschwarzen Brauen zogen sich zusammen, ohne daß er ihrer Bemerkung nähere Beachtung schenkte oder weiter nachfragte. »Du lügst.«

Jennsen war verblüfft. »Aber nein. Ich habe mich wirklich durch den Sumpf gekämpft, denn ich muß unbedingt mit Eurer Gemahlin Althea sprechen.«

»Man hat dich nicht eingeladen herzukommen. Du mußt wieder gehen, und diesmal solltest du – wenn ich den erbärmlichen Zustand deiner Kleidung richtig deute – nicht wieder vorn Weg abkommen, wenn du weißt, was gut für dich ist. Und jetzt verschwinde!«

»Aber es geht um Leben oder Tod. Ich muß unbedingt...«

Die Tür wurde ihr vor der Nase zugeschlagen.

22

Jennsen stand da wie versteinert, die plötzlich verschlossene Tür nur wenige Zoll vor ihrem Gesicht.

Von drinnen vernahm sie die Stimme einer Frau. »Wer war das, Friedrich?«

»Du weißt sehr gut, wer das war.« Friedrichs Stimme klang vollkommen anders als während des kurzen Wortwechsels mit Jennsen. Jetzt klang sie liebevoll, respektvoll, vertraulich.

»Nun laß sie schon herein.«

»Aber Althea, du kannst unmöglich ...«

»Laß sie herein, Friedrich.« Die Frauenstimme hatte einen tadelnden Unterton, ohne dabei barsch zu klingen.

Jennsen spürte eine Woge der Erleichterung. Die Liste mit Argumenten, die sie sich zurechtgelegt hatte, während sie drauf und dran war, abermals anzuklopfen, löste sich auf in nichts. Die Tür ging auf, etwas weniger schwungvoll diesmal.

Friedrich blickte zu ihr heraus, nicht etwa wie ein geschlagener oder gescholtener Mann, eher wie jemand, der bereit war, seinem Schicksal mit Würde entgegenzutreten.

»Bitte komm herein, Jennsen«, forderte er sie in einem ruhigeren, herzlicheren Tonfall auf.

»Vielen Dank«, erwiderte Jennsen etwas erstaunt und beunruhigt, daß er ihren Namen kannte.

Sie erfaßte alles mit einem Blick, als sie ihm ins Haus hinein folgte. Trotz der im Sumpfgebiet herrschenden Hitze verlieh das kleine Feuer, das im offenen Kamin knisterte, der Luft einen süßlichen Geruch sowie ein angenehmes Gefühl von Trockenheit; das war der vorherrschende Eindruck, nicht etwa Wärme, sondern Trockenheit. Die Möbel waren einfach, aber gut gearbeitet und mit Schnitzmustern verziert. Der Wohnraum besaß nur zwei kleine Fenster, jeweils in den gegenüberliegenden Seitenwänden. Nach hinten hinaus gab es noch weitere Zimmer, und in einem von ihnen stand, vor einem weiteren kleinen Fenster, eine Werkbank mit säuberlich darauf angeordneten Werkzeugen.